Freitag, 11. November 2005

Blumen und Voegel

Noch bevor ich auf dem Stadtplan identifiziert habe, wo ich eigentlich bin, kann ich eine kurze Umfeld-Beschreibung machen:
Das Haus hat zwei Stockwerke und einen ausgebauten Keller. In diesem sind die Bueros, da arbeite auch ich jetzt. Das Haus ist modern, die Boeden mit Steinplatten ausgelegt. Haette Poldi einen so guten Lift, waeren wir froh.
Im zweiten Stock sind Kueche, Waschkueche und Speiseraum.
Gewaschen wird von Hand. Die Waschmaschine wird zum Schleudern verwendet. Einen Trockner gibt es trotzdem auch.
Im Speisesaal sind Tische und Sessel fuer etwa 30 Personen. An der hinteren Wand schaut die Bueste der Ordensgruenderin Maria Ward zu uns her. Farne wachsen ueppig, am Waschbecken an der Wand steht eine kleine lila Orchidee.
Bild: Clotilde im Speisesaal
Pict0803

Die Laengswand ist eine Front mit durchgehenden Fenstern. Der Blick fuehrt ueber die niedrigeren Nachbarhaeuser mit schoenen roten Dachziegeln, ueber viele Baeume und Palmen zu einigen Hochhaeusern, die da und dort um uns herum stehen.
Zwischen den Haeusern ist kaum Platz, manchmal weniger als 1 Meter Abstand. Die Gaerten sind winzig, kaum groesser als ein Parkplatz fuer ein bis zwei Autos.
Jedes Haus ist von einem uebermannshohen Zaun umgeben.

Voegel sieht und hoert man viele. Eine Drossel habe ich gesehen, hat mir Peter bestaetigt. Schwarze Urubus (Geier) kreisen immer wieder am Himmel und Schwalben, etwas groesser als unsere, zischen mit ihrem Zackenflug zwischen den Haeusern hindurch.

Der Rasen und die Rabatte der Strasse entlang sind saftig gruen, wie bei uns im Mai. Blumen aehnlich unseren Feuerlilien wachsen in Fuelle, hauptsaechlich weisse und gelbe. Bluehende Hecken haben zartblaue grosse Lippenblueten. Rhododendron in allen Farben versuesst das Strassenbild.
City

Brauchst du etwas?

Diese Frage stellt mir Sr. Clotilde am ersten Tag ein paar Mal.
Dazu ist zu sagen, dass es, wie im Englischen, keinen Unterschied gibt zwischen "brauchst du" und "brauchen sie".

Natuerlich brauche ich was: Zunaechst mal einen geladenen Akku fuers Handy. Sr. Jacinta, eine der Kuechenzauberinnen, siehst du auf dem Bild.
Jacinta-macht-Lunch
Sie nimmt den Akku mit Kennerblick in die Hand: "Das geht ja von 110 bis 240 Volt.", und das Ladegeraet passt auch in die Steckdose. Zur Sicherheit sollen wir uns aber in einem Geschaeft erkundigen.

"Willst du telefonieren?" "Ich wuerde gerne ein Email schicken". Kein Problem. Es gibt einen unbesetzten Computer mit schneller Internetverbindung. Der Computer ist seither oft besetzt. Ich habe jeden Bericht mehrfach geschrieben, weil das biestige Weblog sie beim Raufladen gefressen hat.
Die Infokette ueber Peter funktioniert, sehe ich in meinem Mail-Account. Fein! Die ueber Brigitte wahrscheinlich auch.

"Was brauchst du noch?" Ein paar Toilettartikel gehen wir einkaufen. Und eine schwarze Jacke. Wir finden einen Parka, ganz aehnlich einem Lieblingsstueck, das ich jahrelang getragen hatte. Wie nett! Nur leider zu gross. Wir sind die einzigen Kundinnen, es gibt drei Verkaeuferinnen, eine fuettert ein Kleinkind. So gibts grossen Bahnhof fuer uns. Man wird im anderen Geschaeft anrufen. Man wird uns Bescheid geben. Até manhã! Bis Morgen!

"Sonst noch etwas?" Ja, eine billige Uhr, das raten die Reisefuehrer. Meine ist zwar nicht teuer, aber mir sehr lieb geworden. Die neue erstehen wir noch um 12 Euro.

Benzin brauche ich gottseidank nicht. Er kostet gleich viel wie bei uns, etwas ueber einen Euro. Die Leute verdienen aber ca. die Haelfte.

Unser Spaziergang fuehrt schliesslich an der Schule der Schwestern vorbei. Leider kann ich nicht viel verstehen von der Situation der Schule und ihrer Arbeit. Nur soviel: Aus wirtschaftlichen Gruenden haben auch in Brasilien viele Familien nur 1 - 2 Kinder. Die Schulen stehen in einem harten Wettbewerb. Der Staat unterstuetzt private Schulen nicht. Anders als bei uns und in anderen suedamerikanischen Laendern muessen die Schulerhalter hier auch fuer die Lehrergehaelter aufkommen. Eine Lehrerin verdient je nach Vorausbildung zwischen 700 bis ueber 1000 Euro habe ich verstanden. Eine Sekretaerin in einem Wirtschaftsbetrieb in der Regel mehr. Das ist so wie bei uns.

Auspacken

Cafezinho - Kaffeetscherl - ist wichtig und gibt es oefter am Tag. Natuerlich auch gleich als Willkommen mit verschiedenem Gebaeck, auch selbst gebackenen Lebkuchen.
Danach bleibt vor dem Mittagessen noch Zeit fuer das Auspacken.
Den Weltempfaenger z.B., mit dem ich abends um halb 8 das OE1 Nachtjournal hoeren kann. Eine Leihgabe von Peter.

Um halb zwoelf gibts Mittagessen. Es wird taeglich frisch gekocht und schmeckt heute koestlich: Reis, Bohnen, Suesskartoffeln und Schweinsripperln. Und davor Salat und pikates Gemuese: Rote Rueben und gruene Paprika.
Zum Nachtisch (Sobremesa) gibt es Obst. Zu wissen, dass die Fruechte hier reif geerntet werden ist eine Sache. Es zu schmecken eine andere. Diese Orangen sind zum Verlieben.

Der Nachmittag bringt zunaechst zwei Stunden Siesta. Ich schlafe gut, aber es ist unerwartet kuehl im Haus. Anglika hatte recht, es zieht immer ein bisschen. Nun gut, fuer die Nacht gibt es noch zwei Wolldecken im Schrank.

Die Dusche funktioniert besser wie meine. Jetzt fuehle ich mich frisch. Auf zum naechsten Cafezinho. Diesmal darf ich einige Geschenke mitbringen: Mozartkugeln und Beethoven-Sonaten, das huebsche Flascherl mit Hirschbirnen"saft" von 40%, die schoene Kerze mit dem Bild der Madonna, die den Weg weist. Diese wundertaetige Ikone aus Ungern haengt im Stephansdom.

Die Liste der fehlenden Dinge ist gottseidank kurz geblieben. Vor allem meine Jacke wird mir abgehen. Sie sollte bis zuletzt haengen bleiben - aus Formgruenden. Aber in Formsachen bin ich nicht besonders gut. Aus Stressgruenden haengt sie immer noch.

Anreise Teil 2

Halb sieben ("Wiener Zeit"), die normale Aufwachzeit. Die Mitreisenden schlafen und wirken leblos im fahlen Notlicht. Alle Luken sind geschlossen, ich schiebe den Laden neben mir hinauf: Praechtiges, feuriges Morgenrot! Wir fliegen mit dem Sonnenaufgang. Erst gegen acht Uhr sind die Farben verblasst. Noch lange lasse ich mir die Sonne aufs Gesicht scheinen. Sie ist heute auf meiner Seite!

Aber was ist unter uns? Schon der neuen Kontinent? Endlich spuere ich wieder Freude und Aufregung. Aber nichts zu erkennen unter dem dicken weissen Nikolobart.
Puenktlich um 20 nach 11 (Lokalzeit 8) tauchen wir in die Wolken ein zur Landung in Sao Paulo. Es regnet und hat etwas unter 20 Grad.

Die lange Schlange bei der Einreise fuer "Exterritoriale" (Auslaender) wird aufgehellt durch einige junge Frauen mit gelben Pullis. "Kann ich helfen?" steht darauf. Sie bieten freundliche Unterstuetzung an, sollte man sie fuers Einreiseformular brauchen. Fuer Amerikaner gibt es einen Extra-Schalter. Vor der Buerokratie ist man weniger Einzel-Mensch als (nationales) Gattungswesen.

Die Wartezeit laesst sich gut nuetzen, um daheim Bescheid zu geben. Mist - der Akku ist auch gleich leer! Wer Aktuelles wissen will, mailt am besten Peter, Heidrun oder Brigitte (Stein) an. Die kriegen immer die Nachrichten zuerst, weil sie am handy ganz oben stehen.

Beim Schalter geht es ruckzuck. Der Koffer rollt am Band auf mich zu. Jetzt einmal rechts rum und da stehen schon die Abholer mit ihren Schildern. Gleich vorne eine gutmuetig aussehende graue Dame mit REINGARD. Oh wie wohltuend!
Wir umarmen uns, es ist Sr. Katia, die "Koordinatorin" der kleinen, lokalen Wohngemeinschaft.

"Ja, ich habe Angst gehabt, wie lerne ich diesen Namen?", lacht Sr. Clotilde, die Provinzoberin. Rosa, das sei wirklich viel leichter. Ein Hoch auf meine Portugiesisch-Lehrerin Maria, die mir den Tipp gegeben hat. Und der Name ist nicht gelogen. Sie nennen mich CHOSA und das ist nicht weniger fremd als CHEINKAHD waere.

Eineinhalb Stunden sind sie mit mir unterwegs im Auto. Der Verkehr scheint mir nicht schlimmer als in Wien, aber ich fahre ja normalerweise mit Peter, da bin ich einiges gewoehnt. (hihi)

Wir kommen an, ich lerne die anderen zwei Schwestern, die Studentin Mariana, den Administrator Sehi und die Reinigungsdamen kennen. Es gibt Kaffee. Man zeigt mir mein Zimmer: Hell, rotbrauner Holzboden, bequemes Bett, mit Bad und WC, ruhig. Herrlich! Ich bin angekommen und hier ist ein guter Platz!

Inzwischen ist der erste Tag vergangen. Wenn ich jetzt in mein Zimmer gehe werde ich wahrscheinlich meinen ersten Sternenhimmel in Braslien sehen. Ein Stueckchen wenigstens.
Ob mir der Mond was Liebes von euch mitgebracht hat?
Gute Nacht, bis Morgen!

Die Himmel. Anreise Teil 1

Der letzte Abendhimmel in Wien ist rosa. Er zeichnet die Konturen weich, die Haeuser wirken eingepackt und etwas aufgeregt geroetet, bis die Sonne untergeht um vier.

Der Himmel heute Abend in Sao Paulo ist ebenfalls rosig. Auch hier bemueht er sich redlich, die Kontraste zaertlich aussehen zu lassen von Mengen unterschiedlichster Hochhaeuser und Wolkenkratzern und dazwischen den bunten, gemauerten Schachteln, die als Wohnhaus, Garage und/oder Arbeitsort dienen.

Die Geschichte meiner Abreise ist vielleicht schon kolportiert. Ich hatte mir 22:20 Uhr als Abflugzeit eingepraegt. Nachmittags um fuenf merke ich mit grossen Augen und weichen Knien, dass das die Ankunftszeit in Madrid ist. Abflug in Schwechat um halb acht!
Nach Kurzdusche und mit tatkraeftiger Hilfe von Monika und Jarek geht sich alles aus: Kurz nach sechs treffe ich Peter in Schwechat. Wir haben noch Zeit zusammen zu essen, denn der Flieger hebt fast zwei Stunden zu spaet ab.

Dieser Abschied war der schwerste, das Weggehen von Peter grausam. Sich Herausschneiden aus der Naehe - wie konnte ich uns das antun?
Herausschaelen auch aus den anderen Beziehungen voller Liebe, Waerme und Wohlwollen, aber auch Erwartungen und Gegenerwartungen. Bitte verzeiht mir, wenn es weh tut.

Gottseidank muss ich mit niemandem reden. Man kann gut allein sein an diesen Orten wo viele Menschen anonym sein wollen. Mit mir warten etwa 50 argentinische UNO-Soldaten auf den Abflug. Fuer sie geht es wahrscheinlich von Madrid aus weiter heimwaerts. Der Flieger ist winzig, ich sitze zwar am falschen Platz, aber am Fenster und da will niemand hin. Die erste Reiselektion lerne ich auch: Man geht nicht ohne Kleingeld weg! Ich habe Peter alle EURO-Muenzen gegeben ("Brauche ich nicht") und kann mir jetzt ueberlegen, ob ich ein Wasser mit einem 100 Euro-Schein kaufen will. Natuerlich nicht.

Gewechselt wird in Madrid, auch Reais gekauft. Im Jumbo sitzt sich etwas komfortabler. Auch er laesst sich Zeit und wir starten eine Stunden nach Plan. Um zwei nachts gibt es Dinner, sogar den Kaffee nachher geniesse ich noch. Aber dann kippts mich vom Stengel und ich schlafe tief ein.

Das wichtigste KURZ

Endlich Fotos! - ab 1.2.. Dieses Blog enthaelt Notizen und Fotos bis zum 23.2., der ersten Zeit in Piaui. Fortsetzung unter <2brasil.twoday.net>!!!!!!!! Seit 30.1. geniesse das Landleben im "Wilden Westen" von Brasilien - das ist der Nordosten, genauer gesagt Bundesstaat Piaui! Derzeit wohne ich in der Fundacao ASAS, einem privaten Bildungsprojekt fuer Kinder aus benachteiligten Familien. Roberto, der Gruender, ist Hoellaender und arbeitet hier als Seelsorger. Die Gemeinde Sao Miguel hat etwa 3000 EW, laendlicher Raum, schoene Natur, derzeit angenehm sommerliches Wetter. Ich arbeite im Buero, habe viel Kontakt mit Kindern und besuche Familien. Die ersten 2,5 Monate habe ich in Sao Paulo gelebt, in verschiedenen Haeusern der Schwestern der Congregatio Jesu: Zentrale, Schule, Peripherie. Besuchte Sozialprojekte, interviewte interessante Menschen, recherierte viel im Internet, lernte portugiesisch und half ehrenamtlich mit.

Info fuer AllesleserInnen

Das Tagebuch ist wieder aktuell. Falls dein PC manche Tage nicht anzeigt, gehe in der obersten Befehlszeile auf "brasil" und wenn die Auswahl sich zeigt auf "Tagebuch". Die Suchmaschine funktioniert auch, allerdings muss man halt wissen, was man finden will... Peter und Heidrun wissen normalerweise, wie es mir geht: peter.hirsch@atnet.at; HeidrunLange1984@aol.com

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