22.2. Reichtum: Zeit um Kontakte zu pflegen
Heute geht Maria mit mir Leute besuchen und laesst Eliane im Buero allein.
Wir spazieren in den unteren Teil des Dorfes – oder wie man hier sagt, “der Stadt”.
Aus jedem zweiten Haus gruesst jemand: Muetter, Omas, Jugendliche, Kinder, die Maria von der Fundacao kennt...
Maria findet den richtigen Ton mit jedem. Ihr zuzuschauen ist eine gute Lektion in Fuehrungsarbeit. Sie ist eine Meisterin im Kontakt aufbauen und Kontakt pflegen.
Fuer die paar 100 m brauchen wir ganz schoen lange. Wir machen viele Kurzvisiten. Das geht so:
Man gruesst ueber den Zaun. Jemand kommt aus dem Haus, man wechselt ein paar Worte, Stuehle werden hergeschafft, in den Vorgarten oder auf die Strasse: “Setzt euch!” Und manchmal tun wir das auch.
Bei Dona Cristina zum Beispiel. Ich bewundere einen schoenen Garten im Vorbeigehen, da arrangiert Maria gleich ein Zusammentreffen. Cristina lebt allein in ihrem gut gepflegten Haus. Sie hat jede Menge Obstbaeume, sogar Trauben, und packt so nebenbei eine Plastiktasche mit Mango und Sternenfruechten fuer mich zusammen. Cristina war Alleinerzieherin, die Geschwister sind ebenso wie die Kinder weggezogen, um in der Stadt (Sao Paulo, Brasilia...) Geld zu verdienen. Ein typisches Schicksal hier. Man spricht ueber die Pflanzen und die Verwandtschaft. Nach etwa 15 Minuten verabschieden wir uns. “Das freut mich, dass du sie hergebracht hast. Bring sie oefter!” sagt sie zu Maria und meint freundlicherweise mich.
Marcelani ist wenig ueber 20 und wird kommende Woche in der Fundacao als Lehrerin anfangen. Sie hat einen 4 Monate alten Buben. Das zweite Baby im Haus gehoert zu ihrer Mutter. Es ist ein blonder Lockenkopf, ein Maedchen von 2 Jahren, das praktisch noch nicht spricht. Ich erfahre aus dem Gespraech ueber die Schwierigkeiten der Adoption, dass die leibliche Mutter das Kind im Alter von 4 Monaten hier abgegeben hat, verwahrlost und unterernaehrt. Schon die dritte Familie, die ich hier kennen lerne, die ein Kind “von der Strasse” bei sich aufgenommen hat.
Neben Marcelanis Haus steht eine Lehmhuette. Wir klopfen an, die Mutter macht grad Fladen, Fruehstueck fuer sich und die drei Kinder im Alter von 3 – 8 Jahren.
“Kommt herein, setzt euch!” Es gibt 2 Sessel in der Huette. Die beiden Buben sollen in den Foerderunterricht kommen, wuenschen die Lehrer. Freundlich plaudernd und Spaesse machend klaert Maria das Interesse ab. Ja sie wollen!
"Gib mir eine Puppe", bettelt die kleine Schwester, etwa 3 Jahre alt. "Ich habe keine Puppe." entgegne ich. "Gib mir eine Mango!", ja das haben wir im Sackerl. Maria schenkt sie ihr.
”Wann beginnen denn die Stunden?” “Wir machen es wie die Schule, ab Donnerstag gibts das Material.” “Das Material der Schule mag ich nicht, das ist Mist.” meint der groessere. “Magst du das von der Fundacao?” “Ja, das schon!” antwortet er und laechelt dabei mit einem ganz anderen Gesichtsausdruck.
Die Fundacao ist ein Hoffungungsbrunnen hier, und fuer dich Kinder offenbar mit einer ganz positiven Erfahrung verbunden: Etwas wert sein, schoene Sachen haben, gut behandelt werden.
Bild: Gemuesebeet hinter dem Haus

Danach besuchen wir noch mindestens 5 Familien in Lehmhuetten. “Das sind unsere Kinder, Rosa, verstehst du? Du kennst bis jetzt nur die Praca und die schoenen Haeuser von Sao Miguel. Die Kinder dort brauchen uns nicht.” Paulina zum Beispiel, schade...
Erst zum Mittagessen kommen wir wieder zurueck und ich bin voll und muede von den Bildern und Begegnungen. Die Hitze macht mir auch zu schaffen, schon der 3. Tag ohne Regen, alle sind besorgt, ob sich das Debakel vom Dezember wiederholt. Damals ist der Regen nach drei Wochen und viel Arbeit auf den Feldern ausgeblieben und alles ist verdorrt. Jetzt fuerchtet man schon um die zweite Aussaat.
Der Donner in der Mittagspause koennte Regen anzeigen. Maria ist gluecklich und singt: Regen, sei willkommen!
Ich meine: “Wenn es regnet Maria, gehen wir aber nicht in die Schule zur Sitzung, oder?” und fuehle mich in dem Moment fast wie eine hiesige.
Aber der Regen kommt nicht bis zu uns in die Stadt. Ich mache meinen Mittagsschlaf in der neuen Haengematte und richte mich her. Jetzt gehts zur Eroeffnungskonferenz der Schule.
50 Lehrerinnen und Lehrer aus Vorschule und Grundschule (die ersten 8 Jahre) sitzen im Freien unter Dach im Kreis. Die Koordinatorin begruesst mich und ... dann bleibt die Situation offen. Ich stelle mich vor, erzaehle kurz die Schullaufbahn in Oesterreich und lasse dann Zeit fuer Fragen.
“Wie gross sind die Klassen?” Max. 30 – hier 40 und mehr.
“Was verdient eine Lehrerin?” Aehnlich wie hier – waere ich Technikerin wuerde ich mehr verdienen.
Wie ist das bei euch mit der Sonderschule? Ich erzaehle aus der Geschichte der letzten 25 Jahre, vom ersten Jahr der Behinderten 1979 (oder 1980) bis heute. Von den Elternvereinen und den gesetzlichen Versuchen, die Nachteile behinderter Menschen auszugleichen. Von der Ausgliederung aus den grossen Anstalten und den Versuchen der Integration in einen moeglichst normalen Alltag. Und von unseren zumeist positiven Erfahrungen mit Integration in der Schule.
“Wir verwenden das Wort “Sonderschule” nicht mehr gern. Wir sprechen von Kindern mit besonderen Beduerfnissen.” Sie nicken, das kennen sie hier auch.
Zum Schluss erzaehle ich von Elena und wie wichtig ich es finde, dass sie so wie andere Kinder eine Schule besucht. Ich staune ueber die Zustimmung im Kreis.
Beim Cafezinho gibt es noch weitere Fragen, z.B. ob die Schueler mit einer negativen Note aufsteigen duerfen? Ich bin mir nicht ganz sicher wie der letzte Stand dieser Diskussion ist, nehme aber an, dass unsere Ministerin das bereits umgesetzt hat. In der Grundschule duerfen sie mit einer negativen Note aufsteigen, oder? Und im Gymnasium?
Insgesamt bin ich 1,5 Stunden in der Schule. Ich fuehle mich willkommen, aber nicht auf einen Thron gesetzt, das erlebe ich sehr positiv. In der Pause kommen viele her und bedanken sich fuer den Besuch. Die Koordinatorin zeigt mir, was sie fuer den Abschluss vorbereitet hat: Liebevoll aus farbigem Papier gebastelte Sonnenblumen mit Sinnspruch fuer jeden.
Als ich mich verabschieden moechte, wird noch einmal um Ruhe gebeten. Sie wollen etwas in meiner Muttersprache auf deutsch hoeren. Ich lache. “Ehrlich gesagt ist meine Muttersprache ein ziemlich ‘befremdlicher’ Dialekt, so wie sie hier auch einen Dialekt des portugiesisch sprechen.” Dann rede ich ein wenig auf vorarlbergerisch. Wohlwollendes Grinsen um mich herum. “Und jetzt wir alle zusammen!” meint eine Lehrerin. Wie bloed, dass mir gerade in dem Moment nicht der Schulblues einfaellt, ein Lied zum vor- und mitsingen im Dialekt.
Nein, ich singe anstaendigerweise “Bruederlein fein” auf hochdeutsch. Diese Melodie ist hier auch populaer und mir wahrscheinlich deshalb eingefallen.
Bis wir wieder daheim ankommen gibts noch ein paar Besuche bei verschiedenen Familien und beim Gesundheitsposten. Ueberall herzerfrischende Bereitschaft alles Herzuzeigen und zum Austausch. Und ueberall Zeit zum Ratschen, Zeit auf den anderen einzugehen. Hier erlebe ich, was "Zeit-Wohlstand" bedeutet.
Wir spazieren in den unteren Teil des Dorfes – oder wie man hier sagt, “der Stadt”.
Aus jedem zweiten Haus gruesst jemand: Muetter, Omas, Jugendliche, Kinder, die Maria von der Fundacao kennt...
Maria findet den richtigen Ton mit jedem. Ihr zuzuschauen ist eine gute Lektion in Fuehrungsarbeit. Sie ist eine Meisterin im Kontakt aufbauen und Kontakt pflegen.
Fuer die paar 100 m brauchen wir ganz schoen lange. Wir machen viele Kurzvisiten. Das geht so:
Man gruesst ueber den Zaun. Jemand kommt aus dem Haus, man wechselt ein paar Worte, Stuehle werden hergeschafft, in den Vorgarten oder auf die Strasse: “Setzt euch!” Und manchmal tun wir das auch.
Bei Dona Cristina zum Beispiel. Ich bewundere einen schoenen Garten im Vorbeigehen, da arrangiert Maria gleich ein Zusammentreffen. Cristina lebt allein in ihrem gut gepflegten Haus. Sie hat jede Menge Obstbaeume, sogar Trauben, und packt so nebenbei eine Plastiktasche mit Mango und Sternenfruechten fuer mich zusammen. Cristina war Alleinerzieherin, die Geschwister sind ebenso wie die Kinder weggezogen, um in der Stadt (Sao Paulo, Brasilia...) Geld zu verdienen. Ein typisches Schicksal hier. Man spricht ueber die Pflanzen und die Verwandtschaft. Nach etwa 15 Minuten verabschieden wir uns. “Das freut mich, dass du sie hergebracht hast. Bring sie oefter!” sagt sie zu Maria und meint freundlicherweise mich.
Marcelani ist wenig ueber 20 und wird kommende Woche in der Fundacao als Lehrerin anfangen. Sie hat einen 4 Monate alten Buben. Das zweite Baby im Haus gehoert zu ihrer Mutter. Es ist ein blonder Lockenkopf, ein Maedchen von 2 Jahren, das praktisch noch nicht spricht. Ich erfahre aus dem Gespraech ueber die Schwierigkeiten der Adoption, dass die leibliche Mutter das Kind im Alter von 4 Monaten hier abgegeben hat, verwahrlost und unterernaehrt. Schon die dritte Familie, die ich hier kennen lerne, die ein Kind “von der Strasse” bei sich aufgenommen hat.
Neben Marcelanis Haus steht eine Lehmhuette. Wir klopfen an, die Mutter macht grad Fladen, Fruehstueck fuer sich und die drei Kinder im Alter von 3 – 8 Jahren.
“Kommt herein, setzt euch!” Es gibt 2 Sessel in der Huette. Die beiden Buben sollen in den Foerderunterricht kommen, wuenschen die Lehrer. Freundlich plaudernd und Spaesse machend klaert Maria das Interesse ab. Ja sie wollen!
"Gib mir eine Puppe", bettelt die kleine Schwester, etwa 3 Jahre alt. "Ich habe keine Puppe." entgegne ich. "Gib mir eine Mango!", ja das haben wir im Sackerl. Maria schenkt sie ihr.
”Wann beginnen denn die Stunden?” “Wir machen es wie die Schule, ab Donnerstag gibts das Material.” “Das Material der Schule mag ich nicht, das ist Mist.” meint der groessere. “Magst du das von der Fundacao?” “Ja, das schon!” antwortet er und laechelt dabei mit einem ganz anderen Gesichtsausdruck.
Die Fundacao ist ein Hoffungungsbrunnen hier, und fuer dich Kinder offenbar mit einer ganz positiven Erfahrung verbunden: Etwas wert sein, schoene Sachen haben, gut behandelt werden.
Bild: Gemuesebeet hinter dem Haus

Danach besuchen wir noch mindestens 5 Familien in Lehmhuetten. “Das sind unsere Kinder, Rosa, verstehst du? Du kennst bis jetzt nur die Praca und die schoenen Haeuser von Sao Miguel. Die Kinder dort brauchen uns nicht.” Paulina zum Beispiel, schade...
Erst zum Mittagessen kommen wir wieder zurueck und ich bin voll und muede von den Bildern und Begegnungen. Die Hitze macht mir auch zu schaffen, schon der 3. Tag ohne Regen, alle sind besorgt, ob sich das Debakel vom Dezember wiederholt. Damals ist der Regen nach drei Wochen und viel Arbeit auf den Feldern ausgeblieben und alles ist verdorrt. Jetzt fuerchtet man schon um die zweite Aussaat.
Der Donner in der Mittagspause koennte Regen anzeigen. Maria ist gluecklich und singt: Regen, sei willkommen!
Ich meine: “Wenn es regnet Maria, gehen wir aber nicht in die Schule zur Sitzung, oder?” und fuehle mich in dem Moment fast wie eine hiesige.
Aber der Regen kommt nicht bis zu uns in die Stadt. Ich mache meinen Mittagsschlaf in der neuen Haengematte und richte mich her. Jetzt gehts zur Eroeffnungskonferenz der Schule.
50 Lehrerinnen und Lehrer aus Vorschule und Grundschule (die ersten 8 Jahre) sitzen im Freien unter Dach im Kreis. Die Koordinatorin begruesst mich und ... dann bleibt die Situation offen. Ich stelle mich vor, erzaehle kurz die Schullaufbahn in Oesterreich und lasse dann Zeit fuer Fragen.
“Wie gross sind die Klassen?” Max. 30 – hier 40 und mehr.
“Was verdient eine Lehrerin?” Aehnlich wie hier – waere ich Technikerin wuerde ich mehr verdienen.
Wie ist das bei euch mit der Sonderschule? Ich erzaehle aus der Geschichte der letzten 25 Jahre, vom ersten Jahr der Behinderten 1979 (oder 1980) bis heute. Von den Elternvereinen und den gesetzlichen Versuchen, die Nachteile behinderter Menschen auszugleichen. Von der Ausgliederung aus den grossen Anstalten und den Versuchen der Integration in einen moeglichst normalen Alltag. Und von unseren zumeist positiven Erfahrungen mit Integration in der Schule.
“Wir verwenden das Wort “Sonderschule” nicht mehr gern. Wir sprechen von Kindern mit besonderen Beduerfnissen.” Sie nicken, das kennen sie hier auch.
Zum Schluss erzaehle ich von Elena und wie wichtig ich es finde, dass sie so wie andere Kinder eine Schule besucht. Ich staune ueber die Zustimmung im Kreis.
Beim Cafezinho gibt es noch weitere Fragen, z.B. ob die Schueler mit einer negativen Note aufsteigen duerfen? Ich bin mir nicht ganz sicher wie der letzte Stand dieser Diskussion ist, nehme aber an, dass unsere Ministerin das bereits umgesetzt hat. In der Grundschule duerfen sie mit einer negativen Note aufsteigen, oder? Und im Gymnasium?
Insgesamt bin ich 1,5 Stunden in der Schule. Ich fuehle mich willkommen, aber nicht auf einen Thron gesetzt, das erlebe ich sehr positiv. In der Pause kommen viele her und bedanken sich fuer den Besuch. Die Koordinatorin zeigt mir, was sie fuer den Abschluss vorbereitet hat: Liebevoll aus farbigem Papier gebastelte Sonnenblumen mit Sinnspruch fuer jeden.
Als ich mich verabschieden moechte, wird noch einmal um Ruhe gebeten. Sie wollen etwas in meiner Muttersprache auf deutsch hoeren. Ich lache. “Ehrlich gesagt ist meine Muttersprache ein ziemlich ‘befremdlicher’ Dialekt, so wie sie hier auch einen Dialekt des portugiesisch sprechen.” Dann rede ich ein wenig auf vorarlbergerisch. Wohlwollendes Grinsen um mich herum. “Und jetzt wir alle zusammen!” meint eine Lehrerin. Wie bloed, dass mir gerade in dem Moment nicht der Schulblues einfaellt, ein Lied zum vor- und mitsingen im Dialekt.
Nein, ich singe anstaendigerweise “Bruederlein fein” auf hochdeutsch. Diese Melodie ist hier auch populaer und mir wahrscheinlich deshalb eingefallen.
Bis wir wieder daheim ankommen gibts noch ein paar Besuche bei verschiedenen Familien und beim Gesundheitsposten. Ueberall herzerfrischende Bereitschaft alles Herzuzeigen und zum Austausch. Und ueberall Zeit zum Ratschen, Zeit auf den anderen einzugehen. Hier erlebe ich, was "Zeit-Wohlstand" bedeutet.
rosa_r - 23. Feb, 02:28

