12.2. Die sogenannen Armen
Die erste Nacht im neuen Bett: Gut geschlafen, bei leisen Kuhglocken statt lauten Haehnen.
;-)
Leider gibts hier kein Mosikitonetz und ich habe mich gut einwickeln und die Ohren einsprayen uessen. In der Frueh regnet es, ich setze mich raus, lese meine halbe Stunde unter Dach im Freien und mache mir dann Fruehstueck. Irgendwann faellt mir auf, dass wir keinen Strom haben. Macht nix, brauche nur den Gasherd.
Die Morgentoilette allerdings wird improvisiert, denn ich habe auch kein Wasser! Jetzt um 6 kann ich niemanden wecken, ich wasche mich mit dem Trinkwasser aus dem Kuehlschrank – entsprechend fluechtig!
Paulo, der Nachbar und Hausmeister kommt um 8 schliesst die zweite Wasserleitung an. “Wenn es soviel regnet, dann passiert das schon, dass Licht und Wasser nicht funktionieren.” erklaert er. “Was ist mit dem Fleisch im Gefrierfach?”frage ich besorgt. “Ach, bis zum Mittag ist alles wieder in Ordnung, das haelt das schon aus.” Und so ist es auch.
Ich lese und lerne, waehrend ein ordentliches Gewitter uebers Haus zieht. Danach besuche ich Paulo und Familie und spaziere zum Mittagessen um 11 wieder ins Haus von Maria Eloise. Heute ist auch der Vater da, gestern arbeitete er am Feld: Ein schlanker, drahtiger, freundlicher Herr mit dunklem Gesicht und kurzen weissen Haaren.
Er ist 78, gesund und beweglich, obwohl er noch immer jeden Tag koerperlich arbeitet. Der Acker liegt 10 km entfernt. Oft geht er zu Fuss hin und zurueck. Fuer Steins: Typ Onkel Emil aus dem Montafon.
Nach dem Mittagessen kann ich endlich ungestoert und laenger mit Peter am Telefon plaudern.
Roberto und Mary, eine Frau vom Ort, holen mich ab zu einer Fahrt ins Interior. Wir besuchen einige von Robertos Schuetzlingen und hier begegnet mir die Armut und der Stolz der Menschen am Land.
Bild: Roberto mit 2 seiner Klienten vor einem Haus im Interior

Irene ist etwa 30, sie lebt mit ihrer Mutter und drei Geschwistern in einem einfachen Haus von etwa 40 – 50 m2: Essraum ohne Tisch, Kueche mit gemauertem Holzherd, zwei kleine Schlafraeume mit Haengematten. Sie ist Mutter von fuenf Kindern von zwei Maennern, die Vaeter sind weg und unterstuetzen sie nicht.
Irene hatte im September einen schizophrenen Schub. Sie war einen Monat zur Behandlung im Krankenhaus. Die Kinder wurden in dieser Zeit bei verschiedenen Familien untergebracht, zwei davon sind allerdings schon wieder bei Irene.
Jetzt leben 7 Menschen in diesem Haus. “Wie fuehlst du dich denn?”fragt Roberto Irene. “Gut. Ich kann auf die Kinder aufpassen.” “Und wie geht es hier im Haus mit zwei Kindern mehr” fragt Roberto die Oma. “Es geht sich aus,” meine diese.
Wer in der Familie arbeiten kann, arbeitet auf dem Feld, um etwas zu verdienen. Ansonsten lebt man vom Kindergeld und der Minipension der Mutter.
Alle tragen saubere und zerrissene Kleider. Man serviert uns einen Cafezinho, plaudert ueber wichtiges und unwichtiges. Nach ¾ Stunden verabschieden wir uns. “Schon?” fragt man freundlich.
Roberto kann hier nicht viel helfen – sie wollen keine Hilfe mehr annehmen. Er wird gebeten, dafuer zu sorgen, dass das Geld von der Bank zur Familie kommt. Und vielleicht schafft er es, dass die Grossmutter sich die offenen Beine behandeln laesst.
Donna Madalena ist 62, sieht viel aelter aus, ist klein, hat warme Augen. Die Haende kann siewgen der Gicht nicht mehr bewegen, die Fuesse tuns noch. Im Haus gibt es keinen Wasserhahn. Sie ist davon abhaengig, dass ihr jemand Wasser vom Brunnen, etwa 500m entfernt, holt. In ihrem Haus sehe ich die Tonkruege stehen, die am Kopf getragen werden. An der Wand Fotos von den Kindern. Eine Tochter ist in Sao Paulo, seit 12 Jahren, ohne eine Nachricht zu geben. Das ist ihre groesste Sorge.
Der juengste Sohn, der in der letzten Zeit mit Frau und Kind vis a vis gewohnt hat, wird morgen abreisen. Er hat einen Job im Supermarkt der naechsten Kleinstadt bekommen. Dann ist sie wieder alleine im Haus.
“Wie wird das jetzt gehen?” fragt Roberto. “Wie es die letzten Jahre auch gegangen ist.” Sagt sie. Im Haus frage ich dies und das ab: Wie gehts mit Anziehen, mit Essen machen, Einkaufen etc. Auf die Frage: ”Wer hilft denn?” antwortet sie “Am allermeisten der Herrgott.” Ihr glaube ich das. In dieser Situation muss man verzagen, wenn man keinen Halt, keine innere Ruhe finden kann. Fuer sie ist das ihr Herrgott.
Sie will nicht weg aus ihrem Haeuschen. Hier hat sie ihre schoenen und schweren Jahre verbracht. Der Vater ihrer vier Kinder ist mit ihrer Kusine davon. Nach 10 Jahren ist er sterbenskrank zurueck gekommen, hilflos. Sie hat ihn die letzte Zeit gepflegt. “Er ist gekommen, um in diesen Armen zu sterben.” sagt sie ruhig und zeigt auf ihren duennen Koerper.
So eine kleine Frau, und so ein grosses Herz. So ist also das Leben der sogenannten “Armen”, die mir nicht ungluecklicher vorkommen wie manche Menschen, die ich im reichen Oesterreich kenne.
Im Abendgottesdienst werde ich von den Kindern gekapert, Williams und drei Maechen setzen sich zu mir und ich bin beschaeftigt, sie ein wenig ruhig zu halten. Geht ganz gut, denn Gottseidank laesst uns Roberto viel singen.
Nach der Celebracao bin ich zu Mary eingeladen. Sie erzaehlt mir ihre Lebensgeschichte. Ich plaudere mit ihren beiden jugendlichen Soehnen und den etwas aelteren Toechtern von etwa 20 Jahren ueber die Lebensperspektiven hier. Schliesslich uebersetzen wir mit vereinten Kraeften einen Madonna-Song. Herz-Schmerz! “Standing on the bridge, waiting in the dark, thought that you’d be here by now…”
Auch Mary hat die Kinder ohne Mann gross gezogen, er hat sie oefter verpruegelt, auch vor allen Menschen im Geschaeft. Die aelteste Tochter, die Buergermeisterin und Roberto haben ihr zur Unabhaengigkeit geholfen.
Sie sieht so gut aus und ist eine aufmerksame, interessante Gespraechspartnerin.
Mary geht 5 x in der Woche aufs Feld und Kuehe melken. “3 Liter gibt eine Kuh, aber ich nehme ihr nur 2”, sagt sie. Ich staune.
Um halb elf begleiten sie mich nach Hause. Auch eine beeindruckende Familie.
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Leider gibts hier kein Mosikitonetz und ich habe mich gut einwickeln und die Ohren einsprayen uessen. In der Frueh regnet es, ich setze mich raus, lese meine halbe Stunde unter Dach im Freien und mache mir dann Fruehstueck. Irgendwann faellt mir auf, dass wir keinen Strom haben. Macht nix, brauche nur den Gasherd.
Die Morgentoilette allerdings wird improvisiert, denn ich habe auch kein Wasser! Jetzt um 6 kann ich niemanden wecken, ich wasche mich mit dem Trinkwasser aus dem Kuehlschrank – entsprechend fluechtig!
Paulo, der Nachbar und Hausmeister kommt um 8 schliesst die zweite Wasserleitung an. “Wenn es soviel regnet, dann passiert das schon, dass Licht und Wasser nicht funktionieren.” erklaert er. “Was ist mit dem Fleisch im Gefrierfach?”frage ich besorgt. “Ach, bis zum Mittag ist alles wieder in Ordnung, das haelt das schon aus.” Und so ist es auch.
Ich lese und lerne, waehrend ein ordentliches Gewitter uebers Haus zieht. Danach besuche ich Paulo und Familie und spaziere zum Mittagessen um 11 wieder ins Haus von Maria Eloise. Heute ist auch der Vater da, gestern arbeitete er am Feld: Ein schlanker, drahtiger, freundlicher Herr mit dunklem Gesicht und kurzen weissen Haaren.
Er ist 78, gesund und beweglich, obwohl er noch immer jeden Tag koerperlich arbeitet. Der Acker liegt 10 km entfernt. Oft geht er zu Fuss hin und zurueck. Fuer Steins: Typ Onkel Emil aus dem Montafon.
Nach dem Mittagessen kann ich endlich ungestoert und laenger mit Peter am Telefon plaudern.
Roberto und Mary, eine Frau vom Ort, holen mich ab zu einer Fahrt ins Interior. Wir besuchen einige von Robertos Schuetzlingen und hier begegnet mir die Armut und der Stolz der Menschen am Land.
Bild: Roberto mit 2 seiner Klienten vor einem Haus im Interior

Irene ist etwa 30, sie lebt mit ihrer Mutter und drei Geschwistern in einem einfachen Haus von etwa 40 – 50 m2: Essraum ohne Tisch, Kueche mit gemauertem Holzherd, zwei kleine Schlafraeume mit Haengematten. Sie ist Mutter von fuenf Kindern von zwei Maennern, die Vaeter sind weg und unterstuetzen sie nicht.
Irene hatte im September einen schizophrenen Schub. Sie war einen Monat zur Behandlung im Krankenhaus. Die Kinder wurden in dieser Zeit bei verschiedenen Familien untergebracht, zwei davon sind allerdings schon wieder bei Irene.
Jetzt leben 7 Menschen in diesem Haus. “Wie fuehlst du dich denn?”fragt Roberto Irene. “Gut. Ich kann auf die Kinder aufpassen.” “Und wie geht es hier im Haus mit zwei Kindern mehr” fragt Roberto die Oma. “Es geht sich aus,” meine diese.
Wer in der Familie arbeiten kann, arbeitet auf dem Feld, um etwas zu verdienen. Ansonsten lebt man vom Kindergeld und der Minipension der Mutter.
Alle tragen saubere und zerrissene Kleider. Man serviert uns einen Cafezinho, plaudert ueber wichtiges und unwichtiges. Nach ¾ Stunden verabschieden wir uns. “Schon?” fragt man freundlich.
Roberto kann hier nicht viel helfen – sie wollen keine Hilfe mehr annehmen. Er wird gebeten, dafuer zu sorgen, dass das Geld von der Bank zur Familie kommt. Und vielleicht schafft er es, dass die Grossmutter sich die offenen Beine behandeln laesst.
Donna Madalena ist 62, sieht viel aelter aus, ist klein, hat warme Augen. Die Haende kann siewgen der Gicht nicht mehr bewegen, die Fuesse tuns noch. Im Haus gibt es keinen Wasserhahn. Sie ist davon abhaengig, dass ihr jemand Wasser vom Brunnen, etwa 500m entfernt, holt. In ihrem Haus sehe ich die Tonkruege stehen, die am Kopf getragen werden. An der Wand Fotos von den Kindern. Eine Tochter ist in Sao Paulo, seit 12 Jahren, ohne eine Nachricht zu geben. Das ist ihre groesste Sorge.
Der juengste Sohn, der in der letzten Zeit mit Frau und Kind vis a vis gewohnt hat, wird morgen abreisen. Er hat einen Job im Supermarkt der naechsten Kleinstadt bekommen. Dann ist sie wieder alleine im Haus.
“Wie wird das jetzt gehen?” fragt Roberto. “Wie es die letzten Jahre auch gegangen ist.” Sagt sie. Im Haus frage ich dies und das ab: Wie gehts mit Anziehen, mit Essen machen, Einkaufen etc. Auf die Frage: ”Wer hilft denn?” antwortet sie “Am allermeisten der Herrgott.” Ihr glaube ich das. In dieser Situation muss man verzagen, wenn man keinen Halt, keine innere Ruhe finden kann. Fuer sie ist das ihr Herrgott.
Sie will nicht weg aus ihrem Haeuschen. Hier hat sie ihre schoenen und schweren Jahre verbracht. Der Vater ihrer vier Kinder ist mit ihrer Kusine davon. Nach 10 Jahren ist er sterbenskrank zurueck gekommen, hilflos. Sie hat ihn die letzte Zeit gepflegt. “Er ist gekommen, um in diesen Armen zu sterben.” sagt sie ruhig und zeigt auf ihren duennen Koerper.
So eine kleine Frau, und so ein grosses Herz. So ist also das Leben der sogenannten “Armen”, die mir nicht ungluecklicher vorkommen wie manche Menschen, die ich im reichen Oesterreich kenne.
Im Abendgottesdienst werde ich von den Kindern gekapert, Williams und drei Maechen setzen sich zu mir und ich bin beschaeftigt, sie ein wenig ruhig zu halten. Geht ganz gut, denn Gottseidank laesst uns Roberto viel singen.
Nach der Celebracao bin ich zu Mary eingeladen. Sie erzaehlt mir ihre Lebensgeschichte. Ich plaudere mit ihren beiden jugendlichen Soehnen und den etwas aelteren Toechtern von etwa 20 Jahren ueber die Lebensperspektiven hier. Schliesslich uebersetzen wir mit vereinten Kraeften einen Madonna-Song. Herz-Schmerz! “Standing on the bridge, waiting in the dark, thought that you’d be here by now…”
Auch Mary hat die Kinder ohne Mann gross gezogen, er hat sie oefter verpruegelt, auch vor allen Menschen im Geschaeft. Die aelteste Tochter, die Buergermeisterin und Roberto haben ihr zur Unabhaengigkeit geholfen.
Sie sieht so gut aus und ist eine aufmerksame, interessante Gespraechspartnerin.
Mary geht 5 x in der Woche aufs Feld und Kuehe melken. “3 Liter gibt eine Kuh, aber ich nehme ihr nur 2”, sagt sie. Ich staune.
Um halb elf begleiten sie mich nach Hause. Auch eine beeindruckende Familie.
rosa_r - 14. Feb, 01:55

