Donnerstag, 15. Dezember 2005

13. und 14.12. Santa Luzia

Gestern, Montag war hauptsaechlich ein Lerntag. Und die Weihnachtspost habe ich verschickt.
Heute, 14.12. ist "St. Luzia"
Dreimal in der Woche feiern wir in unserer Kapelle Messe mit dem jungen Priester aus dem Norden. Heute hat er uns versetzt, was ueberraschenderweise niemanden aufgeregt hat. Statt dessen wurde so selbstverstaendlich improvisiert, dass ein Aussenstehender die Programmaenderung wohl kaum bemerkt haette. Die Schwestern sind sehr souveraen.

Um halb sieben gibts Fruehstueck. Um acht hatte ich bereits Geschirr und Waesche gewaschen und konnte mit dem Informatik-Lehrer Roberto die Fotos aus der Kamera auf eine CD zaubern. Endlich!
Das Resultat ist schon zu bewundern: Vom 2.12. bis heute gibts wieder "frische" Bilder.
Bild: Caetana und Bruderherz im Pool beim Geburtstagsfest
poolig

Am Rueckweg vom Computer-Raum gabs eine Ueberraschung:| Alle Ausgaenge waren versperrt, Roberto war nicht mehr da und ich war im Gebaeude 2 eingeschlossen. Am Freitag beginnen hier die grossen Ferien. In den letzten Schultagen gibts jede Menge Projekte und Ausfluege und Praesentationen und viele Klassen sind gar nicht da – Schulschluss eben, wie bei uns. So kann ich mir am ehesten erklaeren, dass ein ganzer Gebaeudeteil versperrt wird. Ich habe also ein Schlupfloch gesucht, allerdings erfolglos. Nach etwa 15 Minuten kommt aber eine Dame mit Schluessel und holt mich ab. Die Schule wird mit Wachpersonal und Kameras rund um die Uhr ueberwacht, wahrscheinlich hat man mich gesehen.

Zur Erholung einen schnellen Cafezinho und auf mit Candida nach St. Martin. Heute waren wir rasch fertig, denn sie hatten nur 280 Leute zum Essen, normal sinds 100 mehr.

Ob ich sie nach St. Luzia begleiten wuerde, fragt mich Candidinha. Aber sicher! Candida ist italienischer Abstammung. Ich nehme an, da muss sie einfach die Heilige an ihrem Festag besuchen gehen. Ausserdem ist dort heute was los! Unterwegs haben wir Saaantaaa Luuziiiiiaaaaaa! gesungen.

Schon vor der Kirche gibts ein Gedraenge und viele Bumenverkaeuferinnen. Die Kirche ist winzig, und uebervoll mit Blumen. Menschen sitzen, knien, beten, bringen weitere Blumen. An der Kommunionbank steht der Mesner mit der Reliquie im goldenen Gefaess. Er beruehrt damit die Stirn der geduldig in der Schlange Wartenden.
Es gibt zwei als wundertaetig verehrte Statuen in der Kapelle: ein “Jesuskind” und “Die Madonna mit dem Kopf”, das ist eine Marienstatue, die einen abgeschlagenen Kopf in der Hand haelt. Wer von meinen ikonographisch gebildeten Lesern weiss was dazu?

Candida will noch am Gottesdienst teilnehmen und ich schlendere derweil durchs Zentrum.
Nachdem ich das Kapitel ueber die Imbissstuben in meinem Portugiesisch-Buch fast auswendig kann, muss ich das auch mal probieren. In der Vitrine liegen kleine Pastetchen und ich entscheide mich fuer “Palmito” Palmherzen, weil ich mich schon beim Lesen immer gefragt habe, was das sein kann.
Wissen tue ich es noch nicht, aber es schmeckt sehr gut.
Die Auswahl des Getraenks war etwas stressig, denn es gibt mindestens 20 Fruchtsaefte mit unaussprechlichen Namen und ich kenne ausser Mango keinen. Ganz oben auf der Liste steht “Abacaxi”. Wenn ich mich recht erinnere, ist das Ananas. Richtig nimmt der Verkaeufer eine Ananas aus dem Kuehlschrank, schneidet sie in Stuecke und produziert mit dem Entsafter vor mir ein koestliches Getraenk.

Zurueck bei der Kirche sehe ich die Menschen bis heraus auf die Strasse stehen. Noch immer versuchen einzelne sich in die Kirche zu draengen. Arme Candida! Das wird wohl noch dauern, bis sie heraus kann, denke ich und mache es mir im Caféhaus vis-a-vis gemuetlich. Der Expresso kostet 30 Cent (!), naja war Selbstbedienung ;-)

Hast du es nicht gesehen, da taucht Candidinha puenktlich auf. Sie hat die Bewegung der Menschen, die zur Kommunion wollen, genutzt und sich aus der Kirche gewutzelt. Jetzt erstmal ausatmen und Café trinken. Und dann begleitet mich Candida noch in ein Shopping-Center mit Namen Anália Franco.
Man muss wissen, dass hier alles weich ausgesprochen wird. Franco klingt fuer mich also wie Frango, das Wort davor habe ich vergessen, ich wusste also nur noch “Shopping Frango” und du weisst vielleicht noch, dass Frango “Hendl” bedeutet.
Candida wiehert heute noch, wenn sie vom Shopping “Frango” erzaehlt.

Dieses Chopping-Center war irgendwie netter als das letzte in Tatuapé. Die gesuchte Digi-Cam kostet aber locker das doppelte wie bei uns und wird also nicht gekauft. Bei einigen absolut verlockenden Kleidergeschaeften habe ich mich brav zurueckgehalten, in einem Kinderkleider-Laden aber konnte ich nicht mehr widerstehen. Dem Geschick der jungen Verkaeuferin ist zu verdanken, dass alle Maedchen der Verwandtschaft Sommerkleider aus Brasilien bekommen werden. “Lindo, lindo!” – heisst gaaaaanz huebsche und spricht man mit entsprechender Suesse aus!

10.12. Die Peripherie der Peripherie

Dulce und Hilda wohnen zwar schon an "der Peripherie", aber bis zum wirklichen Stadtrand waren wir noch fast eine halbe Stunde mit dem Auto unterwegs.
Das neue Header-Bild habe ich dort aufgenommen.
Der Stadtrand ist Neubaugebiet fuer Zuwanderer, vorwiegend aus dem dem Norden Brasiliens. Die Gegend ist sehr huegelig, die Strassen entsprechend steil.
Wer ein Grundstueck kaufen will erhaelt 5 x 25 Meter. Gebaut wird solange Geld da ist. "Hier ist alles unfertig" sagt Pater Joao, ein Ire, der seit 40 Jahren am Stadtrand lebt. "Der Vater baut unten, der Sohn den Stock darueber und die naechste Generation noch einmal darueber."
Als Joao nach Brasilien gekommen ist, lebten nur 25% der Menschen in der Stadt. Heute sind es 80%. Der Prozess der Umstrukturierung vom Feudalsystem auf die moderne Informationsgesellschaft hat in Europa einige hundert Jahre gedauert. Hier geschieht alles gleichzeitig und in wenigen Generationen. Das fuehrt zu den entsprechenden Entwurzelungen der Menschen samt allen negativen Begleiterscheinungen, so erklaerte er. Die grosse Migration von Norden nach Sao Paulo aber habe bereits vor etwa 5 Jahren aufgehoert.
Joao ist leidenschaftlicher Fotograf und hat zwei schoene Spiegelreflex-Digicams. Er fotografiert und schreibt fuer verschiedene kirchliche Zeitungen.
"Er liest taeglich 2 - 3 Stunden!" erzaehlt mir Hilda voller Bewunderung. Padre Joao wirkt pragmatisch nuechtern auf mich, sehr angenehm! Freue mich, ihn besser kennen zu lernen.
Bild: Joao
padre

Hilda arbeitet mit ihm in einem Pfarrzentrum, wo die Padres fuer eine ganze Reihe an Angeboten gesorgt haben: Es gibt Kinderguppen, Kurse ueber Hausmedizin, gesunde Ernaehrung etc., eine Sozialarbeiterin ist angestellt, und besonders stolz sind sie auf den Computerraum mit ca. 30 Geraeten. Die Haelfte funktioniert zwar nicht mehr, aber die andere Haelfte wird taeglich von mehr als 200 Leuten benutzt. Ein Ehrenamtlicher bietet Kurse an: 6 Frauen jeden Alters waren gerade anwesend. Kinder kommen zum Spielen am PC her und Reingard steigt ins Internet ein und freut sich ueber die Kommentare von Brigitte und Petra.
Bild: Wir stoeren eine Kindergruppe, die ein Weihnachtsspiel vorbereitet
Hilda

Die Runde durch die Neubaugebiete mit Joao am Vormittag war aeusserst interessant. Am Nachmittag hatte Hilda einen Termin: Weiterbildung. Es gibt jetzt neuerdings eine Fortbildung fuer Ehrenamtliche, die Gespraechsrunden zu religioesen und Lebensthemen gestalten. Manche dieser "Catequistas" sind grad erst 18, andere sind bereits in Pension. Ich habe hier einige sehr interessante Frauen kennen gelernt, leider konnte ich mir die Namen nicht merken.
A ist Reinigungsfrau und hat seit Jahren eine Gruppe fuer Jugendliche. Sie wirkt selber sehr jung, ist auch fetziger gekleidet als die anderen. Sie zeigt mir Fotos und erzaehlt: "Den habe ich dreimal gefragt, ob er nicht doch zur Firmung will, aber er hat mir keine richtige Antwort gegeben. Nach langen bin ich drauf gekommen, dass seine Eltern es verboten haben. Sie hatten kein Geld fuer ein Firmgeschenk!" Die Geschichte ging natuerlich gut aus.
B ist Mutter von drei Kindern, das juengste 13. Eine gepflegte, intelligente Dame, die zugibt, dass es nicht leicht ist, den Haushalt und die Arbeit in der Pfarre unter einen Hut zu bringen. "Aber ich brauche diese Arbeit, sonst werde ich verrueckt zuhause! Es geht allen besser so!"
Die Unterrichtseinheit ist enttaeuschend, trotz der "guten Zutaten". Der Referent wirkt erfahren und menschlich interessant, aber 2 Stunden Vortrag ohne Pause in einem ueberhitzten Raum, und im Hintergrund laermen die Kinder - das ist keine Bildung, sonder lediglich eine Gedulds- und Kraftprobe. Interessant ist, die Reaktion der Menschen darauf zu beobachten:
Der Widerstand bleibt verdeckt, die Oberflaeche ist angepasst. Drunter gibts Unzufriedenheit mit sich selbst, weil man zu dumm ist, das zu verstehen oder verdeckten Protest mit Seitengespraechen und Wasserholen.
"Ist das jedes mal so?", frage ich. Nein, normal werden die Stunden von Frauen gestaltet, da gibts dann Gruppen und Diskussion und Theater und so fort. Das ist auch mehr fuer die Praxis, werde ich beruhigt.
Interessant, diese geschlechtsspezifische Erklaerung!
Der Bus holt einen grossen Teil der Frauen ab und auf der Fahrt entlaedt sich dann einiges. Ich freue mich darueber und ermutige die Frauen, ihrem Gefuehl zu vertrauen. Ja, es liegt nicht nur daran, dass wir nach dem Mittagessen muede sind. Auch meiner Meinung nach passen hier Inhalt und Form nicht zueinander. Im Land des Paolo Freire, dem grossen Volkspaedagogen, sollte frau sich diese "herablassende" Form der Belehrung nicht mehr bieten lassen.

Das wichtigste KURZ

Endlich Fotos! - ab 1.2.. Dieses Blog enthaelt Notizen und Fotos bis zum 23.2., der ersten Zeit in Piaui. Fortsetzung unter <2brasil.twoday.net>!!!!!!!! Seit 30.1. geniesse das Landleben im "Wilden Westen" von Brasilien - das ist der Nordosten, genauer gesagt Bundesstaat Piaui! Derzeit wohne ich in der Fundacao ASAS, einem privaten Bildungsprojekt fuer Kinder aus benachteiligten Familien. Roberto, der Gruender, ist Hoellaender und arbeitet hier als Seelsorger. Die Gemeinde Sao Miguel hat etwa 3000 EW, laendlicher Raum, schoene Natur, derzeit angenehm sommerliches Wetter. Ich arbeite im Buero, habe viel Kontakt mit Kindern und besuche Familien. Die ersten 2,5 Monate habe ich in Sao Paulo gelebt, in verschiedenen Haeusern der Schwestern der Congregatio Jesu: Zentrale, Schule, Peripherie. Besuchte Sozialprojekte, interviewte interessante Menschen, recherierte viel im Internet, lernte portugiesisch und half ehrenamtlich mit.

Info fuer AllesleserInnen

Das Tagebuch ist wieder aktuell. Falls dein PC manche Tage nicht anzeigt, gehe in der obersten Befehlszeile auf "brasil" und wenn die Auswahl sich zeigt auf "Tagebuch". Die Suchmaschine funktioniert auch, allerdings muss man halt wissen, was man finden will... Peter und Heidrun wissen normalerweise, wie es mir geht: peter.hirsch@atnet.at; HeidrunLange1984@aol.com

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