21.12. Im Schwimmbad ist die Hoelle los

"Wir machen mit den Kindern einen Ausflug ins Gruene!" verkuendet Dulce, und ich muss mit! Ich soll den Badeanzug mitnehmen und stelle mir irgendwie was Gemuetliches vor.

Um 8 bei der Bushaltestelle ueberfaellt mich die Realitaet: 120 Kinder in drei Bussen sind total aufgedreht. Ein Haeuflein Frauen aus der Pfarre faehrt mit und mir daemmert langsam, warum Dulce heute ein spezielles Gebet zur Muttergottes geschickt hat.

In der Frueh wirkt es regnerisch und ist frisch. Wir fahren ca 40 Minuten und kommen schliesslich am Parkplatz einer Fischerei mit Freizeitgelaende an.
Die Kinder sind aus Favelas, zwischen 5 - 14 Jahre alt und werden einmal im Jahr zu diesem Tag im Schwimmbad eingeladen, sogar mit "Papa Noel"! Es gibt in der Pfarre sogenannte Patentanten, die jeweils fuer einige Kinder Geschenke organisiert haben und heute ist der grosse Tag der Uebergabe.

Diese Kinder haben normalerweise ein vorsichtiges Verhaeltnis zu Autoritaeten. Nach dem Motto: Man kann nie wissen, was von oben kommt! draengt sich niemand auf, mitzuhelfen. Nein, in Sicherheit ist man, wenn man weit vom Schuss ist.
Die Erwachsenen schleppen die Limo und Wuerste und Grillkohle also zum groessten Teil selber zum Essplatz.
Das Gelaende ich schoen, rundherum nur Wald und Wiese. Es gibt einen Volleyballplatz, einen Spielplatz fuer die Kleinen, eine grosse Wiese fuer die Fussballer und in der bluehenden Hecke rundherum sehe ich Kolibiris.

Gleich nach der Ankunft ist es noch kuehl und wir geben erstmal eine Jause aus.
Mir wird es schwummerig, denn ich bemerke, dass niemand ein Programm vorbereitet hat.
Das Team der knapp 10 BegleiterInnen funktioniert scheinbar ohne Leitung und Absprache.

Fuer die Kueche fuehlen sich die meisten zustaendig. Das Vorbereiten der Brote und Verstauen der Lebensmittel klappt auch gut. Es scheinen sich aber nur 2 -3 Frauen fuer die Betreuung der Kinder verantwortlich zu fuehlen.
Menschenskind, das wird was werden! Ich krieg Bauchweh vom Zuschauen. Da sind zum Beispiel die Maedels mit 12, die schon voll in der Pubertaet sind. Sie tragen hohe Absaetze und wollen mit den Buben nicht nur Fussballspielen. Gibts da irgend eine Vereinbarung, was sie duerfen und was nicht? Ich weiss zumindest nichts und hoffe, dass niemand erwischt wird.
piscina
Richtig gehts dann los, als die Sonne waermer und das Schwimmbad freigegeben wird.
Benimmregeln werden nicht verlautbart. Wuerde wahrscheinlich auch nicht viel nuetzen.
Mir stockt der Atem beim Hinschauen: Ununterbrochen springt irgendwo einer vom Rand ins uebervolle Becken und rund um die Bassins wird auf den nassen Fliesen Fangen gespielt. Als die Boys dann Salto ueben - bei einer Wassertiefe von ca. 1,50 m und direkt von der Randkante aus - wirds mir aber zu steil.
Nach Motorradunfaellen sind Spruenge ins seichte Wasser die zweithaeufigste Ursache fuer Querschnittlaehmungen, so habe ich an der Sozialakademie gelernt, und bemerke: Wissen ist noch lange nicht Macht!

Ich versuche also herauszufinden, wer hier das Sagen hat, ernte aber nur diffuse Handzeichen. Dann will ich eine Allianz der Betreuerinnen anzetteln und suche den Kontakt zu der Frau, die immer in der Naehe der Kinder geblieben ist.
"Das ist gefaehrlich, was die da machen." bringe ich raus. "Die sind daran gewoehnt, dass es wild zugeht.", meint sie locker.
Und die gute Dulce versucht mich (und sich) zu beruhigen mit dem Hinweis auf die gute Tat: "Viele von ihnen haben kein fliessendes Wasser zuhause, sie koennen nicht duschen. Wasser ist was Tolles fuer sie!"

X-mal an diesem Tag will ich mich auch abseilen, weil ich nicht mehr hinschauen kann und weil ich keine Sonnencreme dabei habe, um laenger beim Bad bleiben zu koennen.
Genau so oft zieht es mich wieder zu einem der Becken, weil ich den Eindruck habe, dass sich da grad was aufschaukelt oder weil ein Kind was braucht.
Ich will gar nicht wissen, ob sie wenigstens eine Krankenschwester dabei haben und uebe mich im "selektiven Wahrnehmen".

Als schliesslich eine der BetreuerInnen ins Wasser geworfen wird, schreie ich die Boys an. "Das ist Mist, was ihr da tut. Tut doch nichts, was sie nicht will!" Leider hatte ich es nicht rechtzeitig mitgekriegt und es nicht verhindern koennen. Im nachhinein lachen alle, mir aber ist nicht danach zumute. Wir haben noch einige Stunden mit denen vor uns und ich will nicht zum Spielball dieser Gruppendynamik werden.
Meine Worte haben sie wahrscheinlich nicht verstanden, aber meinen Aerger und meine Aggression haben sie mitgekriegt. Mir war wichtig, die Grenze zu markieren: "So nicht!". Graçias a Deus ist es auch nicht mehr passiert und schon gar nicht mit mir.

Zum Mittagessen gibts Churrasco, am Nachmittag koennen alle nochmal ins Wasser und um halb Vier kommt dann Papa Noel.
Wir raeumen die Tische weg und machen Halbkreise mit den Baenken. Langsam kommen auch die letzten aus dem Bad und suchen ihre Kleider und Handtuecher. Die Spannung steigt. Wir ueberbruecken die Zeit mit dem Verteilen von Obst und Getraenken und singen.
Das Singen und Klatschen wird immer lauter, Papa Noel muss es doch schon hoeren!
piscina-batuque-

Und endlich, nach fast einer Stunde, erscheint da unten bei der Bruecke am Fischteich die ersehnte rote Gestalt. Jetzt ist niemand mehr zu baendigen. Alle springen auf, schreien, pfeifen, stehen auf den Baenken oder draengen vor zum Ausgang.
Nicht einmal die coolen Jugendlichen koennen sich dieser Euphorie entziehen. Die Gesichter leuchten: "Er ist wirlich da!"
Jetzt kommt dann bald der Hoehepunkt und jedes Kind wird aufgerufen, erhaelt einen Applaus und ein Sackerl voller Geschenke - und strahlt! Zum Wegschmelzen schoen sind diese Augenblicke!

Im Omnibus normalisiert sich alles wieder. Natuerlich werden die Paeckchen geoeffnet, auch wenn man noch warten sollte. Natuerlich wird mehr oder weniger offensichtlich herumgezeigt, was da alles im Sack war. Satt und zufrieden faehrt man heim und gruppenweise steigen die Kinder bei den verschiedenen Stationen aus, froehlich rufend und singend.

Alles gut gegangen und war doch schoen im Gruenen, oder? Ja, wunderschoen. Und ein mulmiges Gefuehl bleibt mir.

Das wichtigste KURZ

Endlich Fotos! - ab 1.2.. Dieses Blog enthaelt Notizen und Fotos bis zum 23.2., der ersten Zeit in Piaui. Fortsetzung unter <2brasil.twoday.net>!!!!!!!! Seit 30.1. geniesse das Landleben im "Wilden Westen" von Brasilien - das ist der Nordosten, genauer gesagt Bundesstaat Piaui! Derzeit wohne ich in der Fundacao ASAS, einem privaten Bildungsprojekt fuer Kinder aus benachteiligten Familien. Roberto, der Gruender, ist Hoellaender und arbeitet hier als Seelsorger. Die Gemeinde Sao Miguel hat etwa 3000 EW, laendlicher Raum, schoene Natur, derzeit angenehm sommerliches Wetter. Ich arbeite im Buero, habe viel Kontakt mit Kindern und besuche Familien. Die ersten 2,5 Monate habe ich in Sao Paulo gelebt, in verschiedenen Haeusern der Schwestern der Congregatio Jesu: Zentrale, Schule, Peripherie. Besuchte Sozialprojekte, interviewte interessante Menschen, recherierte viel im Internet, lernte portugiesisch und half ehrenamtlich mit.

Info fuer AllesleserInnen

Das Tagebuch ist wieder aktuell. Falls dein PC manche Tage nicht anzeigt, gehe in der obersten Befehlszeile auf "brasil" und wenn die Auswahl sich zeigt auf "Tagebuch". Die Suchmaschine funktioniert auch, allerdings muss man halt wissen, was man finden will... Peter und Heidrun wissen normalerweise, wie es mir geht: peter.hirsch@atnet.at; HeidrunLange1984@aol.com

Aktuelle Beiträge

HE!
das ist doch gar nicht wahr! wenn schon hab ich gesagt:...
heidschnucke - 23. Mär, 11:22
20.2. Maria will deutsch...
Es ist 7 Uhr, ich bin noch am Fruehstuecken, als Maria...
rosa_r - 2. Mär, 18:00
18.2. Ueber dem See
Dass ich noch nie am See war hat zwei Gruende: Es gibt...
rosa_r - 2. Mär, 17:59
19.2. Die kleine Kaempferin
“Meine Freundin hat mich gar nicht besucht!” so klagt...
rosa_r - 2. Mär, 17:56
13.2. Montag - Arbeitsbeginn
Ab heute gehts also los mit dem Vorbereitungs-Betrieb...
rosa_r - 2. Mär, 17:54

User Status

Du bist nicht angemeldet.

Suche

 

Ankommen
Anreise
Projekte
Tagebuch
Profil
Abmelden
Weblog abonnieren