20.12. Im CEFRAN: Die "Never Ending Story" von Weihnachten

Seit 1675 sind Franziskaner in Brasilien und in der Sozialarbeit sind sie hier seit etwa 100 Jahren aktiv. "Sefras" ist der Name der Organisation, die heute 65 Sozialeinrichtungen des Ordens in Brasilien koordiniert. Die Abkuerzung heisst, schlecht uebersetzt, Service der Franziskaner fuer Solidaritaet.
1994 wurde CEFRAN eroeffnet: Das Zentrum fuer Menschen, die den HIV-Virus tragen.

HIV-Traegerinnen, mit oder ohne Krankheitssymptome von AIDS, leiden nicht nur an der koerperlichen Krankheit, sondern besonders an den sozialen Konsequenzen. Das Bewusstsein, eine toedliche Krankheit zu haben, ist eben nur ein Teil des Problems. Alle haben Angst vor diesem Virus und wenige wissen, wie sie sich vor Ansteckung schuetzen koennen. Dass ein normales Zusammenleben mit HIV-positiven Menschen moeglich ist, glauben viele nicht, auch viele der Betroffenen.

Wer bei einer Blutuntersuchung den Befund HIV-positiv erhaelt, bekommt im Normalfall auch Information ueber Beratungsstellen und Hilfsorganisationen. Bei CEFRAN bleiben die mit den aergsten Problemanhaeufungen haengen: Kein Job, keine Wohnung, keine Ausbildung, schwanger, kein Geld, kein Essen....

Die Einstiegspforte ist zunaechst einmal materielle Hilfe: Geld wird nicht gegeben, wohl aber Medikamente, Lebensmittel und Kleidung. Mit jeder Person wird zunaechst ein Aufnahmegespraech gefuehrt, um die Situation zu erheben. Dann verpflichtet sich die Person, an einer Gruppe teil zu nehmen und waehlt aus etwa 20 Angeboten mindestens eines aus: Gesundheit, Sport, Sexualitaet, Homosexualitaet, Eltern und Kinder, Literatur, Buergerrechte, Informatik, Spiritualitaet, Kunst, Theater.... Alfabetisierung ist verpflichtend, fuer die, die nicht lesen und schreiben koennen.

Waehrend eines Semesters besucht die Person die Gruppe einmal in der Woche an einem Halbtag. Wer Kinder hat, bringt sie zu einer parallel laufenden Kindergruppe im CEFRANSINHO, im oberen Stock. Dort werden taeglich 50 - 80 Kinder in Gruppen bis zu max. 13 betreut.
CEFRAN begleitet laufend etwa 350 Erwachsene und 400 Kinder.
Ich lerne das Zentrum kennen, weil Marianne, eine der Schwestern aus dem Provinzialat, dort freiwillig zweimal in der Woche eine Kleinkindergruppe leitet. Heute ist - erraten! - Weihnachtsfeier, und das will mir Marianne unbedingt zeigen.

Wie gewoehnlich oeffnet das Zentrum ca. um 10 Uhr. Die Kinder kommen gleich in den oberen Stock - heute nicht in ihre Gruppe. Es sind nur etwa 50 Kinder da. Zwei Stunden lang gibts jetzt Gymnastik, singen und tanzen, Wettbewerbe. Die kleineren machen begeistert mit, die groesseren bleiben am Rand sitzen und schauen zu.
Foto: Wetttanzen
mia-mae

Mir faellt gleich das Plakat im Hintergrund auf, das wahrscheinlich zu einer normalerweise hier statt findenden Gruppe gehoert: "Meine Mutter ist ein Problem." steht darauf.
Wirklich, diese Kinder haben das Virus schon bei der Geburt mitbekommen. Oder wie Sarah, mein Schatz, noch zusaetzlich Syphilis. Sie ist etwa 10 Jahre alt und fast blind. Ich unterhalte mich gerne mit ihr, denn sie scheint mir sehr intelligent.
In diesem Alter weiss Sarah bereits, was ihre Krankheit ist und wie sie dazu gekommen ist. Die Muetter leben oft in grausamen Verhaeltnissen und die Kinder bekommen viel davon ab. Hier koennen sie reden ueber das, was sie belastet.

Um 1 Uhr gibt es Mittagessen. "Tia, setz dich zu uns!" Gerne, aber auch etwas scheu folge ich der Einladung. "Von wo bist du?" "Red mal was auf englisch!" und so weiter... Da kann ich gerade noch mithalten und zeige mit den Tellern auf dem Tisch, wo Brasilien und das Meer liegen und auf der anderen Seite Afrika und dort ganz in der Naehe Europa. "Ja, ich bin mit dem Flugzeug gekommen," beantworte ich die Frage. "Legal!" meint man anerkennend.

"Fuer mich ist es schwer portugiesisch zu sprechen. Und ganz leicht, englisch zu reden." Das oeffnet Tueren bei den Kindern, denn erstens ist portugiesisch ja ganz leicht! und zweitens haben viele Englisch-Unterricht. Sie lassen sich auch etwas herauslocken und ich bewundere alles.

Nach dem Mittagessen treffen sich heute Eltern und Kinder im Saal. Eine Theatergruppe spielt das erwartete Weihnachtsstueck. "Ihr wisst ja, warum wir heute da sind? Ja? Wir sollen ein Stueck spielen ueber Weihnachten. Aber das ist nicht leicht. Wie koennen wir ein Stueck spielen, das nie begonnen hat und das nie enden wird und das euch trotzdem gefaellt?"

Aber es gelingt ihnen. Das Stueck ist eine Mischung aus Klamauk und Musical und es wird viel gelacht. Wiederum kommt der Kobold Sassa-Perere vor, der normalerweise am liebsten in Haus und Hof fuer Unruhe sorgt. (Wie bei der Kinderauffuehrung in der Schule)
Im Haus leben weiters die Katze und die Grossmutter. Und der schlimme Sassa liegt mit der braven Katze im Klintsch wegen Weihnachten. "So ein Schmarrn!!", meint er. Nein, Katze, Sassa wirst du nicht gewinnen koennen, dass er dir beim Dekorieren mit Weihnachtsschmuck hilft. Im Gegenteil, er richtet an was er nur kann und seine Kommentare zu Weihnachten muessten den anwesenden Pater eigentlich rot anlaufen lassen.
Wie es schliesslich doch dazu kommt, dass Sassa - wider Willen - sogar einer Frau mit Baby hilft, und wie er das verbluefft abstreitet, ist famos gespielt. Im Traum erscheint ihm Maria, die Gottesmutter: "Sassa! Abre a porta! Oeffne die Tuere!" Er wacht auf, ist zunaechst verdutzt, aber bald macht er sich ueber den Traum lustig. "Wo habe ich denn eine Tuere, bitte?"

Doch er hat nun schon einmal angefangen, die Freude des Helfens kennen zu lernen, und so kommt er auch nicht mehr weg davon. Am Ende zaubert er sogar die Enkelin herbei, die wegen des Unwetters nicht zur Oma kann.

Die Verwandlung des schwarzen Kobolds mit einem Bein zu einem verschmitzt freudig-widerspenstigen Helfershelfer war so kunstvoll gespielt, dass weinen und lachen auch bei mir nahe beieinander lagen. Es war das schoenste Weihnachtsmaerchen seit langem.
Bild: Publikum im CEFRAN
cefran-natal

"And so this is Christmas..." - der Song von Lennon zum Schluss bringt auch hartgesottene Anwesende zum Schmelzen. Nach dem Stueck liegt man sich in den Armen. Die Kinder bekommen von Papa Noel noch einen Kuss und ein Packerl und werden nachher abgeholt.
Ein grosses, heiteres Durcheinander. Einige transsexuelle Maenner-Muetter sind auch gekommen. Ich spuere kein Abruecken von irgend jemandem. Die Mama von Sarah findet ihre tapfere Tochter bei mir und wir unterhalten uns. Niemand wuerde die gut aussehende, etwas buergerlich wirkende, Dame fuer eine Prostiuierte halten.

Das wertvollste an diesem Tag im CEFRAN war fuer mich das Eintauchen in dieses Klima: Offenheit und Wertschaetzung auf dem Boden harter Tatsachen. Hier erlebe ich die Geschichte der Liebe, die Leben will, in dieser Welt, jetzt und fuer alle.

Natuerlich werde ich von vielen herzlich eingeladen, wieder zu kommen. Kann gut sein, denn ich bin gespannt auf mehr.

Das wichtigste KURZ

Endlich Fotos! - ab 1.2.. Dieses Blog enthaelt Notizen und Fotos bis zum 23.2., der ersten Zeit in Piaui. Fortsetzung unter <2brasil.twoday.net>!!!!!!!! Seit 30.1. geniesse das Landleben im "Wilden Westen" von Brasilien - das ist der Nordosten, genauer gesagt Bundesstaat Piaui! Derzeit wohne ich in der Fundacao ASAS, einem privaten Bildungsprojekt fuer Kinder aus benachteiligten Familien. Roberto, der Gruender, ist Hoellaender und arbeitet hier als Seelsorger. Die Gemeinde Sao Miguel hat etwa 3000 EW, laendlicher Raum, schoene Natur, derzeit angenehm sommerliches Wetter. Ich arbeite im Buero, habe viel Kontakt mit Kindern und besuche Familien. Die ersten 2,5 Monate habe ich in Sao Paulo gelebt, in verschiedenen Haeusern der Schwestern der Congregatio Jesu: Zentrale, Schule, Peripherie. Besuchte Sozialprojekte, interviewte interessante Menschen, recherierte viel im Internet, lernte portugiesisch und half ehrenamtlich mit.

Info fuer AllesleserInnen

Das Tagebuch ist wieder aktuell. Falls dein PC manche Tage nicht anzeigt, gehe in der obersten Befehlszeile auf "brasil" und wenn die Auswahl sich zeigt auf "Tagebuch". Die Suchmaschine funktioniert auch, allerdings muss man halt wissen, was man finden will... Peter und Heidrun wissen normalerweise, wie es mir geht: peter.hirsch@atnet.at; HeidrunLange1984@aol.com

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