20.11. Lebenslust

Jetzt bin ich zehn Tage in Brasilien.
Das Reden geht recht holprig, aber man versteht mich. Immerhin kann man mir bereits erklaeren, womit ich die anderen zum Lachen bringe. Heute zB habe ich direkt aus dem Deutschen uebersetzt: Regina - macht - Milch - heiss.
Fuer ein brasilianisches Ohr heisst das aber: "Regina produziert warme Milch." Etwas, das fuer eine Ordensfrau im Pensionsalter, nicht einmal in Brasilien typisch ist. :-)

In der Frueh waren wir in der Kirche St. Marina. Ein zeitgenoessischer Kuenstler hat die Innenwaende bemalt. Der Raum ist durchgaengig von seinem Konzept gepraegt, zum ersten Mal kein buntes Sammelsurium vierschiedener historischer (europaeischer) Stile. Den alten Heiligenstatuen hat der Pfarrer in einer Seitenkapelle ein neues Zuhause gegeben. Schad, dass uns das in Lainz nicht mit dem goldenen "Ignatius" gelungen ist.

Schaut man zum Altar sind rechts Geschichten aus dem Alten und links aus dem Neuen Testament gemalt. Jedes Bild ist in mehrere Flaechen gegliedert, die groesste zeigt die Begebenheit, die kleineren ergaenzen mit passenden Ornamenten.
Die Figuren sind starkt stilisiert und edel gemalt, fast wie Ikonen. Die Farbtoene sind warm, gold - braun - gruen - weiss. Die Bilder wirken insgesamt leicht, atmend, ein wenig ueberirdisch.
s-mariana

Am Ende der Messe wurde ein Paar gesegnet, das die goldene Hochzeit gefeiert hat.
Ich habe nicht viel verstanden, was ich aber sehen konnte war: Ein zaertlicher Umgang miteinander voller Wertschaetzung. Was fuer eine schoene Form "alter", nein, zeitloser Liebe. Es hat mich sehr beruehrt.

Im Schultheater gabs heute Vormittag Schueler-Auffuehrungen.
Zunaechst haben die Kleinen eine Art Musical gezeigt. Die Rahmenhandlung ist, dass die Grossmutter einem Maedchen und einem Buben, ein Maerchen erzaehlen will. Sobald sie aber eine Geschichte beginnt, tritt die entsprechende Maerchenfigur wirklich auf und es gibt einen entsprechenden Tanz. Zwischen den Maerchenfiguren entspinnt sich eine neue Handlung. Einigen Hexen geht das Rotkaeppchen auf die Nerven. Die Oberhexe verwandelt sich in eine zeitgeistig gestylte Lady und entfuehrt Rotkaeppchen.
Die Kinder im Gegenzug fangen einen Kobold. "Lass uns tauschen, dann koennen wir alle Freunde sein", meinen sie. Nun gut, die Hexe tauscht, Rotkaeppchen ist happy, Hexe tanzt mit den Kindern und den anderen Maerchenfiguren - und der Kobold? Sobald er seine Kappe wieder hat, faengt er sein altes Spiel wieder an, und neckt alle anderen. Mit lauten Gebruell gehts darauf von vorne los.
"S'hat Blume i da Gaerten. Us dera Knacknuss wachst an Boum, und der Boum treit honigsuessi Fruecht - Da ischt scho wiedr der Wurm drin.", besingt eine schweizer Band dasselbe Motiv rockig.

Die DarstellerInnen waren zwischen vier und zehn Jahren alt. Wie sich diese Froeschlein kokett, selbstbewusst und natuerlich auf der Buehne bewegt haben! Vor Lust am Spiel hats direkt gefunkelt. Einfach hinreissend!
Einem Zwergerl-Maedchen, sicher noch im Kindergartenalter, ist beim Herumhuepfen die Kappe vom Kopf gefallen. Sie schaut gross, was sie jetzt machen soll. Die anderen tanzen weiter. Haende hinter der Kulisse winken. Sie hebt die Kappe auf und bringt sie zur Kulisse - aber nein, keine Zeit sie wieder aufzusetzen! Sie saust sofort zurueck und weiter gehts mit tanzen. Ist doch wichtiger! "Claro!" (So sagt man auch hier.)
Bild: Zwergerln
zwergerln

Schoen, dass diese Kinder die Aufregung und die Lust des Theaters erleben. Darueber hinaus fordert und foerdert das gemeinsame Singen, Tanzen und Spielen viele Faehigkeiten: Ëinerseits ist das Kind als Einzelperson wichtig. Es muss seinen Text und seine Figuren selbststaendig und richtig beherrschen, sonst behindert es alle. Andererseits muessen diese kleinen Indivualitaeten einander Raum lassen, die eigenen Bewegungen aufeinander abstimmen - hilfreiche soziale Faehigkeiten. Und hinter all dem die Freude an der Sache selbst.
Fuer die jesuitische Paedagogik ist das Theaterspielen, vielleicht deshalb, ein Koenigsweg.
Ich hab natuerlich viel an Heidruns Auftritte gedacht, sowohl in der Steinerschule, wie auch beim Musical-Tanzen. *schwelg-schwelg*

Um 11 ging es mit der Auffuehrung der 10 - 15-jaehrigen weiter. Eine Geschichte aus "Gatopolis"- Katzenstadt. Es ist eine Coverversion von Romeo und Julia, weil die Weisskatzen die Gelbkatzen nicht moegen, aber sich natuerlich grenzueberschreitende Beziehungen anbahnen.... Fuer dieses Alter ein absolut prickelndes Thema: Wer ist wo akzeptiert? Was passt und was nicht zwischen Girls und Guys?

Das Ende haben Gaetana und ich nicht mehr gesehen, denn wir gingen rechtzeitig zum Mittagessen hinueber in die Gemeinschaft. Tja, musst du leider selber weiter dichten!
Die Kostueme und das Buehnenbild waren wiederum sorgfaeltig und aufwaendig gemacht.

Natuerlich hat Gaetana, die Schulleiterin, die Auffuehrungen auch mit einer sozialen Aktion verknuepft. Es wurden Lebensmittel gesammelt fuer die in ganz Brasilien laufende Aktion "Weihnachten ohne Hunger". Die Eltern haben statt Eintrittsgeld Sackerln mit Reis, Bohnen etc. mitgebracht. Wie uebrigens auch in der Kirche bei der Collecte kein Koerberl herum geht, sondern die Anwesenden Geld oder Naturalien nach vorne tragen und dort in den Korb oder die Sammelbuechse geben.
Bild: Container fuellt sich
container-u-kids
Gaetanas Container war jedenfalls heute Mittag voll.
Das Theater laesst Platz fuer mehrere hundert Personen, hat eine gute Licht- und Soundanlage und bequeme gepolsterte Klappsessel. Mehr ueber die Schule: www.colegiomaryward.com.br

Aber noch nicht genug der Lebensfreude. Heute (am Sonntag interessanterweise) wurde der Gemuese- und Obsteinkauf am Markt gemacht. Herrlich! Ein Drittel des Angebotes ist wie bei uns: Zwiebeln, Kraut, Kartoffeln, Aepfel, Fenchel...
Ein Drittel kenne ich zwar, ist fuer uns aber Importware: Ananas, Bananen, Advocados die fast fussballgross sind, Melonen, Mango, verschiedenste Salatsorten.
Ein Drittel kenne ich nicht einmal und sieht zum Teil sogar ziemlich ausserirdisch aus.
Foto: Am Markt
markt-2

So genug fuer heute. Jetzt gehts wieder ans Lernen: Alle Formen der Vergangenheit in Rotkaeppchen und Rapunzel.
Ihr muesstet hoeren, wie "Rapunzel" klingt, wenn es brasilianisch ausgesprochen wird, "zum
Niederbrechen" wuerde Brigitte wohl sagen: "CHABUNSEU"!
Suess!!!
peterwien - 21. Nov, 07:29

Aus Bukarest

Linda minha, wieder ein schoener Text von Dir - ich bin leider in Bukarest und kann nur kurz antworten. Alles Gute fuer die naechsten ?? Tage bis zum April!
Peter

rosa_r - 21. Nov, 11:16

Komm gut heim

Danke fuer die Blumen mein Schatz!
Was uns die Technik nicht alles an Verbindung ermoeglicht - zusaetzlich zu dem, was schon da ist!
Mit laaaaangen Armen eine Umaermelung nach Bukarest, gutes Gelingen und gesunde Heimkehr!
Elepheria - 21. Nov, 11:24

Hallihallo

Hey wie gehts? Habe mir dein ganzes Weblog ausgedruckt um nachzuholen was ich noch nicht gelesen habe und habe schon über die Hälfte gelesen, jetzt les ich den Rest. Ich wusste, dass es dir gefällt und ich kann dir sagen, dass dich dieses Erlebnis etwas verändern wird, aber du wirst immer noch die Reingard bleiben die du bist und der ich sehr dankbar bin.
Ich freu mich auch für dich, dass du jetzt den Winter überlistet hast und in warmen Klimen bist. Wirds noch wärmen? sicher
Welche Temperatur hast du grad und wie wirds noch?
Grüsse aus Wien und ne herzliche Umarmung
Dado

PS: Habe mir gedacht jetzt auch nen eigenen Weblog anzubauen, damit ich es mir "vielleicht" etwas leichter mach bzw hab bei meinen Plänen. Naja, mal schauen wie's wird
elepheria.twoday.net

rosa_r - 21. Nov, 19:13

hey duda! nein dado!

super, dass du dich meldest! habe peter schon nach dir gefragt.
ja, bitte, mache ein weblog mit deinen erfahrungen, bin tooootal gespannt, wie es dir geht!
moechte dir gleich tausend fragen stellen, aber zuerst, sorry wegen des zahlscheins. der wollte einfach auch einmal nach brasilien... :-)
gottseidank hast du ihn jetzt, schreib mir doch, wenn du den pass gekommen hast.
kannst du allein so perfekt deutsch schreiben oder kannst du dir hilfe organisieren?
(beides sinnvoll).
ja, dir wuerde es hier leichter fallen, die sprache zu lernen, bin ich ganz sicher. ich bin da ziemlich langsam, aber es macht einfach spass, wieder einmal etwas systematisch zu lernen.
morgen geh ich wieder in die "gruft" helfen. und du? :-)

sei fest umarmt und ich schicke dir einen sonnenstrahl zum festhalten, wenn der kalte wiener wind geht. r

Das wichtigste KURZ

Endlich Fotos! - ab 1.2.. Dieses Blog enthaelt Notizen und Fotos bis zum 23.2., der ersten Zeit in Piaui. Fortsetzung unter <2brasil.twoday.net>!!!!!!!! Seit 30.1. geniesse das Landleben im "Wilden Westen" von Brasilien - das ist der Nordosten, genauer gesagt Bundesstaat Piaui! Derzeit wohne ich in der Fundacao ASAS, einem privaten Bildungsprojekt fuer Kinder aus benachteiligten Familien. Roberto, der Gruender, ist Hoellaender und arbeitet hier als Seelsorger. Die Gemeinde Sao Miguel hat etwa 3000 EW, laendlicher Raum, schoene Natur, derzeit angenehm sommerliches Wetter. Ich arbeite im Buero, habe viel Kontakt mit Kindern und besuche Familien. Die ersten 2,5 Monate habe ich in Sao Paulo gelebt, in verschiedenen Haeusern der Schwestern der Congregatio Jesu: Zentrale, Schule, Peripherie. Besuchte Sozialprojekte, interviewte interessante Menschen, recherierte viel im Internet, lernte portugiesisch und half ehrenamtlich mit.

Info fuer AllesleserInnen

Das Tagebuch ist wieder aktuell. Falls dein PC manche Tage nicht anzeigt, gehe in der obersten Befehlszeile auf "brasil" und wenn die Auswahl sich zeigt auf "Tagebuch". Die Suchmaschine funktioniert auch, allerdings muss man halt wissen, was man finden will... Peter und Heidrun wissen normalerweise, wie es mir geht: peter.hirsch@atnet.at; HeidrunLange1984@aol.com

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