18.2. Ueber dem See
Dass ich noch nie am See war hat zwei Gruende: Es gibt keinen Badestrand mit Kiosk... und es gibt Piranhas. Scheinbar auch Krokodile. Jedenfalls kann hier niemand schwimmen und ich nehme an, dass das Gruende hat.
Mary hat mich schon lange zu einem Ausflug an den See eingeladen. Ihr Acker und ihr Haus im “Interior” liegen am anderen Seeufer. Dorthin wollen wir heute gehen und ich will unbedingt ausprobieren, wie man ein Reisfeld putzt.
Bild: Reiher

Um 8 spazieren wir los: Mary, ihre beiden Buben von 15 und 13 Jahren und ein Nachbarsbub von etwa 10 Jahren und ich. Maria (die Koordinatorin der Fundacao) hat mir ihre Plastiksandalen geborgt, die sind jetzt Gold wert. Meine sind zwar bequemer, aber aus Leder.
Quer durch Buesche schlagen wir uns durch zum See. Dort liegen zwei kleine, einfache Ruderboote von Mary. Das etwas groessere steht halbvoll Wasser. Mary und die Buben schoepfen aus, dann gehts los. Mary rudert geschickt – und das muss sie auch, denn der Rand des Bootes liegt nur wenig ueber der Wasseroberflaeche. Das Wasser ist warm und total ruhig. Der See sei 5 m tief, meint Mary.
Am Ufer sehe ich 4 verschiedene Stelzenvoegel und als ich das Fernglas herausziehe, werden die Buben aufmerksam. So wie ich, sind auch sie begeistert, die Voegel ploetzlich aus der Naehe sehen zu koennen: Wie sie genau aussehen, wie sie sich putzen, langsam im Wasser stolzieren und fischen etc.
Wir legen an und marschieren querfeldein zu Marys Kuehen. 2 Milchkuehe und zwei Junge warten in ihren Verschlaegen. Das eine Kalb darf noch bei der Mutter trinken. Beide sind mehr als mager. “Wird sich bessern, die Mutter war krank.” gibt sich Mary gelassen. Mary melkt rasch die zwei Liter im hocken, ohne Schemel, mit einer Hand.
Bild: Mary oeffnet den Zaun

Die Buben suchen derweil ein Krokodil im Tuempel nebenan. Wirklich, da liegt etwas auf der Wasseroberflaeche, das mit etwas Fantasie der Kopf eines kleinen Krokodils sein koennte. Als das Ding ploetzlich nicht mehr da ist, glaube ich den Buben, dass ein Jacaré war.
Danach gehts weiter zum Haus, in dem Mary frueher wohnte, ueber Maisaecker und durch Gestruepp. Mary warnt mich vor den gemeinen Stacheln und Juckpflanzen. Die Buben zeigen mir schoene Voegel. “Schau, das ist er, den wollten wir dir zeigen. Der ist gerade erst angekommen!” freuen sie sich. Das schoene Tier ist schwarz mit purpurroter Brust. Man nimmt an, er komme, um Fische zu fangen. Was Zugvoegel sind, wissen sie nicht.
Alle drei Buben haben ihre Scheudern dabei und schiessen immer wieder auf Voegel. Ich frage nach, was sie machen, wenn sie einen toeten. “Essen? Oder toetet ihr sie einfach so?” Die Antwort ist zweifelhaft. Mary meint, sie haetten noch nie einen erwischt. Die Jungs druecken herum. “Ja, essen.” heisst es schliesslich.
Gerne lasse ich mir das Feld zeigen, das Mary mit den Buben diese Woche geputzt hat: Es ist Reis. Wir nehmen eine Hacke und Mary macht Vorfuehrung. Das geht ruckzuck, wie sie das Unkraut zwischen den feinen, etwa 30 cm hohen Reishalmen heraushaut. Ich probiere es auch und ernte anerkennende Ausrufe. Allerdings geht ein kleines Reisbueschel drauf, da hoere ich dann lieber auf. Obwohl ich Lust bekomme, weiter zu machen.
Die Enxada ist die “Hockn” und, wie im Wienerischen, gleichzeitig das Wort fuer Arbeit, Broterwert. Jetzt wo ich jeden Morgen kleine Gruppen von Menschen mit Hacken in die Felder gehe sehe, wird mir der Ursprung des Wortes sehr klar. Ohne “Hockn” bist hier wirklich brotlos.
Wir pfluecken einen Sack saeuerlicher, laenglicher Steinfruechte und setzen uns beim Haus gemuetlich in den Schatten. Ich habe Aepfel vom Markt mitgebracht und fuer mich eine Karotte. Man staunt, dass ich die roh esse. Und ich staune, dass sie wirklich nur Reis und Bohnen und Fleisch moegen.
Hinter dem Haus findet Lorimar ein Ei! “Das ist aber meins!” versichert er sich bei der Mum. Mary ist bekuemmert: Von den beiden letzten Hendln ist nur mehr eines zu finden. Diebe haben sich die anderen geholt, nimmt sie an.
Es gibt 5 Geissen, die rund um das Haus in der Chapata, so heisst das Wildland hier, Futter suchen. Eine Geiss liegt in der Umzaeunung in der Sonne und atmet schwer. “Sie ist krank.”
Ja, das sieht man. “Die hat kein Wasser und kein Futter. Wer bringt ihr ein Wasser?” frage ich. Unglaeubige Blicke. “Ich weiss nicht, ob sie trinkt.”, meint Mary. “Aber die hat ja keine Kraft, zum Wasser zu gehen.” setze ich nach. Wasser kann ja wohl nicht schaedlich sein, nehme ich an. Es folgt eine kleine Unterredung mit den Buben, die ich nicht verstehe, und die damit endet, dass wir am Rueckweg Wasser bringen. Offenbar mir zuliebe.
Es geht noch ein Stueck durch Chapata zum Maisfeld. Ich bestaune die Bienenstoecke und die Voegel, besonders zwei kleine Eulen., die nicht weit entfernt auf Pfaehlen sitzen. Die Buben duerfen mit der Kamera knipsen, bis die Batterien leer sind. Dann sind wir wieder bei der Geiss.
Mary kommt mir nach, und ich vermute bei ihr eine Mischung aus Widerwillen und Mitleid mit dem Tier. Die Einstellung scheint zu sein: “Wer nicht stark genug ist, der geht eben drauf. Das kann man nicht aendern.” Hatten wir doch schon mal, gestern....
Mary holt einen Kuebel mit Wasser. Gierig trinkt das Tier. Dann knien wir nieder und schauen die Geiss genauer an. Die Euter sind dick aufgeschwollen voller Milch. “Ist das normal?” frage ich. Mary erbarmt sich und beginnt geschickt und vorsichtig, auszumelken. Die Milch spritzt in den Sand. Hier trinkt man keine Geissmilch.
Danach will Mary das Tier in den Schatten bringen. Ich ueberlege ratlos, wie wir es hinueberbefoerdern koennen, aber sie macht das alleine: Schnappt die Arme bei den Hoernern, redet ihr gut zu, bis sie auf die Beine kommt, und dann: “Vem, defagar! Komm, langsam!” zieht sie sie unter das Schattendach.
Zu guter letzt machen wir uns auf und suchen Gras fuer die Geiss. Als sie uns mit zwei Arm voll kommen sieht, geht sie uns entgegen. Mary freut sich: “Schau, es ist schon besser!”
Na Gottseidank! Morgen soll der Nachbar “Medizin” vorbei bringen. Sonst geschieht nichts mehr bis Mary am Montag wieder herkommt.
Jetzt aber machen wir uns auf den Rueckweg, es ist schon nach 11. Wir pfluecken am Strand “Maschischu”, ein wild wachsendes Gemuese. Unterwegs ist es so sumpfig, dass die Sandalen haengen bleiben. Nach kurzem Zoegern gehe ich wie die anderen barfuss. Es quatscht zwischen den Zehen – schon lange nicht mehr gespuert, dieses Gefuehl! Ich muss schmunzeln...
Rasch rudert uns Mary nach Hause, ich habe schon eine rote Nase.
Da heute Markttag ist, gehe ich noch was einkaufen. Wein finde ich nicht, auch kein geraeuchertes Fleisch (Schinken oder Speck). Da gibts eben Geschnetzeltes mit Reis.
Der Nachmittag ist geruhsam und der Selbstpflege gewidmet, bis Maria in die Fundacao kommt um zu arbeiten und ich ihr helfe, gegen die mistige Autoformatierung des Word zu kaempfen. Maria lacht: “Ich lasse dich das nur machen, weil ich sehen will, wie du die Nerven verlierst und das Ding zum Fenster raus wirfst.” Na, viel fehlt nicht!
Nach der Andacht zur "Nossa Senhora" setze ich mich mit Marias betagten Eltern in den Hof. Papa ist stolz auf seine Geschaefte. “War ein wichtiger Tag heute.”, meint er. Zwei Schweine hat er gekauft, die kommen aufs Land.
Wir unterhalten uns leise, mit wenigen Worten. Ueber mir haengen Orangen im Baum und funkeln die Sterne. Ich hoere die Grillen und die Lautsprecher von der Praca her, wo das Jungvolk die Stille vertreibt.
Der Maracujasaft, den Maria uns macht, soll den Schlaf bringen, heisst es.
Nun dann, gute Nacht.
Mary hat mich schon lange zu einem Ausflug an den See eingeladen. Ihr Acker und ihr Haus im “Interior” liegen am anderen Seeufer. Dorthin wollen wir heute gehen und ich will unbedingt ausprobieren, wie man ein Reisfeld putzt.
Bild: Reiher

Um 8 spazieren wir los: Mary, ihre beiden Buben von 15 und 13 Jahren und ein Nachbarsbub von etwa 10 Jahren und ich. Maria (die Koordinatorin der Fundacao) hat mir ihre Plastiksandalen geborgt, die sind jetzt Gold wert. Meine sind zwar bequemer, aber aus Leder.
Quer durch Buesche schlagen wir uns durch zum See. Dort liegen zwei kleine, einfache Ruderboote von Mary. Das etwas groessere steht halbvoll Wasser. Mary und die Buben schoepfen aus, dann gehts los. Mary rudert geschickt – und das muss sie auch, denn der Rand des Bootes liegt nur wenig ueber der Wasseroberflaeche. Das Wasser ist warm und total ruhig. Der See sei 5 m tief, meint Mary.
Am Ufer sehe ich 4 verschiedene Stelzenvoegel und als ich das Fernglas herausziehe, werden die Buben aufmerksam. So wie ich, sind auch sie begeistert, die Voegel ploetzlich aus der Naehe sehen zu koennen: Wie sie genau aussehen, wie sie sich putzen, langsam im Wasser stolzieren und fischen etc.
Wir legen an und marschieren querfeldein zu Marys Kuehen. 2 Milchkuehe und zwei Junge warten in ihren Verschlaegen. Das eine Kalb darf noch bei der Mutter trinken. Beide sind mehr als mager. “Wird sich bessern, die Mutter war krank.” gibt sich Mary gelassen. Mary melkt rasch die zwei Liter im hocken, ohne Schemel, mit einer Hand.
Bild: Mary oeffnet den Zaun

Die Buben suchen derweil ein Krokodil im Tuempel nebenan. Wirklich, da liegt etwas auf der Wasseroberflaeche, das mit etwas Fantasie der Kopf eines kleinen Krokodils sein koennte. Als das Ding ploetzlich nicht mehr da ist, glaube ich den Buben, dass ein Jacaré war.
Danach gehts weiter zum Haus, in dem Mary frueher wohnte, ueber Maisaecker und durch Gestruepp. Mary warnt mich vor den gemeinen Stacheln und Juckpflanzen. Die Buben zeigen mir schoene Voegel. “Schau, das ist er, den wollten wir dir zeigen. Der ist gerade erst angekommen!” freuen sie sich. Das schoene Tier ist schwarz mit purpurroter Brust. Man nimmt an, er komme, um Fische zu fangen. Was Zugvoegel sind, wissen sie nicht.
Alle drei Buben haben ihre Scheudern dabei und schiessen immer wieder auf Voegel. Ich frage nach, was sie machen, wenn sie einen toeten. “Essen? Oder toetet ihr sie einfach so?” Die Antwort ist zweifelhaft. Mary meint, sie haetten noch nie einen erwischt. Die Jungs druecken herum. “Ja, essen.” heisst es schliesslich.
Gerne lasse ich mir das Feld zeigen, das Mary mit den Buben diese Woche geputzt hat: Es ist Reis. Wir nehmen eine Hacke und Mary macht Vorfuehrung. Das geht ruckzuck, wie sie das Unkraut zwischen den feinen, etwa 30 cm hohen Reishalmen heraushaut. Ich probiere es auch und ernte anerkennende Ausrufe. Allerdings geht ein kleines Reisbueschel drauf, da hoere ich dann lieber auf. Obwohl ich Lust bekomme, weiter zu machen.
Die Enxada ist die “Hockn” und, wie im Wienerischen, gleichzeitig das Wort fuer Arbeit, Broterwert. Jetzt wo ich jeden Morgen kleine Gruppen von Menschen mit Hacken in die Felder gehe sehe, wird mir der Ursprung des Wortes sehr klar. Ohne “Hockn” bist hier wirklich brotlos.
Wir pfluecken einen Sack saeuerlicher, laenglicher Steinfruechte und setzen uns beim Haus gemuetlich in den Schatten. Ich habe Aepfel vom Markt mitgebracht und fuer mich eine Karotte. Man staunt, dass ich die roh esse. Und ich staune, dass sie wirklich nur Reis und Bohnen und Fleisch moegen.
Hinter dem Haus findet Lorimar ein Ei! “Das ist aber meins!” versichert er sich bei der Mum. Mary ist bekuemmert: Von den beiden letzten Hendln ist nur mehr eines zu finden. Diebe haben sich die anderen geholt, nimmt sie an.
Es gibt 5 Geissen, die rund um das Haus in der Chapata, so heisst das Wildland hier, Futter suchen. Eine Geiss liegt in der Umzaeunung in der Sonne und atmet schwer. “Sie ist krank.”
Ja, das sieht man. “Die hat kein Wasser und kein Futter. Wer bringt ihr ein Wasser?” frage ich. Unglaeubige Blicke. “Ich weiss nicht, ob sie trinkt.”, meint Mary. “Aber die hat ja keine Kraft, zum Wasser zu gehen.” setze ich nach. Wasser kann ja wohl nicht schaedlich sein, nehme ich an. Es folgt eine kleine Unterredung mit den Buben, die ich nicht verstehe, und die damit endet, dass wir am Rueckweg Wasser bringen. Offenbar mir zuliebe.
Es geht noch ein Stueck durch Chapata zum Maisfeld. Ich bestaune die Bienenstoecke und die Voegel, besonders zwei kleine Eulen., die nicht weit entfernt auf Pfaehlen sitzen. Die Buben duerfen mit der Kamera knipsen, bis die Batterien leer sind. Dann sind wir wieder bei der Geiss.
Mary kommt mir nach, und ich vermute bei ihr eine Mischung aus Widerwillen und Mitleid mit dem Tier. Die Einstellung scheint zu sein: “Wer nicht stark genug ist, der geht eben drauf. Das kann man nicht aendern.” Hatten wir doch schon mal, gestern....
Mary holt einen Kuebel mit Wasser. Gierig trinkt das Tier. Dann knien wir nieder und schauen die Geiss genauer an. Die Euter sind dick aufgeschwollen voller Milch. “Ist das normal?” frage ich. Mary erbarmt sich und beginnt geschickt und vorsichtig, auszumelken. Die Milch spritzt in den Sand. Hier trinkt man keine Geissmilch.
Danach will Mary das Tier in den Schatten bringen. Ich ueberlege ratlos, wie wir es hinueberbefoerdern koennen, aber sie macht das alleine: Schnappt die Arme bei den Hoernern, redet ihr gut zu, bis sie auf die Beine kommt, und dann: “Vem, defagar! Komm, langsam!” zieht sie sie unter das Schattendach.
Zu guter letzt machen wir uns auf und suchen Gras fuer die Geiss. Als sie uns mit zwei Arm voll kommen sieht, geht sie uns entgegen. Mary freut sich: “Schau, es ist schon besser!”
Na Gottseidank! Morgen soll der Nachbar “Medizin” vorbei bringen. Sonst geschieht nichts mehr bis Mary am Montag wieder herkommt.
Jetzt aber machen wir uns auf den Rueckweg, es ist schon nach 11. Wir pfluecken am Strand “Maschischu”, ein wild wachsendes Gemuese. Unterwegs ist es so sumpfig, dass die Sandalen haengen bleiben. Nach kurzem Zoegern gehe ich wie die anderen barfuss. Es quatscht zwischen den Zehen – schon lange nicht mehr gespuert, dieses Gefuehl! Ich muss schmunzeln...
Rasch rudert uns Mary nach Hause, ich habe schon eine rote Nase.
Da heute Markttag ist, gehe ich noch was einkaufen. Wein finde ich nicht, auch kein geraeuchertes Fleisch (Schinken oder Speck). Da gibts eben Geschnetzeltes mit Reis.
Der Nachmittag ist geruhsam und der Selbstpflege gewidmet, bis Maria in die Fundacao kommt um zu arbeiten und ich ihr helfe, gegen die mistige Autoformatierung des Word zu kaempfen. Maria lacht: “Ich lasse dich das nur machen, weil ich sehen will, wie du die Nerven verlierst und das Ding zum Fenster raus wirfst.” Na, viel fehlt nicht!
Nach der Andacht zur "Nossa Senhora" setze ich mich mit Marias betagten Eltern in den Hof. Papa ist stolz auf seine Geschaefte. “War ein wichtiger Tag heute.”, meint er. Zwei Schweine hat er gekauft, die kommen aufs Land.
Wir unterhalten uns leise, mit wenigen Worten. Ueber mir haengen Orangen im Baum und funkeln die Sterne. Ich hoere die Grillen und die Lautsprecher von der Praca her, wo das Jungvolk die Stille vertreibt.
Der Maracujasaft, den Maria uns macht, soll den Schlaf bringen, heisst es.
Nun dann, gute Nacht.
rosa_r - 19. Feb, 04:22
