10.12. Die Peripherie der Peripherie
Dulce und Hilda wohnen zwar schon an "der Peripherie", aber bis zum wirklichen Stadtrand waren wir noch fast eine halbe Stunde mit dem Auto unterwegs.
Das neue Header-Bild habe ich dort aufgenommen.
Der Stadtrand ist Neubaugebiet fuer Zuwanderer, vorwiegend aus dem dem Norden Brasiliens. Die Gegend ist sehr huegelig, die Strassen entsprechend steil.
Wer ein Grundstueck kaufen will erhaelt 5 x 25 Meter. Gebaut wird solange Geld da ist. "Hier ist alles unfertig" sagt Pater Joao, ein Ire, der seit 40 Jahren am Stadtrand lebt. "Der Vater baut unten, der Sohn den Stock darueber und die naechste Generation noch einmal darueber."
Als Joao nach Brasilien gekommen ist, lebten nur 25% der Menschen in der Stadt. Heute sind es 80%. Der Prozess der Umstrukturierung vom Feudalsystem auf die moderne Informationsgesellschaft hat in Europa einige hundert Jahre gedauert. Hier geschieht alles gleichzeitig und in wenigen Generationen. Das fuehrt zu den entsprechenden Entwurzelungen der Menschen samt allen negativen Begleiterscheinungen, so erklaerte er. Die grosse Migration von Norden nach Sao Paulo aber habe bereits vor etwa 5 Jahren aufgehoert.
Joao ist leidenschaftlicher Fotograf und hat zwei schoene Spiegelreflex-Digicams. Er fotografiert und schreibt fuer verschiedene kirchliche Zeitungen.
"Er liest taeglich 2 - 3 Stunden!" erzaehlt mir Hilda voller Bewunderung. Padre Joao wirkt pragmatisch nuechtern auf mich, sehr angenehm! Freue mich, ihn besser kennen zu lernen.
Bild: Joao

Hilda arbeitet mit ihm in einem Pfarrzentrum, wo die Padres fuer eine ganze Reihe an Angeboten gesorgt haben: Es gibt Kinderguppen, Kurse ueber Hausmedizin, gesunde Ernaehrung etc., eine Sozialarbeiterin ist angestellt, und besonders stolz sind sie auf den Computerraum mit ca. 30 Geraeten. Die Haelfte funktioniert zwar nicht mehr, aber die andere Haelfte wird taeglich von mehr als 200 Leuten benutzt. Ein Ehrenamtlicher bietet Kurse an: 6 Frauen jeden Alters waren gerade anwesend. Kinder kommen zum Spielen am PC her und Reingard steigt ins Internet ein und freut sich ueber die Kommentare von Brigitte und Petra.
Bild: Wir stoeren eine Kindergruppe, die ein Weihnachtsspiel vorbereitet

Die Runde durch die Neubaugebiete mit Joao am Vormittag war aeusserst interessant. Am Nachmittag hatte Hilda einen Termin: Weiterbildung. Es gibt jetzt neuerdings eine Fortbildung fuer Ehrenamtliche, die Gespraechsrunden zu religioesen und Lebensthemen gestalten. Manche dieser "Catequistas" sind grad erst 18, andere sind bereits in Pension. Ich habe hier einige sehr interessante Frauen kennen gelernt, leider konnte ich mir die Namen nicht merken.
A ist Reinigungsfrau und hat seit Jahren eine Gruppe fuer Jugendliche. Sie wirkt selber sehr jung, ist auch fetziger gekleidet als die anderen. Sie zeigt mir Fotos und erzaehlt: "Den habe ich dreimal gefragt, ob er nicht doch zur Firmung will, aber er hat mir keine richtige Antwort gegeben. Nach langen bin ich drauf gekommen, dass seine Eltern es verboten haben. Sie hatten kein Geld fuer ein Firmgeschenk!" Die Geschichte ging natuerlich gut aus.
B ist Mutter von drei Kindern, das juengste 13. Eine gepflegte, intelligente Dame, die zugibt, dass es nicht leicht ist, den Haushalt und die Arbeit in der Pfarre unter einen Hut zu bringen. "Aber ich brauche diese Arbeit, sonst werde ich verrueckt zuhause! Es geht allen besser so!"
Die Unterrichtseinheit ist enttaeuschend, trotz der "guten Zutaten". Der Referent wirkt erfahren und menschlich interessant, aber 2 Stunden Vortrag ohne Pause in einem ueberhitzten Raum, und im Hintergrund laermen die Kinder - das ist keine Bildung, sonder lediglich eine Gedulds- und Kraftprobe. Interessant ist, die Reaktion der Menschen darauf zu beobachten:
Der Widerstand bleibt verdeckt, die Oberflaeche ist angepasst. Drunter gibts Unzufriedenheit mit sich selbst, weil man zu dumm ist, das zu verstehen oder verdeckten Protest mit Seitengespraechen und Wasserholen.
"Ist das jedes mal so?", frage ich. Nein, normal werden die Stunden von Frauen gestaltet, da gibts dann Gruppen und Diskussion und Theater und so fort. Das ist auch mehr fuer die Praxis, werde ich beruhigt.
Interessant, diese geschlechtsspezifische Erklaerung!
Der Bus holt einen grossen Teil der Frauen ab und auf der Fahrt entlaedt sich dann einiges. Ich freue mich darueber und ermutige die Frauen, ihrem Gefuehl zu vertrauen. Ja, es liegt nicht nur daran, dass wir nach dem Mittagessen muede sind. Auch meiner Meinung nach passen hier Inhalt und Form nicht zueinander. Im Land des Paolo Freire, dem grossen Volkspaedagogen, sollte frau sich diese "herablassende" Form der Belehrung nicht mehr bieten lassen.
Das neue Header-Bild habe ich dort aufgenommen.
Der Stadtrand ist Neubaugebiet fuer Zuwanderer, vorwiegend aus dem dem Norden Brasiliens. Die Gegend ist sehr huegelig, die Strassen entsprechend steil.
Wer ein Grundstueck kaufen will erhaelt 5 x 25 Meter. Gebaut wird solange Geld da ist. "Hier ist alles unfertig" sagt Pater Joao, ein Ire, der seit 40 Jahren am Stadtrand lebt. "Der Vater baut unten, der Sohn den Stock darueber und die naechste Generation noch einmal darueber."
Als Joao nach Brasilien gekommen ist, lebten nur 25% der Menschen in der Stadt. Heute sind es 80%. Der Prozess der Umstrukturierung vom Feudalsystem auf die moderne Informationsgesellschaft hat in Europa einige hundert Jahre gedauert. Hier geschieht alles gleichzeitig und in wenigen Generationen. Das fuehrt zu den entsprechenden Entwurzelungen der Menschen samt allen negativen Begleiterscheinungen, so erklaerte er. Die grosse Migration von Norden nach Sao Paulo aber habe bereits vor etwa 5 Jahren aufgehoert.
Joao ist leidenschaftlicher Fotograf und hat zwei schoene Spiegelreflex-Digicams. Er fotografiert und schreibt fuer verschiedene kirchliche Zeitungen.
"Er liest taeglich 2 - 3 Stunden!" erzaehlt mir Hilda voller Bewunderung. Padre Joao wirkt pragmatisch nuechtern auf mich, sehr angenehm! Freue mich, ihn besser kennen zu lernen.
Bild: Joao

Hilda arbeitet mit ihm in einem Pfarrzentrum, wo die Padres fuer eine ganze Reihe an Angeboten gesorgt haben: Es gibt Kinderguppen, Kurse ueber Hausmedizin, gesunde Ernaehrung etc., eine Sozialarbeiterin ist angestellt, und besonders stolz sind sie auf den Computerraum mit ca. 30 Geraeten. Die Haelfte funktioniert zwar nicht mehr, aber die andere Haelfte wird taeglich von mehr als 200 Leuten benutzt. Ein Ehrenamtlicher bietet Kurse an: 6 Frauen jeden Alters waren gerade anwesend. Kinder kommen zum Spielen am PC her und Reingard steigt ins Internet ein und freut sich ueber die Kommentare von Brigitte und Petra.
Bild: Wir stoeren eine Kindergruppe, die ein Weihnachtsspiel vorbereitet

Die Runde durch die Neubaugebiete mit Joao am Vormittag war aeusserst interessant. Am Nachmittag hatte Hilda einen Termin: Weiterbildung. Es gibt jetzt neuerdings eine Fortbildung fuer Ehrenamtliche, die Gespraechsrunden zu religioesen und Lebensthemen gestalten. Manche dieser "Catequistas" sind grad erst 18, andere sind bereits in Pension. Ich habe hier einige sehr interessante Frauen kennen gelernt, leider konnte ich mir die Namen nicht merken.
A ist Reinigungsfrau und hat seit Jahren eine Gruppe fuer Jugendliche. Sie wirkt selber sehr jung, ist auch fetziger gekleidet als die anderen. Sie zeigt mir Fotos und erzaehlt: "Den habe ich dreimal gefragt, ob er nicht doch zur Firmung will, aber er hat mir keine richtige Antwort gegeben. Nach langen bin ich drauf gekommen, dass seine Eltern es verboten haben. Sie hatten kein Geld fuer ein Firmgeschenk!" Die Geschichte ging natuerlich gut aus.
B ist Mutter von drei Kindern, das juengste 13. Eine gepflegte, intelligente Dame, die zugibt, dass es nicht leicht ist, den Haushalt und die Arbeit in der Pfarre unter einen Hut zu bringen. "Aber ich brauche diese Arbeit, sonst werde ich verrueckt zuhause! Es geht allen besser so!"
Die Unterrichtseinheit ist enttaeuschend, trotz der "guten Zutaten". Der Referent wirkt erfahren und menschlich interessant, aber 2 Stunden Vortrag ohne Pause in einem ueberhitzten Raum, und im Hintergrund laermen die Kinder - das ist keine Bildung, sonder lediglich eine Gedulds- und Kraftprobe. Interessant ist, die Reaktion der Menschen darauf zu beobachten:
Der Widerstand bleibt verdeckt, die Oberflaeche ist angepasst. Drunter gibts Unzufriedenheit mit sich selbst, weil man zu dumm ist, das zu verstehen oder verdeckten Protest mit Seitengespraechen und Wasserholen.
"Ist das jedes mal so?", frage ich. Nein, normal werden die Stunden von Frauen gestaltet, da gibts dann Gruppen und Diskussion und Theater und so fort. Das ist auch mehr fuer die Praxis, werde ich beruhigt.
Interessant, diese geschlechtsspezifische Erklaerung!
Der Bus holt einen grossen Teil der Frauen ab und auf der Fahrt entlaedt sich dann einiges. Ich freue mich darueber und ermutige die Frauen, ihrem Gefuehl zu vertrauen. Ja, es liegt nicht nur daran, dass wir nach dem Mittagessen muede sind. Auch meiner Meinung nach passen hier Inhalt und Form nicht zueinander. Im Land des Paolo Freire, dem grossen Volkspaedagogen, sollte frau sich diese "herablassende" Form der Belehrung nicht mehr bieten lassen.
rosa_r - 15. Dez, 12:17
