17.2. Steh auf, erhebe dich!

Der Regen hat die Luft erfrischt. Heute ist ein strahlend schoener Tag.
Maria und Eliane vertrauen mir das Buero an, sie gehen die Elterngespraeche fuehren.
Mit Mozarts Haffnersonate im PC schreibe ich die Liedertexte fertig fuer die “Kampagne der Solidaritaet”, eine Aktion der Kirche in ganz Brasilien. Thema 2006 ist die Integration von Menschen mit Behinderungen. Titel der Hymne heuer: Steh auf, erhebe dich!

Als Roberto kommt, ergibt sich ein interessantes Gespraech. Er liebt klassische Musik und verhungert hier wahrscheinlich diesbezueglich. Zwar kennt er gute Musiker in der Landeshauptstadt Teresina, aber die ist eine Tagesreise weit entfernt, wie ihr wisst.

Maria kocht heute fuer uns: Es gibt Fisch aus dem See. Und am Nachmittag besuchen wir wieder einige Familien im Interior, um die sich Roberto besonders kuemmert.
“Von Teresina aus ist Oeiras Interior. Von Oeiras aus São Miguel. Und fuer uns in São Miguel sind es diese 15 Weiler, von denen manche noch keinen Strom oder keinen Anschluss an die Wasserleitung haben.” erzaehlen sie im Auto.

Bald kommen wir wieder bei Donna Marta vorbei. Hier gibt teilweise Entwarnung: Ihre Familie ist noch nicht abgereist, der Job in der Stadt fuer Sohn und Schwiegertochter hat sich zerschlagen. Derzeit geht also noch jemand Wasser holen.

Danach gehts durch zwei nette Weiler mit ein paar dutzend Haeusern. In St. Luis besuchen wir Marlon. Er ist jetzt 21. Mit 18 hat er sich, wie viele andere junge Maenner hier, nach Sao Paulo aufgemacht. Der Albtraum der Eltern ist wahr geworden. Im Dezember kam die Nachricht, dass er nach einem schweren Motorradunfall im Koma liegt. Die Mutter hat ihre Familie mit den 5 kleineren Kindern zwischen 10 und 18 verlassen. 6 Monate war sie bei Marlon in Sao Paulo und einen Monat in der Clinic in Teresina. Nach 7 Monaten Abwesenheit ist sie Ende Juli mit Marlon zurueck gekommen.

Das Pflegebett steht im Wohnzimmer, wo die Geschwister fernsehen. Man feut sich ueber den Besuch. Marlon erkennt Maria und Roberto wieder und versucht auch ihre Namen auszusprechen. Er kann zaehlen und spricht manche Worte schon verstaendlich aus. Alle freuen sich ueber seine Fortschritte. Wie gut ich das verstehen kann...

In der Zeit im Krankenhaus hat sie kaum geschlafen, erzaehlt die Mutter. Damals hatte sie ein besonderes Erlebnis. In einem aussergewoehnlichen Traumzustand hoerte sie eine schoene Frauenstimme singen: “Erhebe dich, gehe deinen Weg...”
Sie zwang sich, die Augen zu oeffnen, da war alles vorbei. Sie hat das Lied erkannt und spaeter auswendig gelernt. Roberto und Maria singen einige Strophen mit.
“Ein langer Weg, den Marlon gehen muss. 1 Jahr, 3 Monate und 5 Tage.” Ihr Blick ist ernst. “Aber Jesus hat immer gesagt: Steh auf, erhebe dich! Dein Glaube hat dir geholfen. Wir glauben alle, dass Marlon wieder auf die Beine kommt.” versichert sie, schon wieder lebendiger und froher.
Ob ich fotografieren darf, frage ich. “Ja sicher!” Maron wird aufgesetzt und checkt genau, was passiert. Er strahlt in die Kamera.

Die Situation beim naechsten Besuch ist weniger hoffnungsvoll. Hier lebt Adalbert, ein geistig behinderter, 9-jaehriger Bub mit seiner Familie. Schon vier mal ist Roberto mit ihm und den Eltern eine Woche in der Spezialklinik gewesen, damit er richtig diagnostiziert und behandelt wird. Die Klinik hat schliesslich abgewunken, es hat keinen Sinn. Die Eltern verstehen nicht, dass und wie sie ihr behindertes Kind akzeptieren und foerdern koennen.
adalbert

Adalbert kriecht nackt in der Huette am Boden. Er erkennt Roberto und freut sich, laesst sich auch gleich von ihm aufnehmen und tragen. Und er weint – wir wissen nicht warum. Erschreckt er sich vor mir, der Fremden? Schaemt er sich, weil er nackt ist?
Jetzt darf er jedenfalls im Stuhl sitzen und schlaegt ein Bein ueber das andere - wie die grossen.

Die Mutter kommt nach einer Zeit mit einem schweren Sack voller Laub als Duenger fuer den kleinen Garten. Sie macht vor dem Haus Feuer und braut uns Nescafé. Maria und ich unterhalten uns mit ihr.
Roberto redet mit dem Vater, nach etwa einer ¾ Stunde verabschieden wir uns.
“Hier geht nichts weiter.” Roberto und Maria sind enttaeuscht. Sie beantworten eine Frage, die ich noch gar nicht gestellt habe: “Der Bub hat natuerlich einen schoenen Rollstuhl, aber der steht Sommer und Winter im Freien und sie benutzen ihn gar nicht.”

Auf mich wirken die Eltern wie Kaempfer, nach dem Motto: “Nur die harten kommen durch.” Das Kind, das offensichtlich nicht zu diesen gehoert, wird zwar nicht aeusserlich, aber innerlich “ausgesetzt”, gar nicht in die Familie aufgenommen.

“Sie kann ihn doch nicht halten wie eines ihrer Tiere, die Schweine oder Huehner!” schimpft Maria im Auto als wir wegfahren.
Zumindest haben die Eltern eine Rente fuer Adalbert und sind damit vom aergsten Ueberlebenskampf befreit. Vielleicht wird ihnen das ein wenig Luft verschaffen fuer neue Gedanken und Verhaltensweisen, christlichere.
Roberto und Maria bleiben dran. Und Maria nimmt sich schiesslich vor: “Ja, ich werde mir ein Herz nehmen und die Mutter darauf ansprechen. Ich muss sie fragen, wie sie sich die Zukunft mit Adalbert vorstellt.” Um dieses Kind kaempfen sie.

Im Abendlicht ist die Landschaft wieder zauberhaft. Ich mache mein bisher bestes Foto, als uns ein Vaqueiro entgegen reitet. Diese “Cowboys” sind piauiensische Originale!
vaqueiro

Das wichtigste KURZ

Endlich Fotos! - ab 1.2.. Dieses Blog enthaelt Notizen und Fotos bis zum 23.2., der ersten Zeit in Piaui. Fortsetzung unter <2brasil.twoday.net>!!!!!!!! Seit 30.1. geniesse das Landleben im "Wilden Westen" von Brasilien - das ist der Nordosten, genauer gesagt Bundesstaat Piaui! Derzeit wohne ich in der Fundacao ASAS, einem privaten Bildungsprojekt fuer Kinder aus benachteiligten Familien. Roberto, der Gruender, ist Hoellaender und arbeitet hier als Seelsorger. Die Gemeinde Sao Miguel hat etwa 3000 EW, laendlicher Raum, schoene Natur, derzeit angenehm sommerliches Wetter. Ich arbeite im Buero, habe viel Kontakt mit Kindern und besuche Familien. Die ersten 2,5 Monate habe ich in Sao Paulo gelebt, in verschiedenen Haeusern der Schwestern der Congregatio Jesu: Zentrale, Schule, Peripherie. Besuchte Sozialprojekte, interviewte interessante Menschen, recherierte viel im Internet, lernte portugiesisch und half ehrenamtlich mit.

Info fuer AllesleserInnen

Das Tagebuch ist wieder aktuell. Falls dein PC manche Tage nicht anzeigt, gehe in der obersten Befehlszeile auf "brasil" und wenn die Auswahl sich zeigt auf "Tagebuch". Die Suchmaschine funktioniert auch, allerdings muss man halt wissen, was man finden will... Peter und Heidrun wissen normalerweise, wie es mir geht: peter.hirsch@atnet.at; HeidrunLange1984@aol.com

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