31.12. San Silvestre

Heute bin ich richtig aufgelegt fuer ausgiebige Hirngymnastik. Den ganzen Vormittag lerne ich portugiesisch: Der Projektbericht von Rudi und Stela, der auch inhaltlich interessant und erstklassig gemacht ist, wird uebersetzt, Verbformen geuebt und Vokabeln wiederholt. Die Motivation dazu ist die Beobachtung, dass mein Sprachvermoegen zurueckgegangen ist, seit ich nicht mehr regelmaessig Unterricht habe und daher auch nicht mehr lerne.

Nach dem Essen muss ich den Kopf auslueften und beschliesse einen Ausflug in die Stadt. Im Bezirk Luz gibt es zwei interessante Museen, nahe an der U-Bahn, aber leider ist ueber die Feiertage alles geschlossen, wie besucherfreundlich!
Doch heute ist ein wunderbarer und sonniger Tag und ich schlendere durch den grossen Park mit Skulpturen und Installationen. Danach mag ich weiter gehen, verzichte auf die U-Bahn und spaziere ins Stadtzentrum. Nach etwa einer Stunde treffe ich auf Strassenabsperrungen und Menschen, die am Strassenrand warten. Der Polizist erklaert: "Heute gibts San Silvestre, den Volkslauf." Und schon ein paar Minuten spaeter tigern die ersten Athletinnen an uns vorbei. Ihre Bewegungen und ihre trainierten Koerper sind wunderschoen.
Das Feld kommt mit deutlichem Abstand und ist auch eine Augenfreude. Die Sonne brennt und wir haben weit ueber 30 Grad. Entsprechend leicht sind die Laeuferinnen bekleidet, aber es gibt auch Ausnahmen: Ein aufwendiger und grosser Papageienhut faellt mir auf, ein Clownskostuem, Pippi Langstrumpf etc.Ich bin ja lauf-abstinent, weil mir das zu anstrengend ist, und daher erstaunt, dass auch Damen ueber 60 mitlaufen.
Spaeter lese ich, dass eine Laeuferin aus Kenja gewonnen hat, die beste Brasilianerin war am vierten Platz. Die Maenner werden um 17 Uhr starten und sie kommen bald in den fuer heisse Tage typischen "Tropenregen".

Durch die Absperrungen sind viele Strassen zu Sackgassen geworden und das Zentrum ist praktisch verkehrsfrei. Ich geniesse die Freiheit und einen frischen Fruechtedrink und gehe so lange weiter, bis ich muede werde. Dann huepfe ich in die U-Bahn und fahre nach Tatuapé. Zwei Packerl sind naemlich in der Schule angekommen, da zerreisst mich doch die Neugier!

Im Colégo werde ich zum Abendessen eingeladen und unterhalte mich etwa eine Stunde mit einem neuen Besuch: Schwester Alberta. Sie ist Mitte 70, schaetze ich, und macht im Jaenner einen theologischen Hochschulkurs in Sao Paulo.
Wenn sie gerade nicht studiert, arbeitet sie am Land und macht pastorale Arbeit. Hinter diesem Begriff kann sich alles verbergen, habe ich schon gelernt. Was sie konkret macht? Zum Beispiel arbeitet sie seit zwei Jahren mit Maedchen, die schwanger werden.
Sie erzaehlt, wie sie die Kinder, die Kinder bekommen, begleitet: Wenn die Panik hochkommt oder wenn sie nach einem Abortus Hilfe brauchen. Sie versucht zu verhindern, dass ein Neugeborenes weggelegt wird, denn dann lebt es gerade so lange bis das naechste Raubtier kommt.
Und wenn sie grad keine akute Krise bewaeltigten hilft, organisiert sie Gruppen zu praktischen Fragen: Vom Windelnnaehen bis zur Hygiene. Dabei regt sie die Maedchen an, mit dem werdenden Kind zu sprechen. Sie will Boden bereiten fuer eine wohlwollende, einladende Beziehung.

Alberta engagiert sich seit Beginn der Bewegung fuer die Landlosen. Als die grossen Wasserkraftwerke im Sueden Brasiliens gebaut wurden, enteignete die damalige Militaerregierung von Brasilien rigoros. Manche erhielten Ersatzland, aber Tagereisen entfernt im Urwald, andere Arbeit in den Bergwerken unter unmenschlichen Bedingungen. Tausende Familien aber erhielten nichts. Sie waren einfache Menschen vom Land, oft Analfabeten, die sich nicht verteidigen konnten. Dieses Unrecht hat schliesslich dazu gefuehrt, dass sich engagierte Menschen aus allen Bevoelkerungsgruppen solidarisierten und die Bewegung der Landlosen entstand.
Wie schon beschrieben, ist diese inzwischen zu einer wichtigen politischen Kraft geworden. Trotzdem ist die Erfahrung von Alberta bitter: "Bei uns im Sueden zaehlt ein Menschleben weniger als ein Vieh." Sie berichtet, dass sie heute noch aufbricht, wenn ein von Landlosen besetzter Platz geraeumt werden soll, um vor Ort dabei zu sein. Das letzte Mal vor etwa zwei Monaten. Alberta hat schon viel Gewalt durch die Polizei gesehen und erlebt und ist ihren Grundsaetzen dabei treu geblieben.
Sie erzaehlt auch, wie schoen die Landschaft in Parana ist, Kulisse fuer viele Filme, und laedt mich zu den Schwestern ein. Ich kann das noch nicht annehmen. Vorlaeufig bin ich auf den Norden eingestellt und muss zuerst abklaeren, ob ein laengerer Aufenthalt in Piaui sinnvoll und moeglich ist. Falls nein, ist das natuerlich ein interessantes Angebot.

Am Rueckweg nach Hause ist es leicht, mit dem Kontrollor im Bus und mit Fahrgaesten zu plaudern, denn jetzt am Abend ist jeder in der Stadt in Feierstimmung und gruesst mit "Felíz ano novo!" Natuerlich bevorzuge ich in der Oeffentlichkeit weniger politische Themen. Die Art, wie man in Sao Paulo Silvester feiert, zum Beispiel: So wie bei uns, nur ohne Pummerin und Donauwalzer!
Ich ueberlege kurz, ob ich doch in die Stadt will, auf die Avenida Paulista, wo was los ist. Aber es zieht mich heim. Es ist nicht nur das ungute Gefuehl, allein in der Nacht unterwegs zu sein. Den Jahreswechsel verbringe ich lieber in Ruhe und lasse mir Zeit zum Zurueck- und Vorschauen.

Um halb Neun komme ich im Provinzhaus an. Die Schwestern sind in der Abendmesse und ich habe Zeit, mich frisch zu machen. Um dreiviertel Neun - das ist Viertel vor Mitternacht in Oesterreich, kommt ein Anruf. Vielleicht ists jemand fuer mich, aber ich stecke in der Dusche!
Per SMS schicke ich Gruesse an alle und dann versuche ich, die Pummerin auf Kurzwelle zu empfangen. Leider, wiederum nur "toc toc toc", kein "bim bam bum".

Trotzdem wirds ein schoener Silvester: Mit Wildrosenoel von Irmi und dem Donauwalzer, den Peter geschickt hat, tanze ich ins Jahr 2006. Allein und nicht einsam, weil ich euch so ungestoert von aussen sehr gut innen spueren kann.

Wir werden in drei Stunden feiern. Meine Gastgeberinnen kommen bald und freuen sich ueber die Musik. Ich habe Champagner beschafft und nach dem spaeten Imbiss setzen wir uns zum Fernseher und sehen uns das Feuerwerk in Rio, Sao Paulo und Belo Horizonte an. Besonders schoen sind die Bilder vom Strand.

Der Laerm um Mitternacht ist unglaublich und konzentriert auf etwa 20 Minuten um die Jahreswende herum. Ich bin so muede, dass ich gleich nach dem Anstossen ins Bett falle. Da kann es jetzt Scheppern wie es will - ich kriege nichts mehr mit und beginne mein neues Jahr in Seligkeit.
heidschnucke - 3. Jan, 17:51

gutes neues jahr

hallo liebste mum!
tut mir leid, dass du erst jetzt wieder von mir hörst. aber die letzte woche ist im chaos und im auto versunken. max und ich sind urlaubsreif für die insel deiner wunderbaren weihnachtspostkarte!
ich hoffe, du hattest ein schönes weihnachten mit dem staatspräsidenten und einen guten rutsch!
ich schrieb dir die tage eine mail und erklär dir mal, was alles los war, aber ich brauch selber ein paar tage um das alles zu verdauen.
ich hab dich unglaublich lieb und pausenlos an ich gedacht!
fühl dich umarmt
deine tochter

rosa_r - 3. Jan, 20:02

du machst mich aber neugierig,

meine suesse. wars so schlimm? bin gespannt auf dein mail.
was machst du im jaenner?
auch umarmung fuer dich und ein paar blumen!
mutz, mum

Das wichtigste KURZ

Endlich Fotos! - ab 1.2.. Dieses Blog enthaelt Notizen und Fotos bis zum 23.2., der ersten Zeit in Piaui. Fortsetzung unter <2brasil.twoday.net>!!!!!!!! Seit 30.1. geniesse das Landleben im "Wilden Westen" von Brasilien - das ist der Nordosten, genauer gesagt Bundesstaat Piaui! Derzeit wohne ich in der Fundacao ASAS, einem privaten Bildungsprojekt fuer Kinder aus benachteiligten Familien. Roberto, der Gruender, ist Hoellaender und arbeitet hier als Seelsorger. Die Gemeinde Sao Miguel hat etwa 3000 EW, laendlicher Raum, schoene Natur, derzeit angenehm sommerliches Wetter. Ich arbeite im Buero, habe viel Kontakt mit Kindern und besuche Familien. Die ersten 2,5 Monate habe ich in Sao Paulo gelebt, in verschiedenen Haeusern der Schwestern der Congregatio Jesu: Zentrale, Schule, Peripherie. Besuchte Sozialprojekte, interviewte interessante Menschen, recherierte viel im Internet, lernte portugiesisch und half ehrenamtlich mit.

Info fuer AllesleserInnen

Das Tagebuch ist wieder aktuell. Falls dein PC manche Tage nicht anzeigt, gehe in der obersten Befehlszeile auf "brasil" und wenn die Auswahl sich zeigt auf "Tagebuch". Die Suchmaschine funktioniert auch, allerdings muss man halt wissen, was man finden will... Peter und Heidrun wissen normalerweise, wie es mir geht: peter.hirsch@atnet.at; HeidrunLange1984@aol.com

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