13.11. sonniger Sonntag
Heute Frueh herrlicher Sonnenschein. Es wird ueber zwanzig Grad, allerdings ist der Wind noch frisch.
Nach dem Fruehstueck geht Katia eine grosse Runde mit mir spazieren. Sie fuehrt mich durch eine Villengegend: Campo bello. Es ist, als waeren wir im botanischen Garten in Schoenbrunn, so abwechslungsreich und auffaellig ist die Vegetation. Dazu der laute Singsang bzw das Kreischen und Tschilpen der vielen Voegel. Wir sehen etliche Spaziergaenger, kaum Autos, einige JoggerInnen und Damen mit Huendchen. Der Unterschied zu einer Villengegend bei uns: Vor vielen Haeusern sitzt ein Guard, oft ein aelterer Mann mit Hund, und bewacht das Grundstueck.

Mariana hat heute Hendl gekocht. Und ein sagenhaftes Karamell-Dessert. Es kuendigt sich an, dass ich auch mal "tipico austria" kochen werde. Sogar wenn es gelingen sollte, wird es sie nicht besonders beeindrucken, fuerchte ich. Die Kueche hier haelt einem Vergleich ziemlich Stand. Hat mir jemand einen heissen Tipp? Muss lecker sein und leicht zu machen! Ich denke an Topfen-Palatschinken zum Dessert.
Am Mittagstisch verstehe ich bereits 10% des Gespraechs. Ausser sie reden Wort fuer Wort mit mir. Dann gehts besser. Sie sind so geduldig.
Die Atmosphaere ist ueberhautp sehr "bekoemmlich" und heiter hier im Haus. Es wird oft gelacht, jede kommt mal dran und wird "gegretelt". Ich zB habe mit Katia Clementinen gekauft, die wir zum Nachtisch essen - und die teilweise recht trocken sind. Jetzt haben wir herumgealbert, wer die trockenen ausgesucht hat. Ich habs auf mich genommen - aber mit dem Hinweis, dass Katia ja verantwortlich fuer mich war - und ausserdem seien die trockenen viel suesser.
Was ich am Nachmittag tun mag, werde ich gefragt. Naja, mal ins Zentrum fahren. Es opfert sich wieder Katia.
Wer einen Stadtplan von Sao Paulo hat, kann nachschauen: Ich wohne im kleinen Bezirk Jardim Pelopolis, im Suedwesten der Stadt. Bekannter ist der Nachbarbezirk Ibirapuera.
Von hier aus faehrt der Bus ca eine halbe Stunde in die City. Allerdings bei dem geringen Sonntagsverkehr und kaum Haltestellen, wenn er die erlaubten 80 km/h oefter ausfahren kann. Heidrun, du kannst dich sicher an die Busse in Rom erinnern und deren Percussion-Effekte. Hier war es ganz aehnlich.

So komme ich also das erste mal in eine "richtige" Stadt und bin zwischen Wolkenkratzern unterwegs. Auch mitten im Zentrum sind kleine Einfamilienhaeuser und Hochhauser, alt und neu, modern und desolat nebeneinander, als haette ein Riesenbaby die Bausteine des grossen Bruders durcheinandergeworfen.
Da es Sonntag ist, haben die Geschaefte zu. Katia bedauert dies, da ich so keinen "normalen" Eindruck von der Stadt bekomme.
Wir besuchen die wichtigsten Kirchen. Interessant war der unterschiedliche Stil der maechtigen neugotischen Kathedrale, der Benediktiner-Kirche, der Jesuiten- und der Franziskaner-Kirche. Man braucht kein Experte zu sein, um die Schwerpunkte und Unterschiede der Ordensspiritualitaeten darin zu erkennen.
Die Stadt wurde vor ziemlich genau 450 Jahren von Jesuiten gegruendet. Der Patió do Colégio, ehemalige Wohn- und Arbeitsstaette der Jesuiten, erinnert daran. Er liegt auf einer Anhoehe mit gutem Blick ueber die wachsende Stadt. Das Jesuitenkolleg ist liebevoll restauriert, enthaelt eine attraktive Caféteria und ein kleines Museum. Es zeigt interessante Karten und Modelle der Entstehung und Entwicklung von Sao Paulo, weiters sakrale Gegenstaende und viele kleine Heiligenstatueten, die hier gefunden wurden.
450 Jahre sind eine lange Zeit, meint Katia.
Das stimmt natuerlich, dennoch: Mein Blick ist von unseren viel aelteren Sehenswuerdigkeiten gepraegt. Ich muss ihn "umschalten", um nicht zurueck gestossen zu werden. Ist es "importierte Nachahmung", "Kitsch", "Verlust der eigenen Wurzeln"? Ist es das besondere Potenzial dieses Kontinents, und speziell von Brasilien, Elemente aus den verschiedenen Kontinenten neu zusammenfuegen zu koennen?
Anders als in anderen lateinamerikanischen Laendern, so behauptet der Baedecker, gibt es in Brasilien kaum Funde von alten Hochkulturen.
Dennoch tut es gut, wenn man im Jesuitenkolleg auch Figuren "zu Ehren der indianischen Kultur" findet. Zu sehr sind mir Europaerin die Verbrechen unserer Vorfahren in Suedamerika bewusst.
Respekt und Toleranz in der Begegnung und Vielfalt der Kulturen: Das ist Wunschtraum, Zukunftsthema und Dauerbrenner in einer gobaliserten Welt. Auch auf unserer "Insel der Seligen", Oesterreich. Der "Schmelztiegel" Braslien hat uns hier vielleicht etwas voraus, das wir importieren koennten? Einsicht in die eigenen Relativitaet, diese sympathische Form von Bescheidenheit, z.B?
Nach dem Fruehstueck geht Katia eine grosse Runde mit mir spazieren. Sie fuehrt mich durch eine Villengegend: Campo bello. Es ist, als waeren wir im botanischen Garten in Schoenbrunn, so abwechslungsreich und auffaellig ist die Vegetation. Dazu der laute Singsang bzw das Kreischen und Tschilpen der vielen Voegel. Wir sehen etliche Spaziergaenger, kaum Autos, einige JoggerInnen und Damen mit Huendchen. Der Unterschied zu einer Villengegend bei uns: Vor vielen Haeusern sitzt ein Guard, oft ein aelterer Mann mit Hund, und bewacht das Grundstueck.

Mariana hat heute Hendl gekocht. Und ein sagenhaftes Karamell-Dessert. Es kuendigt sich an, dass ich auch mal "tipico austria" kochen werde. Sogar wenn es gelingen sollte, wird es sie nicht besonders beeindrucken, fuerchte ich. Die Kueche hier haelt einem Vergleich ziemlich Stand. Hat mir jemand einen heissen Tipp? Muss lecker sein und leicht zu machen! Ich denke an Topfen-Palatschinken zum Dessert.
Am Mittagstisch verstehe ich bereits 10% des Gespraechs. Ausser sie reden Wort fuer Wort mit mir. Dann gehts besser. Sie sind so geduldig.
Die Atmosphaere ist ueberhautp sehr "bekoemmlich" und heiter hier im Haus. Es wird oft gelacht, jede kommt mal dran und wird "gegretelt". Ich zB habe mit Katia Clementinen gekauft, die wir zum Nachtisch essen - und die teilweise recht trocken sind. Jetzt haben wir herumgealbert, wer die trockenen ausgesucht hat. Ich habs auf mich genommen - aber mit dem Hinweis, dass Katia ja verantwortlich fuer mich war - und ausserdem seien die trockenen viel suesser.
Was ich am Nachmittag tun mag, werde ich gefragt. Naja, mal ins Zentrum fahren. Es opfert sich wieder Katia.
Wer einen Stadtplan von Sao Paulo hat, kann nachschauen: Ich wohne im kleinen Bezirk Jardim Pelopolis, im Suedwesten der Stadt. Bekannter ist der Nachbarbezirk Ibirapuera.
Von hier aus faehrt der Bus ca eine halbe Stunde in die City. Allerdings bei dem geringen Sonntagsverkehr und kaum Haltestellen, wenn er die erlaubten 80 km/h oefter ausfahren kann. Heidrun, du kannst dich sicher an die Busse in Rom erinnern und deren Percussion-Effekte. Hier war es ganz aehnlich.

So komme ich also das erste mal in eine "richtige" Stadt und bin zwischen Wolkenkratzern unterwegs. Auch mitten im Zentrum sind kleine Einfamilienhaeuser und Hochhauser, alt und neu, modern und desolat nebeneinander, als haette ein Riesenbaby die Bausteine des grossen Bruders durcheinandergeworfen.
Da es Sonntag ist, haben die Geschaefte zu. Katia bedauert dies, da ich so keinen "normalen" Eindruck von der Stadt bekomme.
Wir besuchen die wichtigsten Kirchen. Interessant war der unterschiedliche Stil der maechtigen neugotischen Kathedrale, der Benediktiner-Kirche, der Jesuiten- und der Franziskaner-Kirche. Man braucht kein Experte zu sein, um die Schwerpunkte und Unterschiede der Ordensspiritualitaeten darin zu erkennen.
Die Stadt wurde vor ziemlich genau 450 Jahren von Jesuiten gegruendet. Der Patió do Colégio, ehemalige Wohn- und Arbeitsstaette der Jesuiten, erinnert daran. Er liegt auf einer Anhoehe mit gutem Blick ueber die wachsende Stadt. Das Jesuitenkolleg ist liebevoll restauriert, enthaelt eine attraktive Caféteria und ein kleines Museum. Es zeigt interessante Karten und Modelle der Entstehung und Entwicklung von Sao Paulo, weiters sakrale Gegenstaende und viele kleine Heiligenstatueten, die hier gefunden wurden.
450 Jahre sind eine lange Zeit, meint Katia.
Das stimmt natuerlich, dennoch: Mein Blick ist von unseren viel aelteren Sehenswuerdigkeiten gepraegt. Ich muss ihn "umschalten", um nicht zurueck gestossen zu werden. Ist es "importierte Nachahmung", "Kitsch", "Verlust der eigenen Wurzeln"? Ist es das besondere Potenzial dieses Kontinents, und speziell von Brasilien, Elemente aus den verschiedenen Kontinenten neu zusammenfuegen zu koennen?
Anders als in anderen lateinamerikanischen Laendern, so behauptet der Baedecker, gibt es in Brasilien kaum Funde von alten Hochkulturen.
Dennoch tut es gut, wenn man im Jesuitenkolleg auch Figuren "zu Ehren der indianischen Kultur" findet. Zu sehr sind mir Europaerin die Verbrechen unserer Vorfahren in Suedamerika bewusst.
Respekt und Toleranz in der Begegnung und Vielfalt der Kulturen: Das ist Wunschtraum, Zukunftsthema und Dauerbrenner in einer gobaliserten Welt. Auch auf unserer "Insel der Seligen", Oesterreich. Der "Schmelztiegel" Braslien hat uns hier vielleicht etwas voraus, das wir importieren koennten? Einsicht in die eigenen Relativitaet, diese sympathische Form von Bescheidenheit, z.B?
rosa_r - 14. Nov, 00:27

schnitzel-warnung
hatte gestern schon geschrieben, aber text ist im digitalen nirwana verschwunden.
also nochmals: ich freue mich, dass es dir so gut geht und dass wir mitverfolgen können, wie du dich einlebst. ich beneide dich ein wenig um dieses tolle gefühl, als tabula rasa wo zu landen und sich mit jeder begegnung selbst (neu) zu definieren. da lernt man sich auch selbst sehr intensiv kennen.
du wirst wohl kässpatzen machen müssen, als vorarlbergerin. aber ob es in sao paolo so richtig duften käse gibt :-) ? beim kochen erlebt man ja mehr kulturelle unterschiede als sonst wo. ich musste mal in den usa stundenlang fahren, um schnitzelfleisch zu kriegen, weil die amis die schweine ganz anders zerlegen. und vom topfen will ich gar nicht erst reden, der ist sozusagen weltweit einzigartig. buchteln wären natürlich auch was, mit kanari-milch! und apfelstrudel...
dein weblog hat mich übrigens inspiriert. sieh mal da: www.spatzennest.twoday.net
liebe grüße aus dem grauen, grauen niederösterreich, petra r.
spatzen
wie gehts martin? und wie gehts deinem anderen schatz?
ja, schnitzel sind eine gute idee, mal schauen....
kassesapaetzle waren natuerlich meine erste idee, aber das bringen die nicht runter, fuerchte ich. werde vielleicht spinatspaetzle probieren..., mit schinken und parmesan-cremesosse ueberbacken. die gelten als bekoemmlich, auch wenn ich sie mache.
;-)
r
ps: ins spatzennest werde ich jetzt auch schauen!