Dienstag, 14. Februar 2006

12.2. Die sogenannen Armen

Die erste Nacht im neuen Bett: Gut geschlafen, bei leisen Kuhglocken statt lauten Haehnen.
;-)
Leider gibts hier kein Mosikitonetz und ich habe mich gut einwickeln und die Ohren einsprayen uessen. In der Frueh regnet es, ich setze mich raus, lese meine halbe Stunde unter Dach im Freien und mache mir dann Fruehstueck. Irgendwann faellt mir auf, dass wir keinen Strom haben. Macht nix, brauche nur den Gasherd.

Die Morgentoilette allerdings wird improvisiert, denn ich habe auch kein Wasser! Jetzt um 6 kann ich niemanden wecken, ich wasche mich mit dem Trinkwasser aus dem Kuehlschrank – entsprechend fluechtig!

Paulo, der Nachbar und Hausmeister kommt um 8 schliesst die zweite Wasserleitung an. “Wenn es soviel regnet, dann passiert das schon, dass Licht und Wasser nicht funktionieren.” erklaert er. “Was ist mit dem Fleisch im Gefrierfach?”frage ich besorgt. “Ach, bis zum Mittag ist alles wieder in Ordnung, das haelt das schon aus.” Und so ist es auch.

Ich lese und lerne, waehrend ein ordentliches Gewitter uebers Haus zieht. Danach besuche ich Paulo und Familie und spaziere zum Mittagessen um 11 wieder ins Haus von Maria Eloise. Heute ist auch der Vater da, gestern arbeitete er am Feld: Ein schlanker, drahtiger, freundlicher Herr mit dunklem Gesicht und kurzen weissen Haaren.
Er ist 78, gesund und beweglich, obwohl er noch immer jeden Tag koerperlich arbeitet. Der Acker liegt 10 km entfernt. Oft geht er zu Fuss hin und zurueck. Fuer Steins: Typ Onkel Emil aus dem Montafon.

Nach dem Mittagessen kann ich endlich ungestoert und laenger mit Peter am Telefon plaudern.
Roberto und Mary, eine Frau vom Ort, holen mich ab zu einer Fahrt ins Interior. Wir besuchen einige von Robertos Schuetzlingen und hier begegnet mir die Armut und der Stolz der Menschen am Land.
Bild: Roberto mit 2 seiner Klienten vor einem Haus im Interior
3-vor-dem-haus

Irene ist etwa 30, sie lebt mit ihrer Mutter und drei Geschwistern in einem einfachen Haus von etwa 40 – 50 m2: Essraum ohne Tisch, Kueche mit gemauertem Holzherd, zwei kleine Schlafraeume mit Haengematten. Sie ist Mutter von fuenf Kindern von zwei Maennern, die Vaeter sind weg und unterstuetzen sie nicht.
Irene hatte im September einen schizophrenen Schub. Sie war einen Monat zur Behandlung im Krankenhaus. Die Kinder wurden in dieser Zeit bei verschiedenen Familien untergebracht, zwei davon sind allerdings schon wieder bei Irene.
Jetzt leben 7 Menschen in diesem Haus. “Wie fuehlst du dich denn?”fragt Roberto Irene. “Gut. Ich kann auf die Kinder aufpassen.” “Und wie geht es hier im Haus mit zwei Kindern mehr” fragt Roberto die Oma. “Es geht sich aus,” meine diese.

Wer in der Familie arbeiten kann, arbeitet auf dem Feld, um etwas zu verdienen. Ansonsten lebt man vom Kindergeld und der Minipension der Mutter.

Alle tragen saubere und zerrissene Kleider. Man serviert uns einen Cafezinho, plaudert ueber wichtiges und unwichtiges. Nach ¾ Stunden verabschieden wir uns. “Schon?” fragt man freundlich.

Roberto kann hier nicht viel helfen – sie wollen keine Hilfe mehr annehmen. Er wird gebeten, dafuer zu sorgen, dass das Geld von der Bank zur Familie kommt. Und vielleicht schafft er es, dass die Grossmutter sich die offenen Beine behandeln laesst.

Donna Madalena ist 62, sieht viel aelter aus, ist klein, hat warme Augen. Die Haende kann siewgen der Gicht nicht mehr bewegen, die Fuesse tuns noch. Im Haus gibt es keinen Wasserhahn. Sie ist davon abhaengig, dass ihr jemand Wasser vom Brunnen, etwa 500m entfernt, holt. In ihrem Haus sehe ich die Tonkruege stehen, die am Kopf getragen werden. An der Wand Fotos von den Kindern. Eine Tochter ist in Sao Paulo, seit 12 Jahren, ohne eine Nachricht zu geben. Das ist ihre groesste Sorge.
Der juengste Sohn, der in der letzten Zeit mit Frau und Kind vis a vis gewohnt hat, wird morgen abreisen. Er hat einen Job im Supermarkt der naechsten Kleinstadt bekommen. Dann ist sie wieder alleine im Haus.

“Wie wird das jetzt gehen?” fragt Roberto. “Wie es die letzten Jahre auch gegangen ist.” Sagt sie. Im Haus frage ich dies und das ab: Wie gehts mit Anziehen, mit Essen machen, Einkaufen etc. Auf die Frage: ”Wer hilft denn?” antwortet sie “Am allermeisten der Herrgott.” Ihr glaube ich das. In dieser Situation muss man verzagen, wenn man keinen Halt, keine innere Ruhe finden kann. Fuer sie ist das ihr Herrgott.

Sie will nicht weg aus ihrem Haeuschen. Hier hat sie ihre schoenen und schweren Jahre verbracht. Der Vater ihrer vier Kinder ist mit ihrer Kusine davon. Nach 10 Jahren ist er sterbenskrank zurueck gekommen, hilflos. Sie hat ihn die letzte Zeit gepflegt. “Er ist gekommen, um in diesen Armen zu sterben.” sagt sie ruhig und zeigt auf ihren duennen Koerper.

So eine kleine Frau, und so ein grosses Herz. So ist also das Leben der sogenannten “Armen”, die mir nicht ungluecklicher vorkommen wie manche Menschen, die ich im reichen Oesterreich kenne.

Im Abendgottesdienst werde ich von den Kindern gekapert, Williams und drei Maechen setzen sich zu mir und ich bin beschaeftigt, sie ein wenig ruhig zu halten. Geht ganz gut, denn Gottseidank laesst uns Roberto viel singen.

Nach der Celebracao bin ich zu Mary eingeladen. Sie erzaehlt mir ihre Lebensgeschichte. Ich plaudere mit ihren beiden jugendlichen Soehnen und den etwas aelteren Toechtern von etwa 20 Jahren ueber die Lebensperspektiven hier. Schliesslich uebersetzen wir mit vereinten Kraeften einen Madonna-Song. Herz-Schmerz! “Standing on the bridge, waiting in the dark, thought that you’d be here by now…”

Auch Mary hat die Kinder ohne Mann gross gezogen, er hat sie oefter verpruegelt, auch vor allen Menschen im Geschaeft. Die aelteste Tochter, die Buergermeisterin und Roberto haben ihr zur Unabhaengigkeit geholfen.
Sie sieht so gut aus und ist eine aufmerksame, interessante Gespraechspartnerin.

Mary geht 5 x in der Woche aufs Feld und Kuehe melken. “3 Liter gibt eine Kuh, aber ich nehme ihr nur 2”, sagt sie. Ich staune.

Um halb elf begleiten sie mich nach Hause. Auch eine beeindruckende Familie.

11.2. Ankunft in Sao Miguel

In Paes Landim haelt kein Bus. Wer nicht zu Fuss gehen will, organisiert sich eine sogenannte Carona, eine Mitfahrgelegenheit. Abadia und Sebastian, die zwei von der Opposition, fahren zweimal in der Woche nach Sao Miguel, weil sie hier ein kleines Geschaeft haben. Um 7:30 gehts los, meinten sie, mehr oder weniger. Aber die Nacht war kurz fuer die beiden. Sie beginnen um 7:30 erst mit dem Beladen des Autos. Um 9:00 Uhr fahren wir los, der Weg ist nicht befestigt, nur die typische rote Erde, oefter queren wir Wasserloecher, die so breit sind wie die ganze Strasse.
Bild - Der hat grad den Weg frei gemacht..
esel

Um ¾ 10 in Sao Miguel erwartet mich Roberto im Pfarrhaus. Er duerfte etwas aelter sein als ich, ist gross und duenn. Er spricht gut verstaendliches und hollaendisch-weiches Portugiesisch.
Er scheint ein praktischer Mensch zu sein und macht nicht viele Zeremonien. Als erstes wird die Frage der Unterkunft geklaert. Ich kann aussuchen: Allein wohnen in der Fundacao oder bei Maria Eloisa, der Leiterin des Projektes. Die besuchen wir als erstes. Der Einfachheit halber nenne ich sie Maria, denn ihre Mutter heisst auch Eloisa.

Dann spazieren wir zu dritt zum Gebauede, das keine 5 Minuten entfernt am Rand der Ortschaft liegt. Das Haus ist neu, das Projekt wurde 2005 eroeffnet. In der Mitte des schoenen, hellen Hauses befindet sich eine grosse offene, ueberdachte Aula im Ausmass von etwa 10 x 20 m; rechts und links davon liegen die Raueme fuer die Kindergruppen: “Gruppe Sonnenstrahl” und “Gruppe Glueckskind”lese ich ueber den Tueren.
Weiters gibts eine Kueche, Speisekammer und Waschraum, den Informatikraum, das Buero, einige WC, einen Besprechungsraum, der auch als Bibliothek dient, und mein Zimmer-Bad Apartement.

Die Vorstellung, endlich allein sein zu koennen, ist verlockend, gerne nehme ich an.
Roberto und Maria haendigen mir gleich alle wichtigen Schluessel aus und zeigen mir, wie ich ins Internet einsteigen kann.
Ich bin ueberrascht, wie selbstverstaendlich hier alles fuer mich geoeffnet wird, als waere ich eine alte Bekannte.

Maria begleitet mich anschliessend zum Einkaufen. Ich muss mich ja jetzt selber ernaehren. Brot isst man hier nicht, gibts auch nicht zu kaufen. Alle arbeiten auf dem Feld und essen Mais zum Fruehstueck. Ich werde also auch Riebel machen!
Obst und Gemuese gibt es nur zweimal in der Woche: Freitag und heute, Samstag. Glueck gehabt!

Sebastian und Abadia finde ich in ihrem Geschaeft. Sie freuen sich, dass ich vorbei komme und laden mich ein, die Familie kennen zu lernen. Im oberen Stock wohnt naemlich die Schwester von Abadia und der Bruder von Sebastian. Die beiden sind ebenfalls bald 10 Jahre verheiratet. Also rauf und ein wenig plaudern, und ueberall laeuft der Fernseher...

Zum Mittagessen sind wir im Haus von Maria eingeladen. Ihre Mama hat gekocht: Reis, Bohnen, Ripperl, Salat.
Die gemauert Kochstelle befindet sich im Hof, dort gibt es auch ein kleines Schwein, Huehner und Katzen. Weiters einen grossen Esstisch, den Waschtisch fuer Geschirr und Waesche und einen hohen Arbeitstisch.

Im Haus wird fuer uns drei aufgedeckt. Ich frage verwundert, ob die anderen nicht mitesssen und loese damit ein wenig Hektik aus. “Rosa will, dass wir alle zusammen essen!” heisst es, aber die Anwesenden verdruecken sich mit guten Gruenden. Mama Koechin, entschuldigt sich, dass es leider nicht so leicht ist, alle gleichzeitig an den Tisch zu bekommen und isst selber im Freien.

Maria, Roberto und ich bleiben also unter uns. Maria duerfte Ende 30 sein. Sie hat 8 leibliche Geschwister und einen kleinen Adoptivbruder, den 9-jaehrigen Williams. Einige Jahre arbeitete sie in einem Kinderheim im Nachbarstaat Bahia, in Salvador. Als sie von dort wieder nach Hause uebersiedelte, nahm sie Williams mit. Die Eltern haben ihn schliesslich als 10. Kind adoptiert. Er ist kleinwuechsig und quicklebendig.

Von Maria und ihrer Mutter werde ich eingeladen, bei ihnen im Haus zu schlafen. “Ich haette Angst, so allein da draussen”, meint Maria. “Gibt es einen Grund dafuer?” frage ich mal vorsichtshalber nach. Nein, der Ort ist ruhig, versichern sie. “Hier wird nicht gestohlen, du kannst alles offen lassen.” Nur, die Brasilianerinnen wundern sich: Es ist doch niemand gern allein.

Nach dem Mittagessen beziehe ich mein Zimmer, telefoniere mit Peter, der gottseidank zuhause ist, und lege mich erst mal nieder. Eine Mini-Mitteilung im Blog kostet mich 15 Minuten und Roberto 3 Reais, denn das Netz ist extrem langsam.

In der Ruhe des Nachmittags ist dann ein ausfuehrliches Gespraech mit Roberto moeglich, ueber seine Gruende hier zu leben und die Idee des Projektes. Naeheres folgt.

Ab 4 gibts in der Fundacao Informatik-Unterricht. Heute lehrt Ivone, 18 Jahre alt. Es haengt ein wenig vom Wetter ab, wie viele Schueler erscheinen, heute sind es zwei Kinder. Zuerst heisst es eine halbe Stunde mit Word oder Excel kaempfen, danach duerfen sie zeichnen oder spielen.
Ich lasse mir von der kleinen Bruna das Zeichenprogramm erklaeren – es ist so leicht hier mit allen in Kontakt zu kommen.

Um 6 mache ich mir ein paar Erdaepfel zum Abendessen, kille die Ameisen in der Kueche und geniesse das Essen in der Aula mit Blick auf den See.

Rund um uns ist alles Gruen. Grosse weisse Reiher ziehen ueber den See.
Kleine Stelzenvoegel spazieren vor dem Haus herum und machen ein unglaubliches Geschrei. Um 3/4 7 hoere ich eine Kirchenglocke. Zum ersten mal, seit Monaten. Ob ich Roberto falsch verstanden habe, und der Gottesdienst ist doch schon heute?

Ich marschiere also zur Kirche. Dort werde ich freundlich begruesst, es gibt eine Marienandacht und wir sind etwa 10 Frauen.
Nachher sitze ich noch lange draussen auf dem Platz vor der Kirche und plaudere mit Kindern und Jugendlichen. Sie haben so schoene Namen, aber ich vergesse sie sofort, es ist zuviel Neues fuer mich!

“Geh in der Nacht ins Internet”, empfahl mir Roberto, das mache ich auch und freue mich ueber die Beitraege im Blog.
Mondschein ueber dem See, gute Nacht!

Das wichtigste KURZ

Endlich Fotos! - ab 1.2.. Dieses Blog enthaelt Notizen und Fotos bis zum 23.2., der ersten Zeit in Piaui. Fortsetzung unter <2brasil.twoday.net>!!!!!!!! Seit 30.1. geniesse das Landleben im "Wilden Westen" von Brasilien - das ist der Nordosten, genauer gesagt Bundesstaat Piaui! Derzeit wohne ich in der Fundacao ASAS, einem privaten Bildungsprojekt fuer Kinder aus benachteiligten Familien. Roberto, der Gruender, ist Hoellaender und arbeitet hier als Seelsorger. Die Gemeinde Sao Miguel hat etwa 3000 EW, laendlicher Raum, schoene Natur, derzeit angenehm sommerliches Wetter. Ich arbeite im Buero, habe viel Kontakt mit Kindern und besuche Familien. Die ersten 2,5 Monate habe ich in Sao Paulo gelebt, in verschiedenen Haeusern der Schwestern der Congregatio Jesu: Zentrale, Schule, Peripherie. Besuchte Sozialprojekte, interviewte interessante Menschen, recherierte viel im Internet, lernte portugiesisch und half ehrenamtlich mit.

Info fuer AllesleserInnen

Das Tagebuch ist wieder aktuell. Falls dein PC manche Tage nicht anzeigt, gehe in der obersten Befehlszeile auf "brasil" und wenn die Auswahl sich zeigt auf "Tagebuch". Die Suchmaschine funktioniert auch, allerdings muss man halt wissen, was man finden will... Peter und Heidrun wissen normalerweise, wie es mir geht: peter.hirsch@atnet.at; HeidrunLange1984@aol.com

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