Sonntag, 27. November 2005

27.11. Kampf und Tanz und Freundschaft

Heute hat Irmi Geburtstag. Und an diesem Festtag, der zudem der erste Adventsonntag 2005 ist, werde ich dauernd daran erinnert. Deshalb muss ich davon schreiben, auch wenn du, Irmi, ansonsten eine sehr diskrete Person bist.

Vor dem Aufstehen lese ich im Alten Testament und bin heute bei Jesus Sirach 6 angelangt, wo steht:

Die Freundschaft

"Viele seien es, die dich gruessen,
dein Vertrauter aber sei nur einer aus tausend.
...
Mancher ist Freund ja nach der Zeit,
am Tag der Not haelt er nicht stand.
Mancher Freund wird zum Feind,
unter Schmaehungen deckt er den Streit mit dir auf.
...
Ein treuer Freund ist wie ein festes Zelt;
wer einen solchen findet, hat einen Schatz gefunden."

Alles gute, Geburtstagskind!


Caetana hat gefragt, ob ich heute Vormittag bei der Capoeira-Guertelpruefung in der Schule zuschauen mag. Fuer mich als Martial-Arts-Fan war das natuerlich ein Muss-Termin!
Ca. 15 LehrerInnen bzw. fortgeschrittene SchuelerInnen und etwa 25 Schul- und Vorschulkinder haben teil genommen.
Capoira ist Kampf, Tanz und Symbol der Befreiung in einem. So wie in Japan der einfachen Bevoelkerung verboten war, Waffen zu tragen, durften natuerlich auch die vielen afrikanischen Sklaven, die seit dem 16 Jahrhundert nach Brasilien verschleppt worden waren, sich nicht bewaffnen. Sie entwickelten wie die Moenche im alten Japan eine waffenlose Form der Selbstverteidigung.

Zitat aus: http://www.capitaes-de-areia.com/html/geschi.html, 27.11.05:

"Capoeira entwickelte sich weiter, als die Sklaven begannen, sich gegen Ihre "Herren" (Senhores) aufzulehnen und sich ihrer hoffnungslosen Situation bewußt zu werden. Capoeira wurde von ihnen in den Senzalas (Terrain mit Häusern, wo die Sklaven lebten, arbeiteten und aßen) in den Zeiten der Ruhepause praktiziert, um sich auf Kampfsituationen vorzubereiten. Damit die Senhores nicht mißtrauisch wurden und ihre Bewegungen als kämpferisch ansahen, ließen sie die Ginga und die Musik als weitere Elemente in ihren Kampftanz mit einfließen.
...
Die Sklaven flohen aus den Senzalas und gründeten aus ihrem Freiheitsdrang heraus Quilombos (eigenständige Territorien, in die sich die Sklaven flüchteten, um ihre Kultur und afrikanischen Traditionen zu bewahren). Das größte und bedeutendste war das Quilombo dos Palmares, die soziale und freie Republik (Bundesstaat Pernambuco): es hatte gegen 1670 ca. 50.000 Einwohner (Schwarze, Weiße, Mestizen, Mulatten)."

Capoeira heisst urspruenglich "Huehnerstall"oder "Huehnerdieb". Haben die entlaufenen Skalven bereits im 17 Jahrhundert den Slogan von Marin Luther King angewendet? "Black is beautiful!" hiess damals: Was die Herrschenden als dein Schandmal bezeichnen - das mache zu deinem Kennzeichen, darauf sei stolz!

Die Capoeiras in Palmares konnten sich fast hundert Jahre lang gegen Portugiesen und spaeter Hollaender behaupten. Als ihr letzter Anfuehrer Zumbí verraten wurde, ging die erste freie Republik auf brasilianischem Boden zu Grunde. Zumbí ist heute eine ideelle Leitfigur der Buergerrechtsbewegung der afrikanischen Brasilianer.

Die Sklaverei wurde in Brasilien viel spaeter als in Europa, naemlich erst im Mai 1888 abgeschafft. Etwa ein Jahr spaeter wurde die Republik ausgerufen und per Gesetz war die Capoeira von damals bis 1937 verboten. Trotzdem entwickelte sich diese Kampfkunst regional unterschiedlich weiter. Als Zentrum gilt heute noch Salvador da Bahia, wo auch die erste offizielle Schule gegruendet wurde.

Wieder Zitat: "Inzwischen ist Capoeira in Brasilien als nationale Kampfkunst, als Kultur des Volkes anerkannt. Capoeira wird in Schulen und Universitäten unterrichtet, auf Straßen, Plätzen und Stränden vorgeführt, man kann Capoeira im Theater und Kino (im Hollywood-Film "Only the Strong") sehen, oder auch als Show, auf Volksfesten und internationalen Bühnen bewundern. Heute findet man Capoeiristas bereits in allen Teilen der Welt. Capoeira wird von Menschen aller Altersgruppen praktiziert und sogar für pädagogische und therapeutische Zwecke eingesetzt. Es gibt uns ein positives Lebensgefühl. Capoeira bewegt alles."
Dem kann ich fast nichts mehr hinzufuegen, ausser: Wenn du einen Funken Interesse an Kampfkuensten hast, solltest du dir eine Chance, Capoeira sehen zu koennen, nicht entgehen lassen!

capoeira-gruppe
Bitte um pardon wegen der Bildqualitaet, aber die Capoeira war fuer meine Kamera zu steil.

Um eine Vorstellung zu entwickeln, fuer die, die Capoeira noch nicht kennen: Getanzt wird in der Gruppe, oder es tanzt das Paar im Kreis der Zuschauenden. Der Tanz besteht aus einem spektakulaeren Auftritt und anschliessenden Bewegungen von Angriff und Verteidigung, hauptsaechlich durch Tritte. Dabei entsteht aber kaum einmal wirklicher Koerperkontakt. Eingefuegt sind vielfaeltige artistische Einlagen, Feuerkeulen und Feuerspucken oder schlicht das Aneinanderschlagen von Stoecken. Das Ganze vollzieht sich in Zeitlupe - oder so schnell, dass man die Bewegung mit den Augen nicht mehr nachvollziehen kann. Die TaenzerInnen werden von afrikanischen Instrumenten, Trommeln, Gesang und Klatschen angefeuert.

Hochspannung entsteht durch die Kunst des Kontakts: Miteinander und gegeneinander in voelliger Aufmerksamkeit fuereinander. Einen Moment unkonzentriert sein, bedeutet, man kriegt den Schlag ab - wenn der Partner nicht mehr stoppen kann.
Natuerlich sind die Capoeristas gut durchtrainiert. Sie bewegen sich leicht und kraftvoll.

Das Lernen erfordert sicher eine ausgezeichnete Selbstbeherrschung der Lehrenden, denn nichts leichter, als die Schueler ordentlich zu demuetigen.
Bei der Pruefung hatte jede/r Schueler/in drei "Begegnungen" (weiss nicht wie es in der Capoeira heisst) mit Lehrer/innen. Die Kleinen waren 3 - 4 Minuten im "Ring" und es war von martialischem Drill nichts zu merken. Ein Zwerg hat sich sogar einmal selbstvergessen zu den Zuschauern umgedreht, und den Lehrer waehrend der Pruefung stehen lassen. Unglaubliche Tat! Riesiges Gelaechter! Faustino hat mitgelacht, ihn hoch gehoben und wieder vis-a-vis zu sich gestellt. Und weiter gings....
Also wie gesagt, lass dich anstecken! Bewegung bewegt...
batuque

Ansonsten hat mich Peter sehr zum Lachen gebracht, mit seiner Beschreibung des Wetters am ersten Advent in Wien. "...nieselt und kalt und gatschig und die Kraehen fliegen herum und nippen an den Blaettern..."

Also ich litt mit euch, und zwar wirklich, weil die Nacht war schweinekalt und ich habe mir noch eine Jacke angezogen unter der Wolldecke, damit ich schlafen kann.
Seit der Frueh aber, nach zwei Tagen Regen, ist der Himmel ausgeputzt und herrlich klar. Es ist sonnig, aber noch kuehl.
Das Wasser im Pool hat 30 Grad. ;-)
Bild: Caetana geniesst, Foto vom Balkon in den Innenhof
genuss-von-oben

Samstag, 26. November 2005

26.11. Frango hungárico und Eispalatschinken

Also heute ist der grosse Tag und ich koche!
Ich habe gestern eine Speisekarte geschrieben und bemalt, damit sie wenigstens was zum Lachen haben...

Erster Erfolg: Um 12 war ich faaaaast fertig. Das ist schon mal viel wert!
Zweiter Erfolg: Es ist alles gelungen. Das Dessert hat sie erwartungsgemaess umgehauen!

Es war eine ziemliche Umstellung fuer die Schwestern. Hier sitzen zu Mittag selten alle beieinander. Wer kann, kommt puenktlich. Wer nicht, kommt eben spaeter.
Wer um 12 da ist, spricht das Tischgebet. Die Speisen stehen am Buffet bereit und jede bedient sich. In interessanten Kombinationen kommt dabei manchmal gleich alles auf einen Teller.

Nach "oesterreichischer Art" muessen alle gleichzeitig am Tisch sein, weil die Suppe zuerst und heiss gegessen werden will. Das war schon nicht leicht.
Es gab Fenchelcremesuppe mit Curry, ein classe Rezept von Moni.
Danach Gurken-, Karotten- und gruenen Salat, bereits angemacht. Ich habe abserviert und den naechsten Gang auf den Tisch gestellt.
Das war so feierlich fuer sie, dass Gaetana Musik angestellt hat.

Als Hauptspeise gabs Paprikahendl. Ich habe es "Huhn nach ungarischer Art" genannt. Dazu selbst gemachte Spaetzle. Alle kannten "Spaetzle", das Wort meine ich, offenbar von den deutschen Schwestern, die frueher die Ordensausbildung geleitet haben.
Das Essen hat geschmeckt, es ist genug auch noch fuer heute Abend und ich bin schwer erleichtert!
Das Dessert - Eispalatschinken mit fluessiger Schockolade und Schlagobers - konnte nicht schief gehen. Wenn schon, denn schon! Gaetana wuenscht sich das jetzt zu ihrem Geburtstagsfest.

Kochen ist ein Riesenspass fuer mich. Wenn es nur nicht soviel Zeit brauchen wuerde im Alltag!

Am Abend probiere ich noch Krautfleckerl á la Poldi.

Fuer Wiener Schnitzel konnte ich das Fleisch nicht auftreiben. Da ging es mir wie Angelika.
Kann mir jemand sagen, aus welchen Teilen des Schweins man ueberhaupt Schnitzel machen kann? Mama und Poldi - bitte um Unterstuetzung!
Bild: Einkaufen mit Terezinha
markt

Wohl bekomms auch euch ueberm Teich an diesem Wochenende!

25.11. Rueckblick auf Thanksgiving

Auch hier wurde gestern Thanksgiving gefeiert.
Es war zwar ein normaler Arbeitstag, aber am 8 Uhr abends gab es einen eindrucksvollen Dank-Gottesdienst. Stell dir die Eroeffnung der Olympiade vor - so irgendwie: Feierlich, es geht um mehr als nur um Sport, tolle Inszenierung, gleichzeitig Show und "was fuers Gmuet", es wird gequatsch auf den Tribuenen, aber am Hoehepunkt zuenden alle ihre Feuerzeuge an und du bist ergriffen....
Also so irgendwie war das Rundherum und die Messe.
Wenn dich naeheres darueber nicht interessiert, kannst diesen Beitrag gleich ueberspringen.

Ort der Handlung: Die Turnhalle im Dachgeschoss der Schule. Von der Decke haengen Transparente, die "Friede" in allen Sprachen sagen und offenbar von den Kinder gemacht wurden. Auf der Buehne eine 5-koepfige Band und der Altar.
Die hintere Haelfte der Halle ist bestuhlt, in der vorderen Haelfte hocken ca 100 Kinder am Boden. Sie sind zwischen 5 und 12 Jahre alt und zum Fressen suess. Alle tragen die blauen Trikothosen und ihr weisses T-Shirt mit dem Wappen der Mary Ward-Schule. Und kleine bunte Tuecher. Einige Kinder sind in Kostuemen in der Garderobe, einige im Sportdress. Riesenaufregung. Riesenlaerm.

Ab 10 vor 8 fuellt sich die Turnhalle und der Saenger beginnt die Lieder mit den Kindern mal durchzusingen. Die Band fetzt ordentlich, den Kids gefaellts, sie singen und schreien begeistert mit und winken mit ihren farbigen Tuechern. Man kann sich nur schreiend unterhalten.

Um 8:10 wird der Priester fuer mich sichtbar. Monsignior Walter geht noch durch die Menschenmenge, begruesst viele, auch mich (und zwar auf deutsch), geht dann die Kinder in der Garderobe besuchen. Noch immer grosses Gewusele.

Ab 8:20 beginnen die Aktionen, die den Beginn vorbereiten. Die Stuehle in der Halle und die Tribuenen sind zu 90% voll. Ich schaetze mal, dass ueber 400 Eltern und Geschwister der Kinder gekommen sind. Die Kleinen im Vordergrund sollen langsam ruhig werden - wer das schafft, weiss, was Buehnenpraesenz wirklich ist.

Mit einigen Anlaeufen wird es langsam ruhig und es beginnt der Einzug der verschiedenen Gruppen. Alle kommen mit Symbolen oder Geschenken. Thanksgiving ist "Erntedank".
Die Lautsprecheranlage ist schlecht, ich verstehe praktisch nichts. Ich kann jetzt nur beschreiben, was sich da tut und du musst selber den Text oder die Bedeutung dazu denken.

Zuerst die Ehrengaeste - da bin ich mit dabei - wir bringen ein grosses Bild der letzten Schulleiterin, die vor wenigen Jahren noch relativ jung verstorben ist, und die enorm viel fuer die Schule getan hat. Wir nehmen auf der Buehne Platz.
Dann die Kindergruppen zu verschiedenen Themen: Jede Gruppe kommt nach vor auf die Buehne und erhaelt Bewunderung und Applaus. Die Schulleiterin Lurdes sagt einige Saetze, danach Abtritt und die naechste Gruppe erscheint.

Der Heilige Franziskus, ein Kind im Franziskanergewand, und seine Gruppe bringen Kuscheltiere mit. Danke fuer die Natur?
Zwei Maedchen im Nonnengewand fuehren eine Gruppe weiss gekleideter Kinder mit Rosenkraenzen herein.
Eine andere weisse Gruppe tritt zu indisch angehauchter Musik nach vor, verneigt sich dabei japanisch, wirkt budhistisch.
Oha, jetzt kommt der Papst: Ein etwas rundlicher 10-jaehriger Bub im goldenen Bischofsgewand samt Bischofsmuetze und seine Gruppe bringen den Saal in Aufruhr, als erschiene ein Popstar: Bravo!-rufe und spontaner Applaus. Was fuer ein Gefuehl - Es ist hier ein Fest, ein Teil der Kirche zu sein.
Die naechste Gruppe traegt ein riesiges Transparent, auf das sie geschrieben haben: SOLIDARITAET UND FRIEDE
Schliesslich die Sportler. Sie bringen Pokale und Medaillen. Auch grosses OHA!
Und sicher habe ich noch ein paar Gruppen vergessen.

Im Verlauf der Messe sind weitere Auftritte eingeplant: Zum Wortgottesdienst bringen Angehoerige der Kinder eine praechtig bebilderte Bibel nach vor. Auch ein grosser Bruder mit geistiger Behinderung ist dabei. Ein Vater liest die Lesung. Die Eltern sind im Unterschied zu den Kindern etwas scheu vorne auf der Buehne.

Msg. Walter ist ein grosser Paedagoge. Um Ruhe in den Saal zu bekommen laesst er einem Reifen die Luft ausgehen. Wie klingts dabei? Alle: PSCHT!
Tja, den ersten Wagen hat er bis zur Predigt bereits aufgebraucht.
Er dreht sich zu mir um und erklaert mir lachend auf deutsch, dass er jetzt zum zweiten Wagen uebergehen wird, dann spricht er weiter.
Seine Predigt ist angemessen kurz. Es geht um Frieden und ums Geduld haben.
Im Saal ist es inzwischen schon recht schwuel, was sein Thema gleich zu einer praktischen Uebung werden laesst.

Zur Gabenbereitung tragen SchuelerInnen Koerbe voller Lebensmittel herein.
Dabei wird gesungen, und viele bewegen sich mit der Musik. Die Erwachsenen schwenken die grossen weissen Zettel mit den Liedertexten, die Kinder ihre bunten Tuecher.
Der Friedensgruss ist ein quirliges Aufloesen der noch vorhandenen Ordnung: Man geht auf Bekannte und Unbekannte zu und wuenscht sich Frieden, umarmt sich, Kuesse...
Es kostet wieder einen Reifen, um fortsetzen zu koennen.

Die Wandlung wirkt auf mich sehr anders, als bei uns. So wie bei uns die Priester um den Altar durch ihre Gestik sichtbar mitzelebrieren, tun es hier alle Erwachsenen. Dadurch entsteht das Gefuehl, dass an diesem Akt alle irgendwie beteiligt sind.

Nach der Kommuniun ist ja normal rasch Schluss. Es ist auch schon halb 10. Zwei der Lehrerinnen, die zwischen den Kindern am Boden sitzen, bewundere ich besonders: Sie tragen bereits seit langem ein schafendes Kind in ihren Armen. Andere Kinder kommen und kuscheln sich zu ihnen. Wieder andere Kinder huepfen ausgelassen herum.

Jetzt wird der Saal verdunkelt. Seniorinnen in weissen T-Shirts und dunklen Trikothosen bilden eine Lichterprozession und tragen eine verhuellte Statue nach vor.
Auf der Buehne bekommen wir Ringe zugesteckt, die auf Druck in allen Farben zu blinken beginnen.
Die Statue wird enthuellt - unglaubliche Begeisterung! Es ist die kleine schwarze, ueberall dargestellte Schutzmadonna Brasiliens. Die Prozession bewegt sich samt Statue mehrmals durch den Saal, die Menschen winken mit mitgebrachten Lichtern oder wie wir mit Funkelringen.

Was kann nach diesem Hoehepunkt noch kommen?
Eine Kindergruppe traegt Koerbe zuer Buehne, die kostbar mit weissen Spitzen und Pailetten geschmueckt sind. Es folgt noch eine Ansprache von Gaetana und der Hinweis, dass das Schulkollegium ein Geschenk fuer jede\jeden vorbereitet hat.

Es ist ein kleines Glasflaeschen, das mit Koernern in den Farben Brasiliens gefuellt ist.
Die Geschenke werden verteilt, noch ein Lied und schliesslich hat Msg. Walter keine Reifen mehr fuer den Schlusssegen. Aber es geht auch so.

Kurz vor 10 loest sich alles in Wohlwollen und Erschoepfung auf. Die Akteure: LehrerInnen, Band, Priester und Schwestern treffen sich noch in Schwester Reginas Kaffeekueche, wo sie Cafezinho, Saft und Kuchen und ein paar Geschenke vorbereitet hat. Heitere Ausgelassenheit nach dem grossen Event, aber auch einige kritische Rueckblicke gibts dort.
Ich bin uebervoll von Eindruecken, wie angeheitert, hundemuede und froh, bald ins Bett zu kommen.

Und heute regnet es den ganzen Tag.
Von 7 bis 8 habe ich wieder brav im Wasser geturnt, anschliessend meine Waesche gewaschen und im Zentrum St. Martin die Teller.

Der Regen erfrischt zwar die Luft angenehm, aber meinen Schwumm im Pool und den geplanten Stadtspaziergang verschiebe ich mal bis auf weiteres.

Donnerstag, 24. November 2005

24.11. Blumenkuesser

Mordsviel portugiesisch gelernt heute Vormittag: Ueber vier Stunden.
Jetzt sausts mir im Kopf und ich muss mal wieder deutsch denken.
Ja, gestern in der Frueh bin ich mit portugiesisch und englisch im Kopf aufgewacht. Nur wenn ich schreibe, denke ich noch richtig deutsch.

Eine schoene Ueberraschung gabs heute Frueh in unserem Garten: Zum zweiten Mal habe ich einem Kolibri beim Trinken des Bluetennektars zuschauen koennen. Er war ca 3 Meter von mir entfernt.
Uebrigens hatte ich seinen Namen frueher schon mal geschrieben, aber falsch verstanden. Er heisst nicht "Bela Flor", was auch nett waere, sondern "Beija Flor" und das bedeutet: Blumenkuesser!
Bild: Und das war die Bluete in unserem Innenhof:
bluete-rot

Ende des Monats hat Gaetana Geburtstag und da sie eine Frau ist, die sich wohl fuehlt, wenn viel los ist, kommt Familie auf Besuch. Bruder und Schwaegerin sind schon angekommen und kochten heute in der Kueche lauter "wilde" Sachen: Innereien, Zunge...
iris-und-caetano
Es riecht nach dem sauerlichen Geschmack von "Kutteln" - so heissts in Vorarlberg. Wie eigentlich in Wien? Ich muss noch lernen, wie man hoeflich "Danke nein" sagen kann!

Wahrscheinlich aufgrund des Besuchs ist gestern auch der kleine Swimmingpool im Garten wieder gereinigt worden. Mit etwas Glueck kann ich morgen schon reinhuepfen!

Tja, im Moment gehts mir also wie dem Herrgott in Frankreich. Und die naechsten ein bis zwei Wochen werden ich wahrscheinlich noch hier bleiben und viel portugiesisch lernen.

Bin gespannt, ob mir vorher die Themen zum Schreiben ausgehen werden...

Mittwoch, 23. November 2005

23.11. Speisekarte

Diesmal wird es noch alltaeglicher als gestern: Es geht ums Essen.

Dass 5x am Tag aufgetischt wird, habe ich ja schon geschrieben.
Jetzt wird bereits sichtbar und spuerbar, wie sich das auswirkt.
Also , wie waers mit weniger Essen?
Leicht gesagt!

In der Frueh bin ich noch tapfer und schaue gar nicht hin, was es an Kaese und Wurst gaebe. Ein Joghuertchen steht schon auf meinem Platz und wird mit einer frischen Banane und einem halben Brot genossen. Terezinha baeckt selber - muss man kosten!
Am Vormittag brauchts zum Cafezinho was Suesses, also nur eines von den verschiedenen Sorten Kekse.

Am Mittag ists unmoeglich zu reduzieren, es gibt einfach zuviel Auswahl, und ich muss doch alles kosten.
Heute ueberbietet sich die Koechin Sonja mit 7 ! Sorten Salat: Die Fisolen waren bereits angemacht. Fuer alles andere steht ein Salatdressing separat zur Verfuegung: Karotten, Rote Rueben, Suesskartoffeln und eine Art gruener Kuerbis sind gekocht und in appetittliche Stuecke geschnitten. Gurken und zweierlei Blattsalat liegen roh und mundgerecht vorbereitet dabei.
Von jedem ein Loeffel voll ergibt nun mal einen gehaeuften Teller.
Danach Reis, Bandnudeln mit einer leichten Tomatensosse, die brasilianischen Bohnen, eine Art Kochsalat und Churrasco nach Sao Paulo-Art: Kleine Fleischstueckchen am Spiess.
Tja, selbst bei eiserner Zurueckhaltung wieder ein Teller voll.
Am Nachmittag nur Cafézinho und ein Stueck Obst.

Und beim Abendessen ists besonders hart.
Wie immer gibts zuerst eine Auswahl an Salaten.
Zweiter Gang: Suppe. Oder wie gestern ein spezieller pikanter Strudel. Oder beides.
Dritter Gang: Die aufgewaermten Hauptspeisen vom Mittag.
Und ein Obst als Dessert. Darauf hab ich ja am Mittag verzichtet.
Seufz!

Tja, du siehst, allein mit Essen bin ich schon sehr beschaeftigt!

Gestern Abend hatte ich einen unangemeldeten Besucher im Zimmer: Eine kleine Eidechse - von der Sorte, die sich an der Decke mit ihren Zehen-Saugnaepfchen festhalten kann. Sie hat die Uebersiedlung auf den Balkon heil ueberstanden. Wundert mich, wie sie herein kommen konnte, denn ich habe den ganzen Tag das Fliegengitter vor dem Fenster.

Den ersten Telefonanruf habe ich heute gewagt. Nachdem es bereits eine Woche her ist, dass ich hierher uebersiedelt bin, wollte ich Clotilde mal Bescheid geben und mich bedanken. Erst in einer fremden Sprache faellt einem auf, wieviele spezielle Redewendungen so ein Telefongespraech hat. Dennoch, wir konnten einigermassen fliessend plaudern. Clotilde spricht ein fuer mich sehr gut verstaendliches Portugiesisch. Sie kommt aus dem Sueden, aus der europaeischsten Region Brasiliens, und ist wie viele dort u.a. deutschsprachiger Abstammung.

Was schon wieder Cafézinho-Zeit!
Na dann los!
Bild: Regina braut Cafe
regina1

Dienstag, 22. November 2005

22.11. Candidinha

Es tut sich nichts Besonders im Moment, so werde ich wieder ein wenig vom Alltag berichten.

Bei uns in der Gegend findet man alle 100 m einen Friseursalon, "Cabelereira" genannt, und heute frueh bin ich meinem wiener Friseur Hans untreu geworden.

Der auserwaehlte Salon, zu dem mich Candida fuehrt, ist ein Geheimtipp der Schwestern.
Er hat wie die meisten keine Eingangstuer, sondern die strassenseitige Wand ist offen. Rechts an der Laengswand sind etwa drei Frisierplaetze und ein Waschplatz. Links an der Wand stehen Holzstuehle fuer die Wartenden.
Der ganze Raum ist etwa 8 m tief. Ganz hinten sitzt die Kassierin hinter einer Art Rezeption, davor wird eine Dame pedikuert.
Eine nette junge Friseurin kann mich sofort bedienen. Drei aeltere Herren sitzen hinten an der Wand und schauen zu. Am Spiegel vor mir klebt ein Pickerl: Werter Herr, sie koennnen sich ein wenig ausruhen und entspannen, bis sie an der Reihe sind.

Ich bitte sie, mir die Haare zu waschen. Vorher oder nachher? Na, besser vorher. Der Schnitt ist gleich fertig und soweit ich beurteilen kann, sehe ich ansehnlich aus. "Schicke" sagt sie, ich weiss noch nicht wie mans richtig schreibt. Nun, der Preis laesst mich nachfragen. 5 Reails? Inklusive Waschen? Ja! Mit dem guten Kurs gerechnet, zu dem mir Gaetana gewechselt hat, sind das 2 Euro.
Allerdings - nach dem Schnitt wars auch schon fertig. Das Trocknen hat die Sonne besorgt.

Am Weg zurueck bemerke ich, dass ich inzwischen die Umgebung schon recht gut kenne. Auch die beiden Kirchen, die mich an Anfang verwirrt haben, sind bereits Orientierungspunkte geworden.

Nach dem obligaten Cafézinho um 10 brechen Candida und ich wieder ins Zentrum St. Martinho auf. Dort winkt uns die junge Italienerin vom Abwasch herueber und ich stuerze mich mit ihr auf den Berg Plastikteller. Sie hats nicht so gut getroffen wie ich und hat niemanden, der sie an neue Orte begleiten wuerde. Und allein traut sie sich nicht. Verstehe ich, ich muesste mich auch ueberwinden. Ohne Stadtplan und ohne Uebersicht ueber die Buslinien gehe ich sowieso nicht.

Diesmal ist normaler Betrieb im Zentrum: Ab 9 Uhr gibts ein warmes Essen, solange der Vorrat reicht.
Nach unserem Einsatz essen Candida und ich mit anderen MitarbeiterInnen zu Mittag. Wenn sie langsam sprechen, komme ich schon einigermassen mit. Gina, eine Helferin erzaehlt mir, dass es viele dieser Zentren gibt, wenn ich richtig verstanden habe, sagte sie 110. Der Staat finanziert ein paar Angestellte und das Lokal.
Fuer den Betrieb erhalten sie 300 Reais pro Monat. Bei den durchschnittlich 300 Menschen, die hierher kommen, um ein Essen pro Tag zu haben, entspricht das 1 Reai pro betreuter Person pro Monat! 2,6 Reais entsprechen einem Euro.

Fuer viele ist es normal, dass der Staat nur ein wenig zur sozialen Absicherung beitraegt bzw. beitragen kann. Dafuer ist hier Privatinitiative noetig. Dieses Netz aber ist unverlaesslich - so gibt es eben nur soviel zu Essen, wie die Freiwilligen Lebensmittel organisieren konnten.
Bild: Candidinha in St. Martin
candidinha-in-st-martin1

Als Kontrastprogramm schleppe ich die tapfere Candida anschliessend durch das groesste Shopping-Center in diesem Bezirk names Tatuapé. Er duerfte einwohnermaessig so gross sein wie die drei grossen Staedte Oesterreichs zusammen. Im "Shoping" gibt es jede Menge Kleidergeschaefte mit guenstiger und attraktiver Mode: Die Sommerpullis und Shirts etwa 10 Euro, Jeans zwischen 20 - 40 Euro.

Es ist lehrreich mit Candida unterwegs zu sein. Leute wechseln die Strassenseite und kommen auf sie zu, weil sie immer Zeit fuer ein paar Worte hat. Es gibt Haendeschuetteln, Umarmung, Bussi (einmal!). Jeder und jede, der mir vorstellt wird, ist "uma grande amiga". Vor dem Einkaufszentrum geht sie direkt auf eine Reinigungsfrau zu. Wo die grad steht, stinkts nach Pissoir, aber Candida laesst sich nicht aufhalten. Fuer ein paar Minuten sind die zwei ins in ein lebendiges Gespraech vertieft. Mir scheint, Candida bedankt sich, weil die Frau eine fur uns alle wichtige Arbeit macht.

Die unwiderstehliche Candidinha nennt mich meistens Rosinha!
Unter ihrem kritischen Blick stellt sich kein Kaufrausch ein. Fuer sie ist es unverstaendlich, soviel Geld fuer Klamotten auszugeben. Ich erstehe ein paar kleine Geschenke fuer die Schwestern und einen Puerierstab. Den gesuchten Datenstick bzw das Kabel bekommen wir leider nicht, drum: Heute noch keine neuen Fotos, sorry!

Montag, 21. November 2005

21.11. Don Quichote

"Traeume nicht dein Leben, lebe deinen Traum."
Kein neuer Spruch. Gestern habe ich ihn wieder entdeckt in der Auffuehrung von Don Quichote, zu der Gaetana ihre Mitschwestern und mich eingeladen hat.

An etwa vier Abenden in der Woche werden im Theater Auffuehrungen von Kuenstlergruppen gegeben: Theater, Tanz, Ballet... Gestern spielte eine neue Gruppe: 9 professionelle SchauspielerInnen, junge und aeltere Personen, Frauen und Maenner. Buehnenbild, Requisiten und Kostueme koennten hier nichts ueber-spielen, (ein interessantes Wort in dem Zusammenhang, merke ich gerade), die Kuenstler muessen selber arbeiten und wirken.
Und es ist ihnen gelungen, Heidrun, ich glaube das haette dir gefallen. Es war sozusagen noch echtes Theater, das von der Praesenz der Schauspieler bzw. der Kreativitaet und Perfektion des ganzen Teams lebt.

Und natuerlich vom Stueck. Was fuer ein Stueck! Ich muss es in der Schulzeit gelesen haben. Die Erinnerung war eine unangenehme Mischung von Befremden und Mitleid mit dem alten Verrueckten. Diesmal aber war es voellig anders!
Ich stelle mir den Kontext vor: Eine Zeit des Absolutismus, der Zensur, harte Lebensbedingenen, ungleiche Lebenschancen.
Wer hier der Mitmenschlichkeit und der Liebe "dienen" will , wer Unrecht bekaempfen will, muss wohl ein Spinner sein. Die erste Reaktion der wohlmeinenden Autoritaeten: Das Uebel muss an der Wurzel gepackt werden - Die Buecher werden vernichtet! Wie raffiniert Cervantes damit den "Segen" der Zensur kritisiert!
Was bewirkt der Verrueckte? Zunaechst einmal, dass andere in seine Traeume einsteigen, natuerlich mit unterschiedlichen Motiven: Manche aus Eigennutz, andere wollen ein wenig Anteil an seinen Versprechungen haben, wieder andere moechten Don Quichote "heilen"... Jedenfalls widerspricht ihm niemand direkt, jeder spielt irgendwie mit.
Wie lebt der Weltverbesserer? Staendig im Kampf mit dem Boesen, auf der Suche nach Herausforderungen und nach der wahren Liebe, und so findet er auch alles was er sucht. Das Becken des Barbiers wird zum Helm und er eine "traurige Gestalt", meint Sancho Panza. Ja, so sieht er sich erkannt: Der Ritter von der traurigen Gestalt!
Wie endet so ein Spinner?
Er hat jemanden gefunden, der sich von ihm hat beruehren lassen. Seine Idee lebt weiter. Und er findet seine Erfuellung im Traum.
Ich musste weinen, ob dieses Versprechens.
Damir, du kennst die Geschichte sicher aus Spanien. Hast du sie einmal gelesen? Auf spanisch? Was meinst du dazu?

Tja, ueber die Schauspieler kann ich nicht viel sagen, ich bin voellig verzaubert worden, von ihnen. Keine kritische Distanz, "nur" Seelennahrung.
Ein Paar, das gehoert hat wie Schwester Regine mich jemandem vorstellte, ist gleich hergekommen und hat mich auf deutsch begruesst. Sie haben acht Jahre in Norddeuschland gelebt: Sie eine europaeisch wirkende Frau, er asiatischer Abstammung. Sie kennen einen der Schauspieler gut, er sei Amerikaner und hat dort gutes Geld verdient, ist aber jetzt zum Theater "uebergelaufen". Ob ich mitkommen mag zum gemeinsamen Abend? In zwei Wochen werde ich wahrscheinlich Ja sagen, dann bin ich mir in der Sprache sicherer. Jetzt aber habe ich die schoene Geste dankend abgelehnt.

Statt dessen konnte ich noch ein wenig mit Gaetana und Terezinha ueber das Stueck philosophieren und diesen Tag voller Theater-Genuss mit der obligaten Portugiesisch-Stunde abschliessen.

Heute war wieder "Hydro" = Wassergymnastik um 7 Uhr. Diesmal waren die Uebungen deutlich abwechslungsreicher und unser Vorturner hat sich "normaler"aufgefuehrt. Die Bewegung tut einfach gut, baut nicht nur Muskeln, sondern auch eine gute Stimmung auf. Zu wenig Bewegung deprimiert mich.

Dann ist am Montag auch Putz- und Waschtag. Ich habe - so ein Kunststueck! - die Waschmaschine zum Laufen gebracht. Inazia hat gestaunt. Sie verwendet sie nicht - das Ding ist ihr zu grob fuer ihre Waesche und ausserdem gefaehrlich! Meint sie.
Der Uebergang vom Gast- zum Mitbewohnerstatus scheint hiermit vollzogen zu sein, denn ich darf mein Zimmer selber putzen.
Bild: In der Schule habe ich diese Plakat gesehen: Brasilien, das Land das wir lieben und auf das wir achten muessen
brasil-e-o-pais

Am Vormittag gabs wieder zwei Stunden mit Célia, meiner Lehrerin. Als Hausuebung soll ich ein Kochrezept auf portugiesisch schreiben. Da wird Mama aber lachen, wenn sie sich erinnert, wie ich das Kuchenrezept in der Hauptschule geschrieben habe. Ich hatte ja keine Ahnung und hab brav auf Rechtschreiben und Grammatik geachtet - sie aber hat nur den Kopf geschuettelt und musste mit den armen Lebensmitteln mitleiden, die ich da "literarisch wertvoll" verpantscht habe. :-)

Noch ein Sprachstolperer aus der letzten Stunde: Wir sprechen englisch und portugiesisch miteinander. "Etwas gewoehnt sein" ist auf englisch: I am used to it.
Ich will sagen: "Das bin ich schon gewoehnt." und versuche also: "Usado".
Tja, das Wort gibts schon, bedeutet aber "Ich bin gebraucht". Semi-novo, sozusagen. :-) (siehe 19.11.)

Sonntag, 20. November 2005

20.11. Lebenslust

Jetzt bin ich zehn Tage in Brasilien.
Das Reden geht recht holprig, aber man versteht mich. Immerhin kann man mir bereits erklaeren, womit ich die anderen zum Lachen bringe. Heute zB habe ich direkt aus dem Deutschen uebersetzt: Regina - macht - Milch - heiss.
Fuer ein brasilianisches Ohr heisst das aber: "Regina produziert warme Milch." Etwas, das fuer eine Ordensfrau im Pensionsalter, nicht einmal in Brasilien typisch ist. :-)

In der Frueh waren wir in der Kirche St. Marina. Ein zeitgenoessischer Kuenstler hat die Innenwaende bemalt. Der Raum ist durchgaengig von seinem Konzept gepraegt, zum ersten Mal kein buntes Sammelsurium vierschiedener historischer (europaeischer) Stile. Den alten Heiligenstatuen hat der Pfarrer in einer Seitenkapelle ein neues Zuhause gegeben. Schad, dass uns das in Lainz nicht mit dem goldenen "Ignatius" gelungen ist.

Schaut man zum Altar sind rechts Geschichten aus dem Alten und links aus dem Neuen Testament gemalt. Jedes Bild ist in mehrere Flaechen gegliedert, die groesste zeigt die Begebenheit, die kleineren ergaenzen mit passenden Ornamenten.
Die Figuren sind starkt stilisiert und edel gemalt, fast wie Ikonen. Die Farbtoene sind warm, gold - braun - gruen - weiss. Die Bilder wirken insgesamt leicht, atmend, ein wenig ueberirdisch.
s-mariana

Am Ende der Messe wurde ein Paar gesegnet, das die goldene Hochzeit gefeiert hat.
Ich habe nicht viel verstanden, was ich aber sehen konnte war: Ein zaertlicher Umgang miteinander voller Wertschaetzung. Was fuer eine schoene Form "alter", nein, zeitloser Liebe. Es hat mich sehr beruehrt.

Im Schultheater gabs heute Vormittag Schueler-Auffuehrungen.
Zunaechst haben die Kleinen eine Art Musical gezeigt. Die Rahmenhandlung ist, dass die Grossmutter einem Maedchen und einem Buben, ein Maerchen erzaehlen will. Sobald sie aber eine Geschichte beginnt, tritt die entsprechende Maerchenfigur wirklich auf und es gibt einen entsprechenden Tanz. Zwischen den Maerchenfiguren entspinnt sich eine neue Handlung. Einigen Hexen geht das Rotkaeppchen auf die Nerven. Die Oberhexe verwandelt sich in eine zeitgeistig gestylte Lady und entfuehrt Rotkaeppchen.
Die Kinder im Gegenzug fangen einen Kobold. "Lass uns tauschen, dann koennen wir alle Freunde sein", meinen sie. Nun gut, die Hexe tauscht, Rotkaeppchen ist happy, Hexe tanzt mit den Kindern und den anderen Maerchenfiguren - und der Kobold? Sobald er seine Kappe wieder hat, faengt er sein altes Spiel wieder an, und neckt alle anderen. Mit lauten Gebruell gehts darauf von vorne los.
"S'hat Blume i da Gaerten. Us dera Knacknuss wachst an Boum, und der Boum treit honigsuessi Fruecht - Da ischt scho wiedr der Wurm drin.", besingt eine schweizer Band dasselbe Motiv rockig.

Die DarstellerInnen waren zwischen vier und zehn Jahren alt. Wie sich diese Froeschlein kokett, selbstbewusst und natuerlich auf der Buehne bewegt haben! Vor Lust am Spiel hats direkt gefunkelt. Einfach hinreissend!
Einem Zwergerl-Maedchen, sicher noch im Kindergartenalter, ist beim Herumhuepfen die Kappe vom Kopf gefallen. Sie schaut gross, was sie jetzt machen soll. Die anderen tanzen weiter. Haende hinter der Kulisse winken. Sie hebt die Kappe auf und bringt sie zur Kulisse - aber nein, keine Zeit sie wieder aufzusetzen! Sie saust sofort zurueck und weiter gehts mit tanzen. Ist doch wichtiger! "Claro!" (So sagt man auch hier.)
Bild: Zwergerln
zwergerln

Schoen, dass diese Kinder die Aufregung und die Lust des Theaters erleben. Darueber hinaus fordert und foerdert das gemeinsame Singen, Tanzen und Spielen viele Faehigkeiten: Ëinerseits ist das Kind als Einzelperson wichtig. Es muss seinen Text und seine Figuren selbststaendig und richtig beherrschen, sonst behindert es alle. Andererseits muessen diese kleinen Indivualitaeten einander Raum lassen, die eigenen Bewegungen aufeinander abstimmen - hilfreiche soziale Faehigkeiten. Und hinter all dem die Freude an der Sache selbst.
Fuer die jesuitische Paedagogik ist das Theaterspielen, vielleicht deshalb, ein Koenigsweg.
Ich hab natuerlich viel an Heidruns Auftritte gedacht, sowohl in der Steinerschule, wie auch beim Musical-Tanzen. *schwelg-schwelg*

Um 11 ging es mit der Auffuehrung der 10 - 15-jaehrigen weiter. Eine Geschichte aus "Gatopolis"- Katzenstadt. Es ist eine Coverversion von Romeo und Julia, weil die Weisskatzen die Gelbkatzen nicht moegen, aber sich natuerlich grenzueberschreitende Beziehungen anbahnen.... Fuer dieses Alter ein absolut prickelndes Thema: Wer ist wo akzeptiert? Was passt und was nicht zwischen Girls und Guys?

Das Ende haben Gaetana und ich nicht mehr gesehen, denn wir gingen rechtzeitig zum Mittagessen hinueber in die Gemeinschaft. Tja, musst du leider selber weiter dichten!
Die Kostueme und das Buehnenbild waren wiederum sorgfaeltig und aufwaendig gemacht.

Natuerlich hat Gaetana, die Schulleiterin, die Auffuehrungen auch mit einer sozialen Aktion verknuepft. Es wurden Lebensmittel gesammelt fuer die in ganz Brasilien laufende Aktion "Weihnachten ohne Hunger". Die Eltern haben statt Eintrittsgeld Sackerln mit Reis, Bohnen etc. mitgebracht. Wie uebrigens auch in der Kirche bei der Collecte kein Koerberl herum geht, sondern die Anwesenden Geld oder Naturalien nach vorne tragen und dort in den Korb oder die Sammelbuechse geben.
Bild: Container fuellt sich
container-u-kids
Gaetanas Container war jedenfalls heute Mittag voll.
Das Theater laesst Platz fuer mehrere hundert Personen, hat eine gute Licht- und Soundanlage und bequeme gepolsterte Klappsessel. Mehr ueber die Schule: www.colegiomaryward.com.br

Aber noch nicht genug der Lebensfreude. Heute (am Sonntag interessanterweise) wurde der Gemuese- und Obsteinkauf am Markt gemacht. Herrlich! Ein Drittel des Angebotes ist wie bei uns: Zwiebeln, Kraut, Kartoffeln, Aepfel, Fenchel...
Ein Drittel kenne ich zwar, ist fuer uns aber Importware: Ananas, Bananen, Advocados die fast fussballgross sind, Melonen, Mango, verschiedenste Salatsorten.
Ein Drittel kenne ich nicht einmal und sieht zum Teil sogar ziemlich ausserirdisch aus.
Foto: Am Markt
markt-2

So genug fuer heute. Jetzt gehts wieder ans Lernen: Alle Formen der Vergangenheit in Rotkaeppchen und Rapunzel.
Ihr muesstet hoeren, wie "Rapunzel" klingt, wenn es brasilianisch ausgesprochen wird, "zum
Niederbrechen" wuerde Brigitte wohl sagen: "CHABUNSEU"!
Suess!!!

Samstag, 19. November 2005

19.11. Hannes Geburtstag

Vielleicht weil Bruederchen heute Geburtstag hat, muss ich mal ueber Autos schreiben. Da, wie man weiss, meine diesbezuegliche Expertise hauptsaechlich darin besteht, die Farben voneinander unterscheiden zu koennen, ist das schon ein Liebeszeichen!
Hier ein paar Geburtstagsblumen fuer den fleissigen Haeuselbauer:
Rabbatte

Zurueck zu den Autos: Es gibt viele, sehr viele. Gestern sind sie vierspurig in der einen und vierspurig in der anderen Richtung gestanden - weil Wochenende.
Die meisten sind Europaer: Fiat, VW, Renault, Peugout, Ford, ein paar Mercedes. Ein paar Chevis, meistens alte, habe ich gesehen. Einen Dodge - wo gehoert der hin? Und einen Landrover. Japaner sind mir noch keine aufgefallen. Es gibt so viele Werkstaetten hier, dass ich annehme, ein Auto zu haben, muss Kult sein.
In der Naehe ist ein grosser Fiat-Laden. Die Autos wohnen dort sehr nobel im Verhaeltnis zu dem wie die MitarbeiterInnen und wahrscheinlich auch KundInnen wohnen. Es gibt dort keine Gebrauchtwagen wie bei uns, sondern nur "semi-novos". Ist doch nett!
Bild: Der Verkehr! Ein haeufiger Ausruf in Sao Paulo: Transito!
transito

Und weil heute ausser einem kleinen Spaziergang mit Candida nicht viel los war, werde ich etwas von der spirituellen Seite der Sabbatzeit berichten.

Mein Ausgangspunkt dabei:
Der Glaube, so sagt ein englischer Philosoph, ist ein Radikalexperiment.
Als Vater des Pragmatismus beurteilt er Ideen nicht mit den Kategorien "richtig" oder "falsch", sondern danach, wie sie sich auswirken. Und die Auswirkung erkennt man einerseits durch Beobachten, andererseits aber - typisch fuer den angelsaechsischen Denker - durch Erfahrung. Das Experiment ist im Fall des Glaubens allerdings "ein radikaler Akt".
Aehnlich pragmatisch ist uebrigens ein Spruch, den ich als junge Frau in Salzburg an einer Haeuserwand gelesen und nie vergessen habe: "Glaube befreit oder er taugt nicht".

Viel habe ich auch in den Begegnungen mit Ordensleuten gelernt , so zB, dass der Glaube ein Geschenk ist und man ihn also nicht erzwingen kann. Ich bin heute sehr dankbar, dass ich in dieser Art glaeubig sein darf. War nicht immer so.
Ich kann mich gut an die Zeit erinnern, als ich mir den Boden unter den Fuessen wegrationalisiert habe. Eigentlich hat mich ein Text von Dorothee Soelle zur Umkehr gebracht. Sie zitiert dort Brecht und dieser Brecht-Satz hat gewirkt: "Die Wahrheit ist konkret".

Was du konkret lebst, ist deine Wahrheit. Das ist das, worauf du dich verlaesst, (an) was du glaubst. Wie weit dieser persoenliche Glaube konfessionell gepraegt ist, ist eine andere Sache. Noch einmal etwas anderes ist, ob und wie weit man sich dieser Praegung bewusst ist, was man von dieser Praegung versteht und nachvollziehen kann, was man akzeptiert oder ablehnt; was vom dem, was wirklich traegt, man mitteilen und was mit anderen teilen kann.

Ich jedenfalls will die Sabbatzeit nuetzen, um meine eigenen Glaubensgrundlagen ein wenig besser zu verstehen. Denn so wie beim Aikido und beim Kind erziehen, habe ich bisher kaum Buecher darueber gelesen, sondern versucht Erfahrungen zu sammeln, Vorbilder zu finden und zu ueben.

Es gibt also einen intellektuellen Nachholbedarf.
Buchtipp fuer Einsteiger (lese ich gerade): Andrea Schwarz: Die Bibel verstehen in 25 Schritten. Ein Durchblick-Buch fuer Neugierige.
Einfach und amuesant geschrieben, dabei nicht unkritisch, enthaelt viel grundlegende Information in sinnvollen Portionen. Fuer Einsteiger eben.

Am Abreisetag habe ich eine Reisebibel erstanden. (Hab ich von den Profis abgeschaut.)
Dieses praktische Ding ist etwas groesser als eine Postkarte, allerdings etwa 4 cm dick. Sie steckt in einem eleganten schwarzen Etui mit Reissverschluss.
Peter hat sie ins Etui gegeben und sie dabei zum ersten Mal aufgeschlagen.
"Wenn du schon hinein schaust, dann musst du auch vorlesen", meinte ich. Es war das Hohelied der Liebe von Salomo.

Nun, von dort aus lese ich jetzt jeden Tag ein Stueckchen weiter.
Salomo schreibt viel ueber Weisheit, und ueber den Unterschied von gelingendem und gescheitertem Leben. Interessant, das mit der Realitaet in Brasilien in Zusammenhang zu bringen, wo 10 Millionen Menschen ohne Dach ueber dem Kopf leben. Diese Art des Bibellesens ist Nachdenkstoff und Lebensorientierung.
Aehnlich lesen die Schwestern hier waehrend der Messe nicht nur aus dem Alten und Neuen Testament vor, sondern diskutieren die Bibelstellen. Was bedeutet das fuer uns heute? Manchmal soll es dabei heiss hergehen. Das allerdings weiss ich aus zweiter Hand.
Man feiert in dieser Gemeinschaft, wie ich mir eine lateinamerikanische Messe vorstelle: In einem staendigen Wechsel von dem Ritus, der mir vertraut ist, und freiem Gespraech. Der Priester kommt aus dem Norden Brasiliens, ist jung und studiert Jus in Sao Paulo. Er hat mich gleich bei der ersten Begegnung in der Messe:
- beim Namen genannt
- berueht
- in meiner eigenen Sprache zu Wort kommen lassen.
Ich fuehlte mich natuerlich willkommen, akzeptiert, persoenlich gemeint. Ein lebensfoerderlicher Zustand.

Die Reisebibel dient mir aber nicht nur als Stoff zum Nachdenken. In der Frueh beginne ich den Tag mit einen Psalm. Diese mehrere tausend Jahre alten Texte sind so direkt wie..., wie Rapper-Texte! OK, nicht ordinaer, aber leidenschaftlich: Brutal, schoen, richten auf, verwirren, manchmal alles in einem. Sie sind ja Lieder, eigentlich nicht zum Lesen geeignet. Man muss sie irgendwie anders in sich aufnehmen, auf der Zunge zergehen lassen, kosten. Sehr abwechslungsreiche, oft schwer verdauliche und eigentlich gar nicht suesse Seelennahrung.
Trotzdem habe ich eine Kostprobe voll Poesie ausgesucht:

Die Himmel ruehmen die Herrlichkeit Gottes,
vom Werk seiner Haende kuendigt das Firmament.
Ein Tag sagt es dem andern,
eine Nacht tut es der andern kund,
ohne Worte und ohne Reden,
unhoerbar bleibt ihre Stimme.
Doch ihre Botschaft geht in die ganze Welt hinaus,
ihre Kunde bis zu den Enden der Erde.
Dort hat er der Sonne ein Zelt gebaut.
Sie tritt aus ihrem Gemach hervor wie ein Braeutigam,
sie frohlockt wie ein Held
und laeuft ihre Bahn. (Aus Psalm 19, von David)

Das wichtigste KURZ

Endlich Fotos! - ab 1.2.. Dieses Blog enthaelt Notizen und Fotos bis zum 23.2., der ersten Zeit in Piaui. Fortsetzung unter <2brasil.twoday.net>!!!!!!!! Seit 30.1. geniesse das Landleben im "Wilden Westen" von Brasilien - das ist der Nordosten, genauer gesagt Bundesstaat Piaui! Derzeit wohne ich in der Fundacao ASAS, einem privaten Bildungsprojekt fuer Kinder aus benachteiligten Familien. Roberto, der Gruender, ist Hoellaender und arbeitet hier als Seelsorger. Die Gemeinde Sao Miguel hat etwa 3000 EW, laendlicher Raum, schoene Natur, derzeit angenehm sommerliches Wetter. Ich arbeite im Buero, habe viel Kontakt mit Kindern und besuche Familien. Die ersten 2,5 Monate habe ich in Sao Paulo gelebt, in verschiedenen Haeusern der Schwestern der Congregatio Jesu: Zentrale, Schule, Peripherie. Besuchte Sozialprojekte, interviewte interessante Menschen, recherierte viel im Internet, lernte portugiesisch und half ehrenamtlich mit.

Info fuer AllesleserInnen

Das Tagebuch ist wieder aktuell. Falls dein PC manche Tage nicht anzeigt, gehe in der obersten Befehlszeile auf "brasil" und wenn die Auswahl sich zeigt auf "Tagebuch". Die Suchmaschine funktioniert auch, allerdings muss man halt wissen, was man finden will... Peter und Heidrun wissen normalerweise, wie es mir geht: peter.hirsch@atnet.at; HeidrunLange1984@aol.com

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