Mittwoch, 14. Dezember 2005

9.12. Zweiter Teil: Ein Tag mit Dulce

Dulce ist 65, sehr huebsch, politisch interessiert und eine ungemein emsige und gut aufgelegte Arbeitsbiene. Schon beim Kennenlernen hat sie mir gestanden, dass sie dafuer bekannt ist, Chaos zu stiften, weil sie sich zu viel vornimmt.
"Ein Schuft, der mehr gibt als er hat.", habe ich darauf zitiert, weil es gute Gruende fuer mich gibt, diesen Spruch zu kennen. :-)
Sie hat sehr gelacht und den Spruch mindestens fuenfmal zitiert.

Folgerichtig war der erste Teil des Tages mit Dulce, 1,5 Stunden auf sie zu warten. Machte aber nichts, denn ich hatte genug zu tun.
Wir waren um die Mittagszeit in einem Frauenhaus der Stadt Sao Paulo, das gemeinsam mit verschiedenen Ordensgemeinschaften gefuehrt wird.
Auf dem Areal einer ehemaligen Busfirma wurden die Barracken zu einfachen Haeusern umgebaut. Hunderte obdachlose Menschen leben hier, auch Behinderte, und sind zumindest koerperlich versorgt. Wie weit sie unterstuetzt werden, ihren Alltag einigermassen menschlich zu bewaeltigen, kann ich nicht sagen. Gibt es hier ein Vis-a-vis, mit dem man sprechen kann? Gibt es Beschaeftigungsmoeglichkeiten?
Im Frauenhaus wohnen jetzt ueber 40 Frauen. Sie suchen hier Schutz, wenn es zuhause zu arg wird, oder weil sie rausgeworfen wurden. Gregoria zum Beispiel war Koechin bei einer Familie im Norden, wurde schwanger und konnte solange bleiben, bis ihre Tochter begann herumzukriechen. Die meisten sind wie sie mit ihren Kleinkindern da.

Hier Unterschlupf zu finden bedeutet nicht, ein gemachtes Nest zu haben, in dem man es sich gemuetlich machen koennte. Es gibt drei Schlafsaele, in jedem stehen ca. 12 Stockbetten und kleine Kinderbetten dazwischen. In einem Stockbett schlafen in der Regel zwei Frauen, wenn die Kinder juenger als 2 Jahre sind, liegen sie bei der Mama im Bett.

Bei den noetigen Haushaltsarbeiten und beim Kochen helfen die Frauen nach einem bestimmten Turnus mit. Etwa die Haelfte der Frauen ist untertags weg und sucht bzw. hat Arbeit. Die uebrigen warten. Auf ein Wunder.
Mit den Kindern beschaeftigte sich an dem Nachmittag, als wir da waren, niemand. Dulce erzaehlte, dass sie zweimal in der Woche fuer Kinder oder Muetter eine Runde anbietet.
Wir konnten ein wenig mit den Angestellten sprechen. Es gibt SozialarbeiterInnen, Psychotherapie und eine Lehrerin / Erwachsenenbildnerin. Ich habe mit den Kindern Kontakt aufgenommen, das ist leichter, und gleich haben wir Schiffe aus Zeitungspapier gemacht.
"Tia!", rufen sie, das heisst Tante, "Tia, noch eins fuer mich!" Sie sind natuerlich unersaettlich und absolut liebe Schnuddernasen.
casa-das-mulheres

Nach dem Cafezinho machten wir uns auf. Es war ein heisser Tag und Dulce wollte Weihnachtseinkaeufe fuer die Kinder in einem Favela machen. So habe ich die billig-billig Shops kennengelernt. In eng beieinanderstehenden Regalen findest du alles was du irgendwann brauchen koenntest um einen halben Euro und "made in China".
Eine Barbi, fixfertig angezogen: 0,4 Euro.
Ein Englaender (Werkzeug, auch Hollaender genannt) um 0,8 Euro.
und so weiter.
Jemand hat Dulce 100 Reails gegeben (ca. 35 Euro) und nach getaner Tat hatte sie fuer 200 Kinder Spielzeug. Aber gefeilscht hat sie!
Dulce

Bepackt wie der Weihnachtsmann haben wir uns dann in den Bus gewagt. Diese Busfahrt war der Hoehepunkt des Tages fuer mich!
Der Bus ist voll, aber etwas geht immer noch. Der Kassierer vorne ermahnt, weiter nach hinten zu gehen und schiebt ab und zu mal an. Wer eine groessere Handtasche oder ein Plastiksackerl dabei hat, gibt es dem Fahrer bzw. der Person ganz vorne. Diesmal war ich das. Offenbar vertraut man darauf, dass man beim Aussteigen alles wieder heil zurueck bekommt. Vorne entsteht ein Packerlberg, der den gesamten Beifahrerraum bis hinueber aufs Amaturenbrett des Fahrers bedeckt. Grad fuer mich lasse ich noch Platz und hockerl mich am Boden hin.
Bei jeder Haltestelle entscheidet der Kassierer neu, ob der Fahrer die Tuer schliessen kann oder ob es sich grad nicht mehr ausgeht.

Das generelle Interesse an Auslaendern und meine Versuche, die Situation fotografisch festzuhalten, haben dazu gefuehrt, dass Fahrer, Kassierer und die vordersten Frauen mit ihren Kindern gleich mit mir zu schaekern beginnen. Das und die ganze Situation habe ich ungeheuer genossen: Das Gequetsche, der Busfahrer faehrt wie die Sau, Strasse und Verkehr machen die Fahrt zur Reise auf der Achterbahn und trotzdem sind die Menschen entspannt und ich habe oefter laut gelacht - und mich mit beiden Haenden gut fest gehalten!

Aber auch die heiterste Reise geht mal zu Ende und wir wurden raus gelassen. Dulce und Hilda wohnen sozusagen in der Vorstadt. Als sie vor 20 Jahren hergezogen sind, gabs da noch keine Haeuser, jetzt ist alles dicht besiedelt. Ein paar hundert Meter gehts von der Haltestelle zu ihrem netten Haus, am Gehsteig gibts Grilloefen - bei uns mit Maroni - hier mit Churrasco (Fleischspiesschen - 3 Stueck 70 Cent). Dulce hat mir zulieb gleich zugeschlagen und wir haben verschiedene Spiesse fuers Abendessen mitgenommen.

Gleich nach dem Essen hatte Dulce noch zu tun. Sie arbeitet in der Pfarre mit und musste zum Abendgottesdienst. Den Begriff "Pfarre" verwendet sie nicht, erklaerte sie mir. "Wir sagen Comunidade." (Gemeinschaft, Gemeinde). Ich begleitete sie und hab dann gemerkt, was sie meinte.

Die Kirche wirkt wie eine sauber ausgemalte Omnibus-Garage. Ueber dem Altar haengt ein grosses Transparent: Solidaritaet und Friede. Die Gegenstaende im Raum sind weder kunstvoll noch auserlesen und ziemlich "vorgeliebt" (gebraucht). Das ergibt eine Atmosphaere irgendwo zwischen Wohnzimmer und Fohmarkt.

Die Messe beginnt mit einem freundlichen "Guten Abend" und die Versammelten beantworten den Gruss laut und kraeftig. Die Kirche ist uebervoll, schaetze etwa 250 Personen. Viel Gesang, viel Improvisation, lange und leidenschaftliche Predigt.

Am Schluss ist nicht Schluss, sondern es gibt verschiedenste Infos und Absprachen: Wer braucht was? Wo ist was los? Wer kann den jungen Pfarrer begleiten? "Wenn ich das mache, kocht bei mir niemand." Gut, wer uebernimmt das Kochen fuer xyz?, und so fort.
Am Schluss freudiges Auseinandergehen. "Natuerlich" stellt mich Dulce im Plenum vor: "Das ist Rosa, ein Besuch aus Australien...". :-))

Nach der Messe kommen etwa zwanzig Personen auf mich zu und heissen mich herzlich willkommen.
Kultur findest du hier nicht in der Ausstattung der Kirche, sondern im Umgang der Menschen miteinander.

Montag, 12. Dezember 2005

Stand Weihnachtsprojekt

Liebe Leute!

Auf einem Bild in der Schule habe ich gesehen, dass in Brasilien jetzt die Zeit der Aussaat ist:
Weihnachten: Die Zeit um zu saeen
Pict0266

Ein schoener Gedanke fuer unser Weihnachtsprojekt. Wir in Europa koennen hier keine wunderbaren Neuanfaenge bewirken. Aber wir koennen die unterstuetzen, die solche wagen und ihre schwere Anfangsphase ein wenig absichern.

Gemeinsam mit einigen guten Geistern habe ich also ein Sammelkonto fuer "Samen in Brasilien" aufgemacht, die der Bewegung der Landlosen zu Gute kommen werden. Ich danke allen fuer jede Form von Unterstuetzung!

Auf dieser Seite findest du Infos und den Ist-Stand des "Weihnachtsprojektes" im Ueberblick.
Fragen und Kommentare sind willkommen.
Weitere Infos ueber die Bewegung gibts im Tagebuch, Datum 30.11.2005


INFOS:
Die Bewegung "Sem Terra" spricht Familien in den Elendsvierteln der Staedte an und aktiviert sie. Manchmal wird sie auch direkt von Landlosen aufgesucht. Die meisten kommen aus dem Nordosten Brasiliens und sind tausende Kilometer unterwegs gewesen, weil die anhaltende Trockenheit dort das Wasser zum Luxusartikel gemacht hat.

Wer einen neuen Anfang wagt, zieht mit aufs Land und baut dort Lebensmittel an, gemeinsam mit 30 - 100 anderen Familien und betreut von Mitgliedern der Bewegung und in der Regel auch begleitet von Ordensleuten.
Drei dieser Projekte und die Schwestern, die dort leben, habe ich kennen gelernt.

Fuer die ersten Jahre, in denen die Familie sich noch nicht selbst erhalten kann, gibts eine Basisversorgung mit Reis, Bohnen, Mais etc. Das selbst gezogene Gemuese und Obst bereichert den Speisezettel.
Die Uebergangsphase bis zur Selbstaendigkeit dauert 3 - 7 Jahre, je nachdem, wie rasch der Boden der Familie zugesprochen wird, wie bald es die noetige Infrastruktur wie Strom und Wasser gibt und wie geschickt die Familie ist.
Pro Monat kostet das Basis-Esspaket pro Familie 15 - 20 Euro.
Diese Information gelten fuer Sao Paulo, wo ich vertrauenswuerdige Personen kenne.

KONTOSTAND

Auf meinem Konto sind bisher eingegangen:

8.12. 2 Monate von Omi
8.12. 2 Monate von Lydia
12.12. 7 Monate aus Wien
12.12. 7 Monate Wien
14.12. 1 Monat aus Baden
20.12. 5 Monate aus Sacramento
24.12. 16 Monate Wien


Schluss-Stand am 24.12.2005: 40 Monate
damit erhalten wir zehn Monate lang vier Familien!

Das Geld werde ich im Jaenner persoenlich den Schwestern des MST-Projekts uebergeben.

D A N K E ! ! !
Oder: Obrigado de coraçao! (Danke von Herzen!).

Donnerstag, 8. Dezember 2005

9.12. Plaene fuer die Weihnachtszeit

At first: Many thanks to the nice girls in Sacramento, who already did support a poor family here in sao paulo!
The picture shows kids waiting for the beginning of thanksgiving-mass. Since they are waiting, as many childeren are in these days before christmas, and one of them brought a funny teddy, I want to dedicate the picture to Sonja and Helen. Are you waiting too?
teddy2

And the teddy - do you like it?
Beg you pardon for my bad english, and I wish you good times until christmas!

******************
Der erwartete Besuch von Clotilde war da und wir haben die naechsten Stationen meiner Reise geplant.
Von Freitag bis Montag werde ich ins Haus "Jardim Roseli" umziehen, wo Schwestern Sozialarbeit am Stadtrand machen. Schwester Duce und Schwester Hilda betreuen dort hauptsaechlich Frauen und Kinder.
Dann habe ich noch eine geruhsame Woche hier, mit meinen letzten Portugiesisch-Stunden und Hydro-Gymnastik ;-) , und anschliessend wieder ein Wochenende in Jardim Roseli.
An diesen Wochenenden kann ich voraussichtlich nicht ins Internet, erst wieder am Montag. Daher schreibe ich heute im voraus.

Ab 19. Dezember wohne ich fuer ein paar Tage im Provinzialat, wo ich in der ersten Woche wohnte und ich freue mich schon auf die Schwestern dort.

Da die meisten Schwestern Weihnachten bei ihren Stammfamilien verbringen, sind fast alle Haeuser von Weihnachten bis Jahresende geschlossen.
Es gibt fuer mich aber zwei Moeglichkeiten im Umkreis von Sao Paulo:
Entweder ich bleibe von 24.12. bis Silvester in Jardim Roseli, oder fahre nach Weihnachten mit Duce ans Meer. Sie haben ein "Casa da Praia", das muesste eigentlich ein Haus am Strand sein. Es liegt in Suarão. Das sagt euch nichts und mir ebenfalls, aber es klingt so schoen. Dort koennte ich den Jahreswechsel einmal am Meer verbringen. Vielleicht habe ich da auch einen besseren Empfang und kann den Donauwalzer hoeren???
Ihr muesst halt laut senden!

Sicher packt mich dann grausliches Saudade = Heimweh, Sehnsucht.
Na wer weiss, ich brauch mich jetzt ja noch nicht zu fuerchten. Vamos ver = direkt uebersetzt: Gemma schaun. Heisst aber: Wir werden es sehen.

Vorerst also bleibe ich in Sao Paulo und Umgebung - zumindest bis Neujahr. Mit etwas Glueck kann ich dann ins Landesinnere wechseln - wenn mich die Projekte hier nicht gefangen nehmen.

Jetzt muss ich aber meinen Rucksack packen fuer morgen, denn um halb 9 holt mich Schwester Duce ab.
Bom fim de semana! Ein gutes Wochenende euch allen!
Und schreib mir einen Kommentar fuer Montag! Merci!

8.12. "Der rechte Genuss"

Heute frueh komme ich in meiner Lektuere von Jesus Sirach, Altes Testament, wieder an eine denkwuerdige Stelle, die ich euch nicht vorenthalten will:

14,5-14
Wer sich selbst nichts goennt, wem kann der Gutes tun?
Er wird seinem eigenen Glueck nicht begegnen.

Keiner ist schlimmer daran als einer, der sich selbst nichts goennt,
ihn selbst trifft die Strafe fuer seine Missgunst.

Tut er etwas Gutes, dann tut er es aus Versehen,
und am Ende zeigt er seine Schlechtigkeit.

Schlimm ist ein Geizhals,
der sein Gesicht abwendet und die Hungernden verachtet.

Dem Auge des Toren ist sein Besitz zu klein,
ein geiziges Auge trocknet die Seele aus.

Das Auge des Geizigen hastet nach Speise,
Unruhe herrscht an seine Tisch...

Mein Sohn, wenn du imstande bist, pflege dich selbst,
soweit du kannst, lass es dir gutgehen!

Denk daran, dass der Tod nicht saeumt
und die Frist bis zur Unterwelt dir unbekannt ist.

Bevor du stirbst, tu Gutes dem Freund;
beschenk ihn, soviel du vermagst.

Versag dir nicht das Glueck des heutigen Tages;
an der Lust, die dir zusteht, geh nicht vorbei!

******************
Dies als kleine Aufmunterung fuer stressige Vorweihnachtszeiten:
Augen auf, Herz auf! Fuer das Glueck des heutigen Tages!

Bild: Geburtstagsfest von Caetana
Rg-tanzt

Dienstag, 6. Dezember 2005

6.12. Nikolaus und Eindruecke

Der grosse Patron Russlands, der orthodoxen Kirche, der Schueler und Lehrer, der Seefahrer (Reisenden) und der Haendler ist ein Mann des Volkes und einer meiner Lieblingsheiligen. Nicht nur weil die Wolfurter Kirche ihm geweiht ist.
Viele Legenden berichten, wie er Armen und "Outlaws" hilft. Eine, die ich besonders mag, und die auch ganz kurz ist, hat heute Platz:

Gemeinsam mit zwei anderen Heiligen hat sich Nikolaus Urlaub vom Himmel erbeten. Sie wollen die Erde besuchen, und das ist auch genehmigt worden. Wie die drei nun ankommen, gehen sie unterschiedlicher Wege, um ein wenig zu erkunden, wie es auf der Welt so zugeht.
Der erste stoesst bald auf auf einen Bauern, der mit seinem Fuhrwerk in den Graben gerutscht ist und im Schneematsch verzweifelt versucht, es wieder auf die Strasse zu bringen.
Der grosse Heilige entschuldigt sich, dass er jetzt nicht helfen kann, schliesslich hat er die himmlischen Gewaender an und ist damit nicht gut geruestet fuer so eine Arbeit ...und geht rasch weiter.
Der zweite trifft bald ebenfalls auf den Bauern, und unter Hinweis auf seine wichtige Mission erbittet auch er Verstaendnis, dass er jetzt nicht zupacken kann.

Schliesslich kommt Nikolaus, sieht den Bauern, stopft den langen Rock in den Guertel hinein und fasst hinten am Wagen an. Der Bauer und die Ochsen ziehen vorne; es geht vor und zurueck, eine Riesenrutscherei eben und dreckig wird der Nikolaus! Aber dann gelingts zum guten Glueck und der Wagen ist wieder auf der Strasse.
Der Bauer bedankt sich, Nikolaus winkt ab und beide marschieren ihres Wegs.
Als am Abend die drei Heiligen wieder im Himmel beisammen sitzen und dem Herrgott von der Erde berichten, hoert der sich alles interessiert an. Er meint am Schluss: Meine lieben Herren, die ihr an der Erde soviel Anteil nehmt, dass ihr sie sogar besuchen wollt, ihr bekommt jeder einen Tag im Lauf des Jahres, der euch gewidmet ist.
Dir aber, Nikolaus, gebe ich 6 Tage, denn du hast noch viel zu tun auf der Welt...

Grad komme ich zurueck von St. Martin und berichte drum noch ein wenig vom oeffentlichen Verkehr. Dieser kommt im Baedecker nicht gut weg, scheint mir aber besser zu sein als sein Ruf, zumindest in Sao Paulo.
Auf den Haupteinzugsstrassen haben die Busse eine Fahrbahn, die zur Zeit der Fruehverkehrsspitze zwischen 6 und 10 Uhr fuer sie reserviert ist. Sie preschen dann ganz ordentlich an den Kolonnen der Autos vorbei. Die uebrige Zeit stecken sie genauso fest, verhalten sich sehr selbstbewusst und sind ziemlich respekteinfloessend, wenn man selber kein Omnibus ist.
Man steigt im Bus vorne ein. Die meisten benuetzen eine Karte, die sie an einen Sensor halten, und koennen dann durch das Drehkreuz in den hinteren Teil des Busses. Ich bezahle immer 2 Reails (etwa 80 Cent) an die Person, die beim Drehkreuz sitzt und kontrolliert. Dieses Kreuz ist ein echtes Nadeloehr und wer etwas fuelliger ist als ich, kann darin schon stecken bleiben. Drum gibts auch ein paar Sitzplaetze vor dem Kreuz. Normalerweise aber quetschen sich die Menschen durch, denn der Ausstieg ist hinten.
Die Stationen werden nicht angesagt. Der bzw die KontrollorIn informiert auf Anfrage und ist im Normalfall freundlich. Die meisten Fahrgaeste druecken selber auf den Halteknopf.
Wenn niemand drueckt und an der Haltestelle niemand winkt, faehrt der Bus durch.
Die Busse haben in der Frontscheibe ein Schild stecken, das die Fahrtrichtung und die wichtigsten Stationen angibt. In den kleineren Bussen, die uebrigens recht komfortabel sind, steht der Kontrolleur in der Tuer und schreit bei jeder Haltestelle hinaus, wo sie jetzt hinfahren. Klingt fuer mich recht abenteuerlich und ich verstehe natuerlich nuent = nada = nix.

Die Metro hat in etwa unseren Standard. Es gibt einen uebersichtlichen Plan, die Stationen sind gut angeschrieben und werden auch angesagt. Bei manchen Stationen sind Sperren eingerichtet, die die Menschen auffaedeln, wie bei manchen Ticketschaltern. So wird ein Gedraenge am Bahnsteig verhindert. Soweit ich es bis jetzt gesehen habe, ist die U-Bahn so sauber, wie eine Metro normal ist. Unterwegs mit der grauhaarigen Terezinha, hat ihr immer jemand juengerer Platz angeboten. Das wuerde ihr in Wien selten passieren.
Die Fahrt mit der Metro, egal wie lange, kostet auch 2 Reails (im Vorverkauf).
Die Metro ist fuer Personen ab 65 gratis, die Busse sinds bereits ab 60.

Die U-Bahn sei ein Segen fuer diesen Bezirk, meinen die Schwestern. Zur Stosszeit soll sie dem Namen entsprechend voll sein, das aber kenne ich ja auch aus unserem vergleichsweise ueberschaubaren Wien.

Und zum Schluss heute noch ein paar sprachliche Entdeckungen. Durch das Lernen der neuen Sprache wird mir meine eigene viel bewusster.
Und da gibts doch huebsche Dinge, zB:

Wie kommt es zu einer Entscheidung? Hier wird sie, wie im englischen, "genommen":
"Nach der Debatte packte er die Entscheidung.", wuerde man sagen, wenn man wortwoertlich uebersetzt.
Bei uns "faellt" die Entscheidung, wie ein Baum, an dem man eine Zeit gearbeitet hat. Oder sie wird getroffen - wie ein Pfeil das Ziel (hoffentlich) trifft.
Schoene Sprach-Bilder finde ich, und meine Lehrerin Célia ist ganz fasziniert davon.

Kuerzlich ist mir das Wort "cair" aufgefallen, weil Inazia im Bad "gecait" ist. Im vorarlberger Dialekt kennen wird dieses Wort genau mit derselben Bedeutung: Es heisst naemlich fallen.
Vielleicht ein Ueberbleibsel des deutschen Dialekts der Einwanderer. Oder es gibt eine lateinische Sprachwurzel und wir Vorarlberger haben es von den Roemern uebernommen.
Ein anderes Fundstueck dieser Art ist "lehnzeich" - steht fuer Bettwaesche und ist mit etwas Fantasie durchaus wieder zu erkennen.

Einen schoenen Nikolaustag allen!

Freitag, 2. Dezember 2005

2.12. Churrasco naht

Das Haus fuellt sich mit den Geschwistern von Caetana, fein, mal wieder das "der Clan trifft sich"-Gefuehl zu haben.
Jedes ihrer 10 Geschwister hat mehrere Kinder und Enkelkinder und alle paar Jahre gibts eine Familienparty der etwa 100 Verwandten.
Wir haben hier nur etwa 12 Personen, aber das Haus ist voll Musik und Gelaechter und Action.
Heute Abend wird Caetanas Geburtstag nachgefeiert, mit family und KollegInnen aus der Schule. Die Herren sind fuer das Churrasco (Grillen) zustaendig und bereiten sich Karten spielend auf die grosse Verantwortung vor. Auch die Gitarren werden gestimmt und man singt sich ein.
GitarreuChurrasco
Die Frauen werken derweil ein bisschen in der Kueche - bei der Grillerei gibts nicht so viel zu tun fuer sie. Die Jugend war einkaufen.
Es wird politisiert: Pro und contra Landlosen-Bewegung, wobei Caetana ganz schoen Gas gibt. Mit den typischen Neckereien unter Geschwistern wird auch staendig gelacht und mir kommt das sehr bekannt vor. Ich geniesse es.

Heute frueh hat uns, na so ein Pech aber auch, unser geliebter Hydro-Animateur versetzt. Es waren ca. 15 Damen da. Ja, was machen wir jetzt? Zunaechst etwas ratlos, hat sich die Gruppe zu zerstreuen begonnen, denn keine traute sich da vorne einfach vorzuturnen. Ich auch nicht.
Aber schliesslich haben wir eine gute alte Gruppenuebung umgesetzt:
Man bildet einen Kreis und jede kommt mal an die Reihe und macht eine Bewegung vor, und die anderen machen sie nach. Das war die absolute Gaude! So hat jede mal in der Mitte gestanden, auch die Scheuen haben sich nach und nach getraut.

Schliesslich entdeckten wir, dass wir eine tolle Vorturnerin unter uns haben und wir haben die drei-viertel-Stunde ohne Trainer geuebt - aus eigenen Kraeften eben.
Am Schluss gabs noch einen spontanen Gruppentanz samt Gesang im Wasser. Frauen-Wasser-Power!

Langsam rieche ich schon den Grill, wird Zeit, dass ich Schluss mache.
Auf bald!

Donnerstag, 1. Dezember 2005

1.12. Max hat auch Geburtstag!

Und bekommt auch eine Blume aus unserem Garten:
bluete-weiss-rot

Es gibt also neue Fotos und zwar zurueck bis zum 17.11. Und das dauert, bis die ausgewaehlt und im Blog sind!

Dafuer wird heute wenig Text geschrieben, dann ich habe den ganzen Tag brav gearbeitet:
Sr. Immolata ist eine Frau, die fuer die Geschichte der Kongregation wichtige Arbeit geleistet hat: Als Generaloberin sowie als Forscherin und Autorin der wichtigsten Buecher ueber Maria Ward. Sie ist im November verstorben und ich darf, mit der Unterstuetzung meiner Lehrerin und von Regina, den Nachruf fuer die Brasilianerinnen uebersetzen.
Dieser kam natuerlich auf deutsch aus Augsburg, wo Sr. Immolata lebte und ein bekanntes Bildungszentrum der Schwestern besteht. Dort gibt es "Das gemalte Leben" der Ordensgruenderin Mary Ward: Auf ueber 50 Bildern aus dem 17. Jahrhundert ist einerseits das Leben von Mary Ward dargestellt, andererseits darin auch ein Fuehrer durch die innere Reise der Exerzitien enthalten.
Wer sich dafuer interessiert, dem sei dieser Platz ans Herz gelegt.
Und Sr. Roswitha ist die beste Fuehrerin durch diese bemerkenswerte Bildersammlung.

Mittwoch, 30. November 2005

30.11. Uma pessoa de campo - eine vom Land

Natuerlich weiss jeder, dass Brasilien ein Land krassester sozialer Gegensaetze ist.
Eine Zahl dazu: 80% des Landes ist in der Hand von 10% der Grundbesitzer.
Ich bin ein einfacher Mensch, und stelle mir daher vor:
Caetana hat heute Geburtstag. Man teilt eine Torte normal in 12 Stuecke, na sagen wir 10, da rechnet es sich leichter. Die Tortenstuecke sind dann halt ein bisserl groesser.
Jetzt sehe ich grad vor mir wie ein Gast 8 Stuecke auf seinen Teller geschaufelt bekommt. Und die uebrigen 9 Gaeste teilen sich die zwei anderen Stuecke brav auf.

In Brasilien sind nicht alle so brav.
Seit 21 Jahren existiert sogar eine einigermassen strukturierte Bewegung der Tortenschnipsler, die sich um den vollen Teller mit den 8 Stuecken kuemmern wollen.
Weil der eine Gast aber gar nicht so rasch in sich hinein schaufeln kann, kriegen sie wirklich immer wieder was ab davon.

Die Bewegung MST (Movimento dos Trabalhadores Rurais Sem Terra) gilt als erfolgreich und vorbildlich. Durch ihre Aktivitaeten haben mehr als 350.000 Familien in den letzten 20 Jahren Land erhalten, das ihnen eine Existenzgrundlage ermoeglicht.

Ich habe Caetana und Terezinha erzaehlt, dass ich eine "pessoa de campo", eine Frau vom Land, bin und dass mich sehr interessiert, wie die Menschen hier am Land leben. Und gestern wurde ich auf eine Rundreise zu drei Plaetzen im Umkreis von Sao Paulo eingeladen, wo Land von der Bewegung besetzt wurde. In diesen drei Projekten arbeiten Ordensleute, die Caetana gut kennt, und die sie auch offensichtlich grosszuegig unterstuetzt. Mit der heute 66-jahrigen Caetana im VW-Bus und mit weiteren 5 Ordensfrauen habe ich also gestern den ersten Tag "am Land" verbracht und die MST ein bisschen kennen gelernt.

Die Bewegung geht so vor:
Stadium 1. Leute von der Strasse werden aktiviert, Land zu besetzen. Das gehoert natuerlich grad jemandem, wird aber nicht von ihm landwirtschaftlich genutzt. 30 bis 100 Familien machen sich auf den Weg.

Stadium 2: Die Familien lassen sich nieder und errichten einfache Unterkuenfte im Gelaende. Die Bewegung versucht zu erreichen, dass dieses Land vom Staat gekauft wird, oder falls der Staat es bereits besitzt, dass er es fuer diese Familien frei gibt. Die MST beruft sich dabei auf einen Verfassungsartikel aus dem Jahr 1985, der eine Agrarreform verspricht.
Zwei der Projekte die wir besucht haben, sind in diesem Stadium.
Am einen Ort leben jetzt 70 Familien. Sie haben dort eine Quelle und sogar Strom.
Der Platz wurde vor drei Monaten naemlich bereits zum 5. Mal besetzt und Jesuiten haben inzwischen fuer etwas Infrastruktur gesorgt. Die Kinder werden auch mit einem Bus in die Schule gebracht. Ein Senhor von etwa 60 Jahren hat ein wenig mit uns geplaudert, bevor er ebenfalls zum Unterricht ging.
Jede Familie erhaelt ein Lebensmittelpaket pro Monat und wird angehalten, das Land zu bebauen. Den Erfolg haben wir natuerlich gesehen und entsprechend bewundert . Der Mais steht nach 3 Monaten bereits einen halben Meter hoch und sie ernten schon die ersten zuchieni-aehnlichen Kuerbisse.
Manche der Familien kennen die Landarbeit. Sie sind wegen der Trockenheit im Norden Brasiliens, von der auch unsere Medien im Sommer berichtet haben, oder vor anderen widrigen Umstaenden zu den MST geflohen. Andere aber sind das Arbeiten nicht mehr gewoehnt, sie lebten vom Betteln in den Flavellas. Ca 50% der Familien halten nicht durch und kehren in die Stadt zurueck.
Zwei Schwestern leben mit ihnen im "Nukleus" der Ansiedlung, wo auch Gemeinschaftsraeume errichtet sind. Sie unterrichten, sorgen fuer erste Hilfe, helfen bei der Landwirtschaft und und und.

Das erste Projekt, das wir besucht haben ist nach einem Kampf von mehr als vier Jahren vor kurzem legalisiert worden. Jetzt beginnt

Stadium 3: Aufteilen
Jede Familie erhaelt einen Anteil des Landes, das wird auch im Grundbuch eingetragen. In dieser Phase unterstuetzt auch der Staat die Kleinbauern durch Arbeitsgeraete, guenstige Kredite oder Baumaterial. Bis dorthin und auch noch eine Zeit darueber hinaus leben die Menschen naemlich in Huetten, die sie aus Plastiplanen und Holzstaemmen bauen. Auch die Schwestern.
Das Bild ist aus der Website des Standard und gibt genau wieder, was ich gesehen habe, aber gestern nicht selber dokumentieren konnte:
landlose

Solange sie nicht genug produzieren, um davon leben zu koennen, werden sie weiterhin mit dem Lebensmittelpaket unterstuetzt. Luise Maria ist stolz auf ihre Leute. Sie ist sicher, dass es noch ca. 3 jahre dauern wird, bis sie voellig selbstaendig sein werden.

Die MST ist vielfach dokumentiert. Es gibt eine informative Website mit taeglich aktuellen Nachrichten ueber Besetzungen von Land, von Angriffen auf Mitglieder der Bewegung, von laufenden Prozessen fuer den Freikauf von Land und auch vom Kampf gegen Firmen, die gentechnisch veraendertes Saatgut ausbringen. Naehere Infos auf deutsch gibts beim Buchverlag Suedwind. Und wahrscheinlich von mir morgen.

Montag, 28. November 2005

28.11. Virtuelle Esspakete?

Was man mir zu Weihnachten schicken soll, fragt Heidrun.

Ich bin durch die freie Sabbatzeit und die Grosszuegigkeit der Schwestern hier so sehr beschenkt, dass ich nur das Beduerfnis habe, anderen was abzugeben.
Bitte schicke nichts nach Brasilien, was nicht in ein eMail kann. (Uebringens: Anhaenge kann ich hier nicht oeffnen.)

Auch laesst sich wahrscheinlich erst Mitte Dezember sagen, wo ich die 12 heiligen Naechte ueberhaupt verbringen werde.

Nun bruetet sich eine Idee in mir aus und ich schlage mal folgendes vor:

In St. Martin brauchen sie Lebensmittel. Ich schaetze, dass sie mit unter 100 Reails ein Mittagessen fuer die 300 Leute zaubern, das entspraeche etwa 35 Euro.
Wir koennen ja schauen, wieviele Mittagessen wir gemeinsam finanzieren koennen.

Vorgehen koennte sein: Ich sammle das Geld auf meinem Konto. Und gebe den Stand laufend bekannt.
Und das Geld wird nirgendwohin in Brasilien ueberwiesen, auch an keinen Funktionaer von St. Martin gegeben, sondern es koennte direkt ueber Candidinha in Lebensmittel umgewandelt werden.
Was meint ihr dazu?

Ich werde sondieren, ob dieses Vorgehen moeglich ist und je nach euren Rueckmeldungen wird die Sache Ende Woche fixiert.
Bin gespannt!

Das wichtigste KURZ

Endlich Fotos! - ab 1.2.. Dieses Blog enthaelt Notizen und Fotos bis zum 23.2., der ersten Zeit in Piaui. Fortsetzung unter <2brasil.twoday.net>!!!!!!!! Seit 30.1. geniesse das Landleben im "Wilden Westen" von Brasilien - das ist der Nordosten, genauer gesagt Bundesstaat Piaui! Derzeit wohne ich in der Fundacao ASAS, einem privaten Bildungsprojekt fuer Kinder aus benachteiligten Familien. Roberto, der Gruender, ist Hoellaender und arbeitet hier als Seelsorger. Die Gemeinde Sao Miguel hat etwa 3000 EW, laendlicher Raum, schoene Natur, derzeit angenehm sommerliches Wetter. Ich arbeite im Buero, habe viel Kontakt mit Kindern und besuche Familien. Die ersten 2,5 Monate habe ich in Sao Paulo gelebt, in verschiedenen Haeusern der Schwestern der Congregatio Jesu: Zentrale, Schule, Peripherie. Besuchte Sozialprojekte, interviewte interessante Menschen, recherierte viel im Internet, lernte portugiesisch und half ehrenamtlich mit.

Info fuer AllesleserInnen

Das Tagebuch ist wieder aktuell. Falls dein PC manche Tage nicht anzeigt, gehe in der obersten Befehlszeile auf "brasil" und wenn die Auswahl sich zeigt auf "Tagebuch". Die Suchmaschine funktioniert auch, allerdings muss man halt wissen, was man finden will... Peter und Heidrun wissen normalerweise, wie es mir geht: peter.hirsch@atnet.at; HeidrunLange1984@aol.com

Aktuelle Beiträge

HE!
das ist doch gar nicht wahr! wenn schon hab ich gesagt:...
heidschnucke - 23. Mär, 11:22
20.2. Maria will deutsch...
Es ist 7 Uhr, ich bin noch am Fruehstuecken, als Maria...
rosa_r - 2. Mär, 18:00
18.2. Ueber dem See
Dass ich noch nie am See war hat zwei Gruende: Es gibt...
rosa_r - 2. Mär, 17:59
19.2. Die kleine Kaempferin
“Meine Freundin hat mich gar nicht besucht!” so klagt...
rosa_r - 2. Mär, 17:56
13.2. Montag - Arbeitsbeginn
Ab heute gehts also los mit dem Vorbereitungs-Betrieb...
rosa_r - 2. Mär, 17:54

User Status

Du bist nicht angemeldet.

Suche

 

Ankommen
Anreise
Projekte
Tagebuch
Profil
Abmelden
Weblog abonnieren