31.1. Heiss in Paes Landim

Am ersten Tag in Paes Landim kann ich mich schwer zu etwas aufraffen. Die Hitze pulverisiert Denken und Wollen.

Ein kurzer Spaziergang geht sich aus zu Marileni, die am Vormittag vorbei kommt und mit mir plaudert. Sie ist als Gesundheitsassistentin von der Gemeinde angestellt, gemeinsam mit 8 anderen. Ihr Bereich umfasst etwa 120 Familien, die sie regelmaessig besucht, um die soziale und gesundheitliche Situation zu erheben. Ich nehme zunaechst an, dass sie eine mobile Helferin ist, aehnlich wie unsere Hauskrankenpflege oder Heimhilfe, aber sie betont, dass sie nur Gespraeche fuehrt. Ich kann mir das nicht vorstellen und frage nach: “Was tust du, wenn du in ein Haus kommst, wo Hilfe gebraucht wird?” “Dafuer bin ich nicht zustaendig. Ich helfe schon manchmal, aber ich muss nicht.” “Also, wenn du in ein Haus kommst, und da wohnt eine alte Frau, und niemand geht fuer sie einkaufen – wer macht das dann?” “Das gibt es bei uns nicht. Jeder hat seine Verwandten. Die sollen aufeinander schauen.” “Und gibt es Familien, die Hunger leiden?” “Ja.” “Was tust du also, wenn du in ein Haus kommst, wo sie nichts zu essen haben?” “Schau, bei uns gilt das nicht mit der sogenannten christlichen Naechstenliebe. Hier sagt man: Jeder fuer sich und Gott fuer alle.” Ich setze nach: “Wer kann denn in der Gemeinde Hilfe fuer eine Familie organisieren, die keine Lebensmittel mehr hat.” “Wir Gesundheitsassistentinnen nicht, wir koennen nichts machen. Vielleicht die Sozialarbeiterin. Die ist die Tochter vom Buergermeister. Die hat am ehesten Moeglichkeiten.”
Ich bemerke ueberrascht: Sogar eine professionellen Helferin hat kein Bewusstsein dafuer, dass die Menschen per Gesetz Anspruch auf Hilfe haben. Mal ueberpruefen: “Es gibt doch das Programm “Null Hunger” von Lula und Lebensmittelpakete fuer diese Familien.” “Stimmt, aber der Buergermeister muss bei der Aktion mitmachen. Und der macht nur bei der Milch-Aktion des Landwirtschaftsministeriums mit.”
“Warum?” Keine Antwort. “Ist er von der anderen Partei?” frage ich. “Ja, das ist eine politische Sache.” antwortet Marileni und wechselt das Thema.

Der jetzige Buergermeister ist seit 20 Jahren im Amt. Aisa klagt ueber ihn, er hat schon mehrere sinnvolle Projekte abgewuergt.
“Wissen die Leute das?” frage ich. “Ja.” “Und wieso wird er dann wieder gewaehlt, wenn er so wichtige Initiativen fuer die Gemeinde verhindert?”
Die Schwestern erklaeren es so: Im Ort gibt es ausser der Gemeinde praktisch keinen groesseren Arbeitgeber. Fast jeder, der hier einen Job hat, steht in der Gunst des Buergermeisters. Bei den Wahlen spielte er aber auch andere Abhaengigkeiten aus und kaufte Stimmen mit Geschenken und Geld.
Die Mixtur aus missbrauchter Macht und eingeuebtem Gehorsam sowie Passivitaet der Menschen stabilisiert die “herrschenden Verhaeltnisse.”. “So ist es eben.”, wird festgestellt, mit unterdruecktem Zorn.

Ganz genau erfahre ich es am Abend, als Maristela mit mir Abadia und Sebastian besuchen geht. Die beiden haben zwei Geschaefte in Paes Landim und im Nachbarort und sind die einzigen Kaufleute hier, die eine steuerrechtlich saubere Rechnung ausstellen. Abadia war die Gegenkandidatin von der PT (Arbeiterpartei, derzeit an der Regierung). Sie hat die Mehrheit um 126 Stimmen verfehlt. Allerdings hatte der Buergermeister Leute aus Nachbargemeinden in die Wahllisten eingetragen, die fuer die entsprechende Mehrheit gesorgt haben.
“Seit 20 Jahren tut dieser Mann praktisch nichts fuer uns, und alles fuer seine Familie. Die leben alle ohne zu arbeiten von oeffentlichen Geldern!”

Abadia und ihre Partei haben den Wahlbetrug angezeigt, sowie schon fruehere unrechtmaessige Bereicherungen des Buergermeisters. Ein Verfahren hat sie gewonnen, die anderen laufen bzw. haben sich “verlaufen”.
“Lebst du gefaehrlich?” Sie schaut ihren Mann an und meint nach einer kurzen Pause: “Na klar hat es geheissen, dass er mich umbringen wird. Und meinen Mann. Und meine Nichte. Im Geschaeft haben sie eingebrochen und alle Papiere geklaut. Das sind seine Methoden, um die Leute zu erschrecken.”

Abadia ist Mitte 40, schoen maronibraun und gemuetlich rund. Sie wirkt auf den ersten Blick sehr weiblich und muetterlich, gradlinig und leidenschaftlich, gar nicht wie man sich bei uns eine Politikerin vorstellt. “Seit wann bist du in der Politik?” frage ich. “Ich bin jetzt das erste Mal angetreten. Gewaehlt habe ich schon, immer. Mein Neffe ist Politiker. Er lebt seit Jahren mit Polizeischutz, weil er einen Korruptionsskandal hat auffliegen lassen. Als er in Piaui im Landtag war, hat sich hier viel gebessert. Jetzt ist er in der Bundesregierung in Brasilia.”
Maristela bestaetigt: “Wenn du von Bahia nach Piaui kommst, merkst du gleich, dass die Strassen besser werden.” Die beiden sind stolz auf die Entwicklung, die Piaui in den letzten Jahren gemacht hat.

Mit Ungerechtigkeit nicht leben zu wollen, das scheint bei Abadia in der Familie zu liegen.
“Warum lassen sich die anderen das gefallen?” Die Antwort ist eine Mischung als Achselzucken und Augenrollen und besonnenem: “Weil sie nicht genug Vertrauen in sich und in andere haben. Sie glauben nicht daran, dass sie eine Situation veraendern koennten. Das Selbstbewusstsein hier ist minimal.”

Interessant ist fuer mich das hier “naheliegende” Engagement von Arbeiterpartei, Kleinunternehmern und Kirche in diesem Ort. Wenige Menschen haben Zugang zu alternativen Informationen. Wer einigermassen unabhaengig vom herrschenden Clan leben kann und sich traut, kritisch zu denken, der muss sich vernetzen, oder er bleibt mit seiner Weisheit allein.

Und was sagt dazu der Jesus Sirach, zu findem im Alten Testament, 41,14:

Verborgene Weisheit und versteckter Schatz,
was nuetzen sie beide?

Das wichtigste KURZ

Endlich Fotos! - ab 1.2.. Dieses Blog enthaelt Notizen und Fotos bis zum 23.2., der ersten Zeit in Piaui. Fortsetzung unter <2brasil.twoday.net>!!!!!!!! Seit 30.1. geniesse das Landleben im "Wilden Westen" von Brasilien - das ist der Nordosten, genauer gesagt Bundesstaat Piaui! Derzeit wohne ich in der Fundacao ASAS, einem privaten Bildungsprojekt fuer Kinder aus benachteiligten Familien. Roberto, der Gruender, ist Hoellaender und arbeitet hier als Seelsorger. Die Gemeinde Sao Miguel hat etwa 3000 EW, laendlicher Raum, schoene Natur, derzeit angenehm sommerliches Wetter. Ich arbeite im Buero, habe viel Kontakt mit Kindern und besuche Familien. Die ersten 2,5 Monate habe ich in Sao Paulo gelebt, in verschiedenen Haeusern der Schwestern der Congregatio Jesu: Zentrale, Schule, Peripherie. Besuchte Sozialprojekte, interviewte interessante Menschen, recherierte viel im Internet, lernte portugiesisch und half ehrenamtlich mit.

Info fuer AllesleserInnen

Das Tagebuch ist wieder aktuell. Falls dein PC manche Tage nicht anzeigt, gehe in der obersten Befehlszeile auf "brasil" und wenn die Auswahl sich zeigt auf "Tagebuch". Die Suchmaschine funktioniert auch, allerdings muss man halt wissen, was man finden will... Peter und Heidrun wissen normalerweise, wie es mir geht: peter.hirsch@atnet.at; HeidrunLange1984@aol.com

Aktuelle Beiträge

HE!
das ist doch gar nicht wahr! wenn schon hab ich gesagt:...
heidschnucke - 23. Mär, 11:22
20.2. Maria will deutsch...
Es ist 7 Uhr, ich bin noch am Fruehstuecken, als Maria...
rosa_r - 2. Mär, 18:00
18.2. Ueber dem See
Dass ich noch nie am See war hat zwei Gruende: Es gibt...
rosa_r - 2. Mär, 17:59
19.2. Die kleine Kaempferin
“Meine Freundin hat mich gar nicht besucht!” so klagt...
rosa_r - 2. Mär, 17:56
13.2. Montag - Arbeitsbeginn
Ab heute gehts also los mit dem Vorbereitungs-Betrieb...
rosa_r - 2. Mär, 17:54

User Status

Du bist nicht angemeldet.

Suche

 

Ankommen
Anreise
Projekte
Tagebuch
Profil
Abmelden
Weblog abonnieren