7.12. "Von wo bist du?"
Mit dieser Frage beginnt fast jeder Kontakt fuer mich. Wenn ich vorgestellt werde, heisst es nicht: Sie ist Lehrerin, Mutter, Sozialarbeiterin, Leiterin, sondern zuerst: Sie ist aus Oesterreich.
Wenn in St. Martin Obdachlose auf mich zukommen, fragen auch sie: Von wo bist du? Bist du eine Gaucha? (Eine aus dem brasilianischen "Europa" im Sueden.)
Ich: Ich bin Auslaenderin, ich verstehe nicht gut. (Auslaender haben hier ein gutes Image, es ist "cool" vom Ausland zu sein.)
Antwort: Auslaenderin, na gut, aber von wo?
Die Frage ist eine Einladung zu erzaehlen - nicht direkt von sich selbst, aber von dem, zu dem man sich zugehoerig fuehlt. Die Abstammung, die Familiengeschichte und Volksgeschichte ist hier ein maechtiger Teil des eigenen Ich-Gefuehls, der eigenen Ich-Identitaet.
Jede/r weiss: Deine persoenliche Geschichte ist nur die Konsequenz deiner kollektiven Geschichte. Du bist das Kind der Lebensumstaende in die du geboren wurdest: Wann, von wem, wo.
Als ich das begriffen hatte, begann ich die Schwestern zu fragen, von wo sie kommen. Ich legte die Landkarte von Brasilien auf den Tisch. Bisher hat sich noch niemand diesem Zauber entziehen koennen: Die Augen beginnen zu leuchten, der Gesichtsausdruck wird lebendiger, sie suchen auf der Karte, bis sie die ihrem Herkunftsort naechstgelegene Stadt finden und beginnen zu erzaehlen: Von der Familie, die aus Italien, Portugal, vom Norden oder von wo immer hierher gekommen ist. Jede und jeder wirkte dabei stolz - egal ob er/sie von Bahia, einem sogenannt "armen" Staat Brasiliens oder von euopaeischen Einwanderern abstammt.
In unserem mittelstaendischen Vorarlberg fragt man viel eher: Was machst du? Man spricht mehr ueber den Beruf bzw. die Leistung und ordnet die Person mittels diesem Kennzeichen einer entsprechenden "Schulblade" im Schrank der Gesellschaft zu.
Vielleicht ist der Unterschied der, dass das Leben des Einzelnen bei uns eine groessere Bedeutung hat, als der “Clan”. Eine Person kann (heutzutage) mit oder ohne Familie eine Existenzgrundlage haben und ueberleben. Das ist hier sehr viel schwerer.
Vielleicht aber halten wir uns mehr an die auffaelligen Kennzeichen wie Wohnort und Abstammung, wenn das Umfeld unuebersichtlich wird. Und Brasilien, speziell Sao Paulo ist ein stressiger und multikultureller Ort. Viele Migrant/innen aus aller Welt leben hier.
Caetano sagte beim Geburtstagsfest: "Du findest in Brasilien die ganze Welt. Und in Sao Paulo ganz Brasilien."
Célia, meine Lehrerin, bestaetigt auch: Der Wohnort und Abstammung bestimmen deinen Standort in der Gesellschaft. Und allein eine Adresse in Sao Paulo zu haben ist fuer viele das Zeichen fuer Wohlstand und Zukunftschancen.
Von wo kommst du? Kann heissen: Wie soll ich dich einordnen?
War das in Oesterreich auch so, als der Vielvoelkerstaat "zu Kaisers Zeiten" wirklich multikulturell gepraegt war? Wird es in Europa so sein, wenn die heute aufwachsenden Kinder sich mehr als Europaer fuehlen und die Grenzen der Staaten in ihren Lebensplaenen viel weniger bedeutsam sind, als sie es fuer mich und meine Generation noch waren?
In Bezug auf das spannungsreiche Miteinander und Gegeneinander der Kulturen kann man ja in der Geschichte Brasiliens einiges finden.
So wurde vor etwa 10 Jahren "500 Jahre Brasilien" gefeiert, mit gemischten Gefuehlen, denn waehrend die einen das "neue, multikulturelle" Brasilien feiern, gedenken Indios und Schwarzafrikaner, dass ihre Geschichte vor 500 Jahren unterbrochen wurde, dass man sie zu "Menschenmaterial" fuer die Interessen der Kolonialmacht gemacht hat.
Das offizielle Brasilien geht von der Vision aus: Indios + Schwarzafrikaner (ehemalige Sklaven) + Europaer = Brasilianer, meint Paulo Suess, Theologieprofessor und Kaempfer fuer die Rechte der Indios, aber: "Das bedeutet, dass jeder das Seine verliert."
Er sieht die Entwicklung so: "Brasilien hat seine Identitaet bis zum Anfang dieses Jahrhunderts immer in Europa gesucht. Dann kam 1922 die "Semana de Arte Moderna". Da haben die Intellektuellen in Abgrenzung von Europa das Brasilianische proklamiert. Sie entdeckten das Eigene...
Dieser Prozess wiederholte sich spaeter in der Kirche. Zunaechst war sie ganz auf Europa hin orientiert... Nach dem Konzil gab es viele Versuche, brasilianische und lateinamerikanische Kirche "auf dem Grund und Boden" der Armen aufzubauen. ... Aber es waren "generalisierte" Arme."
Seine Perspektive ist heute anders: “Erst ab den siebziger, achtziger Jahrten haben wir in der lateinamerianischen Kirche begonnen, das Spezifische zu betonen... . Nun wurde begonnen das Andere, das Eigene der Kulturen der Indios anzuerkennen und zu verteidigen.”
Fuer Suess und seine Vision vom Zusammenleben der Voelker sind die Indios nicht primaer Arme, sondern vielmehr "Andere": "Die Indios haben die Jahrhunderte nicht in einer ihnen feindlichen Umgebung ueberlebt, weil sie arm waren, sondern weil sie anders waren. Man ueberlebt nicht nur, weil man arm ist, man muss auch ein Projekt haben, ein Lebensprojekt, das ist immer kulturell konfiguriert."
Hier leben viele "andere" nahe beisammen, arbeiten miteinander, treffen sich in der Metro und beim Einkaufen.
"Von wo bist du?" verstanden als "Wie lebst du anders? Was ist dein Lebensprojekt?" ist eine spannende, eine verdammt gute Frage!
Foto: Im Park an der Avenida Paulista. Text auf der Bank: Was der Erde angetan wird, das wird auch den Kindern der Erde angetan werden.

Quelle der Zitate: Der Text von Paulo Suess stammt aus einem Interview, das mir mein "steiler" Freund
Franz Helm SVD, Steyler Missionar, geschickt hat. Du findest es bei der
ila - Informationsstelle Lateinamerika eV - 500 Jahre Brasilien
unter:
www.ila-bonn.de/artikel/234intersuess.htm (7.12.2005)
Wenn in St. Martin Obdachlose auf mich zukommen, fragen auch sie: Von wo bist du? Bist du eine Gaucha? (Eine aus dem brasilianischen "Europa" im Sueden.)
Ich: Ich bin Auslaenderin, ich verstehe nicht gut. (Auslaender haben hier ein gutes Image, es ist "cool" vom Ausland zu sein.)
Antwort: Auslaenderin, na gut, aber von wo?
Die Frage ist eine Einladung zu erzaehlen - nicht direkt von sich selbst, aber von dem, zu dem man sich zugehoerig fuehlt. Die Abstammung, die Familiengeschichte und Volksgeschichte ist hier ein maechtiger Teil des eigenen Ich-Gefuehls, der eigenen Ich-Identitaet.
Jede/r weiss: Deine persoenliche Geschichte ist nur die Konsequenz deiner kollektiven Geschichte. Du bist das Kind der Lebensumstaende in die du geboren wurdest: Wann, von wem, wo.
Als ich das begriffen hatte, begann ich die Schwestern zu fragen, von wo sie kommen. Ich legte die Landkarte von Brasilien auf den Tisch. Bisher hat sich noch niemand diesem Zauber entziehen koennen: Die Augen beginnen zu leuchten, der Gesichtsausdruck wird lebendiger, sie suchen auf der Karte, bis sie die ihrem Herkunftsort naechstgelegene Stadt finden und beginnen zu erzaehlen: Von der Familie, die aus Italien, Portugal, vom Norden oder von wo immer hierher gekommen ist. Jede und jeder wirkte dabei stolz - egal ob er/sie von Bahia, einem sogenannt "armen" Staat Brasiliens oder von euopaeischen Einwanderern abstammt.
In unserem mittelstaendischen Vorarlberg fragt man viel eher: Was machst du? Man spricht mehr ueber den Beruf bzw. die Leistung und ordnet die Person mittels diesem Kennzeichen einer entsprechenden "Schulblade" im Schrank der Gesellschaft zu.
Vielleicht ist der Unterschied der, dass das Leben des Einzelnen bei uns eine groessere Bedeutung hat, als der “Clan”. Eine Person kann (heutzutage) mit oder ohne Familie eine Existenzgrundlage haben und ueberleben. Das ist hier sehr viel schwerer.
Vielleicht aber halten wir uns mehr an die auffaelligen Kennzeichen wie Wohnort und Abstammung, wenn das Umfeld unuebersichtlich wird. Und Brasilien, speziell Sao Paulo ist ein stressiger und multikultureller Ort. Viele Migrant/innen aus aller Welt leben hier.
Caetano sagte beim Geburtstagsfest: "Du findest in Brasilien die ganze Welt. Und in Sao Paulo ganz Brasilien."
Célia, meine Lehrerin, bestaetigt auch: Der Wohnort und Abstammung bestimmen deinen Standort in der Gesellschaft. Und allein eine Adresse in Sao Paulo zu haben ist fuer viele das Zeichen fuer Wohlstand und Zukunftschancen.
Von wo kommst du? Kann heissen: Wie soll ich dich einordnen?
War das in Oesterreich auch so, als der Vielvoelkerstaat "zu Kaisers Zeiten" wirklich multikulturell gepraegt war? Wird es in Europa so sein, wenn die heute aufwachsenden Kinder sich mehr als Europaer fuehlen und die Grenzen der Staaten in ihren Lebensplaenen viel weniger bedeutsam sind, als sie es fuer mich und meine Generation noch waren?
In Bezug auf das spannungsreiche Miteinander und Gegeneinander der Kulturen kann man ja in der Geschichte Brasiliens einiges finden.
So wurde vor etwa 10 Jahren "500 Jahre Brasilien" gefeiert, mit gemischten Gefuehlen, denn waehrend die einen das "neue, multikulturelle" Brasilien feiern, gedenken Indios und Schwarzafrikaner, dass ihre Geschichte vor 500 Jahren unterbrochen wurde, dass man sie zu "Menschenmaterial" fuer die Interessen der Kolonialmacht gemacht hat.
Das offizielle Brasilien geht von der Vision aus: Indios + Schwarzafrikaner (ehemalige Sklaven) + Europaer = Brasilianer, meint Paulo Suess, Theologieprofessor und Kaempfer fuer die Rechte der Indios, aber: "Das bedeutet, dass jeder das Seine verliert."
Er sieht die Entwicklung so: "Brasilien hat seine Identitaet bis zum Anfang dieses Jahrhunderts immer in Europa gesucht. Dann kam 1922 die "Semana de Arte Moderna". Da haben die Intellektuellen in Abgrenzung von Europa das Brasilianische proklamiert. Sie entdeckten das Eigene...
Dieser Prozess wiederholte sich spaeter in der Kirche. Zunaechst war sie ganz auf Europa hin orientiert... Nach dem Konzil gab es viele Versuche, brasilianische und lateinamerikanische Kirche "auf dem Grund und Boden" der Armen aufzubauen. ... Aber es waren "generalisierte" Arme."
Seine Perspektive ist heute anders: “Erst ab den siebziger, achtziger Jahrten haben wir in der lateinamerianischen Kirche begonnen, das Spezifische zu betonen... . Nun wurde begonnen das Andere, das Eigene der Kulturen der Indios anzuerkennen und zu verteidigen.”
Fuer Suess und seine Vision vom Zusammenleben der Voelker sind die Indios nicht primaer Arme, sondern vielmehr "Andere": "Die Indios haben die Jahrhunderte nicht in einer ihnen feindlichen Umgebung ueberlebt, weil sie arm waren, sondern weil sie anders waren. Man ueberlebt nicht nur, weil man arm ist, man muss auch ein Projekt haben, ein Lebensprojekt, das ist immer kulturell konfiguriert."
Hier leben viele "andere" nahe beisammen, arbeiten miteinander, treffen sich in der Metro und beim Einkaufen.
"Von wo bist du?" verstanden als "Wie lebst du anders? Was ist dein Lebensprojekt?" ist eine spannende, eine verdammt gute Frage!
Foto: Im Park an der Avenida Paulista. Text auf der Bank: Was der Erde angetan wird, das wird auch den Kindern der Erde angetan werden.

Quelle der Zitate: Der Text von Paulo Suess stammt aus einem Interview, das mir mein "steiler" Freund
Franz Helm SVD, Steyler Missionar, geschickt hat. Du findest es bei der
ila - Informationsstelle Lateinamerika eV - 500 Jahre Brasilien
unter:
www.ila-bonn.de/artikel/234intersuess.htm (7.12.2005)
rosa_r - 7. Dez, 12:45
