Etwas alte Neuigkeiten!
Reingard hat mir geschrieben – der Brief ist mit 1.2. datiert und entweder gestern oder heute angekommen, ich war in Bukarest. Kurze (leicht adaptierte) Auszüge aus Ihrem Schreiben – mit kleinen Unsicherheiten, ihre Handschrift war nicht immer eindeutig zu entziffern:
Ich sitze auf der kleinen Veranda hinter dem Haus und freue mich mit allen hier, denn es regnet!
Die Situation ist arm/ärmlich, aber weniger dramatisch als ich befürchtet hatte.
Der Ort heisst Paes Landim und hat etwas unter 5.000 Einwohner. Auf der Karte findet Ihr wahrscheinlich S. Raimundo Nonato, das ist die Bezirkshauptstadt (Anmerkung: Etwas südwestlich von S. Joao de Piaui). Dort werde ich ab Freitag (Anmerkung: Wahrscheinlich der 10.2. – ich habe sie noch am 5.2. in Paes Landim telefonisch erreicht) für ca. 2 Wochen wohnen.
Normalerweise regnet es Okt-Dez und dann wird gesät und bis März geerntet. Danach gibt’s nicht mehr viel, dann ist alles vertrocknet. Im Juli + August werfen die Bäume die Blätter ab. Wie bei uns – nur wegen der Hitze!
Dieses Jahr hat es nur im Dezember geregnet und nur ein paar Tage. Die Leute haben angepflanzt, und es ist ausgetrieben und vertrocknet. Schon als wir von Teresina, der Hauptstadt von Piaui und „heissesten Stadt Brasiliens“ laut Baedeker mit dem Bus nach Paes Landim gefahren sind, war das meiste Land frisch-grün. Wiese etwa 10 cm hoch, dazwischen noch trockene Bäume, aber auch viel grünes Buschwerk. Ca. eine Stunde vor Paes Landim hat das aufgehört, hier nur vertrocknetes Gras, trockene Erde, wenige Blätter an den Bäumen. Aber in weiten Teilen des Landes muss es geregnet haben 1-2 Tage bevor ich angekommen bin. Dann, am 30.1., als ich hier eintraf, hat es in der Nacht zum ersten Mal geregnet. Alle sprachen nur vom Regen. Und die zwei Nächte, die ich jetzt hier geschlafen habe, hat es auch geregnet; jeden Morgen kräftiger Regen, der heute sogar bis jetzt andauert – jetzt ists 8:30, bei Euch 4 Stunden später.
Am ersten Tag habe ich viel geschlafen. Die Hitze lässt keinen Kraftakt zu, die Gedanken zerstieben, schwer zu lesen, noch schwerer zu schreiben. Habe mit ein paar Menschen im Ort geplaudert und werde „vorgeführt“. „Du bist halt ein anderes Tierchen“ sagte Sr. Justina.
Die Verhältnisse sind ziemlich feudal. Es gibt nur Landwirtschaft. Ein paar Studierte: Priester, Arzt, sind Teilzeit-Anwesende.
Gestern war der kleine Hof/Garten voller Schmetterlinge und Kolibris. Geier sitzen auf der Gartenmauer. Ich passe mich dem geruhsamen Leben hier an.
Mit einer jungen Frau habe ich geplaudert: Marineide (?) ist „Gesundheitsassistentin“. Sie besucht regelmässig die Familien in ihrem Bezirk. Es sind etwa 120. Sie macht aber keine Arbeit. Wenn sie in ein Haus kommt, wo es nichts zu essen gibt? „Da kann ich nichts machen.“ Wer macht da was? Niemand. Sie weiss offenbar nicht, welche Hilfsmöglichkeiten es geben müsste, die Sesta (?) Basica zB, das Lebensmittelpaket.
Sr. Neide meint, der Bürgermeister macht bei dem Regierungsprogramm gegen den Hunger nicht mit. Er ist schlecht. Er kaufte die Leute bei der Wahl, schon öfter, und ist schon lange im Amt.
Marineide sagte: „Wir haben auch eine Sozialarbeiterin. Die ist die Tochter des Bürgermeisters. Die kann leichter etwas machen.“ So funktioniert hier das Sozialsystem. Zuständigkeit, Rechtsanspruch? Kennt man nicht. Ich glaube, ohne Familie bist Du hier vogelfrei.
Die „Stadt“ ist um einen grossen viereckigen Platz herum angelegt. Die Hauptstrassen sind aus Katzenkopfpflaster. 2 Esel (vierbeinige) stehen auf der Strasse und fressen, was an der Mauerritze wächst. Ein Senhor, alt, braungebrannt, mit Cowboyhut, reitet vorbei. Autos hats hier praktisch nicht. Ein paar Motorräder, Fahrräder.
Im Haus ist Fliesenboden – witzigerweise täuscht er vor, ein Plastikboden zu sein (bei uns umgekehrt). Es gibt fliessend kaltes Wasser, Dusche, WC. Mein Zimmer ist hübsch; alles ist ebenerdig. Im Klo sitzt ein Frosch und quakt und freut sich, dass die Kanalisation so einen guten Sound produziert. Die Schwestern haben einige Beete mit Kräutern, Salat, Gemüse – und Hendeln. Es gibt täglich frische Eier. 3 Hähne gibt’s, die haben mich vorgestern begrüsst – ich habe mich gleich irgendwie daheim gefühlt. Heute hats durch den Regen abgekühlt und vielleicht 25 °. Ich sitze mit der zweiten Schwester, Neide, vor dem Haus, unterm Dach. Sie häkelt, ich schreibe.
In S. Raimundo Nonato arbeitet Justina. Dort werde ich bei einem Kurs zur Herstellung von Spielzeug mitmachen. Schätze es wird nicht viel mit Arbeiten in einem Projekt, dafür lerne ich Verschiedenes kennen. Ich kanns nicht „derzwingen“. Aber es reut mich nicht – es ist halt anders als geplant. Vielleicht gelingt es mir, dass ich bei dem oft genannten „Roberto“ unterkomme. Der Kindergarten öffnet Mitte Februar. Bis dahin werde ich die „Pastoral da Crianca“ (Kinder-Seelsorge?) kennen lernen. Das ist eine sehr interessante Initiative. Grad lese ich darüber. Doch mehr davon, wenn ich es gesehen habe – sonst verkünde ich wieder Sachen, die nicht stimmen.
Schwester Justina, etwa 65, italienisches Blut; war Lehrerin, hat in Rom im Generalat als Sekretärin gearbeitet und den Schriftverkehr mit Vatikan und Behörden gemacht, dann mit Pastoral da Crianca begonnen, jetzt verantwortlich für Diözese, Macherin und lieb.
Schwester Neide, 72, sieht wie 60 aus, Krankenschwester ca. 55-80 im Spital im Süden, dann 10 Jahre in Sao Paulo Krankenschwester in der Schule, seit 10 Jahren hier, Gemeinschaft aufgebaut.
Ich sitze auf der kleinen Veranda hinter dem Haus und freue mich mit allen hier, denn es regnet!
Die Situation ist arm/ärmlich, aber weniger dramatisch als ich befürchtet hatte.
Der Ort heisst Paes Landim und hat etwas unter 5.000 Einwohner. Auf der Karte findet Ihr wahrscheinlich S. Raimundo Nonato, das ist die Bezirkshauptstadt (Anmerkung: Etwas südwestlich von S. Joao de Piaui). Dort werde ich ab Freitag (Anmerkung: Wahrscheinlich der 10.2. – ich habe sie noch am 5.2. in Paes Landim telefonisch erreicht) für ca. 2 Wochen wohnen.
Normalerweise regnet es Okt-Dez und dann wird gesät und bis März geerntet. Danach gibt’s nicht mehr viel, dann ist alles vertrocknet. Im Juli + August werfen die Bäume die Blätter ab. Wie bei uns – nur wegen der Hitze!
Dieses Jahr hat es nur im Dezember geregnet und nur ein paar Tage. Die Leute haben angepflanzt, und es ist ausgetrieben und vertrocknet. Schon als wir von Teresina, der Hauptstadt von Piaui und „heissesten Stadt Brasiliens“ laut Baedeker mit dem Bus nach Paes Landim gefahren sind, war das meiste Land frisch-grün. Wiese etwa 10 cm hoch, dazwischen noch trockene Bäume, aber auch viel grünes Buschwerk. Ca. eine Stunde vor Paes Landim hat das aufgehört, hier nur vertrocknetes Gras, trockene Erde, wenige Blätter an den Bäumen. Aber in weiten Teilen des Landes muss es geregnet haben 1-2 Tage bevor ich angekommen bin. Dann, am 30.1., als ich hier eintraf, hat es in der Nacht zum ersten Mal geregnet. Alle sprachen nur vom Regen. Und die zwei Nächte, die ich jetzt hier geschlafen habe, hat es auch geregnet; jeden Morgen kräftiger Regen, der heute sogar bis jetzt andauert – jetzt ists 8:30, bei Euch 4 Stunden später.
Am ersten Tag habe ich viel geschlafen. Die Hitze lässt keinen Kraftakt zu, die Gedanken zerstieben, schwer zu lesen, noch schwerer zu schreiben. Habe mit ein paar Menschen im Ort geplaudert und werde „vorgeführt“. „Du bist halt ein anderes Tierchen“ sagte Sr. Justina.
Die Verhältnisse sind ziemlich feudal. Es gibt nur Landwirtschaft. Ein paar Studierte: Priester, Arzt, sind Teilzeit-Anwesende.
Gestern war der kleine Hof/Garten voller Schmetterlinge und Kolibris. Geier sitzen auf der Gartenmauer. Ich passe mich dem geruhsamen Leben hier an.
Mit einer jungen Frau habe ich geplaudert: Marineide (?) ist „Gesundheitsassistentin“. Sie besucht regelmässig die Familien in ihrem Bezirk. Es sind etwa 120. Sie macht aber keine Arbeit. Wenn sie in ein Haus kommt, wo es nichts zu essen gibt? „Da kann ich nichts machen.“ Wer macht da was? Niemand. Sie weiss offenbar nicht, welche Hilfsmöglichkeiten es geben müsste, die Sesta (?) Basica zB, das Lebensmittelpaket.
Sr. Neide meint, der Bürgermeister macht bei dem Regierungsprogramm gegen den Hunger nicht mit. Er ist schlecht. Er kaufte die Leute bei der Wahl, schon öfter, und ist schon lange im Amt.
Marineide sagte: „Wir haben auch eine Sozialarbeiterin. Die ist die Tochter des Bürgermeisters. Die kann leichter etwas machen.“ So funktioniert hier das Sozialsystem. Zuständigkeit, Rechtsanspruch? Kennt man nicht. Ich glaube, ohne Familie bist Du hier vogelfrei.
Die „Stadt“ ist um einen grossen viereckigen Platz herum angelegt. Die Hauptstrassen sind aus Katzenkopfpflaster. 2 Esel (vierbeinige) stehen auf der Strasse und fressen, was an der Mauerritze wächst. Ein Senhor, alt, braungebrannt, mit Cowboyhut, reitet vorbei. Autos hats hier praktisch nicht. Ein paar Motorräder, Fahrräder.
Im Haus ist Fliesenboden – witzigerweise täuscht er vor, ein Plastikboden zu sein (bei uns umgekehrt). Es gibt fliessend kaltes Wasser, Dusche, WC. Mein Zimmer ist hübsch; alles ist ebenerdig. Im Klo sitzt ein Frosch und quakt und freut sich, dass die Kanalisation so einen guten Sound produziert. Die Schwestern haben einige Beete mit Kräutern, Salat, Gemüse – und Hendeln. Es gibt täglich frische Eier. 3 Hähne gibt’s, die haben mich vorgestern begrüsst – ich habe mich gleich irgendwie daheim gefühlt. Heute hats durch den Regen abgekühlt und vielleicht 25 °. Ich sitze mit der zweiten Schwester, Neide, vor dem Haus, unterm Dach. Sie häkelt, ich schreibe.
In S. Raimundo Nonato arbeitet Justina. Dort werde ich bei einem Kurs zur Herstellung von Spielzeug mitmachen. Schätze es wird nicht viel mit Arbeiten in einem Projekt, dafür lerne ich Verschiedenes kennen. Ich kanns nicht „derzwingen“. Aber es reut mich nicht – es ist halt anders als geplant. Vielleicht gelingt es mir, dass ich bei dem oft genannten „Roberto“ unterkomme. Der Kindergarten öffnet Mitte Februar. Bis dahin werde ich die „Pastoral da Crianca“ (Kinder-Seelsorge?) kennen lernen. Das ist eine sehr interessante Initiative. Grad lese ich darüber. Doch mehr davon, wenn ich es gesehen habe – sonst verkünde ich wieder Sachen, die nicht stimmen.
Schwester Justina, etwa 65, italienisches Blut; war Lehrerin, hat in Rom im Generalat als Sekretärin gearbeitet und den Schriftverkehr mit Vatikan und Behörden gemacht, dann mit Pastoral da Crianca begonnen, jetzt verantwortlich für Diözese, Macherin und lieb.
Schwester Neide, 72, sieht wie 60 aus, Krankenschwester ca. 55-80 im Spital im Süden, dann 10 Jahre in Sao Paulo Krankenschwester in der Schule, seit 10 Jahren hier, Gemeinschaft aufgebaut.
rosa_r - 9. Feb, 21:13
