Donnerstag, 16. Februar 2006

14.2. Rosa lehrt Buchhaltung

Oh wie gut, dass ich mit Alex am seinem Kostenrechnungsartikel fuer unser Buch gearbeitet habe. Fuer jede Minute bin ich jetzt dankbar und erzaehle munter seine Geschichten weiter: Vom Sinn und Zweck der vielen Zahlen im Management... hihi!

Und neben dieser ziemlich ungewohnten Rolle der Lehrerin fuer BWL-Theorie begebe ich mich auch noch in die Praxisberatung.
Die Damen ueberarbeiten mit mir ihre Dokumente fuer die Geldgeschaefte.
Das Kassabuch wird ab jetzt in Excel gefuehrt, das heisst ich bringe ihnen meine minimalen Excel-Kenntnisse bei. Und sie sind dennoch begeistert.
Bild - Maria, die Leiterin und Eliane, im 8. Monat schwanger, vorne
maria-e-eliane

Mit Roberto rede ich uebers Budgetieren. Er will genauer wissen, was eine Abschreibung ist und was eine Rueckstellung. Schluck! Gottseidank fragt er nicht zu genau, wir bleiben gerade noch auf dem schmalen Pfad meiner Kenntnisse.

Kann vielleicht einer von euch mal da vorbei kommen, die ihr mir das immer so locker erzaehlt? Aber Vorsicht, sagt ja nichts anders, als ich hier verbreitet habe!
;-)

Am spaeteren Nachmittag fasse ich nach, um die etwaige Sitzung zu klaeren. Es ist nicht leicht, die beide Leitungsfiguren an einen Tisch zu bekommen. Hier ist jeder staendig am werkeln und unterwegs. Die Kommunikation ist duenn, die Planung noch duenner, aber das gegenseitige Wohlwollen und die selbstverstaendliche Flexibilitaet gleichen das aus. Noch zumindest.

Roberto spricht sehr offen ueber die Enttaeuschungen, die er auch erlebt hat, beim sogenannten “Uebergang in die Organisierungsphase” und welche Huerden auf das Projekt und ihn persoenlich zukommen.
Beide moechten meine Anwesenheit nuetzen, um das Arbeitsjahr mit einer Reflexionssitzung mit allen Mitarbeitenden zu beginnen. Wir entwickeln die Ziele und den roten Faden.

Ich bin mit dem Tag sehr zufrieden, war ja richtige Arbeit.
Und zu allem Glueck ruft auch noch Peter an!

Um halb sieben kommt mich wieder ein Schueppel Kinder besuchen. Ich bin gerade dabei, eine Suppe zu machen und lasse alle mitkochen und mitessen. Lustig wirds, als der Strom ausgeht. Maria kommt, um nach dem rechten zu sehen. Mit Taschenlampen spazieren wir auf die Praca, denn auch die Strassenbeleuchtung fehlt.
Die Girls finden sich in Gruppen, singen und tanzen den Sommerhit: tschiribim tschiribimm.... der praktisch ununterbrochen im Radio laeuft.

Maria will mich noch Donna Teresa vorstellen. Sie ist eine wichtige Frau, Clanmutter der Politikerfamilie, zu der auch Abadia gehoert. Eine gepflegte, schlanke Dame mit ca. 70 Jahren. Sie traegt eine kleine rote Anstecknadel an ihrem bodenlangen Kleid: “PT” (Arbeiterpartei). Eine Erscheinung, kaum zu glauben, dass sie hier aufgewachsen ist.

Sie ist auf der Durchreise und wer es rechtzeitig erfahren hat, wie Maria, macht seine Aufwartung. Vornehm steigt sie in die Gespraeche ein und hoert sie sich die Anliegen der Bittstellerinnen an. Sie ermutigt und bestaerkt, ohne konkrete Versprechungen zu machen.

Ein sanftes und troestendes Zeremoniell, fast wie eine Andacht zur “Nossa Senhora”.

13.2. Montag - Arbeitsbeginn

Ab heute gehts also los mit dem Vorbereitungs-Betrieb in der Fundacao. Die Kinder kommen Anfang Maerz, und bis dahin gibt es viel zu tun.

Ich habe noch sehr vage Vorstellungen, was ich beitragen kann, aber Roberto meint, er moechte viel ueber die Organisation einer Schule von mir lernen. Vamos ver, wer da mehr profitiert – er oder ich?

Die Fundacao hat im August 2004 begonnen, Foerderstunden fuer die Kinder anzubieten, die in der Schule besondere Schwierigkeiten haben.
Sie betreuen 50 Kinder der ersten vier Schulstufen. Manche besuchten diese allerdings schon mehrmals...
2 Kindergruppen sind vormittags da, 2 nachmittags, entsprechend sind 2 Lehrerinnen angestellt. Maria ist Leiterin und arbeitet im Buero. Sie macht die Elternarbeit und hilft bei den schwierigen Kindern, denn sie hat dafuer eine besonders gute Hand.

Bild: Die Fundacao
fundacao

2 Frauen sind fuer Reinigung und Kueche da – die Kinder erhalten eine Jause - und Paulo, der Hausmeister, rettet in jeder Not.
Neben der Schule beherbergt die Fundacao auch die Digitalstation, ein Projekt der Banco Brasil, um Informatik den Menschen nahe zu bringen.

Die Schule ist als gemeinnuetzige Stiftung angemeldet. Roberto ist der Praesident des Direktoriums und kuemmert sich hauptsaechlich um die Aussenkontakte.

Taeglich zwischen halb acht und acht kommen Eliane, die als Sekretaerin begonnen hat und dann als Lehrerin eingesprungen ist, und Maria. Heute wird Maria erst spaeter kommen, denn sie macht eine theologische Ausbildung und steckt noch in Floriana, der Universitaetsstadt.

Am Vormittag mache ich mich nuetzlich und schreibe fuer sie Liedertexte ab. Um 10 kommt Roberto. Nach einer Weile beginnen wir ueber die Freuden und Leiden des Leitens zu sprechen und ich erzaehle das Modell der Lebensphasen von Organisationen. Roberto lacht, als er die Schilderung der Pionierphase hoert: “Hoer gut zu Eliane! Sie redet von uns!”

Zu Mittag gehen die beiden nach Hause und ich koche mir was Gutes. Die gewohnte Sesta wird zweimal unterbrochen: Mary bringt Kokosnuesse aus ihrem Garten und die kleine Franziska bringt Karambol-Fruechte (Sternenfruechte). Ich freue mich sehr, aber schmeisse die beiden doch raus, denn mein Mittagsschlaefchen ist heilig. Spaeter werden wir uns auf der “Praca”, dem Kirchplatz, treffen!

Um vier kommen Maria und Williams. Maria hat aus der Stadt ein Moskitonetz fuer mich mitgebracht, und frisches Brot!
Roberto hegt Plaene, mit dem Team eine Sitzung ueber die Organisationsentwicklung zu machen, die ich moderieren soll. Wir stecken erste Rahmenbedingungen im Gespraech zu dritt ab.

Zum Abendessen gibts die legendaere Tomatensuppe mit Nockerl und danach begleiten mich Maria und Williams in die Stadt.
Zuerst gehe ich mich fuer die Fruechte bedanken und ein bisserl plauschen und erzaehlen von der Kathedrale, die geschlossen ist vor lauter Schnee...
Der Dialekt hier ist hoellisch. Ich kann mir jetzt vorstellen wie es Monika und Jarek geht, wenn wir Mundart reden.

“Es ist ein guter Platz hier!” gratuliere ich. “Ja, bei uns ist Frieden. Da bist du sicher. Du kannst auf der Strasse schlafen, wenn du magst, wenn es nicht regnet.” meint der alte Onkel stolz. “Sperrt ihr eure Tueren also nicht zu in der Nacht?” frage ich augenzwinkernd nach. Alles lacht: “Aber natuerlich!”

Es ist ein Teil des Spiels “Kontakt”. Die Eintrittskarte ist Wertschaetzung. “Ich schaute nicht auf das, was alles unterschiedlich ist zu Europa. Ich schaute mehr auf das, was aehnlich ist.” meinte Roberto, und so mache ich es auch.

Das heisst also nicht kritisieren und besser wissen, sondern bewundern, was mir bewunderswert scheint. Dann kommt irgendwann ein spannender Zeitpunkt: Kann ich schon zeigen, dass ich nicht mehr an die perfekte Aussenfassade glaube? Koennen sie mir schon ein wenig mehr von der Realitaet zutrauen? Koennen wir trotzdem zusammen lachen?
Wie weit oeffnet sich die Tuere? Ein prickelndes Abtasten.

Mit Maria geht sie ein grosses Stueck auf heute Nacht. Wir sitzen noch lange auf der Praca und fuehren eine schoenes Frauengespraech.
Maria hat schon viel verschiedenes in ihrem Leben gemacht, z.B. in der Textilindustrie als Arbeiterin, im Altersheim und im Kinderheim gearbeitet.
Sie ist Mitglied einer Gemeinschaft von Frauen, die nach der Regel des Franziskus leben, aber nicht in einem Kloster, sondern bei ihren Familien oder allein bzw in kleinen Gruppen.

Zu dieser warmen und waermende Nacht faellt mir aus Goethes Maerchen von der gruenen Schlange ein:

Was ist kostbarer als Gold?
Das Licht! sagte die gruene Schlange.
Was ist erquickender als das Licht?
Das Gespraech! Antwortete sie.

Das wichtigste KURZ

Endlich Fotos! - ab 1.2.. Dieses Blog enthaelt Notizen und Fotos bis zum 23.2., der ersten Zeit in Piaui. Fortsetzung unter <2brasil.twoday.net>!!!!!!!! Seit 30.1. geniesse das Landleben im "Wilden Westen" von Brasilien - das ist der Nordosten, genauer gesagt Bundesstaat Piaui! Derzeit wohne ich in der Fundacao ASAS, einem privaten Bildungsprojekt fuer Kinder aus benachteiligten Familien. Roberto, der Gruender, ist Hoellaender und arbeitet hier als Seelsorger. Die Gemeinde Sao Miguel hat etwa 3000 EW, laendlicher Raum, schoene Natur, derzeit angenehm sommerliches Wetter. Ich arbeite im Buero, habe viel Kontakt mit Kindern und besuche Familien. Die ersten 2,5 Monate habe ich in Sao Paulo gelebt, in verschiedenen Haeusern der Schwestern der Congregatio Jesu: Zentrale, Schule, Peripherie. Besuchte Sozialprojekte, interviewte interessante Menschen, recherierte viel im Internet, lernte portugiesisch und half ehrenamtlich mit.

Info fuer AllesleserInnen

Das Tagebuch ist wieder aktuell. Falls dein PC manche Tage nicht anzeigt, gehe in der obersten Befehlszeile auf "brasil" und wenn die Auswahl sich zeigt auf "Tagebuch". Die Suchmaschine funktioniert auch, allerdings muss man halt wissen, was man finden will... Peter und Heidrun wissen normalerweise, wie es mir geht: peter.hirsch@atnet.at; HeidrunLange1984@aol.com

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