Freitag, 18. November 2005

18.11. Erster Sozialeinsatz

Als regelmaessige/r Besucher/in gibts heute Ueberraschung fuer dich: In den Kapiteln "Tagebuch" und "Auspacken" sind die Fotos, die bereits auf CD sind. Das neue Standbild zeigt den Ausblick von der Anhoehe des Jesuitenkollegs im Stadtzentrum. Wenn ich erst einen Datenstick habe, gibts mit etwas Glueck die Bilder taeglich direkt von der Kamera.

So langsam nimmt die Zeit des Ausruhens ein Ende. Gar nicht schlecht.
Mit Wassergymnastik zB, heute Frueh von 7 - 8!
In der Schule gibts ein grosses Schwimmbad. Taeglich haben Nachbarn, Eltern der Schulkinder, LehrerInnen die Moeglichkeit Gymnastik zu machen und manchmal auch noch laenger zu schwimmen. Der Mister Vorturner ist ein Ungustl: Einmal obermilitaerisch, dass einem das Grausen kommen koennte, dann zuckersuesser Macho - *klimperklimper mit den Augen*. Er setzt alle Methoden der schwarzen Paedagogik ein: Einzelne herauspicken, laecherlich machen, drohen, andere hervorheben. Er hat 40 gstandene Damen mit Durchschnittsalter 55 und schwarzen Badeanzuegen vor sich - bestenfalls war das sein Versuch einer Show. Allerdings, ohne dass er bemerkt, dass er damit nicht ankommt. Wie der mit Kindern umgeht, wuerde mich interessieren.
Ich finde seine Uebungen einfallslos. Nach dreissig Minuten mehr oder weniger das gleiche machen, wechsle ich eben mit eigenen Uebungen ab. Bin ja nicht im Lager hier. Natuerlich muss er dann zum Schluss mich aussuchen, um die Nackenmassage vorzuzeigen.
Zuerst einmal kneisst er rasch, dass ich mich nicht festhalten lasse. (Das kann jeder Selbstverteidigungsanfaenger nach der ersten Stunde.) Ich lenke dann aber ein und lasse ihn kurz demonstrieren. Nach 30 Sekunden drehe ich mich mit Aikido-Ausruf so blitzartig um, dass er zurueckgespickt. Lautes Lachen rundherum. Alle haben es ihm gegoennt. "Österreichische Frauen sind sehr gefaehrlich.", habe ich gesagt, und mich sauwohl dabei gefuehlt. Was waeren die grossen Erfolge ohne die kleinen? ;-)

Candida ist eine der Seniorinnen hier. Sie geht jeden Tag in das Zentrum St. Martin de Lima. Es ist so was aehnliches wie die Gruft in Wien: Obdachlose kommen, sie koennen sich waschen, es gibt zu Mittag was Warmes zu essen. Es ist mehr oder weniger ein grosser Garagenraum aus Beton zwischen einigen Hauptverkehrstrassen. Aber der Stil ist sehr angenehm: An der Wand ist ein Bild, wie ein junger schwarzer Priester einem alten Weissen mit zerrissener Kleidung die Hand reicht. Das Zentrum nennt sich: Raum des Respekts und des Dialogs.
Die Speisekarte ist mit farbiger Kreide geschrieben und sieht appetittlich aus: Reis, schwarze Bohnen, Wurst (trotz Freitag), spezielles geroestetes Mehl, das lecker schmeckt und an dessen Namen ich mich nicht mehr erinnern kann, Pudding als Dessert. Taeglich gibts ein Programm. Heute hatten sie aber was Spezielles: Eine afrikanische "Zelebration des Glaubens". Das ist ein unuebersetzbares Ineinander von Lebensfreude, Trommeln und Tanz, Lesung aus der Bibel, Bezug auf die alten afrikanischen Schutzgoetter. Als "Vorgruppe" haben Schueler einige Kampftaenze vorgefuehrt. Die Stimmung war gut.
Die afrikanischen Menschen sind wahrscheinlich die schoensten Menschen auf der Welt.

Ich helfe beim Essen austeilen. Danach draenge ich mich natuerlich zum Abwaschen auf. Wie immer. Kenner wissen, dass ich diesbezueglich Maschinenstuermerin bin.
Die anderen Helfer und Helferinnen kommen herzlich auf mich zu. Wer immer einen Vorfahren hat, der deutschsprachig war, wird zu mir geschickt oder kommt von selber. Eine Italienerin waescht mit mir ab. Sie will zwei Monate als Volontaerin hier mitarbeiten. Sie ist den ersten Tag in Brasilien, vorher hat sie eine technisch orientierte Fachausbildung gemacht und anschliessend in einer Pizzeria gearbeitet.
Sie weckt ein Gefuehl in mir: Die Unbeschwertheit, jung zu sein und zu spueren, dass da noch so viel unentdecktes Land vor einem liegt.

Sicher werde ich oefter mit Candida zum Zentrum fahren. Aber zweimal taeglich portugiesisch lernen, das muss noch drin sein!

Donnerstag, 17. November 2005

17.11. Babylonische Sprachverwirrung

Gestern Nachmittag habe ich also den grossen Koffer gepackt und bin nach einem herzlichen Abschied mit Sehi in den Osten der Stadt gefahren. 40 Minuten Rolling Stones im Auto - mmmm!
Der typische Platzregen am Nachmittag hat uns fast weggeschwemmt, als wir ankamen. Terezinha, die Konventoberin, hat mich herzlich empfangen. Caetana ist die Schwester, die die Schule leitet. Vom Temperament her sind die zwei Hauptverantwortlichen wie Salz und Pfeffer: Die eine machts bekoemmlich, die andere gibt Hitze!
Bild: Salz weiss, Pfeffer gelb :-)
ter-u-cae

Ausser den beiden leben noch drei aeltere Schwestern hier: Regina, Inacia und Candida. Wie ueblich geht keine im Ordenskleid, sondern sind im Stil sehr unterschiedlich, mit persoenlicher Note gekleidet.
Terezinha spricht recht gut englisch, Caetana einiges deutsch. Der Effekt: Hier geht in einem Satz manchmal alles durcheinander. Es gibt neuen Grund zum Lachen.

Wo schreibe ich jetzt gerade? Terezinha hat mir ihr Buero zur Verfuegung gestellt, Caetana, hat den Internet-Anschluss fuer mich machen lassen. Das kleine Zimmer hat einen Ausgang ebenerdig in den Schulhof. Ich hoere im Hintergrund die typischen Schulgeraeusche: Kinderstimmen, Schulglocke, Ballspiel und Schreien aus der Turnhalle, jemand spielt Gitarre. Die Kinder / Jugendlichen tragen eine sportliche Schuluniform: Ein weisses T-Shirt und eine blaue Trikothose, die aelteren eine coolere schwarze.
Die Schule hat ueber 1000 SchuelerInnen und verschiedene Schultypen. Die Mary Ward Schulen haben ein eigenes paedagogisches Konzept erarbeitet. Es gibt eine Schulzeitung, ein Theater, jede Menge soziale Aktivitaeten. Abends bieten sie kostenguenstig eine Art Abenduni fuer Erwachsene an. Gestern konnte ich einen Blick in die EDV-Stunde werfen und sah den PC-Saal mit 36 Arbeitsplaetzen. Da hat sich u.a. eine Gruppe junger Maenner auf eine Bewerbung vorbereitet: Sie waren perfekt gestylt mit Anzug und Krawatte. Also es gibt doch huebsche Maenner. :-)
Dieser Raum war frueher die Schulbibliothek, vollgestellt mit tausenden Buechern. Die Buecher haben den PCs Platz gemacht, aber sind noch da und zugaenglich. Caetana zeigte mir stolz das System: Was von vorne aussieht wie grosszuegige Garderoben, sind in Wirklichkeit ca. drei Meter tiefe, rollbare Buchregale, die die volle Raumhoehe einnehmen. Peter, juchu, keine Panik vor den naechsten viertausend in deiner Wohnung!

Nach der Schulbesichtigung heute Frueh hatte ich noch eine gute Stunde Zeit bis zur ersten Portugiesisch-Lektion mit der neuen Lehrerin. Was mache ich denn jetzt? Ah, ich habe ja einen Schluessel! Das viele Sitzen und Essen macht koerperlich rund und stimmungsmaessig unrund. Hoechste Zeit fuer eine richtige "Runde" um den Block. Also, ganz locker an der Pfortendame vorbei marschieren und dann orientieren. Ich will mich ja nicht verlaufen. Die Strasse heisst "Rua Coronel Marques" und sieht frequentiert aus, da kann nix passieren. Haeuser-in-SP

Ich lege den flotten Schritt ein und komme bald an einer auffaelligen, gelben Kirche vorbei: Pfarrkirche San João - ist auch ein guter Merkpunkt. Also weiter. Recht bald kommen weniger noble Haeuser, wieder die Werkstaettenzeilen. Den gleichen Weg zurueck? Nein, ich werde die Parallelstrasse gehen. (Tja, das war die heikle Entscheidung.) Ganz parallel gehts natuerlich nicht. Macht auch nix, ich suche einfach wieder die Kirche. Der Weg geht auf und ab, durch einen echten Vorstadt-Markt, mit Obst, Gemuese, Fisch, Gewand etc., an einigen Hinterhoefen vorbei, ueber zwei Pontinhios, Bruecklein. Ah, da vorne ist die Kirche. Nur leider - die sieht genau so aus, heisst aber anders. Na, Mahlzeit. Das ist jetzt genau das, was ich nicht will. Mist, um die Zeit wollte ich schon zurueck sein. Heiliger Antonius - Geni vom Kardinal Koenig Haus hat mir eine kleine Statue geschenkt, damit ich nicht verloren gehe - jetzt gibts einen Versicherungsfall! Wenn ich zu spaet komme, werden die sich Sorgen machen, weil ich unvernueftigerweise niemandem gesagt habe, dass ich weggehe.
Die erste Frau, die ich frage, sagt etwas Unverstaendliches und ich nehme an, dass ich was Unverstaendliches gefragt habe. Dann in eine Werkstatt, zwei Mechaniker. Das habe ich schon gelernt: Die Leute hier reden gern und ausfuehrlich. Also eine schnelle Antwort ist nicht drin. Immerhin, er versteht mich. Er kennt die Strasse, aber, "Carramba!", wo ist die bloss? Der Plan wird gesucht - es scheint erstens ganz einfach zu sein und zweitens "perto" - mein Lieblingswort in dem Moment - heisst naemlich "nahe".
Ich gehe, wie er mir sagte, ca. fuenf Minuten geradeaus, dann frage ich zwei aeltere Herren, die an der Strassenecke ins Gespraech vertieft sind. Freundliche Konversation zuerst, ob ich aus Italien bin. Nein Austrianca. Ich suche die Kirche San João. San João? Ja. De Battista? Ja. Die Katholische Kirche? Ich nehm mal an, dass die katholisch ist und sage wieder Ja. Die ist ganz nahe, nur da vorne um die Ecke. Der eine Herr begleitet mich. Er sei ueber 70, erzaehlt er, und wohne hier seit ueber 40 Jahren. Ein freundliches "Vielen Dank!" und 5 nach 10 komme ich gerade noch rechtzeitig zur Stunde. Puh!

Die Lehrerin ist hat sich rasch auf mich eingestellt. Sie scheint erfreut, dass ich schon so weit bin, und was ich besonders schaetze: Sie laesst mich dauernd portugiesisch reden, korrigiert und ermutigt.
Als Hausuebung habe ich eine CD mit Grimmschen Maerchen bekommen. Die soll ich ihr bei der naechsten Stunde erzaehlen. So werde ich also zur Maerchenerzaehlerin...
PS: Die Schwestern lassen mich die Stunden nicht bezahlen. Auch fuer Kost und Logis weigern sie sich, etwas anzunehmen. Jetzt werde ich eben Geschenke kaufen. Liebe Leute, ich bin wiederum fuer jeden Tipp dankbar!

Mittwoch, 16. November 2005

16.11. Umzugtag?

Soweit ich verstanden habe, werde ich heute fuer die naechsten Wochen in eine andere Gemeinschaft umziehen. Dort gibt es eine grosse Schule der Schwestern, die Gemeinschaft liegt naeher beim Zentrum. Ich kann dort mehr von der Stadt sehen, einkaufen und es gibt auch eine Lehrerin, die mir Stunden geben wird.
Sollte das richtig sein, werde ich heute mit wirklichem Bedauern von hier aufbrechen. Die vier Schwestern habe ich sehr ins Herz geschlossen - Das muss ein Effekt wie der Praegeeffekt bei den Graugaensen sein: Das erste Wesen das sie erblicken, dem haengen sie auf Dauer an.

Gottseidank funktioniert das Mail heute wieder.
Ich musste ueber eine Nachricht von Heidrun herzlich lachen.
Ein Teil bezieht sich aufs Weblog, und ich nehme gern dazu Stellung.
Sie schreibt:
=====
soooo, genug von mir: wie gehts dir? du beschreibst auf deiner homepage zwar
alles was dir passiert, aber: wie fühlst du dich?
ist es komisch, wenn alle ausländisch reden *fg*
wie tut dir die sonne? hast du einen sonnenbrand?
gibt es viele hübsche männer in brasilien?
vermisst du uns? bist du glücklich????????
=====

das laesst sich alles leicht beantworten:
1. ich fuehle mich hier, wie jemand der ausruht. ich habe zeit zum nachdenken, zum beten, zum "verkosten der dinge". ich erlebe diesen ort so, als sei er der erste ort, an dem "schneller" nicht "besser" ist, sondern im gegenteil, anlass, ein wenig belaechelt zu werden.
2. fuer die hier bin ich eine auslaenderin, die ziemlich komisch spricht. heute zum beispiel habe ich was gesagt, und sie haben sich gebogen vor lachen. ich kann leider nicht berichten, wie ich das geschafft habe...
die situation fuehrt dazu, dass ich halt wenig spreche. manchmal fuehle ich mich wie sich wohl alte, schwerhoerige menschen fuehlen: wenn es mir gut geht und ich interessiert bin, strenge ich mich an, zu verstehen. dann schnappe ein paar brocken auf und muss mir einen reim daraus machen. dazwischen erhole ich mich und schalte ab. und wenn ich sie necken will und etwas nicht tun mag, sage ich: "ich habe nicht verstanden...."
3. sonne: habe ja brav eingecremt gestern, aber ziehe wirklich schon ein bisschen farbe an. da ich die meiste zeit des tages im kuehlen haus bin, kann ich es noch gut ertragen. bin aber gespannt, wie das wird, wenn es wirklich heiss wird. fatima zb hat gestern gefroren - im Manaus, wo sie gerade hergekommen ist, hat es 40 grad, bei uns erst 25...
4. huebsche frauen habe ich schon etliche gesehen, huebsche maenner nicht wirklich. obwohl sich jeder hier tiptop kleidet. es mag wohl sein, dass ich auch ein wenig befangen bin, wo ich doch den schoensten aller maenner etwas naeher kenne.
(jetzt bin ich mal gespannt, welchen kommentar es dazu aus wien gibt! ;-) )
5. es tut sich hier so viel neues und angenehmes, dass ich mich sehr verwoehnt und gluecklich fuehle. wie wenn ich nach vielem harten arbeiten zum ersten mal richtig pause machte. sabbatzeit.
manchmal, wenn ich an euch denke, packt ein gefuehl mein herz und drueckt es zusammen, das ist ein schmerz, aber ein suesser. er zeigt wieviel liebe da ist.
ihr seid mir hier sehr nah!Fruehling-in-SP

15.11. Tag der Republik, Feiertag in Brasilien

Ich habe die Schwestern zu einem Ausflug eingeladen und Mariana, die Studentin, sowie unser Gast Fatima sind mit mir in den Tiergarten gefahren.
Die Anreise mit dem Bus ist ziemlich abenteuerlich, wenn man sich nicht gut auskennt, weil die Verbindungen nirgends angeschrieben sind. Entweder man weiss es, oder man fragt (wenn man kann). Auf dem Bild lacht Fatima.
Fatima-im-Bus
Etwa 50% der Tiere im Zoo sind in Brasilien beheimatet, die haben mich natuerlich am meisten interessiert. Die Elefanten und Giraffen haben meine Begleitung begeistert.
Den Schlangen sehe ich immer gerne zu, sie bewegen sich so elegant. Einfach unglaublich ist der Ueberschwang der Farben und Formen der Voegel hier. Von den Waldtieren hat mich besonders der Ameisenbaer beeindruckt, den ich zum ersten Mal gesehen habe und der mit ueber zwei Metern Laenge viel groesser ist, als ich angenommen hatte.
Krokos-und-Schildkroeten

Um halb drei waren wir wieder zurueck und haben noch was Warmes vom Mittagessen bekommen. Danach waren wir aber wirklich muede, denn es war heute heiss bis schwuel. Ich bin um halb fuenf von der Siesta aufgewacht, als ein kurzes Gewitter die Luft wieder erfrischt hat.

Maria Elena, die letzte Provinzoberin von Brasilien, die zur Zeit in Rom als Generalraetin eingesetzt ist, hat am Abend angerufen. Es ist so aufmerksam von ihr, dass sie sich immer wieder erkundigt, ob alles in Ordnung ist: Wann ich die ersten Sprachlektionen bekomme etc.
Sie hat ziemlich Sehnsucht nach der Heimat. "Saudade!"

Im Rueckblick auf den heutigen Tag geht mir am meisten die Fahrt mit dem Bus nach. Aus mehreren Gruenden: São Paolo liegt in einem huegeligen Gebiet, man kommt also immer wieder an Punkte, von denen man eine gute Aussicht hat. Weiters sind wir lange durch eine Gegend gefahren, die wie die Zone des Uebergangs wirkt: Vom Slum, wo niemand arbeiten kann, zur Stadt mit ihren Wohn- und Arbeitsorten.
Die Haeuser sind einstoeckig, Wand an Wand aneinandergepickt, 4 bis 6 meter breit, ca 6 meter hoch. In der Regel sind sie hell oder geschmackvoll farbig verputzt, mit flachem Dach.
Im Parterre befindet sich eine Werkstatt, ein Geschaeft, ein Friseursalon etc., oben die Wohnung. Die Rollaeden vor den Geschaeften nehmen die ganze Breite des Hauses ein. Vom Boden bis zum Dach ist jedes Haus mit Graffitis beschrieben - beschmiert - bemalt, unterschiedlich.
Es hat mich an die Hoehlen in Spanien erinnert: Ganz nahe beieinander haben die Menschen sich ein Dach ueber dem Kopf geschaffen und trotzen dort der Natur - hier der urbanen Zivilisation eine Existenzgrundlage ab.

14.11. lernen lernen

Heute habe ich mit einer anderen Methode portugiesisch gelernt:
Nur die Lern-CD hoeren und zu verstehen versuchen. Ich scheitere naemlich daran, dass ich vom Lautbild nicht auf das Wortbild schliessen kann. Das ganze Vokabellernen nuetzt daher nicht viel, weil ich die Worte beim Hoeren nicht wieder erkenne. Und die Schwestern sind noch nicht so modern, Untertext mitlaufen zu lassen, damit ich mitlesen koennte wie im Buch. ;-)

Am Weg von der Messe nach Hause ist uns wahrscheinlich ein Kolibri begegnet. Der "Bela flor" ist etwa 7cm gross und dunkel, aber sein Gefieder schillert in Gruen- und Blautoenen. Ein bluehender Strauch vor einem Haus hat ihn angelockt und er blieb in der Luft vor der Bluete stehen und trank. Ein nettes Bild!

Am Vormittag war der Himmel strahlend und ich habe ich mich hinters Haus in die Sonne gesetzt zum Lernen. Nach 45 Minuten war es dann doch zu warm und ich bin wieder ins kuehle Haus umgezogen. Irgendwie habe ich mich schon daran gewoehnt, dass es jetzt Sommer wird, nicht Winter. Sorry, wenn das jetzt gemein war... ;-)

Meinen ersten eigenstaendigen Einkauf habe ich geschafft: Ein neues Ladegeraet fuer die Akkus, die ich mithabe. Leider konnte ich das Zauberding von Peter, das die Akkus mit Sonnenlicht auflaedt, nicht zum Funktionieren bringen.

Clotilde hat sich weiter nach einer Jacke fuer mich umgeschaut und mir heute eine nette Boutique gezeigt. Fast haette ich ein Shirt fuer Heidrun gekauft, war mir aber zu unsicher, was sie gerade traegt. Ich glaube es waere ihr "mais doce" - zu suess gewesen.
Aber wenigstens habe ich jetzt eine nette beige Strickjacke, die ich bei allen Anlaessen tragen kann, bei denen ich in der regendichten Wanderjacke nicht wirklich gut adjustiert waere. Und zwar um etwa 20 Euro.

Nach der Siesta habe ich endlich wieder einmal mit Genuss ein Buch ruckzuck durchgelesen: "Monsieur Ibrahim". Es ist ein Geschenk aus dem Notfallkorb der Kollegen aus Lainz und lehrt mich faulenzen!
Die Batterien sind inzwischen wieder geladen und ich habe die Schwestern fotografieren koennen. Dass die Digi-Fotos sofort zu sehen sind, war eine Gaude fuer uns alle.

Katia ist heute fuer 10 Tage in Urlaub gefahren zu ihrer Familie.
In diesem Haus ist staendig Besuch. Schwestern, Freunde, Familienangehoerige, die in der Naehe sind, kommen zumindest kurz vorbei. Heute uebernachtet eine junge Schwester aus dem Amazonas-Tiefland hier. Fatima ist eine beeindruckende, junge Frau, voll Klarheit und Lebensfreude. Ich leide schon, dass ich so wenig verstehe, wenn sie erzaehlt. Es bleibt mir nur, die Person als ganze zu beobachten und die angenehme Sprachmelodie zu geniessen.

Noch ein Highlight des Tages: Letizia hat Striezl gebacken! Mit Rosinen! Was sagt man dazu!?
Bild: Letizia in ihrem Reich
Letizia-Kuechenfee

Montag, 14. November 2005

13.11. sonniger Sonntag

Heute Frueh herrlicher Sonnenschein. Es wird ueber zwanzig Grad, allerdings ist der Wind noch frisch.
Nach dem Fruehstueck geht Katia eine grosse Runde mit mir spazieren. Sie fuehrt mich durch eine Villengegend: Campo bello. Es ist, als waeren wir im botanischen Garten in Schoenbrunn, so abwechslungsreich und auffaellig ist die Vegetation. Dazu der laute Singsang bzw das Kreischen und Tschilpen der vielen Voegel. Wir sehen etliche Spaziergaenger, kaum Autos, einige JoggerInnen und Damen mit Huendchen. Der Unterschied zu einer Villengegend bei uns: Vor vielen Haeusern sitzt ein Guard, oft ein aelterer Mann mit Hund, und bewacht das Grundstueck.
bluehender-Baum

Mariana hat heute Hendl gekocht. Und ein sagenhaftes Karamell-Dessert. Es kuendigt sich an, dass ich auch mal "tipico austria" kochen werde. Sogar wenn es gelingen sollte, wird es sie nicht besonders beeindrucken, fuerchte ich. Die Kueche hier haelt einem Vergleich ziemlich Stand. Hat mir jemand einen heissen Tipp? Muss lecker sein und leicht zu machen! Ich denke an Topfen-Palatschinken zum Dessert.

Am Mittagstisch verstehe ich bereits 10% des Gespraechs. Ausser sie reden Wort fuer Wort mit mir. Dann gehts besser. Sie sind so geduldig.
Die Atmosphaere ist ueberhautp sehr "bekoemmlich" und heiter hier im Haus. Es wird oft gelacht, jede kommt mal dran und wird "gegretelt". Ich zB habe mit Katia Clementinen gekauft, die wir zum Nachtisch essen - und die teilweise recht trocken sind. Jetzt haben wir herumgealbert, wer die trockenen ausgesucht hat. Ich habs auf mich genommen - aber mit dem Hinweis, dass Katia ja verantwortlich fuer mich war - und ausserdem seien die trockenen viel suesser.

Was ich am Nachmittag tun mag, werde ich gefragt. Naja, mal ins Zentrum fahren. Es opfert sich wieder Katia.
Wer einen Stadtplan von Sao Paulo hat, kann nachschauen: Ich wohne im kleinen Bezirk Jardim Pelopolis, im Suedwesten der Stadt. Bekannter ist der Nachbarbezirk Ibirapuera.
Von hier aus faehrt der Bus ca eine halbe Stunde in die City. Allerdings bei dem geringen Sonntagsverkehr und kaum Haltestellen, wenn er die erlaubten 80 km/h oefter ausfahren kann. Heidrun, du kannst dich sicher an die Busse in Rom erinnern und deren Percussion-Effekte. Hier war es ganz aehnlich.
im-Zentrum

So komme ich also das erste mal in eine "richtige" Stadt und bin zwischen Wolkenkratzern unterwegs. Auch mitten im Zentrum sind kleine Einfamilienhaeuser und Hochhauser, alt und neu, modern und desolat nebeneinander, als haette ein Riesenbaby die Bausteine des grossen Bruders durcheinandergeworfen.
Da es Sonntag ist, haben die Geschaefte zu. Katia bedauert dies, da ich so keinen "normalen" Eindruck von der Stadt bekomme.
Wir besuchen die wichtigsten Kirchen. Interessant war der unterschiedliche Stil der maechtigen neugotischen Kathedrale, der Benediktiner-Kirche, der Jesuiten- und der Franziskaner-Kirche. Man braucht kein Experte zu sein, um die Schwerpunkte und Unterschiede der Ordensspiritualitaeten darin zu erkennen.

Die Stadt wurde vor ziemlich genau 450 Jahren von Jesuiten gegruendet. Der Patió do Colégio, ehemalige Wohn- und Arbeitsstaette der Jesuiten, erinnert daran. Er liegt auf einer Anhoehe mit gutem Blick ueber die wachsende Stadt. Das Jesuitenkolleg ist liebevoll restauriert, enthaelt eine attraktive Caféteria und ein kleines Museum. Es zeigt interessante Karten und Modelle der Entstehung und Entwicklung von Sao Paulo, weiters sakrale Gegenstaende und viele kleine Heiligenstatueten, die hier gefunden wurden.

450 Jahre sind eine lange Zeit, meint Katia.
Das stimmt natuerlich, dennoch: Mein Blick ist von unseren viel aelteren Sehenswuerdigkeiten gepraegt. Ich muss ihn "umschalten", um nicht zurueck gestossen zu werden. Ist es "importierte Nachahmung", "Kitsch", "Verlust der eigenen Wurzeln"? Ist es das besondere Potenzial dieses Kontinents, und speziell von Brasilien, Elemente aus den verschiedenen Kontinenten neu zusammenfuegen zu koennen?
Anders als in anderen lateinamerikanischen Laendern, so behauptet der Baedecker, gibt es in Brasilien kaum Funde von alten Hochkulturen.
Dennoch tut es gut, wenn man im Jesuitenkolleg auch Figuren "zu Ehren der indianischen Kultur" findet. Zu sehr sind mir Europaerin die Verbrechen unserer Vorfahren in Suedamerika bewusst.
Respekt und Toleranz in der Begegnung und Vielfalt der Kulturen: Das ist Wunschtraum, Zukunftsthema und Dauerbrenner in einer gobaliserten Welt. Auch auf unserer "Insel der Seligen", Oesterreich. Der "Schmelztiegel" Braslien hat uns hier vielleicht etwas voraus, das wir importieren koennten? Einsicht in die eigenen Relativitaet, diese sympathische Form von Bescheidenheit, z.B?

Samstag, 12. November 2005

12.11. Samstag

Heute hats mit der Messe in der Frueh geklappt. Der Priester ist betagt, das Volk sind Frauen. Zum gemeinsamen Ritus auf der ganzen Welt kommt ein gemeinsames Lebensgefuehl: Ein bisschen von "Wir werden aelter" und "Programm fuer die Minderheit", ein bisschen "Auftanken in der Oase des Lebens", ein bisschen "Zuruecklehnen in das Gefuehl von Verbundenheit". Schwer es auszudruecken.

Man hat mich einigen Frauen, die zur Schule in die Messe kommen, vorgestellt. "Muito prazer". Jede freut sich und graebt noch ein Wort deutsch aus, das sie kann.

Am Weg zur Messe schaue ich immer wieder nach den Voegeln aus. Es klingt wie Papageien - aber schliesslich entdecke ich die schoenen gruenen Nymphensittiche. Und gleich daneben ein riesiger Gummibaum. Also jetzt weiss ich, was wir unseren Bueropflanzen mit der Kaefighaltung antun. :-) Der hier steht im Garten und der Stamm hat einen Durchmesser von ueber einem Meter, die Krone ist sicher mehr als zwanzig Meter hoch.
In den Rabbatten wachsen Christusdorn, Weihnachtsstern, Kalla; alle 1 - 2 Meter hoch. Ich muss an Mamas Blumenfenster denken, wo sie durch ihren gruenen Daumen auch gut gedeihen, verhaeltnismaessig eben.
Christusdorn

Nach dem Fruehstueck machen Clotilde und ich einen ausgedehnten Einkaufsbummel. Ich versuche einen Datenstick zu ergattern, um ein Foto auf das Weblog stellen zu koennen. War nicht zu finden in dieser Gegend. Ich bin noch immer fasziniert, von dem Nebeneinander von "Nachkriegslaeden", die bei uns fast ausgestorben sind, und trendy Shops. Auch den Massagesalon mit alternativer chinesischer Medizin gibts! Und ein deutschsprachiges Buchgeschaeft mit vielen Weihnachtslieder-Buechern, sowie deutsche Bars haben wir entdeckt.

Nach dem Mittagessen lege ich mich hin, denn um zwei Uhr soll?will ich eine kleine Praesentation von Fotos der letzten Urlaube machen. Ich habe CDs mitgenommen und mit Clotilde den tollen Laptop samt Beamer ausprobiert. Es funktioniert.
Um Viertel vor 2 klopfts an der Tuer: Ueberraschung! Terezinha, die ich aus der Slowakei kenne, kommt mit zwei Mitschwestern auf Besuch. Grosse Umarmung. Man will die Fotos sehen. Gut, machen wir dann: Familie im Montafon: Mama, Filha Heidi, Irmã (Schwester) Irmão (Bruder), Nichten und Neffen und "mein Freund Peter". Ich weiss nicht, ob "Amigo" das korrekte Wort ist, es wird noch einige Fantasien wecken. Die Berge werden bewundert, die Blumenbilder auch, aber besonders die Kinder.
Auch Bilder aus dem Osttirol gibts und von der Romreise mit Mama. Leider habe ich keine Bilder aus Wien dabei. So ists - wo man wohnt, das ist zu selbstverstaendlich.
Jetzt aber tut sich was, die Gaeste haben Ideen, wo ich portugiesisch lernen koennte. Vielleicht werde ich auch zu ihnen umziehen? "Kommenden Donnerstag sehen wir uns!", heisst es schliesslich.
Man will mich offenbar auch touristisch verwoehnen: Ich bin zu den Wasserfaellen von Iguaçu eingeladen, laut Fuehrer das "Muss" einer Brasilien-Reise. Eva Renate, die bereits ein paar Monate in Brasilien war, hat erzaehlt, dass diese Wasserfaelle noch herrlicher sind als die Niagara-Faelle.
Nach der Verabschiedung der Gaeste sitzen wir zusammen beim Kaffee. Jetzt erzaehlt jede ein bisschen, von wo sie kommt. Die Schwestern sind weit aelter, als ich geschaetzt habe. Jacinta und Leticia sind ca. 75. Sie wirken so frisch - ein Beweis fuer die Statistik Austria: Laut dieser haben Frauen mit einer ausgepraegt linken oder religioesen Spiritualitaet die hoechste Lebenserwartung in der Bevoelkerung.

Freitag, 11. November 2005

Blumen und Voegel

Noch bevor ich auf dem Stadtplan identifiziert habe, wo ich eigentlich bin, kann ich eine kurze Umfeld-Beschreibung machen:
Das Haus hat zwei Stockwerke und einen ausgebauten Keller. In diesem sind die Bueros, da arbeite auch ich jetzt. Das Haus ist modern, die Boeden mit Steinplatten ausgelegt. Haette Poldi einen so guten Lift, waeren wir froh.
Im zweiten Stock sind Kueche, Waschkueche und Speiseraum.
Gewaschen wird von Hand. Die Waschmaschine wird zum Schleudern verwendet. Einen Trockner gibt es trotzdem auch.
Im Speisesaal sind Tische und Sessel fuer etwa 30 Personen. An der hinteren Wand schaut die Bueste der Ordensgruenderin Maria Ward zu uns her. Farne wachsen ueppig, am Waschbecken an der Wand steht eine kleine lila Orchidee.
Bild: Clotilde im Speisesaal
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Die Laengswand ist eine Front mit durchgehenden Fenstern. Der Blick fuehrt ueber die niedrigeren Nachbarhaeuser mit schoenen roten Dachziegeln, ueber viele Baeume und Palmen zu einigen Hochhaeusern, die da und dort um uns herum stehen.
Zwischen den Haeusern ist kaum Platz, manchmal weniger als 1 Meter Abstand. Die Gaerten sind winzig, kaum groesser als ein Parkplatz fuer ein bis zwei Autos.
Jedes Haus ist von einem uebermannshohen Zaun umgeben.

Voegel sieht und hoert man viele. Eine Drossel habe ich gesehen, hat mir Peter bestaetigt. Schwarze Urubus (Geier) kreisen immer wieder am Himmel und Schwalben, etwas groesser als unsere, zischen mit ihrem Zackenflug zwischen den Haeusern hindurch.

Der Rasen und die Rabatte der Strasse entlang sind saftig gruen, wie bei uns im Mai. Blumen aehnlich unseren Feuerlilien wachsen in Fuelle, hauptsaechlich weisse und gelbe. Bluehende Hecken haben zartblaue grosse Lippenblueten. Rhododendron in allen Farben versuesst das Strassenbild.
City

Brauchst du etwas?

Diese Frage stellt mir Sr. Clotilde am ersten Tag ein paar Mal.
Dazu ist zu sagen, dass es, wie im Englischen, keinen Unterschied gibt zwischen "brauchst du" und "brauchen sie".

Natuerlich brauche ich was: Zunaechst mal einen geladenen Akku fuers Handy. Sr. Jacinta, eine der Kuechenzauberinnen, siehst du auf dem Bild.
Jacinta-macht-Lunch
Sie nimmt den Akku mit Kennerblick in die Hand: "Das geht ja von 110 bis 240 Volt.", und das Ladegeraet passt auch in die Steckdose. Zur Sicherheit sollen wir uns aber in einem Geschaeft erkundigen.

"Willst du telefonieren?" "Ich wuerde gerne ein Email schicken". Kein Problem. Es gibt einen unbesetzten Computer mit schneller Internetverbindung. Der Computer ist seither oft besetzt. Ich habe jeden Bericht mehrfach geschrieben, weil das biestige Weblog sie beim Raufladen gefressen hat.
Die Infokette ueber Peter funktioniert, sehe ich in meinem Mail-Account. Fein! Die ueber Brigitte wahrscheinlich auch.

"Was brauchst du noch?" Ein paar Toilettartikel gehen wir einkaufen. Und eine schwarze Jacke. Wir finden einen Parka, ganz aehnlich einem Lieblingsstueck, das ich jahrelang getragen hatte. Wie nett! Nur leider zu gross. Wir sind die einzigen Kundinnen, es gibt drei Verkaeuferinnen, eine fuettert ein Kleinkind. So gibts grossen Bahnhof fuer uns. Man wird im anderen Geschaeft anrufen. Man wird uns Bescheid geben. Até manhã! Bis Morgen!

"Sonst noch etwas?" Ja, eine billige Uhr, das raten die Reisefuehrer. Meine ist zwar nicht teuer, aber mir sehr lieb geworden. Die neue erstehen wir noch um 12 Euro.

Benzin brauche ich gottseidank nicht. Er kostet gleich viel wie bei uns, etwas ueber einen Euro. Die Leute verdienen aber ca. die Haelfte.

Unser Spaziergang fuehrt schliesslich an der Schule der Schwestern vorbei. Leider kann ich nicht viel verstehen von der Situation der Schule und ihrer Arbeit. Nur soviel: Aus wirtschaftlichen Gruenden haben auch in Brasilien viele Familien nur 1 - 2 Kinder. Die Schulen stehen in einem harten Wettbewerb. Der Staat unterstuetzt private Schulen nicht. Anders als bei uns und in anderen suedamerikanischen Laendern muessen die Schulerhalter hier auch fuer die Lehrergehaelter aufkommen. Eine Lehrerin verdient je nach Vorausbildung zwischen 700 bis ueber 1000 Euro habe ich verstanden. Eine Sekretaerin in einem Wirtschaftsbetrieb in der Regel mehr. Das ist so wie bei uns.

Auspacken

Cafezinho - Kaffeetscherl - ist wichtig und gibt es oefter am Tag. Natuerlich auch gleich als Willkommen mit verschiedenem Gebaeck, auch selbst gebackenen Lebkuchen.
Danach bleibt vor dem Mittagessen noch Zeit fuer das Auspacken.
Den Weltempfaenger z.B., mit dem ich abends um halb 8 das OE1 Nachtjournal hoeren kann. Eine Leihgabe von Peter.

Um halb zwoelf gibts Mittagessen. Es wird taeglich frisch gekocht und schmeckt heute koestlich: Reis, Bohnen, Suesskartoffeln und Schweinsripperln. Und davor Salat und pikates Gemuese: Rote Rueben und gruene Paprika.
Zum Nachtisch (Sobremesa) gibt es Obst. Zu wissen, dass die Fruechte hier reif geerntet werden ist eine Sache. Es zu schmecken eine andere. Diese Orangen sind zum Verlieben.

Der Nachmittag bringt zunaechst zwei Stunden Siesta. Ich schlafe gut, aber es ist unerwartet kuehl im Haus. Anglika hatte recht, es zieht immer ein bisschen. Nun gut, fuer die Nacht gibt es noch zwei Wolldecken im Schrank.

Die Dusche funktioniert besser wie meine. Jetzt fuehle ich mich frisch. Auf zum naechsten Cafezinho. Diesmal darf ich einige Geschenke mitbringen: Mozartkugeln und Beethoven-Sonaten, das huebsche Flascherl mit Hirschbirnen"saft" von 40%, die schoene Kerze mit dem Bild der Madonna, die den Weg weist. Diese wundertaetige Ikone aus Ungern haengt im Stephansdom.

Die Liste der fehlenden Dinge ist gottseidank kurz geblieben. Vor allem meine Jacke wird mir abgehen. Sie sollte bis zuletzt haengen bleiben - aus Formgruenden. Aber in Formsachen bin ich nicht besonders gut. Aus Stressgruenden haengt sie immer noch.

Anreise Teil 2

Halb sieben ("Wiener Zeit"), die normale Aufwachzeit. Die Mitreisenden schlafen und wirken leblos im fahlen Notlicht. Alle Luken sind geschlossen, ich schiebe den Laden neben mir hinauf: Praechtiges, feuriges Morgenrot! Wir fliegen mit dem Sonnenaufgang. Erst gegen acht Uhr sind die Farben verblasst. Noch lange lasse ich mir die Sonne aufs Gesicht scheinen. Sie ist heute auf meiner Seite!

Aber was ist unter uns? Schon der neuen Kontinent? Endlich spuere ich wieder Freude und Aufregung. Aber nichts zu erkennen unter dem dicken weissen Nikolobart.
Puenktlich um 20 nach 11 (Lokalzeit 8) tauchen wir in die Wolken ein zur Landung in Sao Paulo. Es regnet und hat etwas unter 20 Grad.

Die lange Schlange bei der Einreise fuer "Exterritoriale" (Auslaender) wird aufgehellt durch einige junge Frauen mit gelben Pullis. "Kann ich helfen?" steht darauf. Sie bieten freundliche Unterstuetzung an, sollte man sie fuers Einreiseformular brauchen. Fuer Amerikaner gibt es einen Extra-Schalter. Vor der Buerokratie ist man weniger Einzel-Mensch als (nationales) Gattungswesen.

Die Wartezeit laesst sich gut nuetzen, um daheim Bescheid zu geben. Mist - der Akku ist auch gleich leer! Wer Aktuelles wissen will, mailt am besten Peter, Heidrun oder Brigitte (Stein) an. Die kriegen immer die Nachrichten zuerst, weil sie am handy ganz oben stehen.

Beim Schalter geht es ruckzuck. Der Koffer rollt am Band auf mich zu. Jetzt einmal rechts rum und da stehen schon die Abholer mit ihren Schildern. Gleich vorne eine gutmuetig aussehende graue Dame mit REINGARD. Oh wie wohltuend!
Wir umarmen uns, es ist Sr. Katia, die "Koordinatorin" der kleinen, lokalen Wohngemeinschaft.

"Ja, ich habe Angst gehabt, wie lerne ich diesen Namen?", lacht Sr. Clotilde, die Provinzoberin. Rosa, das sei wirklich viel leichter. Ein Hoch auf meine Portugiesisch-Lehrerin Maria, die mir den Tipp gegeben hat. Und der Name ist nicht gelogen. Sie nennen mich CHOSA und das ist nicht weniger fremd als CHEINKAHD waere.

Eineinhalb Stunden sind sie mit mir unterwegs im Auto. Der Verkehr scheint mir nicht schlimmer als in Wien, aber ich fahre ja normalerweise mit Peter, da bin ich einiges gewoehnt. (hihi)

Wir kommen an, ich lerne die anderen zwei Schwestern, die Studentin Mariana, den Administrator Sehi und die Reinigungsdamen kennen. Es gibt Kaffee. Man zeigt mir mein Zimmer: Hell, rotbrauner Holzboden, bequemes Bett, mit Bad und WC, ruhig. Herrlich! Ich bin angekommen und hier ist ein guter Platz!

Inzwischen ist der erste Tag vergangen. Wenn ich jetzt in mein Zimmer gehe werde ich wahrscheinlich meinen ersten Sternenhimmel in Braslien sehen. Ein Stueckchen wenigstens.
Ob mir der Mond was Liebes von euch mitgebracht hat?
Gute Nacht, bis Morgen!

Die Himmel. Anreise Teil 1

Der letzte Abendhimmel in Wien ist rosa. Er zeichnet die Konturen weich, die Haeuser wirken eingepackt und etwas aufgeregt geroetet, bis die Sonne untergeht um vier.

Der Himmel heute Abend in Sao Paulo ist ebenfalls rosig. Auch hier bemueht er sich redlich, die Kontraste zaertlich aussehen zu lassen von Mengen unterschiedlichster Hochhaeuser und Wolkenkratzern und dazwischen den bunten, gemauerten Schachteln, die als Wohnhaus, Garage und/oder Arbeitsort dienen.

Die Geschichte meiner Abreise ist vielleicht schon kolportiert. Ich hatte mir 22:20 Uhr als Abflugzeit eingepraegt. Nachmittags um fuenf merke ich mit grossen Augen und weichen Knien, dass das die Ankunftszeit in Madrid ist. Abflug in Schwechat um halb acht!
Nach Kurzdusche und mit tatkraeftiger Hilfe von Monika und Jarek geht sich alles aus: Kurz nach sechs treffe ich Peter in Schwechat. Wir haben noch Zeit zusammen zu essen, denn der Flieger hebt fast zwei Stunden zu spaet ab.

Dieser Abschied war der schwerste, das Weggehen von Peter grausam. Sich Herausschneiden aus der Naehe - wie konnte ich uns das antun?
Herausschaelen auch aus den anderen Beziehungen voller Liebe, Waerme und Wohlwollen, aber auch Erwartungen und Gegenerwartungen. Bitte verzeiht mir, wenn es weh tut.

Gottseidank muss ich mit niemandem reden. Man kann gut allein sein an diesen Orten wo viele Menschen anonym sein wollen. Mit mir warten etwa 50 argentinische UNO-Soldaten auf den Abflug. Fuer sie geht es wahrscheinlich von Madrid aus weiter heimwaerts. Der Flieger ist winzig, ich sitze zwar am falschen Platz, aber am Fenster und da will niemand hin. Die erste Reiselektion lerne ich auch: Man geht nicht ohne Kleingeld weg! Ich habe Peter alle EURO-Muenzen gegeben ("Brauche ich nicht") und kann mir jetzt ueberlegen, ob ich ein Wasser mit einem 100 Euro-Schein kaufen will. Natuerlich nicht.

Gewechselt wird in Madrid, auch Reais gekauft. Im Jumbo sitzt sich etwas komfortabler. Auch er laesst sich Zeit und wir starten eine Stunden nach Plan. Um zwei nachts gibt es Dinner, sogar den Kaffee nachher geniesse ich noch. Aber dann kippts mich vom Stengel und ich schlafe tief ein.

Freitag, 21. Oktober 2005

Willkommen!

Du willst an meiner Reise teilnehmen?
In diesem weblog findest du regelmäßig Neuigkeiten - sobald ich an eine Datenleitung komme.
Ein Danke meinem Coach Angelika für diese "Brückenbau"-Chance!
Reingard Rosa

Das wichtigste KURZ

Endlich Fotos! - ab 1.2.. Dieses Blog enthaelt Notizen und Fotos bis zum 23.2., der ersten Zeit in Piaui. Fortsetzung unter <2brasil.twoday.net>!!!!!!!! Seit 30.1. geniesse das Landleben im "Wilden Westen" von Brasilien - das ist der Nordosten, genauer gesagt Bundesstaat Piaui! Derzeit wohne ich in der Fundacao ASAS, einem privaten Bildungsprojekt fuer Kinder aus benachteiligten Familien. Roberto, der Gruender, ist Hoellaender und arbeitet hier als Seelsorger. Die Gemeinde Sao Miguel hat etwa 3000 EW, laendlicher Raum, schoene Natur, derzeit angenehm sommerliches Wetter. Ich arbeite im Buero, habe viel Kontakt mit Kindern und besuche Familien. Die ersten 2,5 Monate habe ich in Sao Paulo gelebt, in verschiedenen Haeusern der Schwestern der Congregatio Jesu: Zentrale, Schule, Peripherie. Besuchte Sozialprojekte, interviewte interessante Menschen, recherierte viel im Internet, lernte portugiesisch und half ehrenamtlich mit.

Info fuer AllesleserInnen

Das Tagebuch ist wieder aktuell. Falls dein PC manche Tage nicht anzeigt, gehe in der obersten Befehlszeile auf "brasil" und wenn die Auswahl sich zeigt auf "Tagebuch". Die Suchmaschine funktioniert auch, allerdings muss man halt wissen, was man finden will... Peter und Heidrun wissen normalerweise, wie es mir geht: peter.hirsch@atnet.at; HeidrunLange1984@aol.com

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