18.2. Ueber dem See
Dass ich noch nie am See war hat zwei Gruende: Es gibt keinen Badestrand mit Kiosk... und es gibt Piranhas. Scheinbar auch Krokodile. Jedenfalls kann hier niemand schwimmen und ich nehme an, dass das Gruende hat.
Mary hat mich schon lange zu einem Ausflug an den See eingeladen. Ihr Acker und ihr Haus im “Interior” liegen am anderen Seeufer. Dorthin wollen wir heute gehen und ich will unbedingt ausprobieren, wie man ein Reisfeld putzt.
Bild: Reiher

Um 8 spazieren wir los: Mary, ihre beiden Buben von 15 und 13 Jahren und ein Nachbarsbub von etwa 10 Jahren und ich. Maria (die Koordinatorin der Fundacao) hat mir ihre Plastiksandalen geborgt, die sind jetzt Gold wert. Meine sind zwar bequemer, aber aus Leder.
Quer durch Buesche schlagen wir uns durch zum See. Dort liegen zwei kleine, einfache Ruderboote von Mary. Das etwas groessere steht halbvoll Wasser. Mary und die Buben schoepfen aus, dann gehts los. Mary rudert geschickt – und das muss sie auch, denn der Rand des Bootes liegt nur wenig ueber der Wasseroberflaeche. Das Wasser ist warm und total ruhig. Der See sei 5 m tief, meint Mary.
Am Ufer sehe ich 4 verschiedene Stelzenvoegel und als ich das Fernglas herausziehe, werden die Buben aufmerksam. So wie ich, sind auch sie begeistert, die Voegel ploetzlich aus der Naehe sehen zu koennen: Wie sie genau aussehen, wie sie sich putzen, langsam im Wasser stolzieren und fischen etc.
Wir legen an und marschieren querfeldein zu Marys Kuehen. 2 Milchkuehe und zwei Junge warten in ihren Verschlaegen. Das eine Kalb darf noch bei der Mutter trinken. Beide sind mehr als mager. “Wird sich bessern, die Mutter war krank.” gibt sich Mary gelassen. Mary melkt rasch die zwei Liter im hocken, ohne Schemel, mit einer Hand.
Bild: Mary oeffnet den Zaun

Die Buben suchen derweil ein Krokodil im Tuempel nebenan. Wirklich, da liegt etwas auf der Wasseroberflaeche, das mit etwas Fantasie der Kopf eines kleinen Krokodils sein koennte. Als das Ding ploetzlich nicht mehr da ist, glaube ich den Buben, dass ein Jacaré war.
Danach gehts weiter zum Haus, in dem Mary frueher wohnte, ueber Maisaecker und durch Gestruepp. Mary warnt mich vor den gemeinen Stacheln und Juckpflanzen. Die Buben zeigen mir schoene Voegel. “Schau, das ist er, den wollten wir dir zeigen. Der ist gerade erst angekommen!” freuen sie sich. Das schoene Tier ist schwarz mit purpurroter Brust. Man nimmt an, er komme, um Fische zu fangen. Was Zugvoegel sind, wissen sie nicht.
Alle drei Buben haben ihre Scheudern dabei und schiessen immer wieder auf Voegel. Ich frage nach, was sie machen, wenn sie einen toeten. “Essen? Oder toetet ihr sie einfach so?” Die Antwort ist zweifelhaft. Mary meint, sie haetten noch nie einen erwischt. Die Jungs druecken herum. “Ja, essen.” heisst es schliesslich.
Gerne lasse ich mir das Feld zeigen, das Mary mit den Buben diese Woche geputzt hat: Es ist Reis. Wir nehmen eine Hacke und Mary macht Vorfuehrung. Das geht ruckzuck, wie sie das Unkraut zwischen den feinen, etwa 30 cm hohen Reishalmen heraushaut. Ich probiere es auch und ernte anerkennende Ausrufe. Allerdings geht ein kleines Reisbueschel drauf, da hoere ich dann lieber auf. Obwohl ich Lust bekomme, weiter zu machen.
Die Enxada ist die “Hockn” und, wie im Wienerischen, gleichzeitig das Wort fuer Arbeit, Broterwert. Jetzt wo ich jeden Morgen kleine Gruppen von Menschen mit Hacken in die Felder gehe sehe, wird mir der Ursprung des Wortes sehr klar. Ohne “Hockn” bist hier wirklich brotlos.
Wir pfluecken einen Sack saeuerlicher, laenglicher Steinfruechte und setzen uns beim Haus gemuetlich in den Schatten. Ich habe Aepfel vom Markt mitgebracht und fuer mich eine Karotte. Man staunt, dass ich die roh esse. Und ich staune, dass sie wirklich nur Reis und Bohnen und Fleisch moegen.
Hinter dem Haus findet Lorimar ein Ei! “Das ist aber meins!” versichert er sich bei der Mum. Mary ist bekuemmert: Von den beiden letzten Hendln ist nur mehr eines zu finden. Diebe haben sich die anderen geholt, nimmt sie an.
Es gibt 5 Geissen, die rund um das Haus in der Chapata, so heisst das Wildland hier, Futter suchen. Eine Geiss liegt in der Umzaeunung in der Sonne und atmet schwer. “Sie ist krank.”
Ja, das sieht man. “Die hat kein Wasser und kein Futter. Wer bringt ihr ein Wasser?” frage ich. Unglaeubige Blicke. “Ich weiss nicht, ob sie trinkt.”, meint Mary. “Aber die hat ja keine Kraft, zum Wasser zu gehen.” setze ich nach. Wasser kann ja wohl nicht schaedlich sein, nehme ich an. Es folgt eine kleine Unterredung mit den Buben, die ich nicht verstehe, und die damit endet, dass wir am Rueckweg Wasser bringen. Offenbar mir zuliebe.
Es geht noch ein Stueck durch Chapata zum Maisfeld. Ich bestaune die Bienenstoecke und die Voegel, besonders zwei kleine Eulen., die nicht weit entfernt auf Pfaehlen sitzen. Die Buben duerfen mit der Kamera knipsen, bis die Batterien leer sind. Dann sind wir wieder bei der Geiss.
Mary kommt mir nach, und ich vermute bei ihr eine Mischung aus Widerwillen und Mitleid mit dem Tier. Die Einstellung scheint zu sein: “Wer nicht stark genug ist, der geht eben drauf. Das kann man nicht aendern.” Hatten wir doch schon mal, gestern....
Mary holt einen Kuebel mit Wasser. Gierig trinkt das Tier. Dann knien wir nieder und schauen die Geiss genauer an. Die Euter sind dick aufgeschwollen voller Milch. “Ist das normal?” frage ich. Mary erbarmt sich und beginnt geschickt und vorsichtig, auszumelken. Die Milch spritzt in den Sand. Hier trinkt man keine Geissmilch.
Danach will Mary das Tier in den Schatten bringen. Ich ueberlege ratlos, wie wir es hinueberbefoerdern koennen, aber sie macht das alleine: Schnappt die Arme bei den Hoernern, redet ihr gut zu, bis sie auf die Beine kommt, und dann: “Vem, defagar! Komm, langsam!” zieht sie sie unter das Schattendach.
Zu guter letzt machen wir uns auf und suchen Gras fuer die Geiss. Als sie uns mit zwei Arm voll kommen sieht, geht sie uns entgegen. Mary freut sich: “Schau, es ist schon besser!”
Na Gottseidank! Morgen soll der Nachbar “Medizin” vorbei bringen. Sonst geschieht nichts mehr bis Mary am Montag wieder herkommt.
Jetzt aber machen wir uns auf den Rueckweg, es ist schon nach 11. Wir pfluecken am Strand “Maschischu”, ein wild wachsendes Gemuese. Unterwegs ist es so sumpfig, dass die Sandalen haengen bleiben. Nach kurzem Zoegern gehe ich wie die anderen barfuss. Es quatscht zwischen den Zehen – schon lange nicht mehr gespuert, dieses Gefuehl! Ich muss schmunzeln...
Rasch rudert uns Mary nach Hause, ich habe schon eine rote Nase.
Da heute Markttag ist, gehe ich noch was einkaufen. Wein finde ich nicht, auch kein geraeuchertes Fleisch (Schinken oder Speck). Da gibts eben Geschnetzeltes mit Reis.
Der Nachmittag ist geruhsam und der Selbstpflege gewidmet, bis Maria in die Fundacao kommt um zu arbeiten und ich ihr helfe, gegen die mistige Autoformatierung des Word zu kaempfen. Maria lacht: “Ich lasse dich das nur machen, weil ich sehen will, wie du die Nerven verlierst und das Ding zum Fenster raus wirfst.” Na, viel fehlt nicht!
Nach der Andacht zur "Nossa Senhora" setze ich mich mit Marias betagten Eltern in den Hof. Papa ist stolz auf seine Geschaefte. “War ein wichtiger Tag heute.”, meint er. Zwei Schweine hat er gekauft, die kommen aufs Land.
Wir unterhalten uns leise, mit wenigen Worten. Ueber mir haengen Orangen im Baum und funkeln die Sterne. Ich hoere die Grillen und die Lautsprecher von der Praca her, wo das Jungvolk die Stille vertreibt.
Der Maracujasaft, den Maria uns macht, soll den Schlaf bringen, heisst es.
Nun dann, gute Nacht.
Mary hat mich schon lange zu einem Ausflug an den See eingeladen. Ihr Acker und ihr Haus im “Interior” liegen am anderen Seeufer. Dorthin wollen wir heute gehen und ich will unbedingt ausprobieren, wie man ein Reisfeld putzt.
Bild: Reiher

Um 8 spazieren wir los: Mary, ihre beiden Buben von 15 und 13 Jahren und ein Nachbarsbub von etwa 10 Jahren und ich. Maria (die Koordinatorin der Fundacao) hat mir ihre Plastiksandalen geborgt, die sind jetzt Gold wert. Meine sind zwar bequemer, aber aus Leder.
Quer durch Buesche schlagen wir uns durch zum See. Dort liegen zwei kleine, einfache Ruderboote von Mary. Das etwas groessere steht halbvoll Wasser. Mary und die Buben schoepfen aus, dann gehts los. Mary rudert geschickt – und das muss sie auch, denn der Rand des Bootes liegt nur wenig ueber der Wasseroberflaeche. Das Wasser ist warm und total ruhig. Der See sei 5 m tief, meint Mary.
Am Ufer sehe ich 4 verschiedene Stelzenvoegel und als ich das Fernglas herausziehe, werden die Buben aufmerksam. So wie ich, sind auch sie begeistert, die Voegel ploetzlich aus der Naehe sehen zu koennen: Wie sie genau aussehen, wie sie sich putzen, langsam im Wasser stolzieren und fischen etc.
Wir legen an und marschieren querfeldein zu Marys Kuehen. 2 Milchkuehe und zwei Junge warten in ihren Verschlaegen. Das eine Kalb darf noch bei der Mutter trinken. Beide sind mehr als mager. “Wird sich bessern, die Mutter war krank.” gibt sich Mary gelassen. Mary melkt rasch die zwei Liter im hocken, ohne Schemel, mit einer Hand.
Bild: Mary oeffnet den Zaun

Die Buben suchen derweil ein Krokodil im Tuempel nebenan. Wirklich, da liegt etwas auf der Wasseroberflaeche, das mit etwas Fantasie der Kopf eines kleinen Krokodils sein koennte. Als das Ding ploetzlich nicht mehr da ist, glaube ich den Buben, dass ein Jacaré war.
Danach gehts weiter zum Haus, in dem Mary frueher wohnte, ueber Maisaecker und durch Gestruepp. Mary warnt mich vor den gemeinen Stacheln und Juckpflanzen. Die Buben zeigen mir schoene Voegel. “Schau, das ist er, den wollten wir dir zeigen. Der ist gerade erst angekommen!” freuen sie sich. Das schoene Tier ist schwarz mit purpurroter Brust. Man nimmt an, er komme, um Fische zu fangen. Was Zugvoegel sind, wissen sie nicht.
Alle drei Buben haben ihre Scheudern dabei und schiessen immer wieder auf Voegel. Ich frage nach, was sie machen, wenn sie einen toeten. “Essen? Oder toetet ihr sie einfach so?” Die Antwort ist zweifelhaft. Mary meint, sie haetten noch nie einen erwischt. Die Jungs druecken herum. “Ja, essen.” heisst es schliesslich.
Gerne lasse ich mir das Feld zeigen, das Mary mit den Buben diese Woche geputzt hat: Es ist Reis. Wir nehmen eine Hacke und Mary macht Vorfuehrung. Das geht ruckzuck, wie sie das Unkraut zwischen den feinen, etwa 30 cm hohen Reishalmen heraushaut. Ich probiere es auch und ernte anerkennende Ausrufe. Allerdings geht ein kleines Reisbueschel drauf, da hoere ich dann lieber auf. Obwohl ich Lust bekomme, weiter zu machen.
Die Enxada ist die “Hockn” und, wie im Wienerischen, gleichzeitig das Wort fuer Arbeit, Broterwert. Jetzt wo ich jeden Morgen kleine Gruppen von Menschen mit Hacken in die Felder gehe sehe, wird mir der Ursprung des Wortes sehr klar. Ohne “Hockn” bist hier wirklich brotlos.
Wir pfluecken einen Sack saeuerlicher, laenglicher Steinfruechte und setzen uns beim Haus gemuetlich in den Schatten. Ich habe Aepfel vom Markt mitgebracht und fuer mich eine Karotte. Man staunt, dass ich die roh esse. Und ich staune, dass sie wirklich nur Reis und Bohnen und Fleisch moegen.
Hinter dem Haus findet Lorimar ein Ei! “Das ist aber meins!” versichert er sich bei der Mum. Mary ist bekuemmert: Von den beiden letzten Hendln ist nur mehr eines zu finden. Diebe haben sich die anderen geholt, nimmt sie an.
Es gibt 5 Geissen, die rund um das Haus in der Chapata, so heisst das Wildland hier, Futter suchen. Eine Geiss liegt in der Umzaeunung in der Sonne und atmet schwer. “Sie ist krank.”
Ja, das sieht man. “Die hat kein Wasser und kein Futter. Wer bringt ihr ein Wasser?” frage ich. Unglaeubige Blicke. “Ich weiss nicht, ob sie trinkt.”, meint Mary. “Aber die hat ja keine Kraft, zum Wasser zu gehen.” setze ich nach. Wasser kann ja wohl nicht schaedlich sein, nehme ich an. Es folgt eine kleine Unterredung mit den Buben, die ich nicht verstehe, und die damit endet, dass wir am Rueckweg Wasser bringen. Offenbar mir zuliebe.
Es geht noch ein Stueck durch Chapata zum Maisfeld. Ich bestaune die Bienenstoecke und die Voegel, besonders zwei kleine Eulen., die nicht weit entfernt auf Pfaehlen sitzen. Die Buben duerfen mit der Kamera knipsen, bis die Batterien leer sind. Dann sind wir wieder bei der Geiss.
Mary kommt mir nach, und ich vermute bei ihr eine Mischung aus Widerwillen und Mitleid mit dem Tier. Die Einstellung scheint zu sein: “Wer nicht stark genug ist, der geht eben drauf. Das kann man nicht aendern.” Hatten wir doch schon mal, gestern....
Mary holt einen Kuebel mit Wasser. Gierig trinkt das Tier. Dann knien wir nieder und schauen die Geiss genauer an. Die Euter sind dick aufgeschwollen voller Milch. “Ist das normal?” frage ich. Mary erbarmt sich und beginnt geschickt und vorsichtig, auszumelken. Die Milch spritzt in den Sand. Hier trinkt man keine Geissmilch.
Danach will Mary das Tier in den Schatten bringen. Ich ueberlege ratlos, wie wir es hinueberbefoerdern koennen, aber sie macht das alleine: Schnappt die Arme bei den Hoernern, redet ihr gut zu, bis sie auf die Beine kommt, und dann: “Vem, defagar! Komm, langsam!” zieht sie sie unter das Schattendach.
Zu guter letzt machen wir uns auf und suchen Gras fuer die Geiss. Als sie uns mit zwei Arm voll kommen sieht, geht sie uns entgegen. Mary freut sich: “Schau, es ist schon besser!”
Na Gottseidank! Morgen soll der Nachbar “Medizin” vorbei bringen. Sonst geschieht nichts mehr bis Mary am Montag wieder herkommt.
Jetzt aber machen wir uns auf den Rueckweg, es ist schon nach 11. Wir pfluecken am Strand “Maschischu”, ein wild wachsendes Gemuese. Unterwegs ist es so sumpfig, dass die Sandalen haengen bleiben. Nach kurzem Zoegern gehe ich wie die anderen barfuss. Es quatscht zwischen den Zehen – schon lange nicht mehr gespuert, dieses Gefuehl! Ich muss schmunzeln...
Rasch rudert uns Mary nach Hause, ich habe schon eine rote Nase.
Da heute Markttag ist, gehe ich noch was einkaufen. Wein finde ich nicht, auch kein geraeuchertes Fleisch (Schinken oder Speck). Da gibts eben Geschnetzeltes mit Reis.
Der Nachmittag ist geruhsam und der Selbstpflege gewidmet, bis Maria in die Fundacao kommt um zu arbeiten und ich ihr helfe, gegen die mistige Autoformatierung des Word zu kaempfen. Maria lacht: “Ich lasse dich das nur machen, weil ich sehen will, wie du die Nerven verlierst und das Ding zum Fenster raus wirfst.” Na, viel fehlt nicht!
Nach der Andacht zur "Nossa Senhora" setze ich mich mit Marias betagten Eltern in den Hof. Papa ist stolz auf seine Geschaefte. “War ein wichtiger Tag heute.”, meint er. Zwei Schweine hat er gekauft, die kommen aufs Land.
Wir unterhalten uns leise, mit wenigen Worten. Ueber mir haengen Orangen im Baum und funkeln die Sterne. Ich hoere die Grillen und die Lautsprecher von der Praca her, wo das Jungvolk die Stille vertreibt.
Der Maracujasaft, den Maria uns macht, soll den Schlaf bringen, heisst es.
Nun dann, gute Nacht.
rosa_r - 19. Feb, 04:22

sehr romantisch
sehr idyllisch klingt das, was du da so vom wilden "westen" beschreibst, aber vielleicht liegt das daran, dass wir uns die sonnenuntergänge und mangos besser vorstellen mögen als die behinderten kinder, die einfach geleugnet werden.... nur die passagen mit den vögeln versetzen uns hier wohl alle eher in unruhe, halb europa (zumindest die schlagzeilen) ist im bann der vogelgrippen, die uns langsam einkreist. dazu gibt's ganz gute artikel hin und wieder, wie der virus sich ideal eignet, die angst und das unbehagen vor der globalisierung an sich zu binden und als panikträger für eine unheimlich gewordene welt herzuhalten.
ganz was anderes zu globalisierung gab's gestern im standard: kirche in brasilien. ich kopier den text unten ran, aber falls du ihn jetzt nicht magst, leg ich dir auch den artikel selbst im KKH ins postfach. alles liebe von hier, wo der frühling erste sanfte gehversuche macht. p
DER STANDARD, 18.02.2006, Seite ALB 7, Album zurück zur Ergebnisliste
Religiöser Supermarkt Brasilien
Grazer Religionssoziologe untersuchte die Entwicklung des brasilianischen Miteinander von Kirche und Kultur
Bei all den entlastenden Effekten, die Religiosität für den Einzelnen haben mag, für eine Gesellschaft ist ihre weite Verbreitung meist kein allzu gutes Zeichen: So konnte der Grazer Religionssoziologe Franz Höllinger mit einer 60 Länder umfassenden Vergleichsstudie zeigen, dass besonders religiöse Gesellschaften sozial rückständiger sind als säkularer orientierte. Als Indikator für Religiosität hat Höllinger den Bevölkerungsanteil erfasst, der täglich betet, und diesen Wert mit der sozialen Struktur der jeweiligen Gesellschaft in Beziehung gesetzt. Dabei zeigte sich, dass der Anteil der Betenden klar mit dem Grad der sozialen Ungleichheit im jeweiligen Land korreliert.
Das Ausmaß der Religiosität allein durch den sozialen Zustand einer Gesellschaft erklären zu wollen, greift aber zu kurz, wie etwa die unterschiedliche religiöse Entwicklung der Staaten Europas nahe legt. Höllinger hat sich deshalb viele Jahre neben den sozialen auch intensiv mit den historischen Hintergründen des Christentums in Europa und den USA befasst. Unterstützt vom Wissenschaftsfonds führte er seine religionssoziologischen Studien zuletzt auch in Brasilien durch - einem der in puncto Religiosität wohl spektakulärsten und aktivsten Länder der Welt.
In diesem brodelnden kulturellen Melting Pot verbinden sich afrikanische, indianische und europäische Religionen zu einem schillernden, spirituellen Gemenge: "Was mich an Brasilien so interessierte, war die Frage, warum es gerade hier zu einer so intensiven und vielgestaltigen religiösen Ausrichtung der Gesellschaft kam, die erstaunlicherweise beileibe nicht nur die armen Bevölkerungsschichten prägt", erklärt Höllinger. Eine Ursache für den religiösen Boom, auf die bereits zahlreiche Soziologen vor Höllinger hingewiesen haben, sind zweifellos die extrem schwierigen Lebensbedingungen in diesem von massiver Armut und Kriminalität gezeichneten Land. Eine befriedigende Erklärung für die ganz besondere Ausprägung und Vielfalt der Religiosität in Brasilien wurde bislang allerdings noch nicht geliefert.
Neben dem von den portugiesischen Kolonialherren eingeführten Katholizismus erfreuen sich in Brasilien seit Beginn des 20. Jahrhunderts auch viele andere spirituelle Strömungen wie etwa der Spiritismus, afro-brasilianische Kulte, Pfingstkirchen, katholische Basisgemeinden, charismatische katholische Erneuerungsbewegungen und esoterische Gruppen einer beachtlichen Anhängerschaft. Für Höllinger mit ein Grund, sich besonders auf die historischen Bedingungen zu konzentrieren, die zu diesem florierenden "religiösen Supermarkt" geführt haben.
"Durch die Vermischung der indianischen Urbevölkerung mit den portugiesischen Kolonisten und den afrikanischen Sklaven entwickelte sich bereits in der brasilianischen Kolonialgesellschaft eine religiöse Kultur, die stark mit Elementen der magischen und spiritistischen Religiosität der indianischen und afrikanischen Stammeskulturen durchsetzt war", erklärt der Soziologe. Im Gegensatz zu Europa, wo im Zuge der Aufklärung, Reformation und Gegenreformation die traditionelle, von Magie und Ekstase durchdrungene Volksreligiosität allmählich zurückgedrängt wurde, habe eine derartige Entwicklung in Brasilien kaum stattgefunden. Zwar wurde der Katholizismus von den Portugiesen zur Staatsreligion gemacht, "aufgrund des chronischen Priestermangels war ihr Einfluss auf religiöse Verhaltensstandards allerdings eher gering", wie Franz Höllinger herausfand.
Die zentrale Instanz für den religiösen Alltag der Menschen waren nicht die offiziellen Vertreter der katholischen Kirche, sondern charismatische Laien, denen besondere spirituelle und magische Kräfte zugeschrieben wurden. "Die für archaische Gesellschaften typische Verbindung von Spiritismus, Magie und Heilkunde", sagt Höllinger, "konnte dadurch unter der Oberfläche des Katholizismus weitgehend unbehelligt weiterleben. Die brasilianischen Schamanen sind eigentlich nie ausgestorben."
Der enorme Erfolg neuer spiritueller Bewegungen nach der Einführung der Religionsfreiheit lasse sich zu einem guten Teil aus deren Rückgriff auf jene tief verwurzelten Formen der traditionellen Volksreligiosität sowie aus ihrer geschickten Anpassung an moderne Lebensformen erklären. So spielen im religiösen Spektrum Brasiliens heute etwa die aus dem amerikanischen Protestantismus entstandenen zahlreichen Pfingstkirchen eine nicht unwesentliche Rolle. Zentrales Bestreben ihrer Anhänger ist es, im tranceartigen Zustand vom Heiligen Geist durchdrungen zu werden und ihrem Leben durch dieses "Wiedergeburtserlebnis" eine neue, bessere Ausrichtung zu geben.
Wie die afro-indianischen Kirchen, die charismatische Bewegung und die Spiritisten versprechen diese Gruppen umfassende Heilung - von physischen und psychischen Leiden bis hin zu Arbeitslosigkeit und Kriminalität. Auf diese spirituellen Heilungsangebote greifen durchaus auch besser situierte und gebildetere Brasilianer zurück, wie Höllinger betont. Trotz der damaligen Zwangschristianisierung ist auch der Einfluss der afro-indianischen Religionen nach wie vor stark. Die bekannteste von ihnen ist Candomblé, eine brasilianische Variante des US-amerikanischen Voodoo; noch sehr nahe am afrikanische Erbe ist sie geprägt von rituellen Schlachtungen und ekstatischen Tänzen, bei denen in Trance afrikanische Götter inkorporiert werden.
Die heute am weitesten verbreitete Form ist Umbanda, eine neue Religion, die sich seit den 30er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts als Synthese aus Elementen afrikanischer und indianischer Religionen und einer europäischen Variante des Spiritismus entwickelt hat. "Umbanda-Anhänger rufen die Geister afrikanischer und indianischer Schamanen, um sich bei diversesten Problemen Rat zu holen und negative Geister zu vertreiben", erklärt Höllinger. "Die Übergänge zur Magie sind - wie bei den rein afrikanischen Religionen - fließend."
Offiziell bekennen sich nur 0,3 Prozent der brasilianischen Bevölkerung zu afrikanischen Religionen. Die Dunkelziffer, sagt der Soziologe, sei aber beträchtlich höher. "Da diese Gruppen lange verboten und stigmatisiert waren und zudem die Anforderungen an ihre Mitglieder relativ hoch sind, zählen sich nur wenige zum inneren Kreis. Die Zahl der Sympathisanten ist aber sehr hoch." Immerhin bediene sich schätzungsweise jeder dritte Brasilianer fallweise der dort angebotenen Heilungspraktiken und magischen Rituale wie Liebeszauber und dergleichen.
Auch beim Kardecismus, einer aus Frankreich importierten Form des Spiritismus - zu dem sich etwa ein bis zwei Prozent der Brasilianer, also mehr als zwei Millionen Menschen, bekennen - geht es um Heilung mittels Kontaktaufnahme zu Geistern. Hier sind es aber keine afrikanischen Totengeister, sondern verstorbene Weise und Gelehrte aus der europäischen Geschichte (etwa Paracelsus), die um Hilfe angerufen werden. "Das Gros der Kernmitglieder sind gebildete, einflussreiche Multiplikatoren wie Ärzte, Rechtsanwälte, Psychologen und andere, erklärt Höllinger. "Der Spiritismus beschränkt sich also durchaus nicht auf eine gesellschaftliche Randgruppe."
"Auch wenn Brasilien bis ins 19. Jahrhundert offiziell rein katholisch war, haben die verschiedenen Elemente aus der afrikanischen und der indianischen Kultur weitergelebt", fasst Höllinger seine Beobachtungen zusammen. "Das gilt auch für den Volkskatholizismus, der ja immer mit Magie und Heilen verbunden war." Ob es sich nun um europäische Totengeister, afrikanische oder indianische Gottheiten, um Engel oder den Heiligen Geist handelt - "nahezu jeder Brasilianer", konstatiert Religionssoziologe Franz Höllinger, "glaubt an einen Teil dieser Geisterwelt. Und von diesem Potenzial zehren auch die zahlreichen neuen christlichen Kirchen." Doris Griesser []
Geistesblitz
Franz Höllinger durchleuchtet komplexes Verhältnis von Spiritualität und Geschichte
Der distanzierte Blick des Wissenschafters auf sein Forschungsobjekt schließt ein gewisses emotionales Nahverhältnis zu selbigem bekanntlich nicht aus. So überrascht es auch kaum, dass für den Religionssoziologen Franz Höllinger die Suche nach spiritueller Sinnerfüllung seit jeher ein zentrales Lebensthema war: "Aus der katholischen Kirche bin ich zwar schon vor über 20 Jahren ausgetreten, doch ich habe nach wie vor gute Kontakte zu diesen Kreisen." Auch Höllingers mittlerweile schon etwas abgekühlte Affinität zur New-Age-Bewegung hat die kritische Auseinandersetzung mit den spirituellen Aspekten verschiedener Gesellschaften eher gefördert als gehemmt.
Zur Soziologie ist der gebürtige Linzer übrigens erst nach einem Philosophie-, Psychologie- und Politikwissenschaftsstudium in Innsbruck und Salzburg gekommen: "Für mich ist sie die spannende Synthese all dieser Studienzweige." Seit 1983 forscht und lehrt Franz Höllinger am Grazer Soziologie-Institut, wo er sich in den ersten Jahren vor allem der stark statistikorientierten international vergleichenden Sozialforschung widmete. Im Rahmen seiner Habilitation untersuchte der heute 48-Jährige die Wurzeln der Religiosität in verschiedenen westlichen Gesellschaften, indem er sich mit den politischen und sozialen Implikationen sowie der gegenseitigen Beeinflussung von Herrschaftskirche und Volksreligion auseinander setzte.
Dass er seine Forschung schließlich auch in Lateinamerika durchführen konnte, betrachtet er als glücklichen Zufall. Mit der finanziellen Unterstützung des Wissenschaftsfonds war es ihm möglich, ein Jahr lang in Brasilien zu arbeiten und gemeinsam mit seiner brasilianischen Frau - die ebenfalls Soziologin ist - das bunte religiöse Leben in diesem Land zu studieren. "Die Vielfalt an Religiosität dort hat mich anfangs nahezu umgeworfen", erinnert sich Franz Höllinger. Obwohl er "ganz passabel" Portugiesisch spricht, war die Mitarbeit seiner Frau eine wesentliche Voraussetzung für die reiche wissenschaftliche Ausbeute: "Als Brasilianerin hatte sie einen leichteren Zugang zu den verschiedenen religiösen Gruppierungen, von dem das Projekt natürlich sehr profitierte." Das Buchmanuskript über diese laut Höllinger "aufregende" Forschungsarbeit soll bereits in den nächsten Monaten fertig gestellt werden.
Wie es danach beruflich weitergehen wird, ist noch nicht entschieden - möglicherweise sind größere Veränderungen, auch im geografischen Sinn, angesagt: Da gibt es zum einen die Idee, für längere Zeit nach Brasilien zu gehen, "andererseits würde es mich auch sehr reizen, einen für mich völlig neuen Kulturkreis hinsichtlich Religiosität zu untersuchen. Indien beispielsweise fände ich besonders attraktiv, da es dort ähnlich wie in Brasilien eine enorme religiöse Vielfalt gibt und sich die unterschiedlichsten Religionen miteinander vermischt haben - allerdings vor einem völlig anderen kulturellen Hintergrund."
stimmt alles! ;-)
in salvador werde ich mehr von der afrikanischen seite kennen lernen. baedecker schreibt: "afrikas seele lebt in salvador."
merci nochmal fuer deine arbeit!