23.12. Lula

Ich habe ihn also persoenlich gesehen, den grossen Reformer und Politiker "Lula". Zuerst sein Lebenslauf in Kurzfassung, danach meine Geschichte dazu:

Am 27. Oktober 1945 wurde Luiz Inácio da Silva geboren. Seinen Spitznamen "Lula" nahm er später offiziell in den Namen auf. Als "Lula" ist er auch bei der brasilianischen Bevölkerung bekannt.

Lula da Silva ist im Nordosten Brasiliens geboren, wuchs aber in Sao Paulo auf. Er ist das siebte von acht Kindern und stammt aus armen Verhältnissen. Nach fuenf Jahren brach er die Schule ab und verdiente seinen Beitrag zum Lebensunterhalt der Familie als Schuhputzer, Botenjunge und in einer Wäscherei.
Mit 14 bekam er eine Anstellung in einer Metallfabrik und konnte in Abendkursen die Ausbildung zum Metallfacharbeiter machen. Noch heute gibt Lula das Silva "Dreher" als seinen Beruf an.
Im Jahr 1966 stellte ihn das Grossunternehmen Indústrias Villares ein. Hier begann Lula, sich gewerkschaftlich zu engagieren. Er wurde zweimal zum Gewerkschaftspräsidenten gewählt und leitete Arbeiterbewegungen in den nahe bei São Paulo gelegenen Industriezentren.

Am 10. Februar 1980 wurde bei einem Treffen Lulas mit anderen Gewerkschaftlern, Intellektuellen und Hochschulvertretern im Colégio Sion in São Paulo die Arbeiterpartei - Partido dos Trabalhadores - PT - gegründet und deren Grundsatzprogramm verkündet.

In der Wahlkampagne zu den Wahlen 2002 verzichtete Lula erstmals auf sein Arbeiterimage, und trat in Anzug und Krawatte auf. Außerdem betonte er nicht mehr seine Meinung, dass Brasilien seine Auslandsschulden nicht zurückzahlen solle. Statt dessen setzte er auf ein Programm gegen Hunger und Armut (fome zero) und für bessere Ausbildung. Mit der Industrie gelang es ihm ein vorsichtiges Vertrauensverhältnis aufzubauen. Sogar Raymundo Magliano, der Präsident der Börse von Sao Paolo meinte: "Lula macht niemandem mehr Angst. Er ist ein extrem intelligenter Mann ohne Vorurteile." (Zitiere Website http://windu.t-online.at/10/bios/main.php?neueinstieg=1&nachname=Da%20Silva&id=113 vom 28.12.05)

Bei den Präsidentschaftswahlen am 27. Oktober 2002 erhielt Lula da Silva mit 52,7 Millionen Stimmen das beste Ergebnis, das ein Praesident in Brasilien je erreicht hat. Von Januar 2003 bis Dezember 2006 wird er das Amt des Präsidenten der Föderativen Republik Brasilien bekleiden.

In der Regierungszeit Lulas hat sich die wirschaftliche Lage Brasiliens stabilisiert. Die Abholzung des Regenwaldes geht zum ersten mal zurueck und wichtige Reformen zB. die Einfuehrung von Kindergeld und Unterstuetzung fuer die aermsten Familien sind durchgefuehrt worden.

Andere Plaene, wie die Landreform, gehen langsamer als geplant voran. Dadurch, aber vor allem durch einen schweren Korruptionsskandal innerhalb der Arbeiterpartei im Sommer 2005, ist die Begeisterung der Brasilianer fuer ihren Praesidenten deutlich gesunken.
Viele Menschen, mit denen ich gesprochen habe, sind von der "Selbstbedienung" der Parteigenossen Lulas enttaeuscht.

"Lula" vertritt einen pragmatischen Mittelkurs zwischen neoliberaler und sozialistischer Politik. International baut er gemeinsam mit anderen lateinamerianischen Staaten ein Gegengewicht zur dominierenden Wirtschaftsphilosophie von Weltbank und WTO auf.

Lula das Silva ist seit 1974 mit Marisa Letícia verheiratet und hat fünf Kinder.
(Quellen: Wikipedia, Brasilianische Botschaft Deutschland 2003, DerStandard 2005)

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Und wie komme ich also zu einem Date mit Senhor Presidente?
Ueber Padre Jose Carlos und RECICLAZARUS.
Am 23.12. wird naemlich ein Vertrag unterschrieben, zwischen der Stadtregierung und dem Netzwerk der Catadores - das sind die Maenner mit den Karren, die den Muell einsammeln. Recilazaro hat vier Plaetze und Jose Carlos gibt mir einen davon.

Kurze Erklaerung: In São Paulo hat eine Pastorin vor 15 Jahren angefangen, Menschen, die auf der Strasse leben, durch das Sammeln und Verkaufen von Altpapier zu beschaeftigen. Heute gibt es zahlreiche Recycling-Initiativen, wie zB auch Recilazaro. Diese haben sich bundesweit zum Netzwerk COOPAMARE zusammengeschlossen (das heisst uebersetzt ungefaehr: Kooperation der Sammler von Material in Brasilien) und dieses Netzwerk laedt medienwirksam zur Vertragsunterzeichnung ein.

Ich schmeisse mich zwar in mein einziges schoenes Gewand, aber bin mehr als skeptisch: Ob der Praesident wirklich selber kommen wird? Es ist schliesslich der 23.12., 15 uhr - nicht gerade leicht, hochrangige Politiker na diesem Datum fuer etwas zu bekommen.

Aber er kommt - und nicht nur er! Nach 1,5 Stunden Verspaetung sind wir ca. 400 Menschen:
Viele Catadores nehmen teil, Vertreter der Sozialorganisationen und Prominenz:
Kardinal Don Claudio der Erzdioezese São Paulo, weiters der Sozialminister Brasiliens, die Gleichstellungsministerin, der amtierende Sozialrat von São Paulo, ein Senator und schliesslich Staatspraesident Lula das Silva persoenlich.

Unter einer Autobahnueberfuehrung sind mitten auf dem Gelaende eines Wiederverwertungsplatzes die Leinwand fuer eine Powerpoint-Praesentation und Plastiksessel aufgebaut: Zwischen Stapeln von Altpapier, gequetschten Platikflaschen und dergleichen mehr. Der Chor der Catadores sorgt fuer Stimmung. Etwa 50 Journalisten und Kamerateams sorgen fuer leichte Hektik. Ich uebernehme die Funktion einer "Ameise mit Fotoapparat", krabble auf Stapel und zwischen Sesselreihen herum, und ernte einige Schnappschuesse, von denen ich jetzt leider nur diesen verhatschten herzeigen kann. Bild: "Lula", Praesident von Brasilien
lula
Von den Inhalten der Reden und der Praesentation habe ich leider viel zu wenig verstanden.
Auch ist mir diese Muell-Philopophie noch schleierhaft. Sobald ich mehr verstanden habe, reiche ich einen Artikel dazu nach.
Eines aber noch zum Schluss. Vor der Veranstaltung frage ich den jungen, blonden Mann am Computer hoeflich, ob er mir nicht einen Ausdruck der Praesentation geben kann, denn ich bin Auslaenderin und tu mir leichter, wenn ich mitlesen kann.
"Ich bin auch Auslaender", ist seine Antwort.
"Koennen wir englisch reden?", frage ich erfreut. "Nein, fuer mich ist es besser portugiesisch." "Welche Sprache sprichst du denn?" frage ich schliesslich. Er antwortet: "Deutsch."
Ich verbluefft und auf portugiesisch: "Ich spreche auch deutsch." Pause. Dann mein erster gesprochener deutscher Satz seit langem: "Ich bin aus Oesterreich." "Ich auch", ist seine Reaktion. Na herrlich! Phillip ist ein Zivildiener aus Kaernten, der seinen einjaehrigen Einsatz beim Entsorgungsnetzwerk, "Rede Rua" (Netz der Strasse) macht, ein Projekt meiner "steylen" Missionarsfreunde. Hauptsaechlich aber begleitet er Pater Guenter in die Gefaengnisse, wahrscheinlich der haerteste Sozialjob in Brasilien.
Auch davon wird es einen Bericht geben, wenn Phillip und ich mal einen Erfahrungsaustausch machen koennen. Bild: Phillip
philip

Dass dieses Trerffen mit dem Praesidenten und dem Kardinal auf dem Mistplatz stattfindet, ist ein Signal, ein symbolischer und wichtiger Akt: Das Volk von der Strasse erhaelt damit oeffentliche Aufmerksamkeit und Wertschaetzung.

"Ihr lebt von eurer Arbeit, eure Familien leben davon. Die Gesellschaft braucht diese Arbeit. Und ihr seid um nichts geringer als einer, der seine Arbeit mit der Krawatte macht." sagte Lula zu den Catadores. Nicht jeder bringt das ueber die Lippen; von "Lula" erwartet man das. Es klingt glaubwuerdig von ihm, aber auch muede.

Das wichtigste KURZ

Endlich Fotos! - ab 1.2.. Dieses Blog enthaelt Notizen und Fotos bis zum 23.2., der ersten Zeit in Piaui. Fortsetzung unter <2brasil.twoday.net>!!!!!!!! Seit 30.1. geniesse das Landleben im "Wilden Westen" von Brasilien - das ist der Nordosten, genauer gesagt Bundesstaat Piaui! Derzeit wohne ich in der Fundacao ASAS, einem privaten Bildungsprojekt fuer Kinder aus benachteiligten Familien. Roberto, der Gruender, ist Hoellaender und arbeitet hier als Seelsorger. Die Gemeinde Sao Miguel hat etwa 3000 EW, laendlicher Raum, schoene Natur, derzeit angenehm sommerliches Wetter. Ich arbeite im Buero, habe viel Kontakt mit Kindern und besuche Familien. Die ersten 2,5 Monate habe ich in Sao Paulo gelebt, in verschiedenen Haeusern der Schwestern der Congregatio Jesu: Zentrale, Schule, Peripherie. Besuchte Sozialprojekte, interviewte interessante Menschen, recherierte viel im Internet, lernte portugiesisch und half ehrenamtlich mit.

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