19.2. Die kleine Kaempferin
“Meine Freundin hat mich gar nicht besucht!” so klagt Paulina ueber mich. Sie ist ein Maedchen von etwa 8 Jahren, das mich vor einigen Tagen am Abend auf der Praca gekapert hat. Ihre Mutter erzaehlte es mir gestern. Ich schmunzle, die kleine Kroete ist unwiderstehlich. Ich lade sie ein, heute, Sonntag Vormittag, in die Fundacao zu kommen.
Paulina erscheint, sie ist duenn, sonnenbraun, mit schoenen langen Wimpern, zum Unterschied von den meisten Maedchen hier hat sie kein Puppengesicht. Ein “Gischpel” – so heisst bei uns ein lebendiges Kind, das nicht ruhig sitzen mag. Zuerst muss sie ihren Grant loswerden. Sie beschwert sich, dass sie kommendes Jahr nicht mehr in die Fundacao zum Foerderunterricht kommen darf. “Ich will aber lernen!’
Maria, die Koordinatorin, kommt grad vorbei und bringt mir Schweinsripperln fuers Mittagessen. Sie kriegt den Aerger ab, nimmt Paulina auf den Schoss und erklaert ihr, dass sie in der Schule schon so gut ist und andere Kinder mehr Hilfe brauchen. “Ich will aber hier lernen!” “Du kannst herkommen, wenn wir singen haben! Du singst so schoen. Du wirst mit uns Musik machen, ja?” “Ich kann nicht Musik machen, nur du.” “Ja ich kann ein bisschen und du kannst auch ein bisschen und das geben wir zusammen, dann wird das richtige Musik”, beruhigt Maria. Es ist herrlich ihr zuzuschauen, wie sie Menschen behandelt.
Paulina ist ein wenig beruhigt. Die Kleine hat bis zum vergangenen Sommer mehr oder weniger auf der Strasse gelebt, denn ihre Mutter ist alleinstehend und geistig krank und konnte die vier Kinder nicht versorgen. Paulina hat sich Essen aus dem Abfall organisiert. Eine kinderlose, betagte Frau im Ort hat angeboten, dass sie bei ihr wohnen kann und eines Tages ist die Kleine mit den Worten erschienen: “Tante, ich bin jetzt ausgezogen.” Sie hat gewaehlt und liess sich nicht mehr wegholen.
Die Situation der Mutter verschlechterte sich. Roberto ging und suchte Plaetze fuer die anderen Kinder. Paulina versteckte sich immer, wenn sie das Auto von Roberto hoerte, aus Angst, er wolle sie fortholen. “Ich verstecke mich im See, Tante!” versicherte sie. “Paulina, im See wirst du sterben.” “Aber wo kann ich denn bleiben?” “Hier, Paulina.” beruhigte sie die Pflegemutter.
Inzwischen hat Paulina entschieden, dass sie “Mae”, Mutter, zur Pflegemama sagt. “Ich moechte Mae zu dir sagen, aber du bist nicht meine richtige Mutter.” “Ja Paulina, deine richtige Mutter ist krank.”
Unglaublich, wie die kleine “Garota” vermag, Menschen zu beeinflussen: Sie schmeichelt, insistiert, verhandelt, schreit, kaempft, schmust, singt und tanzt mit unbaendigem Lebenswillen. Man liebt sie oder man fuerchtet die kleine Hexe, nehme ich an.
Ich mag sie, nein, ich bin von ihr begeistert!
Zum Zuhoeren, wenn ich vorlese, fehlt ihr die Aufmerksamkeit. Sie liebt es die Buchstaben zu kopieren, aber sie versteht nicht, was sie schreibt.
Zu Mittag begleite ich sie nach Hause. “Mae” sitzt in ihrem kleinen Geschaeft, wir plaudern und sie laedt mich fuer einen der naechsten Tage zum Essen ein.
Der Tag bringt noch schoene Telefonate und Zeit um ein wenig zu lesen.
Nachmittags begleite ich Roberto nach Katim, einem Weiler etwa 5 km entfernt, wo 17 Familien wohnen. Ja, hier ist Interior! Sao Miguel wirkt dagegen – jetzt muss ich sagen: “zivilisiert”. Beispiel: Hier schauen sie mich gross an, gruessen aber nicht. Der Gottesdienst wird im Freien auf dem Gelaende der Grundschule gefeiert. Es gibt etwa 20 wackelige Schuelersessel, die bald voll sind von Kindern und jungen Frauen. Als die aelteren Frauen dazukommen, stehen die Kinder nicht auf, um Platz zu machen. Es braucht dazu “Nachhilfe” von der Koordinatorin, der lokalen Lehrerin.
Das Evangelium handelt vom Gelaehmten, der von seinen Freunden zu Jesus gebracht wird. Als sie wegen der vielen Leute nicht zu ihm durchkommen, steigen sie aufs Dach, decken es ab und lassen den Kranken mit der Bahre hinunter, vor die Fuesse von Jesus.
Jetzt weiss ich, wie ich mir das vorstellen muss. Hier waere das ebenfalls leicht moeglich.
Robertos Predigt ist lebendig und interessant. Er streicht heraus, dass der Gelaehmte und seine Freunde ueberzeugt waren, dass es Hilfe gibt und dass sie es schaffen werden. Und wenn es keinen normalen Weg gibt – keinen Jeito - dann findet sich eben ein Jeitinho, eine halblegale Loesung. Man muss sich nicht abfinden mit Situationen, die einem Energie und Lebensmoeglichkeiten rauben.
Eine Geschichte, wie geschrieben fuer Brasilien. Hier versteht man den Jeitinho und dass Jesus nicht gesagt hat: “Bitte zurueck und in der Reihe anstellen!” Sondern, dass er von dem tatkraeftigen Glauben dieser Menschen beeindruckt war und geholfen hat.
Bild: Mutter und Tochter

Am Abend richte ich noch die Dokumente im Access her fuer morgen, denn da beginnt die Einschreibung und wir wollen doch die Datenblaetter haben. Das Access-Problem habe ich uebrigens loesen koennen, habe den Befehl zum Seitenumbruch gefunden. Ging ohne Jeitinho. ;- )
Paulina erscheint, sie ist duenn, sonnenbraun, mit schoenen langen Wimpern, zum Unterschied von den meisten Maedchen hier hat sie kein Puppengesicht. Ein “Gischpel” – so heisst bei uns ein lebendiges Kind, das nicht ruhig sitzen mag. Zuerst muss sie ihren Grant loswerden. Sie beschwert sich, dass sie kommendes Jahr nicht mehr in die Fundacao zum Foerderunterricht kommen darf. “Ich will aber lernen!’
Maria, die Koordinatorin, kommt grad vorbei und bringt mir Schweinsripperln fuers Mittagessen. Sie kriegt den Aerger ab, nimmt Paulina auf den Schoss und erklaert ihr, dass sie in der Schule schon so gut ist und andere Kinder mehr Hilfe brauchen. “Ich will aber hier lernen!” “Du kannst herkommen, wenn wir singen haben! Du singst so schoen. Du wirst mit uns Musik machen, ja?” “Ich kann nicht Musik machen, nur du.” “Ja ich kann ein bisschen und du kannst auch ein bisschen und das geben wir zusammen, dann wird das richtige Musik”, beruhigt Maria. Es ist herrlich ihr zuzuschauen, wie sie Menschen behandelt.
Paulina ist ein wenig beruhigt. Die Kleine hat bis zum vergangenen Sommer mehr oder weniger auf der Strasse gelebt, denn ihre Mutter ist alleinstehend und geistig krank und konnte die vier Kinder nicht versorgen. Paulina hat sich Essen aus dem Abfall organisiert. Eine kinderlose, betagte Frau im Ort hat angeboten, dass sie bei ihr wohnen kann und eines Tages ist die Kleine mit den Worten erschienen: “Tante, ich bin jetzt ausgezogen.” Sie hat gewaehlt und liess sich nicht mehr wegholen.
Die Situation der Mutter verschlechterte sich. Roberto ging und suchte Plaetze fuer die anderen Kinder. Paulina versteckte sich immer, wenn sie das Auto von Roberto hoerte, aus Angst, er wolle sie fortholen. “Ich verstecke mich im See, Tante!” versicherte sie. “Paulina, im See wirst du sterben.” “Aber wo kann ich denn bleiben?” “Hier, Paulina.” beruhigte sie die Pflegemutter.
Inzwischen hat Paulina entschieden, dass sie “Mae”, Mutter, zur Pflegemama sagt. “Ich moechte Mae zu dir sagen, aber du bist nicht meine richtige Mutter.” “Ja Paulina, deine richtige Mutter ist krank.”
Unglaublich, wie die kleine “Garota” vermag, Menschen zu beeinflussen: Sie schmeichelt, insistiert, verhandelt, schreit, kaempft, schmust, singt und tanzt mit unbaendigem Lebenswillen. Man liebt sie oder man fuerchtet die kleine Hexe, nehme ich an.
Ich mag sie, nein, ich bin von ihr begeistert!
Zum Zuhoeren, wenn ich vorlese, fehlt ihr die Aufmerksamkeit. Sie liebt es die Buchstaben zu kopieren, aber sie versteht nicht, was sie schreibt.
Zu Mittag begleite ich sie nach Hause. “Mae” sitzt in ihrem kleinen Geschaeft, wir plaudern und sie laedt mich fuer einen der naechsten Tage zum Essen ein.
Der Tag bringt noch schoene Telefonate und Zeit um ein wenig zu lesen.
Nachmittags begleite ich Roberto nach Katim, einem Weiler etwa 5 km entfernt, wo 17 Familien wohnen. Ja, hier ist Interior! Sao Miguel wirkt dagegen – jetzt muss ich sagen: “zivilisiert”. Beispiel: Hier schauen sie mich gross an, gruessen aber nicht. Der Gottesdienst wird im Freien auf dem Gelaende der Grundschule gefeiert. Es gibt etwa 20 wackelige Schuelersessel, die bald voll sind von Kindern und jungen Frauen. Als die aelteren Frauen dazukommen, stehen die Kinder nicht auf, um Platz zu machen. Es braucht dazu “Nachhilfe” von der Koordinatorin, der lokalen Lehrerin.
Das Evangelium handelt vom Gelaehmten, der von seinen Freunden zu Jesus gebracht wird. Als sie wegen der vielen Leute nicht zu ihm durchkommen, steigen sie aufs Dach, decken es ab und lassen den Kranken mit der Bahre hinunter, vor die Fuesse von Jesus.
Jetzt weiss ich, wie ich mir das vorstellen muss. Hier waere das ebenfalls leicht moeglich.
Robertos Predigt ist lebendig und interessant. Er streicht heraus, dass der Gelaehmte und seine Freunde ueberzeugt waren, dass es Hilfe gibt und dass sie es schaffen werden. Und wenn es keinen normalen Weg gibt – keinen Jeito - dann findet sich eben ein Jeitinho, eine halblegale Loesung. Man muss sich nicht abfinden mit Situationen, die einem Energie und Lebensmoeglichkeiten rauben.
Eine Geschichte, wie geschrieben fuer Brasilien. Hier versteht man den Jeitinho und dass Jesus nicht gesagt hat: “Bitte zurueck und in der Reihe anstellen!” Sondern, dass er von dem tatkraeftigen Glauben dieser Menschen beeindruckt war und geholfen hat.
Bild: Mutter und Tochter

Am Abend richte ich noch die Dokumente im Access her fuer morgen, denn da beginnt die Einschreibung und wir wollen doch die Datenblaetter haben. Das Access-Problem habe ich uebrigens loesen koennen, habe den Befehl zum Seitenumbruch gefunden. Ging ohne Jeitinho. ;- )
rosa_r - 21. Feb, 02:16
