29.1. Auf nach “Piaui”

Noch immer ist viel los im Haus, Gaeste kommen und gehen. Niemand weiss genau, wer wann da sein wird, aber mehr als 15 Schwestern und Angehoerige sitzen jedes mal bei Tisch.
Auch ich bin im Reisefieber. Mein Herz klopft mehr vor Vorfreude als vor Aufregung, aber es ist beides da. Heut gehts los, nach “Piaui” – und was ist das?

Also zunaechst: Es ist keine Stadt, sondern ein Bundesstaat im Nordosten Brasiliens, schon nahe am Aequator. Stellt euch eine etwas laengliche Kartoffel vor, die einen Knick nach links hat, das ist etwa die Form von Piaui. Den oberen Rand bildet ein kurzes Stueckchen Atlantikkueste (keine 100 km.) Die “Kartoffel” ist etwa 1000 km lang. Sie ragt zunaechst suedwaerts und ab dem Knick auch westwaerts in den Kontinent. Die Flaeche betraegt gerundet 250 tsd. km2, das ist etwa 2/3 von Deutschland mit (~360 tsd km2). Aber - auf dieser Flaeche leben etwas mehr als 2,5 Millionen Einwohner!
Ein Land vom Typ “Waldviertel”: Viele Kleinbauern, 57% der Beschaeftigten arbeiten in der Landwirtschaft, keine nennenswerten Bodenschaetze, kaum Industrie (10% der Beschaeftigten.) Weniger als die Haelfte der Bevoelkerung lebt in Staedten oder Kleinstaedten.

In Piaui haben die Mary Ward-Schwestern 2 Niederlassungen, wo sie in kleinen Staedten in der Pfarre und bei verschiedenen Initiativen mitarbeiten: San Joao (St. Johann), der groesseren Stadt mit etwas Industrie, wo Marguarida wohnt, und Paes Landim, einem Staedchen mit etwas unter 4000 Einwohner im Sueden.

Marlene und Maristela wohnen in Paes Landim, wo ich die ersten Tage verbringen werde. Auch sie sind jetzt auf der Durchreise in Sao Paulo und beraten mich, was ich einpacken soll. Sie sind sich einig: “Du wirst als erstes einen Hitzeschock kriegen.” In Piaui gibt es zwei Jahreszeiten: den trockenen Sommer und den feuchten Winter. Dieser beginnt, aehnlich wie bei uns, im Oktober. Auch hier hat die Natur das halbe Jahr Zeit fuer Wachstum und Vermehrung. Im Mai werfen die Baeume ihre Blaetter ab und das Gras waechst nicht mehr nach. Bei uns wegen der Kaelte, hier wegen der Hitze – und weil es ab April nicht mehr regnet.

Piaui leidet, wie auch andere Staaten im Nordosten, unter einem Klimawandel, berichten die beiden: In den letzten Jahren hat es viel weniger geregnet, sagen die Leute, in manchen Gegenden gar nicht. Paes Landim geht es etwas besser, sie hatten jedes Jahr Regen, heuer aber sehr spaet, erst am 4. Dezember. Man saete aus, die Pflanzen gingen rasch auf, aber danach blieb der Regen aus. Alles ist vertrocknet. Jetzt ist es auch viel zu heiss fuer die Jahreszeit, fast so heiss wie im Sommer. Da hat es oefter 40 Grad.

“Hast du Angst vor Viechern?” fragt Maristela grinsend, “die gibts naemlich zuhauf!”. “Kommt darauf an wie gross sie sind”, antworte ich, denn ich stelle mir grad den “Wolf von Brasilien” vor, einen Jaguar. Nein, sie meint Kaefer und Insekten und Froesche, die sich gern ins Haus zurueckziehen. “Diese Viecher fuerchte ich nicht. Nur Spinnen mag ich nicht besonders.”

Am Vormittag schreibe ich die letzten Infos fuer euch in das Blog und packe den Rucksack. Was ich nicht unbedingt brauche, kommt in den Schrank. “Das Zimmer bleibt frei fuer dich,” sagt Clotilde. Sie ist etwas besorgt: “Komm ja zurueck, wenn es dir nicht gefaellt oder zu heiss ist! Nicht dass du da oben leidest!” Ich verspreche hoch und heilig, keine Martyrerin zu werden und mich zu melden, sollte es Probleme geben. Clotilde hat mich richtig unter ihre Fittiche genommen, sie packt schliesslich auch noch meine Jause ein. Wie nett, zur Abwechslung mal bemuttert zu werden.

Sao Paulo hat zwei Flughaefen. Der groessere und internationale, Guarulhos, liegt etwas ausserhalb der Stadt, mehr als eine Stunde von uns entfernt. Der kleinere, Congonhas, befindet sich in der Nachbarschaft. Zwischen den beiden gibt es einen Pendelbus. Mit diesem reise ich nachmittags um halb fuenf ab. Alleine zu Reisen taugt mir wieder mal ueberhaupt nicht. Heidrun kann ein Lied davon singen: Normalerweise bin ich grantig, weil es mich stresst. Peter beruhigt per SMS.

Nach dem Einchecken habe ich noch zwei Stunden Zeit am Flughafen. Beim Herumspazieren werde ich auf eine kleine Ausstellung aufmerksam: “Sarro malt die Seele Brasiliens”, verspricht das Plakat Ich verweile ein wenig vor den saften Formen und kraeftigen Farben. In der Ecke sitzt ein Herr Aufpasser, der mich schliesslich anspricht. Bald erkennt er meine Muttersprache, denn seine Frau ist Deutsche. Es stellt sich heraus, dass er an verschiedenen Universitaeten lehrt, auch in der Schweiz.
Dr. Roberto Palazzi ist lieber “in Zivil” unterwegs, in Jeans und T-Shirt. “Die Bedienung im VIP-Raum wollte mich gar nicht hinein lassen, weil sie mich heute nicht erkannt hat.“ lacht er. Er arbeitet viel mit dem Maler Sarro zusammen, organisiert Ausstellungen, bisher schon in 40 Laendern, und verfasst die Texte der Kataloge. Im Sommer gehts nach Moskau und Petersburg.

Das Bild einer Frau mit Taube in Gruen- und Rottoenen gefaellt mir besonders gut: “Das ist eines von Sarros juengsten Bildern, eine Madonna.” erklaert Roberto.
Wir kommen schliesslich ins Gespraech ueber Gott und die Welt: Ueber Paolo Freire und die Ausbildungssituation in Brasilien, ueber die Schweizer und die Russen, die Weimarer Republik und die Rolle der Intelektuellen und auch ueber Kinderbuecher. Die Wartezeit vergeht rasch, ich bedauere, dass ich nicht ebensoviel von der Geschichte Lateinamerikas weiss, wie er von Europa.

Im Bus, der die Passagiere zum Flugzeug bringt, setzt man ein etwa 10-jaehriges Maedchen neben mich. Sie reist offenbar ohne Begleitung, die Stewardess neben ihr wirkt hilflos: Die Kleine redet nicht viel, will tapfer sein und weint nur ganz leise.
Wir freunden uns ein wenig an, ich Arme reise ja schliesslich auch alleine! ;-)

Im Flugzeug bekommt sie einen bevorzugten Platz in der ersten Reihe, wir werden getrennt. Schade, denke ich, und raffe mich schliesslich auf, mit dem Steward zu sprechen: “Kann ich nicht bei ihr bleiben?” “Ja, setzen sie sich ruhig her. Ich weiss nicht, ob noch wer kommt, aber vielleicht klappts.” Leider kommt noch wer: Zwei Maedchen im Alter von etwa 10 und 15 Jahren, ebenfalls ohne Eltern. Gabriela und ich warten gespannt, ob der Steward Platz herzaubern wird. Es gelingt, er setzt die beiden hinter uns, und wir bleiben zusammen.

Gabriela ist ein Einzelkind und lebt mit der Mutter in Fortaleza, einer schoenen alten Stadt im Norden Brasiliens, wo die Straende traumhaft und die Menschen afrikanisch sein sollen: Nachkommen der Sklaven. Gabriela hat in den Ferien ihre Tanten in Sao Paulo besucht. Heute fliegt sie zum ersten mal allein zurueck. Schon morgen beginnt wieder die Schule. Das ist kein Unglueck fuer Gabriela. Sie wirkt sehr gescheit und diszipliniert, sicher hat sie gute Noten. Sprache und Turnen mag sie besonders gern. Sie erinnert mich in vielem an Heidrun, nur etwas ernster ist sie.

Ich weiss, was ich mit Heidrun gespielt habe, wenn es im Zug langweilig wurde: Stadt und Land z.B. und “Galgenraten”. Letzteres wage ich auch hier, und in dem Moment, wo sie mich das erste mal in die Pfanne haut, kommt ihr Temperament zum Vorschein. “Ha!” strahlt sie. Bis zum Schluss der Reise sind wir schliesslich alle vier am Spielen: Hinterbank gegen Vorderbank.
Um Mitternacht kommen wir in Fortaleza an, die Meninas (Maedchen) steigen aus, ich wechsle auf meinen angestammten Platz in Reihe 8 fuer den Weiterflug nach Teresina.

Das wichtigste KURZ

Endlich Fotos! - ab 1.2.. Dieses Blog enthaelt Notizen und Fotos bis zum 23.2., der ersten Zeit in Piaui. Fortsetzung unter <2brasil.twoday.net>!!!!!!!! Seit 30.1. geniesse das Landleben im "Wilden Westen" von Brasilien - das ist der Nordosten, genauer gesagt Bundesstaat Piaui! Derzeit wohne ich in der Fundacao ASAS, einem privaten Bildungsprojekt fuer Kinder aus benachteiligten Familien. Roberto, der Gruender, ist Hoellaender und arbeitet hier als Seelsorger. Die Gemeinde Sao Miguel hat etwa 3000 EW, laendlicher Raum, schoene Natur, derzeit angenehm sommerliches Wetter. Ich arbeite im Buero, habe viel Kontakt mit Kindern und besuche Familien. Die ersten 2,5 Monate habe ich in Sao Paulo gelebt, in verschiedenen Haeusern der Schwestern der Congregatio Jesu: Zentrale, Schule, Peripherie. Besuchte Sozialprojekte, interviewte interessante Menschen, recherierte viel im Internet, lernte portugiesisch und half ehrenamtlich mit.

Info fuer AllesleserInnen

Das Tagebuch ist wieder aktuell. Falls dein PC manche Tage nicht anzeigt, gehe in der obersten Befehlszeile auf "brasil" und wenn die Auswahl sich zeigt auf "Tagebuch". Die Suchmaschine funktioniert auch, allerdings muss man halt wissen, was man finden will... Peter und Heidrun wissen normalerweise, wie es mir geht: peter.hirsch@atnet.at; HeidrunLange1984@aol.com

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