19.12. Recilazaro: Die Wuerde zurueckgewinnen

Mit meinem Besuch bei Recilazaro schlittere ich in was rein, das noch weitere Konsequenzen haben wird. Aber am Montag in der Frueh weiss ich das ja noch nicht.
Drehen wir das Rad also zurueck:
Schwester Mariana studiert Theologie und faedelt ueber einen Kollegen den Besuch ein. Vorerst wissen wir nur, dass sich der Praesident Zeit nimmt: Padre Jose Carlos. Wir fahren um halb Acht los und treffen Jose Carlos und Marianas Kollegen Marcio an der U-Bahn. Marcio arbeitet in der Pfarre St. Lazarus, wo Jose Carlos offiziell Pfarrer ist. Gleichzeitig aber ist er ein unternehmerischer Pionier, Inspirator und Geschaeftsfuehrer eines rasch wachsenden Sozial-Unternehmens.

Begonnen hat alles vor ca. 8 Jahren. Die Kirche und das Pfarrhaus liegen in einem gutbuergerlichen Stadtteil mit vielen alten Einfamilienhaeusern. Ober St. Veit sozusagen. Auf dem Platz vor der Kirche aber leben Wohnungslose: "povo da rua". Eine Gruppe Jugendlicher will eine Initiative setzen und den Leuten Hilfe anbieten. Es dauert etwa ein Jahr, bis die Befuerchtungen und Widerstaende bei den Wohnungslosen und bei der Bevoelkerung zurueckgehen. Die Pfarre bietet jetzt taeglich Essen, Duschmoeglichkeit, Kinderbetreuung, Einzelhilfe an. Und dann gehts los. Padre Jose Carlos eroeffnet mit einigen Helfern eine Notunterkunft. Die Herberge St. Lazarus bietet heute ca. 300 Menschen Platz. Standard: Stockbetten und Schlafsaele fuer je etwa 20 Personen. Trennwaende zwischen den Stockbetten sorgen fuer ein Minimum an Abgrenzung. In der Herberge gibt es Arbeitstherapie, Ausbildung und vielfaeltige Unterstuetzung. Wir besuchen die Baeckerei - dort ist es heute ruhig. Die Ferien haben schon begonnen. Ein huebscher junger Mann arbeitet mit Brotteig. Er darf einmal in der Woche aus dem Gefaengis, weil er in der Herberge mitarbeitet und Ausbildung macht. Dann gibts eine Schreinerei, wo aus Abfallholz herrliche Gegenstaende hergestellt werden. Aus Pappe und Papiermaché bauen sie stabile Moebel nach einem franzoesischen Patent. Allerlei wiederverwertbares Material wird zu Taschen, Teppichen, Schmuck etc. verarbeitet.
Im Pfarrhof ist inzwischen eine Recycling-Stelle eingerichtet. Stapel von Altpapier, leeren Flaschen, Blech in Tonnen, Altkleidern brachten Jose Carlos den Ruf ein, der "heilige Muellsammler" zu sein. Der Kirchplatz ist aber weitgehend frei von Wohnungslosen geworden und die Pfarre traegt die Aktivitaeten mit.
Praktisch jedes Jahr eroeffnet Jose Carlos eine neue Einrichtung - was halt am dringendsten gebraucht wird: Das Haus Marta und Maria ist ein geschuetzter Platz fuer 70 misshandelte Frauen mit Kindern, die von der Polizei ueberwiesen werden. Etwas mehr am Stadtrand gibt es auch einen grossen "Mistplatz" - so heisst es in Wien, wo gesammeltes Material sortiert und gestampft wird. Jetzt arbeiten dort 30 Wohnungslose oder ehemals Wohnungslose wie Maria. Sie lebte ueber 10 Jahre auf der Strasse und auch auf dem Platz vor der Pfarrkirche. Sie hat alles genommen, was sie an Drogen bekommen konnte, um sich zu betaeuben. Sich tot stellen. Ich will nicht da sein.
Einmal wird sie von Polizisten weggejagt und geschlagen. In der Not ueberwindet sie die Scheu und schreit nach dem Pfarrer um Hilfe. Dieser kommt auch und bringt sie in den Pfarrhof. Ein Tor ist aufgetan und Maria geht einen unglaublichen Weg der Veraenderung: Sie wird eine der Gruenderinnen des Arbeitsprojektes am Mistplatz, wo sie auch heute noch mitarbeitet und uns ihre Geschichte erzaehlt. Sie lebt jetzt clean und selbstaendig in "ihrem" Haus, hat ihre Familie im Nordosten finanziell unterstuetzt und ihrer Mutter auch ein kleines Haus in der Heimat gekauft.
Ein Modell, eine Erfolgsgeschichte.
Jose Carlos gruendet weiter: Ein Wohnprojekt etwa 50 km ausserhalb von Sao Paulo fuer 10 Maenner, die ein halbes Jahr Entzug machen in Kooperation mit einer Klinik. Ein Wohn- und Arbeitsprojekt fuer 30 Wohnungslose, die wieder arbeitsfaehig werden wollen, oder die zumindest wieder probieren wollen, ob sie das noch koennen. Beide Projekte liegen herrlich im Gruenen, es gibt Arbeitstherapie in der Landwirtschaft, Schulung und medizinische Betreuung.
Ein Haus fuer 10 Frauen, die HIV-infiziert sind und von ihren Familien "abgegeben" wurden. Dieses Haus "Guadalupe" ist das einzige Projekt, das nicht darauf ausgerichtet ist, dass die KlientInnen nach einer Zeit wieder eigenverantwortlich und selbstaendig leben. Es ist fuer die Frauen, die hier wohnen, wahrscheinlich die letzte Wohnung. Drei von ihnen sind auch stark koerperlich behindert und pflegebeduerftig. Aber die Damen sind munter und gepflegt. Hier wirkt es nicht nach Endstation. Es gibt eine gute Zusammenarbeit mit der Klinik, mehrmals in der Woche machen Gruppen aus der Klinik Besuche im Haus und gemeinsame Gespraechsrunden. Ein Augenarzt hat seine Einrichtung vererbt - in den drei Jahren seit Guadalupe besteht, wurden ueber 200 Menschen gratis behandelt. Leute, die in keiner Arztpraxis gerne gesehen waeren.
Jose Carlos erzaehlt, dass Recilazaro fuer die da ist, die am meisten verletzlich sind.
Es hat ihn sehr beeidruckt, wie die Frauen im Haus Guadalupe ihre Wuerde wieder gefunden haben und aufgebueht sind. "Wenn du so ein Buendel triffst, am dem kaum mehr etwas Menschliches zu erkennen ist, und wenn du dann dabei sein darfst und siehst, wie sich der Mensch aufrichtet und entfaltet...!" Diese Erfahrung ist der Motor fuer seine unglaublich erfolgreichen Aktivitaeten.

Die Gesamtorganisation bietet heute mit etwa 120 MitarbeiterInnen und 200 Freiwilligen Angebote fuer ueber 800 Menschen, die keine Wohnung haben.
Jose Carlos laesst sich hinreissen und macht mit uns Visite durch seine Einrichtungen. Es gefaellt ihm, seine Arbeit herzuzeigen und ich profitiere sehr. Am Abend haben wir ausser einer Maennerwohngemeinschaft, die aehnlich wie Guadalo]upe aufgebaut ist, alle Projekte gesehen.

Ob ich nicht das Haus vis-a-vis kaufen will, fragt er mich. Na irgend sowas musste ja kommen, bei seinem Gruendungstalent!
Bisher gibt es noch keine Einrichtung, wo die Kinder HIV-infizierter Frauen bei ihren Muettern bleiben koennen. Mutter und Kind werden getrennt - und das widerstrebt ihm sehr. Da die Kinder meistens auch infiziert sind, kommen sie ins Spital oder ein Kinderheim.
Das HIV-Virus ist heute aber kein Todesurteil mehr. Medikamente gibt das Gesundheitsministerium gratis an die Beduerftigen. Mutter und Kind koennen miteinander leben und ihr Leben waere reicher, sinnvoller und gesuender. Es ist nur noch mein Wunsch, das anzufangen, meint Jose Carlos.

Das Haus vis-a-vis ist gerade zu verkaufen und es waere praktisch, denn in Guadalupe leitet Jamili, eine Krankenschwester. Sie studiert neben dem Leitungsjob. Knowhow, Erfahrung und Mut waeren da.

Ich winke erst mal ab und mache klar, dass ich kein Sponsor bin und keinen Fond gruenden kann. Aber am Abend, als wir gemuetlich bei Wein in seinem Haus sitzen, faellt mir viel zu dem Thema ein: Was braucht ihr wirklich? Ist das Haus gross genug? Wie klar ist die Idee schon? Wer kann euch in Brasilien unterstuetzen?
Am Ende habe ich ein "compromisso": Ein Date nach Weihnachten mit einigen von seinen Fuehrungskraeften, natuerlich auch Jamili, die mir sehr gefaellt. Nicht nur weil sie sehr huebsch ist. Sie ist gescheit und weiss was sie tut.
Ich stelle mich zur Verfuegung, ein Projektexposee auf deutsch zu machen und mich um einige Kontakte im deutschsprachigen Raum zu bemuehen.
Nach Weihnachten erarbeiten wir uns die Grundlagen.
"Schau ma mal!" und fangen wir mal an...

Was mir besonders gut gefaellt an Jose Carlos, ist sein Sinn fuer das Echte. In seinem Haus gibt es viele schoene alte Gegenstaende: Uhren, Waldhoerner, Geschirr, alles ist voll davon. Und der Wein war der erste gute Wein in Brasilien.

Das wichtigste KURZ

Endlich Fotos! - ab 1.2.. Dieses Blog enthaelt Notizen und Fotos bis zum 23.2., der ersten Zeit in Piaui. Fortsetzung unter <2brasil.twoday.net>!!!!!!!! Seit 30.1. geniesse das Landleben im "Wilden Westen" von Brasilien - das ist der Nordosten, genauer gesagt Bundesstaat Piaui! Derzeit wohne ich in der Fundacao ASAS, einem privaten Bildungsprojekt fuer Kinder aus benachteiligten Familien. Roberto, der Gruender, ist Hoellaender und arbeitet hier als Seelsorger. Die Gemeinde Sao Miguel hat etwa 3000 EW, laendlicher Raum, schoene Natur, derzeit angenehm sommerliches Wetter. Ich arbeite im Buero, habe viel Kontakt mit Kindern und besuche Familien. Die ersten 2,5 Monate habe ich in Sao Paulo gelebt, in verschiedenen Haeusern der Schwestern der Congregatio Jesu: Zentrale, Schule, Peripherie. Besuchte Sozialprojekte, interviewte interessante Menschen, recherierte viel im Internet, lernte portugiesisch und half ehrenamtlich mit.

Info fuer AllesleserInnen

Das Tagebuch ist wieder aktuell. Falls dein PC manche Tage nicht anzeigt, gehe in der obersten Befehlszeile auf "brasil" und wenn die Auswahl sich zeigt auf "Tagebuch". Die Suchmaschine funktioniert auch, allerdings muss man halt wissen, was man finden will... Peter und Heidrun wissen normalerweise, wie es mir geht: peter.hirsch@atnet.at; HeidrunLange1984@aol.com

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