Freitag, 27. Januar 2006

24.1. "Alles guad?"

Das Geld der Weihnachtsaktion lag bis gestern auf meinem Konto. Heute bringe ich es Schwester Neuci in die Zentrale von MST (Bewegung der Landlosen, "sem terra").
Sie stammt von einer Familie aus dem Schwarzwald ab und begruesst mich mit einer entzueckenden Mixtur: Das brasilianische "tudo bem?", deutsche Vokablen und schwaebische Aussprache: "Alles guad?"
Ich muss gleich grinsen.

(Vorausgeschickt: Die MST und unsere Aktion sind ja schon im Blog beschrieben ich versuche nichts zu wiederholen. Wer nachlesen mag: Einfach Suchmaschine links unten benuetzen: terra eingeben.
Naehere Infos zum "Vorbild MST" gibts zuhauf im Internet, auch auf deutsch. Im google MST+Brasilien eingeben, genuegt.)

Die regionale MST-Zentrale ist eine Lagerhalle auf zwei Etagen in einem der aeltesten Bezirke von Sao Paulo, nahe beim Zentrum: Brás. Dieser Bezirk war einmal durch den Bahnhof und die Industrie wohlhabend und ist noch von den Hallen und kleinen alten Buergerhaeusern gekennzeichnet.
Typisch fuer viele Millionenstaedte verarmt und verfaellt das alte Zentrum auch hier. Es gibt zu wenig Platz und Lebensqualitaet um zu investieren, das ist ein Teufelskreis:
Schlechte Bausubstanz, billige Mieten, keine Finanzkraft der Bevoelkerung, keine Prioritaet bei oeffentlichen Investitionen. Man sieht es an den schmucklosen Fassaden, die herunterbroeckeln, am Muell der nicht weggeraeumt wird, an den Bars wo die Maenner den ganzen Tag sitzen. Am Platz spielt sich auch das sogenannte "informelle Geschaeftsleben" ab: Schwarzmarkt und superbillige Angebote fuer die Strassenverkaeufer.

Die U-Bahn-Trasse fuehrt entlang der Strasse, in der das MST-Lokal liegt. Der Gehsteig zwischen Strasse und U-Bahn-Betonmauer wird nicht viel benutzt und ist so breit, dass jemand hier sein Haus hingebaut hat: Aus Karton, Plastik, alten Metallteilen, einer Waeschespinne etc.: Etwa 1,5 m tief, 10 m lang. Ich kann hineinschauen, denn es gibt keine Tuer. Ja, hier wohnen Leute, denn an der Wand innen sind Regale aufgebaut mit allerlei Gegenstaenden, die jemand aus dem Abfall gerettet und fein saeuberlich aufgeschlichtet hat.
Vor dem Haus thront eine runde, schwarze "Mama": Sie sitzt breitbeinig auf ihrem Hocker und wischt mit Papier eine Styroportasse sauber. Ihr Essgeschirr?
Dabei wirkt sie konzentriert und gar nicht elend. Ich wage nicht, die Szene zu fotografieren, obwohl die Frau mit ihrem farbenfrohen Kleid in diesem Ambiente ein klasses Motiv waere.
Diese Frau baut mit ihrer Wuerde eine Privatspaehre auf, mitten am Gehsteig, die ich nicht verletzen will.

blume

Der Empfang beim MST-Lokal sind zwei Maenner, die in der offenen Tuere sitzen und plauschen. Sie duerften etwa 50 sein, sind mager und braungebrannt, wirken unauffaellig und einfach, aber spruehen von einer stolzen Energie, die ihnen aus den Augen funkelt. "Typisch MST", gehts mir durch den Kopf, und frage nach Schwester Neuci.
"Ja, du kannst raufgehen", meinen sie.

Das sind die "Militanten", die in die Herbergen der Wohnungslosen gehen und in der Nacht auf die Strasse. Unerschrockene Menschenfischer der besonderen Art: Sie sammeln das "Strandgut" dieser Gesellschaft ein, Menschen die in diesem System der extrem ungleichen und ungerechten Lebenschancen nicht auf die Beine kommen.

Unterstuetzt wird diese Gruppe von vielen anderen: Die einen spueren ungenutztes Land oder verfallende Gebaeude auf; die "Juristen" nutzen die rechtlichen Moeglichkeiten - basierend auf der in der Verfassung verankerten Landreform; Kommunikationsspezialisten kuemmern sich um Lobbing und Medienkontakte; Verwaltungsmenschen organisieren die Helfer im Hintergrund. Die MST mobilisieren nicht nur die Leute von der Strasse, sondern auch viele Helfer. So gibt es z.B. eine Universitaet, deren Studenten mithelfen, wenn die "Haeuser" aus schwarzen Plastikplanen gebaut werden.

Bezahlt werden nur die Unkosten: Fahrkarten, Lebensmittel fuer den Aufenthalt in den Lagern, Miete, Strom und Telefon fuers Buero. Einen Lohn erhaelt hier niemand.

Ich steige also hinauf, in den ersten Stock. Die Halle hat kaum Fenster, ist grau und dunkel, die einzelnen Moebel wirken verloren und vergessen.
Zimmer fuer Bueros gibt es nicht, aber auf der Fensterseite haben sie mit Stellwaenden "Buerowinkel" eingerichtet. Hier sieht es nach Arbeit aus, da werkeln Freaks: Poster von Kampagnen, Bilder der grossen Protestmaersche, natuerlich gibts auch den "Che". Computer und Telefone. Wenige Aktenschraenke. Alle Farben und Schriften auf den Ordnern.

Neuci erzaehlt, wie sie vor drei Jahren zur MST gekommen ist und in der Verwaltung begonnen hat. Wie sie Buchhaltung eingefuehrt hat und die Leute dazu erzogen hat, dass es Geld nur gegen Beleg gibt. Das ist ein Job fuer eine leidensfaehige Person, denke ich, ich kenne das.

In ihrer Ecke haengt ein Plakat mit den 10 Grundforderungen der MST, ein weiteres zeigt das Foto einer schoenen, einfach gekleideten jungen Mutter, die ihr schlafendes Kind im Arm traegt und mit einem Zipfel ihres Kleides vor der Sonne schuetzt. "In unseren Frauenarmen liegt die Zukunft" steht darunter.
Hinter dem dem Schreibtisch ein Bild vom Jesus im suessen Nazarenerstil, er steht auf den Stufen und kopft an eine Haustuer.
Neuci ist etwa so alt wie ich, sieht froh und sehr deutsch aus und ist eine Schwester der "Toechter der goettlichen Liebe", eine oesterreichische Gruendung. Sie empfiehlt mir einen Besuch im Mutterhaus in Wien oder bei ihren brasilianischen Kolleginnen in Breitenfurt.

Schliesslich erzaehle ich von der Weihnachtsaktion und dass etliche Menschen zusammengeholfen haben und gebe ihr das Kuvert.
Es enthaelt eine schoene Weihnachtskarte mit einem mittelalterlichen Hirtenbild, die ich aus Oesterreich mitgenommen habe. Sie freut sich ueber die Karte. "Vielen Dank fuer ihre Arbeit! Zu Weihnachten 2005 von Freunden und Familie von Rosa" steht darauf. Drinnen liegt das Packerl Reais.

Ihr schiessen die Traenen in die Augen, mit diesem Weihnachtsgeschenk hatte sie nicht gerechnet. "So viel Geld!" bringt sie heraus, "und schon gewechselt!" Dann sagt sie erstmal nichts mehr, steht auf, dreht sich um und schneuzt eine Weile.
MST

Unser Betrag entspricht hier dem, was eine einfache Arbeiterin in 3 - 4 Monaten verdienen kann. Auch fuer einen guten Buerojob waere es doch immerhin ein Monatsgehalt. Nach einer Zeit sprechen wir darueber, was sie mit dem Geld tun werden.
"Lebensmittel erhalten wir von den Jesuiten.", erklaert sie mir. Sie werden das Geld einsetzen fuer die Dinge, die noch nicht finanziert sind: Medikamente, Unkosten der Schwestern oder der anderen Helfer, die mit den Leuten leben, Transportkosten.
Ich bin mit dieser Umwidmung zufrieden.
baumblue2

Nach einer weiteren Einladung doch im April wieder vorbeizukommen, verabschiede ich mich.
Jetzt habe ich mal Mama Noel gespielt, im Namen der Menschen, die "Samen fuer Brasiien" gespendet haben, aus Oesterreich, Deutschland und den USA!
:-)))

Das wichtigste KURZ

Endlich Fotos! - ab 1.2.. Dieses Blog enthaelt Notizen und Fotos bis zum 23.2., der ersten Zeit in Piaui. Fortsetzung unter <2brasil.twoday.net>!!!!!!!! Seit 30.1. geniesse das Landleben im "Wilden Westen" von Brasilien - das ist der Nordosten, genauer gesagt Bundesstaat Piaui! Derzeit wohne ich in der Fundacao ASAS, einem privaten Bildungsprojekt fuer Kinder aus benachteiligten Familien. Roberto, der Gruender, ist Hoellaender und arbeitet hier als Seelsorger. Die Gemeinde Sao Miguel hat etwa 3000 EW, laendlicher Raum, schoene Natur, derzeit angenehm sommerliches Wetter. Ich arbeite im Buero, habe viel Kontakt mit Kindern und besuche Familien. Die ersten 2,5 Monate habe ich in Sao Paulo gelebt, in verschiedenen Haeusern der Schwestern der Congregatio Jesu: Zentrale, Schule, Peripherie. Besuchte Sozialprojekte, interviewte interessante Menschen, recherierte viel im Internet, lernte portugiesisch und half ehrenamtlich mit.

Info fuer AllesleserInnen

Das Tagebuch ist wieder aktuell. Falls dein PC manche Tage nicht anzeigt, gehe in der obersten Befehlszeile auf "brasil" und wenn die Auswahl sich zeigt auf "Tagebuch". Die Suchmaschine funktioniert auch, allerdings muss man halt wissen, was man finden will... Peter und Heidrun wissen normalerweise, wie es mir geht: peter.hirsch@atnet.at; HeidrunLange1984@aol.com

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