24.1. Zweiter Teil: Rede Rua und Gefaengnisse

Nach meinem Besuch bei Sr. Neuci in der MST bin ich in Brás geblieben. Das Zentrum von Rede Rua (Netz der Strasse) liegt naemlich in der Nachbarschaft. Rede Rua ist sozusagen ein alternativer Nachrichtendienst, beruehmt fuer seine Filme ueber sozialen Themen.
Dort hatte ich um 4 eine Verabredung mit Philipp, der hier aushilft. "Vielleicht hat auch mein Chef Guenther Zeit", meinte er. Guenther Zgubic ist mittlerweile ein bekannter Mann. Der Priester aus der Steiermark hat durch seine Arbeit als Gefangenenseelsorger in Sao Paulo schon viel erlebt und erreicht. Im November 2005 erhielt er den Erzbischof Romero-Menschenrechtspreis der Katholischen Maennerbewegung.

Mich dem Thema "Gefangenenseelsorge" anzunaehern, hat Ueberwindung gekostet, denn man weiss auch bei uns genug von den deprimierenden und bestuerzenden Zustaenden in den Gefaengnissen in Lateinamerika, besonders in Brasilien:
- Ueberbelegung
- Willkuer
- Gewalt
zelle

Das Bild ist von der Amnesty-Website http://www.amnesty.at/brasilien-netzwerk/berichte/haeftlinge.htm
Die Menschenrechtsorganisation Amnesty veroeffentlicht jedes Jahr einen umfassenden Bericht und wer ins Ausland auf Urlaub faehrt, dem empfehle ich einen Blick auf den Jahresbericht seines Reiselandes zu werfen.
(Ist einfach im google zu finden.)
Fuer Brasilien 2004:
http://www2.amnesty.de/internet/deall.nsf/0/4dede8b07dd439f0c12570260037d9bd?OpenDocument

Das kleine Haus von Rede Rua liegt in einer Sackgasse, die von alten, einstoeckigen Haeusern gesaeumt ist. Eine "Wohnstrasse" sozusagen, auf der Hunde und Kinder spielen und Jugendliche laute Musik aus einem offenen Auto hoeren.
Philipp ist Mitte zwanzig und hat lange blonden Haare. (Nicht nur in Bahia faehrt man darauf ab! ;-))) Er wartet schon auf mich und humpelt zur Tuere. Chronische Beschwerden mit einer Sportverletzung - aber fuer "untauglich hats nicht gereicht".

Schoen, dass er sich Zeit genommen hat. Er zeigt mir die Raeume und technischen Anlagen im Haus: Die Mini-Zimmer sind eng gefuellt mit Computern und Equipment zum Bearbeiten von Fotos und Schneiden von Filmen. Es gibt auch ein Foto- und Aufnahmestudio fuer Interviews.
Jetzt, am spaeten Nachmittag, sitzen noch mehrere Mitarbeiter und Praktikantinnen hinter den Geraeten. Im Mediengeschaeft hat die Zeit andere Rhythmen - wenn man von Rhythmen ueberhaupt sprechen kann.
Die Dokumentationen ueber das Leben der Menschen auf der Strasse haben viel Bewusstsein und Verstaendnis geschaffen. Rede Rua gibt auch eine monatliche Zeitschrift heraus und macht aktuelle Reportagen.

Heute zum Beispiel haben Polizisten einen Obdachlosen zusammengeschlagen. Man sagt, die Stadt soll fuer den morgigen Feiertag (452 Jahr Sao Paulo) "sauber gemacht" werden. Die Leute von Rede Rua werden in solchen Faellen informiert, damit die Person nicht verschwindet und der Sache nachgegangen wird.
Alderon, der Leiter von Rede Rua, kommt um 7 von der Polizei zurueck. Er ist muede und gleichzeitig aufgekratzt und plaudert mit uns. "Nichts besonderes", meint er, "zumindest haben sie ihn freigelassen."

Rede Rua wurde von einer Ordensgemeinschaft gegruendet, die auf Medienarbeit spezialisiert ist, den Steyler Missionaren. In Oesterreich kennen wir die "Stadt Gottes" und die "Weite Welt". Diese gut gemachten Familienzeitschriften enhalten viel Information ueber "Gott und die Welt". Abonnement: www.steyler.at
oder: http://08.combell-ops.net/main.php?m=4&hm=9&mtype=w

Nach dem Rundgang gehen wir ueber die Strasse ins kleine Wohnhaus fuer Rede Rua-MitarbeiterInnen und Gaeste. Hier kommt unser Gespraech bald auf die Arbeit bei Pater Guenther. Denn schliesslich ist Philipp ja wegen ihm in Sao Paulo.
"Ich habe Filme gesehen, ja gut, es ist schon stark, aber es hat mich nicht schockiert." meint er. "Der Unterschied war da, als ich das erste Mal selber in einem Gefaengnis war. Ich weiss es noch genau. Du vergisst das nie mehr. Es ist kalt, obwohl es heiss ist. Der Gestank und das Schreien."
Guenter spricht von einem Frauengefaengnis, das offiziell nicht existiert, und in dem 100te Frauen zum Teil in Untersuchungshaft, zum Teil Haftstrafen verbuessend, "leben".
Er besucht es regelmaessig.

"Warum schreien die Frauen?" frage ich.
Er zeichnet mir auf, wie er das Gelaende in Erinnerung hat. "Und da hinter diesen Gitter stehen sie und rufen und schlagen gegen die Eisen, wenn sie was wollen." Er erklaert: "Das Gefaegnis wurde nicht fuer Frauen gebaut. Frauen haben andere Beduerfnisse, sie haben einmal im Monat die Menstruation. Es gibt gar nichts fuer diese Frauen. Kannst dir vorstellen, wie es aussieht und wie es riecht. Das Dach ist undicht, das ist krass, wenn es regnet, aber auch wenn es heiss ist. Und viele haben keine Ahnung wie es um sie steht, ob das Verfahren ueberhaupt schon laeuft. Und drum schreien die."

Was die Leute am meisten von den GefangenenseelsorgerInnen brauchen, ist laut Philipp, juristischer Beistand. Welche Aktennummer habe ich? Fuer welchen Paragraphen bin ich angeklagt? Wann ist der naechste Termin?
Dann auch Hilfe in Fragen der Gesundheit, beim Organisieren von Medikamenten, einem Arztbesuch oder Spitalsaufenthalt.
Sie werden auch oefter gebeten, Familienkontakte herzustellen oder zu unterstuetzen. Und schliesslich hoert er, auch manchmal "Wenigstens vergisst man uns nicht ganz."

Ich bin ueberzeugt, selbst wenn die SeelsorgerInnen nichts Praktisches tun koennten, ihre blosse Anwesenheit in den Einrichtungen macht einen wesentlichen Unterschied.

Als wir Hunger bekommen, gehen wir Pater Guenther stoeren. Er sitzt schon lange hinter dem PC. "Die Unterbrechung ist das eigentlich Spirituelle." sagt mein Freund Peter Fritzer SJ immer, also betaetige ich mich jetzt als Seelsorger-Sorgerin. ;-)

Die Maenner meinen, eine Pizza zu bestellen waere guenstig, und das tun wir auch. Zum Essen setzt sich Guenther zu uns. Sein Weitblick und sein Tiefenblick sind enorm. Koennte ihm noch lange zuhoeren.

Guehnter lebt seit 17 Jahren in São Paulo und dreht hier seine Runden im groessten Gefaengnis Lateinamerikas: der Casa da Detenção.
Er sieht auch die Situation der Polizisten und Richter, die unter ungenuegenden Bedingungen im Stich gelassen werden. "Leider haben die Organisationen der Zivilgesellschaft bis jetzt viel zuwenig auf das Rechtswesen geschaut. Es ist fast ein verschwiegenes Thema." meint er.
Mangelnde Aufmerksamkeit fuehrt zu mangelnder Innovation. Obwohl die Verfassung und die Gesetze in Brasilien als modern gelten, sind die tatsaechlichen Zustaende im Rechtswesen unglaublich triest. "Nicht genuegend oeffentlicher Druck, daher kein Geld und keine Leute." Auch ein Grund uebrigens, der die Korruption stabilisiert.

Philipp und Pater Guenther erzaehlen Beispiele:
- Menschen, die im Gefaengnis Monate und Jahre warten, bis sie wissen, wofuer sie angeklagt sind.
- Manche Haeftlinge sind schon freigesprochen oder haben ihre Strafe abgebuesst. Es fehlt an Rechtsanwaelten und Gerichtsdienern, die dafuer sorgen, dass die Person ihre Entlassungspapiere bekommt.

Und schliesslich ein paar Zahlen: (Zitiere Klaus Hart:
http://www.ila-bonn.de/brasilientexte/gefaengnisse2005.htm):

"In ganz Brasilien sind derzeit 340 000 Personen inhaftiert - ueber ein Drittel davon im Teilstaat Sao Paulo... Landesweit wurden hunderttausende Haftbefehle noch gar nicht vollstreckt. Schon jetzt sind in den meisten Gefaengnissen Brasiliens mehr als doppelt so viele Menschen eingesperrt wie eigentlich zugelassen."
“13000 Gefangene, immerhin ein Zehntel aller Häftlinge Sao Paulos, müßten längst auf freiem Fuß sein."

So beginnt man mit sozialer und pastoraler Arbeit an einem Ort der Gewalt und Hoffnungslosigkeit - und rutscht frueher oder spaeter in die Menschenrechtsarbeit hinein.
Durch sein Aufzeigen von Missbrauch und skandaloesen Zustaenden ist Pater Guenther heute gefragter Experte fuer die Situation der Menschenrechte in Brasilien, kein ungefaehrlicher Job.

Zu frueh gehe ich weg, breche das spannende Gespraech ab, denn es ist bereits dunkel geworden. Vor wenigen Monaten haette mich das nicht im geringsten von einem Gespraech abgehalten. Hier aber ist das ein Grund, nach Hause zu gehen.

So wird spuerbar, was der Theologe Rudolf von Sinner eine "verlaessliche Gesellschaft" nennt. (Website: www.mensch-im-recht.ch/online/online.html)
Nicht nur die Kriminalitaetsrate bestimmt, wie sicher oder unsicher ich mich hier fuehlen kann. Politik, Polizei und Justiz legen den Rahmen meiner Freiheiten fest. Es ist gefaehrlich, das zu vergessen.

Das wichtigste KURZ

Endlich Fotos! - ab 1.2.. Dieses Blog enthaelt Notizen und Fotos bis zum 23.2., der ersten Zeit in Piaui. Fortsetzung unter <2brasil.twoday.net>!!!!!!!! Seit 30.1. geniesse das Landleben im "Wilden Westen" von Brasilien - das ist der Nordosten, genauer gesagt Bundesstaat Piaui! Derzeit wohne ich in der Fundacao ASAS, einem privaten Bildungsprojekt fuer Kinder aus benachteiligten Familien. Roberto, der Gruender, ist Hoellaender und arbeitet hier als Seelsorger. Die Gemeinde Sao Miguel hat etwa 3000 EW, laendlicher Raum, schoene Natur, derzeit angenehm sommerliches Wetter. Ich arbeite im Buero, habe viel Kontakt mit Kindern und besuche Familien. Die ersten 2,5 Monate habe ich in Sao Paulo gelebt, in verschiedenen Haeusern der Schwestern der Congregatio Jesu: Zentrale, Schule, Peripherie. Besuchte Sozialprojekte, interviewte interessante Menschen, recherierte viel im Internet, lernte portugiesisch und half ehrenamtlich mit.

Info fuer AllesleserInnen

Das Tagebuch ist wieder aktuell. Falls dein PC manche Tage nicht anzeigt, gehe in der obersten Befehlszeile auf "brasil" und wenn die Auswahl sich zeigt auf "Tagebuch". Die Suchmaschine funktioniert auch, allerdings muss man halt wissen, was man finden will... Peter und Heidrun wissen normalerweise, wie es mir geht: peter.hirsch@atnet.at; HeidrunLange1984@aol.com

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