Mittwoch, 18. Januar 2006

17.1. Hoehepunkte

Um halb 8 in der Frueh hat mich Dulce zur Fremdenpolizei begleitet. Die Anreise per Bus dauerte ueber 1,5 Stunden, bei fluessigem Verkehr. Ich unterschaetze immer noch, wie gross Sao Paulo ist.

Wir sind grad rechtzeitig gekommen, denn kurz nach uns kommt der grosse Ansturm und die Leute stehen schon mal eine Stunde, um ins Gebaeude zu kommen.
Wir werden fotografiert und erhalten ein Besucherpickerl mit Aufschrift "3. Stock."

Ab dem zweiten Stock steht bereits eine Menschenschlange. Wir fragen ein paar Leute, ob das die richtige Schlange ist fuer eine Aufenthalts-Verlaengerung. Interessanterweise erhalten wir Auskuenfte in der Art: "Ich weiss nicht, ich hab mich mal da angestellt."
Wieder bin ich erstaunt, wie viele Menschen unglaublich geduldig sind.

Dulce und ich gehoeren nicht dazu. Wir druecken uns an der Schlange vorbei und suchen Auskunft. Angekommen im dritten Stock sehen wir einen kleinen Platz, halbvoll mit Menschen auf Sesseln und halbvoll mit Menschen die vor den Schalternanstehen. Betagte und Babys, alles ist vertreten, fuer die Anzahl an Menschen auf diesem Raum ist die Atmosphaere erstaunlich entspannt. Die wieselige Dulce kapert einen wichtig aussehenden Herrn, der uns zum richtigen Platz lotst.
Bereits nach 40 Minuten bin ich an der Reihe.
"Ihre Aufenthaltserlaubnis dauert bis 8. Februar. Es ist noch reichlich frueh, sie jetzt zu verlaengern." meint der Beamte. Ich erklaere, dass ich bald nach Piaui fahre, und es lieber in Sao Paulo erledigen will. "Denn in Sao Paulo ist es wahrscheinlich besser organisiert."
Das ist ein Reizwort fuer den Geplagten. "Ach so? Nein, machen sie das in Piaui! Dort ist alles viel besser. Dort gibts nicht so ein Inferno wie hier!" Und er weist auf die Massen von Menschen, die bereits jetzt, eine Stunde nach der Oeffung des Hauses, da stehen.
Ich bleibe dabei: Ich wills jetzt machen und schaue so verstaendnisvoll wie ich kann. Mir scheint, dass ein Teil seiner Empoerung zu den offenbar international gueltigen Spielregeln gehoert: "Uns Beamten geht es schlecht." Es geht ein wenig hin und her zwischen uns. Ich kann ihn verstehen und er mich schliesslich auch. Grinsend lenkt er ein und erklaert, was ich noch beschaffen muss.

Vor dem Haus haben ein paar unternehmerische und gscheite Menschen Services eingerichtet, wo ich das notwendige Einreichformular bekomme und die fehlenden Kopien machen kann. Wieder einmal ist man ganz begeistert, dass ich aus Oesterreich bin und ich werde freundlichst bedient.
Dulce und ich goennen uns einen Kaffee, danach auf zum Loewen in den dritten Stock.
"Was, schon geschafft? Alles?" fragt er und nimmt Pass und Unterlagen an sich.
Eine Stunde spaeter habe ich meinen Pass mit Aufenthaltserlaubnis bis 8. Mai 2006.
Da Peter und ich aber erst am 12. Mai Brasilien verlassen, werde ich diese Runde noch einmal drehen muessen....

Trotzdem, grosse Erleichterung und Hoehepunkt 1 fuer den heutigen Tag.
Da es schon bald Mittagszeit ist, lohnt es sich nicht mehr, nach Hause zu fahren. Ich beschliesse in der Stadt zu bleiben, denn um 2 ist ja schon die Stunde mit Célia.

Die alte Kirche St. Antonius gibt erstmal Ruhe und Kraft, danach schlendere ich zwischen den Hochhaeusern herum. Es hat 33 Grad, eigentlich ein Wahnsinn bei der Hitze in die Stadt zu gehen. Im Haus waere es fein kuehl. Aber ein angenehmes Lueftchen erfrischt und bringt mich auf eine Idee: Heute ist schoenes Licht und klare Sicht!

Schon oefter wollte ich die Stadt von oben sehen, mein Reisefuehrer empfiehlt dafuer das ehrwuerdige "Edificio Italia", einen schon etwas betagten Wolkenkratzer mit Restaurant im 31. Stock.
Als ich Célia treffe, lade ich sie ein, die Stunde dort oben zu machen. Ich wuerde mir gern diesen Wunsch erfuellen. Sie ist heute zwar etwas wackelig auf den Beinen, zweng Bauchgrimmen, kommt aber tapfer mit. Und es lohnt sich, es ist unglaublich - wunderbar - herrlich schoen!
Hoehepunkt 2 heute: 160 m ueber der Stadt!
edific-italiano

Etwas weiter weg kreisen Geier unter uns. Am Dach eines nahe gelegenen Bankhauses landet ein Hubschrauber.
Die Sicht ist klar wie selten. Wir koennen in jeder Himmelsrichtung bis zu den umliegenden Bergen bzw. Huegeln sehen. Und ich habe die Kamera dabei - was fuer ein Glueck!
Blick ins Stadtzentrum mit Catedrale Sé
edificio-italia-2

Freitag, 13. Januar 2006

9.1. Erster Blick in die Berge

Montag wird weniger Reiseverkehr sein, wurde uns gesagt. Daher wollen wir heute unser Touristenleben beenden und am Abend mit dem Bus zurueck nach Sao Paulo fahren.

Um halb 7 in der Frueh bin ich bereits am Strand. Zuerst ist es etwas unheimlich, allein auf den Strassen. Am Strand aber ist es herrlich zu gehen. Die Putztruppe ist unterwegs und ein paar Einzelgaenger, sonst aber herrscht Friede, denn die Lautsprecher der Bars werden erst spaeter plaerren.

Dieser Tag wird der heisseste waehrend unseres Aufenthalts am Litoral, schaetze locker ueber 35 Grad. Es schmerzt fast, wenn man in der Sonne geht. Auch vermissen wir das Lueftchen vom Meer, das sonst angenehm erfrischt. Wir kaufen unsere Fahrkarten gleich nach dem Fruehstueck, anschiessend fluechten wir vor der Hitze nach Hause.

Heidruns Spezialsalat mit Advocado und Mango schmeckt uns koestlich.
Kueche und Zimmer werden ausgeraeumt, wir leeren die Weissweinflasche mit Elisabeth, noch ein Abschiedschwumm im Meer und um halb 5 brechen wir auf, zur letzten Fahrt mit dem Trenzinho.

Im Rueckblick ist das Leben am Land einfacher, "normaler" als in der Stadt. Offenbar gibt es einen breiteren Mittelstand hier und weniger extreme Armut. Menschen, die auf der Strasse wohnen, haben wir nicht gesehen. Erst einige Kilometer entfernt von der Kueste beginnen die Uebergaenge von den Mittelschichthaeusern zu den (ehemaligen) Favelas.

Candinha hat die vordersten zwei Sitze "auf der Schattenseite" fuer uns ergattert.
Zwischen der Atlantikkueste und Sao Paulo liegt ein Gebirge, die Serra. Dass es hier auch Berge gibt, hatte ich bisher nicht ernst genommen und am Herweg muss ich es verschlafen haben. Jetzt aber sind sie nicht zu uebersehen. Praechtig bauen sie sich vor uns auf. Die Strasse windet sich hinauf ueber ausserordentliche weite Bruecken, oft hoch ueber einem Fluss oder einer Schlucht. Rechts und links nur Urwald. Das Abendlicht fliesst in die Seitentaeler. Fast atemlos bewundere ich die Lichtspiele, es soll bitte nicht so bald aufhoeren!

An der hoechsten Stelle passiert der Bus 1800 m, erklaert der Chauffeur. Von hier an verlaueft die Reise weniger spektakulaer, der Verkehr ist gottseidank fluessig.
Ich komme puenktlich um 8 zuhause an und erklaere Clotilde, unserer Leiterin: "Mission vollbracht."

Alle bewundern meine Braeune. Jetzt bin ich schon fast eine negrinha, heisst es.
*g*

Mittwoch, 4. Januar 2006

2. bis 4.1. Aufarbeiten, "Meer in Sicht"

Wer oefter rein schaut, merkt, dass ich den letzten Tagen viel am PC gearbeitet habe.
Einerseits am Tagebuch, das jetzt "mais ou menor" vollstaendig ist. Andererseits haben Clotilde und ich schon ihre Texte zur Geschichte der Kongregation in Brasilien im PC erfasst und mit dem Scanner zu experimentieren begonnen. Es gibt viele alte Fotos einzufuegen.

Dann habe ich stundenlang im Netz recherchiert: Ueber AIDS und die Palliativ-Szene in Brasilien, ueber gesellschaftliche und soziale Fragen etc.

Das Gefundene muss natuerlich uebersetzt werden, so z.B. der Bericht der angesehenen Zeitung "Folhas de Sao Paulo" ueber Oestereich und den Beginn der EU-Praesidentschaft, sowie den Projektentwurf von Manoel ueber das Haus fuer Frauen und Kinder, die HIV-Traegerinnen sind. Diesen werden wir morgen frueh besprechen.

Weiters habe ich wegen der Unsicherheit dieses Mistblogs einen Bericht dreimal geschrieben....

Ich baue also meine PC-Faehigkeiten aus und habe entgegen der Auskunft des Technikers heute festgestellt, dass wir doch einen CD-Schreiber samt Nero-Programm haben.

Am liebsten moechte ich jetzt nicht aufhoeren, bis alles fertig ist...
Aber Clotilde hat mir eine Pause organisiert und "versetzt" mich fuer ein paar Tage in das "Haus der Erholung" an den Strand. Am Donnerstag fahre ich mit Candida die etwa 100 km an die Kueste und wir werden uebers Wochenende dort bleiben. Mit Haengematte und Buechern und Peters Musik-CDs!
Ohne PC und Internet, dafuer mit sinnlichen Freuden durchs Einkaufen und selber Kochen.
Irgendwie muss ich das Defizit ja ausgleichen!

Neues im Blog gibts von meiner Seite daher erst wieder nach dem 8. oder 9. Januar. Aber vielleicht tut sich von eurer Seite her mal wieder etwas?
Ahoi! Schiheil! oder wie immer,
Machs gut inzwischen!

Montag, 2. Januar 2006

31.12. San Silvestre

Heute bin ich richtig aufgelegt fuer ausgiebige Hirngymnastik. Den ganzen Vormittag lerne ich portugiesisch: Der Projektbericht von Rudi und Stela, der auch inhaltlich interessant und erstklassig gemacht ist, wird uebersetzt, Verbformen geuebt und Vokabeln wiederholt. Die Motivation dazu ist die Beobachtung, dass mein Sprachvermoegen zurueckgegangen ist, seit ich nicht mehr regelmaessig Unterricht habe und daher auch nicht mehr lerne.

Nach dem Essen muss ich den Kopf auslueften und beschliesse einen Ausflug in die Stadt. Im Bezirk Luz gibt es zwei interessante Museen, nahe an der U-Bahn, aber leider ist ueber die Feiertage alles geschlossen, wie besucherfreundlich!
Doch heute ist ein wunderbarer und sonniger Tag und ich schlendere durch den grossen Park mit Skulpturen und Installationen. Danach mag ich weiter gehen, verzichte auf die U-Bahn und spaziere ins Stadtzentrum. Nach etwa einer Stunde treffe ich auf Strassenabsperrungen und Menschen, die am Strassenrand warten. Der Polizist erklaert: "Heute gibts San Silvestre, den Volkslauf." Und schon ein paar Minuten spaeter tigern die ersten Athletinnen an uns vorbei. Ihre Bewegungen und ihre trainierten Koerper sind wunderschoen.
Das Feld kommt mit deutlichem Abstand und ist auch eine Augenfreude. Die Sonne brennt und wir haben weit ueber 30 Grad. Entsprechend leicht sind die Laeuferinnen bekleidet, aber es gibt auch Ausnahmen: Ein aufwendiger und grosser Papageienhut faellt mir auf, ein Clownskostuem, Pippi Langstrumpf etc.Ich bin ja lauf-abstinent, weil mir das zu anstrengend ist, und daher erstaunt, dass auch Damen ueber 60 mitlaufen.
Spaeter lese ich, dass eine Laeuferin aus Kenja gewonnen hat, die beste Brasilianerin war am vierten Platz. Die Maenner werden um 17 Uhr starten und sie kommen bald in den fuer heisse Tage typischen "Tropenregen".

Durch die Absperrungen sind viele Strassen zu Sackgassen geworden und das Zentrum ist praktisch verkehrsfrei. Ich geniesse die Freiheit und einen frischen Fruechtedrink und gehe so lange weiter, bis ich muede werde. Dann huepfe ich in die U-Bahn und fahre nach Tatuapé. Zwei Packerl sind naemlich in der Schule angekommen, da zerreisst mich doch die Neugier!

Im Colégo werde ich zum Abendessen eingeladen und unterhalte mich etwa eine Stunde mit einem neuen Besuch: Schwester Alberta. Sie ist Mitte 70, schaetze ich, und macht im Jaenner einen theologischen Hochschulkurs in Sao Paulo.
Wenn sie gerade nicht studiert, arbeitet sie am Land und macht pastorale Arbeit. Hinter diesem Begriff kann sich alles verbergen, habe ich schon gelernt. Was sie konkret macht? Zum Beispiel arbeitet sie seit zwei Jahren mit Maedchen, die schwanger werden.
Sie erzaehlt, wie sie die Kinder, die Kinder bekommen, begleitet: Wenn die Panik hochkommt oder wenn sie nach einem Abortus Hilfe brauchen. Sie versucht zu verhindern, dass ein Neugeborenes weggelegt wird, denn dann lebt es gerade so lange bis das naechste Raubtier kommt.
Und wenn sie grad keine akute Krise bewaeltigten hilft, organisiert sie Gruppen zu praktischen Fragen: Vom Windelnnaehen bis zur Hygiene. Dabei regt sie die Maedchen an, mit dem werdenden Kind zu sprechen. Sie will Boden bereiten fuer eine wohlwollende, einladende Beziehung.

Alberta engagiert sich seit Beginn der Bewegung fuer die Landlosen. Als die grossen Wasserkraftwerke im Sueden Brasiliens gebaut wurden, enteignete die damalige Militaerregierung von Brasilien rigoros. Manche erhielten Ersatzland, aber Tagereisen entfernt im Urwald, andere Arbeit in den Bergwerken unter unmenschlichen Bedingungen. Tausende Familien aber erhielten nichts. Sie waren einfache Menschen vom Land, oft Analfabeten, die sich nicht verteidigen konnten. Dieses Unrecht hat schliesslich dazu gefuehrt, dass sich engagierte Menschen aus allen Bevoelkerungsgruppen solidarisierten und die Bewegung der Landlosen entstand.
Wie schon beschrieben, ist diese inzwischen zu einer wichtigen politischen Kraft geworden. Trotzdem ist die Erfahrung von Alberta bitter: "Bei uns im Sueden zaehlt ein Menschleben weniger als ein Vieh." Sie berichtet, dass sie heute noch aufbricht, wenn ein von Landlosen besetzter Platz geraeumt werden soll, um vor Ort dabei zu sein. Das letzte Mal vor etwa zwei Monaten. Alberta hat schon viel Gewalt durch die Polizei gesehen und erlebt und ist ihren Grundsaetzen dabei treu geblieben.
Sie erzaehlt auch, wie schoen die Landschaft in Parana ist, Kulisse fuer viele Filme, und laedt mich zu den Schwestern ein. Ich kann das noch nicht annehmen. Vorlaeufig bin ich auf den Norden eingestellt und muss zuerst abklaeren, ob ein laengerer Aufenthalt in Piaui sinnvoll und moeglich ist. Falls nein, ist das natuerlich ein interessantes Angebot.

Am Rueckweg nach Hause ist es leicht, mit dem Kontrollor im Bus und mit Fahrgaesten zu plaudern, denn jetzt am Abend ist jeder in der Stadt in Feierstimmung und gruesst mit "Felíz ano novo!" Natuerlich bevorzuge ich in der Oeffentlichkeit weniger politische Themen. Die Art, wie man in Sao Paulo Silvester feiert, zum Beispiel: So wie bei uns, nur ohne Pummerin und Donauwalzer!
Ich ueberlege kurz, ob ich doch in die Stadt will, auf die Avenida Paulista, wo was los ist. Aber es zieht mich heim. Es ist nicht nur das ungute Gefuehl, allein in der Nacht unterwegs zu sein. Den Jahreswechsel verbringe ich lieber in Ruhe und lasse mir Zeit zum Zurueck- und Vorschauen.

Um halb Neun komme ich im Provinzhaus an. Die Schwestern sind in der Abendmesse und ich habe Zeit, mich frisch zu machen. Um dreiviertel Neun - das ist Viertel vor Mitternacht in Oesterreich, kommt ein Anruf. Vielleicht ists jemand fuer mich, aber ich stecke in der Dusche!
Per SMS schicke ich Gruesse an alle und dann versuche ich, die Pummerin auf Kurzwelle zu empfangen. Leider, wiederum nur "toc toc toc", kein "bim bam bum".

Trotzdem wirds ein schoener Silvester: Mit Wildrosenoel von Irmi und dem Donauwalzer, den Peter geschickt hat, tanze ich ins Jahr 2006. Allein und nicht einsam, weil ich euch so ungestoert von aussen sehr gut innen spueren kann.

Wir werden in drei Stunden feiern. Meine Gastgeberinnen kommen bald und freuen sich ueber die Musik. Ich habe Champagner beschafft und nach dem spaeten Imbiss setzen wir uns zum Fernseher und sehen uns das Feuerwerk in Rio, Sao Paulo und Belo Horizonte an. Besonders schoen sind die Bilder vom Strand.

Der Laerm um Mitternacht ist unglaublich und konzentriert auf etwa 20 Minuten um die Jahreswende herum. Ich bin so muede, dass ich gleich nach dem Anstossen ins Bett falle. Da kann es jetzt Scheppern wie es will - ich kriege nichts mehr mit und beginne mein neues Jahr in Seligkeit.

Mittwoch, 28. Dezember 2005

26.12. Ordnung machen

Der Stefanstag ist kein Feiertag in Brasilien, und ich schliesse mich dem werktaetigen Volk an:
Das Zimmer, das ich ueber einen Monat bewohnt habe, wird geraeumt und geputzt. Und da es in der Zentrale keine Waschmaschine gibt, wird hier noch alles gewaschen.
Bei Inacia muss ich mich entschuldigen: Es stimmt wirklich, dass die Maschine gefaehrlich ist. Einerseits faengt sie an zu tanzen. Samba wahrscheinlich. Andererseits frisst sie Kleider: Da gibt es naemlich in der fest stehenden Trommel einen rotierenden Arm und der zieht Hemdsaermel und Hosenbeine unter die Plastikverkleidung hinein. Miststueck.
Aber alles wird fertig, denn in der Sonne trocknet die Waesche ruckzuck. Wir haben ueber 30 Grad.

Bepackt mit Rucksack, gestaerkt vom letzten Kaffee von Regina und mit dem Segen von Candinha "vai com Deus!" bin ich also wieder unterwegs und schlage mein Zelt ab heute in der Zentrale im Nobelviertel auf.
Wo es mehr Gruen gibt und die Voegel in der Frueh laermen.
Und keine Knallerei am Wochenende.
Und viel huebschere Haeuser.

Ja, stimmt alles und nuetzt alles nichts. Ich mag die kleinen Leute und ihr Leben mit Graffiti an den Waenden!

Montag, 26. Dezember 2005

25.12. Nahe am Wasser oder Weihnachten am Pool

Die Nacht war also kurz und das Familienfest steckt mir beim Fruehstueck noch in den Knochen.
Dulce reist gleich ab zu ihrem Neffen, und Hilda und ich machen uns auf den Weg zum Colégio (wieder in die Schule) Mary Ward. Dort sind Dulce und Hilda naemlich "alle heilig Tag" eingeladen: Ab 10 Uhr am Pool!
Beim Weggehen gibt mir Hilda noch ein kleines Kuvert mit einem ganz persoenlichen Text, und ich bin sehr geruehrt und muss gleich weinen.
Dieses Abschiednehmen ruehrt viel auf. Und da Hilda ein liebeswerter Mensch ist, kann es auch heraus: Die Erinnerung an alles, was ich in der letzten Zeit schon losgelassen habe. Bei der Busfahrt klebt die Melancholie an mir. Die kleinen und ewig unfertigen Haeuser der Peripherie scheinen jetzt so liebenswert und ich will gar nicht weg von hier.
Bild: Hilda schneidet die letzte Rose und stellt sie als Andenken an mich in die Kapelle
Hi-schneidet-rose

In Tatuapé stecken ein paar Damen bereits im Pool und Caetana ist schon recht ueberdreht. Sie hat ein anstrengendes Arbeitsjahr hinter sich und laedt uns uebermuetig ein zu ihrem selbstgemischten Pinga-Kokosnuss-Drink.
Ja, eine halbe Stunde schwimme ich gerne mit, danach aber werde ich meine Kuverts mit den Texten und Fotos fuer die Schwestern optisch noch ein bisserl perfektionieren.

Das Mittagessen ist ueppig und es gibt extra fuer mich und Caetana deutsche Weihnachtslieder im Hintergrund. Es klingt ziemlich nach Kaufhaus, aber man muss ja nicht unbedingt hinhoeren...
Meine Fotos und Karten gefallen allen und ich bin zufrieden.

Als man sich zum Verdauungsschlaefchen niederlegt, habe ich Zeit auch Poldi anzurufen. "Du klingst so anders." meint sie. Leider habe ich nicht gefragt: Wie denn. Ich nehme an, man hoert die Entspannung in der Stimme.
Heute bin ich nahe am Wasser, jede schoene Begegnung, und auch das SMS von Peter, ruehrt mich sehr.

Der Nachmittag vergeht mit Fotoschauen, Cafezinho und Obst essen. Caetana hat die Trauben vor dem Haus gepflueckt, sie schmecken aromatisch und suess. Die volle Obstschuessel ist ein Symbol fuer Weihnachten und fehlt nirgends.

Die Abendmesse in der Pfarre ist verhaeltnismaessig schlicht, die Band jung und professionell. Diesmal singen wir drei Strophen von Stille Nacht. Das ist das Obershaeubchen auf diesem sentimentalen Festtag.
Aber das Singen baut mich auf, und ich gestatte es mir auf deutsch. :-)

24.12. Weihnachtsfreude

"Du wirst diese Weihnachten sicher ganz anders verbringen wie sonst, aber dadurch vielleicht bewusster..." schrieb Schwester Mechtild, die Leiterin der "meiner" Schwestern von der Congregatio Jesus, und damit meine erste Gastgeberin.
Ja, das ist wohl war!

Der Vormittag brachte ein wenig Zeit, um zu verschnaufen und an euch daheim zu denken. Ich bin ja im Provinzialat aufgewacht, und da gibts einen Computer im Keller, und, gottseidank, konnte ich zum ersten mal seit 10 Tagen wieder ins Netz. Wie schoen, so viele Mails!
Ein besonders schoenes Weihnachtsgeschenk brachte das Mail von Damir: Pass, Visum und Arbeitsbewilligung sind da! Da habe ich aber gestrahlt. Gratuliere!

Leider konnte ich die Post nur Lesen, denn bald war das Netz wieder blockiert.
Irmi hat ueberraschenderweise angerufen und das war schoen!

Dass der Weihnachtsbaum im Vatikan aus Oesterreich ist, wissen alle. Wie ein original oesterreichischer Weihnachtsbaum duftet, weiss man jetzt auch: Zum Mittagessen habe ich das Flaeschchen mit Weisstannenoel geoeffnet, ein Geschenk aus dem Lainzer "Notfallkoffer", und wir haben "aromatisiert" geschmaust.
Katia erzaehlt beim Essen, dass sie im Fernsehen gehoert hat, der Papst habe die Missa da Gallo (Mette) heuer verboten.
Wegen der Vogelgrippe! ;-)

Aber nein, keine Angst! Ich war in der Mette und zwar wieder mit Hilda "in der Vorstadt". Herbergsuche und Christgeburt wurden von Alt und Jung aus der Gemeinde gespielt.
Am Ende der Messe stimmte der Gitarrist zu meiner Ueberraschung "Stille Nacht" an. Ich war natuerlich heftig mit dabei - auch wenns portugiesisch war!
*seufz!*

Anschliessend, etwas untypisch, gabs Grillerei und Feuerwerk. Das eine im Hof des Elternhauses von Padre Ermin (?), das andere auf der Strasse.
Die grosse Familie war versammelt und wiederum ging es herzlich zu. Mit einigen Geschwistern von Ermin konnte ich mich gut unterhalten: Die blinde Schwester ist Masseurin und nicht auf den Mund gefallen. Der Schwager ist Flugzeugtechniker.
Etwa zehn Sorten Fleisch und Wurst werden auf langen Spiessen gegrillt. Im Lauf von ein bis zwei Stunden reicht der Churrasco-Meister die Spiesse einen nach dem anderen herum, das ergibt ein gemuetliches und endloses Ausprobieren von neuen Geschmaeckern.

Um eins in der Nacht brachte man uns nach Hause. Jetzt waren die Patoralassistentinnen Hilda und Dulce endlich ausser Obligo und wir konnten in Ruhe die Bescherung feiern. Mit "Es wird scho glei dumpa"!
Am Kuechenkastl waren einige Packerl und Weihnachtskarten hergerichtet. Ich habe eine rassige schwarze Handtasche aus umhaekelten Verschluessen von Coladosen bekommen und eine rote Kochschuerze! Juchu, Peter, die kommt nach Harbach!
natal

Die Vorstadt ist ein guter Ort, die Christgeburt zu feiern.
"In der City" und auf der Avenida Paulista haetten sie fuer den Migranten und seine schwangere Freundin aus einer Gegend mit schlechtem Ruf sicher auch heute keinen Platz....

Weihnachten ist eigentlich kein suesses Fest. Auch wenn die lieben Kripplein das vortaeuschen.
Eine Geburt ist ein schmerzvoller Akt, riskant und blutig. Und trotzdem voller Freude.
Ja, nicht suess, sondern mit dem Mut zum Risiko und voller Freude sollen eure Feiertage und soll das Neue Jahr sein!
Seid umarmt!

22.12. Dreaming of a white Christmas

"Rosa ist ein schoener Name. Bist du eine weisse oder eine rote Rose?" fragt Bernardette, eine kleine, kecke, aeltere Schwester, die mit Hilda einen Kaffetratsch in der Frueh macht.
Da muss ich lachen, denn heute ist die Antwort klar: Soooooooo Rooooot!

Mit den Kids im Bad habe ich doch zuviel Sonne gekriegt und weil ich meine Haut gerne behalten will, kaufe ich mir jetzt eine Lotion mit Aloe Vera. (Ist ein Geheimtipp. Hat bei mir noch immer funktioniert!)
Unterwegs komme ich an einer Bar vorbei. Eine bekannte Melodie wird da im "La Paloma"-Stil mit Mandoline und viel Schmalz gezirpt: "I`m dreaming of a white Christmas..."
Zwischen Strandsandalen und Kokusnuesen in der Vorstadt von Sao Paulo, bei 27 Grad um 10 Uhr in der Frueh und Sonnenbrand auf der Nase klingt das einfach herrlich schraeg!

Das ist ja fast so gut wie die Situation bei der Hydrogymnastik, die ich bisher unterschlagen habe: Wir sind 50 Damen im schwarzen Badeanzug und werden mit dem militaerischen Eifer des Vorturners animiert, die Beine auszustrecken und die Arme in die Hoehe zu recken und der Lautsprecher plaerrt den Disco-Hit: "Its raining men - halleluja!"
Nur gut, dass hier niemand englisch versteht. Sie werden sich nur gewundert haben, was mich so erheitert.

Heute Nachmittag ist die vorlaeufig letzte Weihnachts- und Papa-Noel-Gabenfeier des heurigen Jahres fuer mich. Diesmal im Frauenhaus, wo mich Dulce schon zweimal mitgenommen hat.
Vielleicht erinnerst du dich noch an den Bericht vom 9.12, dann habe eine Korrektur nachzutragen. Inzwischen hat mir Fernanda, eine Bewohnerin alles gezeigt:

Es gibt sieben Saele (nicht drei) und in jedem stehen 7 - 9 Stockbetten. Da derzeit etwa 50 Frauen mit ihren Kindern dort leben sind das ca. 7 Familien pro Raum.
Sie haben einen Raum voller Spielsachen fuer die Kinder und einen kleinen Innenhof mit Schaukel und Rutsche. Das werde auch verwendet, sagt Fernanda. Allerdings kann ich das nicht recht glauben.

Die Stimmung ist heute schlecht. Nicht, dass jemand grantig ist, aber es fehlt etwas: Die brasilianische Herzlichkeit und Aufmerksamkeit. Die Vorbereitungen fuer die Feier sind noch nicht oder lieblos gemacht.
Dulce klaert mich auf: Das Frauenhaus wird von einer anderen Organisation uebernommen und die Leiterin hat das genuetzt und fast alle MitarbeiterInnen gekuendigt. Sie will mit einem neuen Team beginnen.

Die Spannung in der Luft macht den Nachmittag anstrengend. Ein paar Unverzagte, die sich noch engagieren, werden von den anderen allein gelassen.
Ich uebernehme eine Kindergruppe und wir malen und nachher mache ich wieder viele Fotos. Einige Frauen und Kinder haben Lieder einstudiert und singen mit uns. Das steckt schliesslich doch an und bringt uns in Schwung.
Bild: Dulce mit Gregoria, die zurueck zu ihrer Familie will, und einer Mitarbeiterin
Weihn-Casa-d-m

Nach dem Abendessen, das es heute mit 2 Stunden Verspaetung um 8 Uhr gibt, verabschieden auch wir uns.
Muede kommen wir daheim an und reden noch lange mit Hilda, die sich zwar nicht ins Frauenhaus traut, heute aber ganz interessiert ist.
Schliesslich packt Dulce auch noch Geschichten aus ihrer Arbeit mit Prostituierten aus, da wird es spaet.

20.12. Im CEFRAN: Die "Never Ending Story" von Weihnachten

Seit 1675 sind Franziskaner in Brasilien und in der Sozialarbeit sind sie hier seit etwa 100 Jahren aktiv. "Sefras" ist der Name der Organisation, die heute 65 Sozialeinrichtungen des Ordens in Brasilien koordiniert. Die Abkuerzung heisst, schlecht uebersetzt, Service der Franziskaner fuer Solidaritaet.
1994 wurde CEFRAN eroeffnet: Das Zentrum fuer Menschen, die den HIV-Virus tragen.

HIV-Traegerinnen, mit oder ohne Krankheitssymptome von AIDS, leiden nicht nur an der koerperlichen Krankheit, sondern besonders an den sozialen Konsequenzen. Das Bewusstsein, eine toedliche Krankheit zu haben, ist eben nur ein Teil des Problems. Alle haben Angst vor diesem Virus und wenige wissen, wie sie sich vor Ansteckung schuetzen koennen. Dass ein normales Zusammenleben mit HIV-positiven Menschen moeglich ist, glauben viele nicht, auch viele der Betroffenen.

Wer bei einer Blutuntersuchung den Befund HIV-positiv erhaelt, bekommt im Normalfall auch Information ueber Beratungsstellen und Hilfsorganisationen. Bei CEFRAN bleiben die mit den aergsten Problemanhaeufungen haengen: Kein Job, keine Wohnung, keine Ausbildung, schwanger, kein Geld, kein Essen....

Die Einstiegspforte ist zunaechst einmal materielle Hilfe: Geld wird nicht gegeben, wohl aber Medikamente, Lebensmittel und Kleidung. Mit jeder Person wird zunaechst ein Aufnahmegespraech gefuehrt, um die Situation zu erheben. Dann verpflichtet sich die Person, an einer Gruppe teil zu nehmen und waehlt aus etwa 20 Angeboten mindestens eines aus: Gesundheit, Sport, Sexualitaet, Homosexualitaet, Eltern und Kinder, Literatur, Buergerrechte, Informatik, Spiritualitaet, Kunst, Theater.... Alfabetisierung ist verpflichtend, fuer die, die nicht lesen und schreiben koennen.

Waehrend eines Semesters besucht die Person die Gruppe einmal in der Woche an einem Halbtag. Wer Kinder hat, bringt sie zu einer parallel laufenden Kindergruppe im CEFRANSINHO, im oberen Stock. Dort werden taeglich 50 - 80 Kinder in Gruppen bis zu max. 13 betreut.
CEFRAN begleitet laufend etwa 350 Erwachsene und 400 Kinder.
Ich lerne das Zentrum kennen, weil Marianne, eine der Schwestern aus dem Provinzialat, dort freiwillig zweimal in der Woche eine Kleinkindergruppe leitet. Heute ist - erraten! - Weihnachtsfeier, und das will mir Marianne unbedingt zeigen.

Wie gewoehnlich oeffnet das Zentrum ca. um 10 Uhr. Die Kinder kommen gleich in den oberen Stock - heute nicht in ihre Gruppe. Es sind nur etwa 50 Kinder da. Zwei Stunden lang gibts jetzt Gymnastik, singen und tanzen, Wettbewerbe. Die kleineren machen begeistert mit, die groesseren bleiben am Rand sitzen und schauen zu.
Foto: Wetttanzen
mia-mae

Mir faellt gleich das Plakat im Hintergrund auf, das wahrscheinlich zu einer normalerweise hier statt findenden Gruppe gehoert: "Meine Mutter ist ein Problem." steht darauf.
Wirklich, diese Kinder haben das Virus schon bei der Geburt mitbekommen. Oder wie Sarah, mein Schatz, noch zusaetzlich Syphilis. Sie ist etwa 10 Jahre alt und fast blind. Ich unterhalte mich gerne mit ihr, denn sie scheint mir sehr intelligent.
In diesem Alter weiss Sarah bereits, was ihre Krankheit ist und wie sie dazu gekommen ist. Die Muetter leben oft in grausamen Verhaeltnissen und die Kinder bekommen viel davon ab. Hier koennen sie reden ueber das, was sie belastet.

Um 1 Uhr gibt es Mittagessen. "Tia, setz dich zu uns!" Gerne, aber auch etwas scheu folge ich der Einladung. "Von wo bist du?" "Red mal was auf englisch!" und so weiter... Da kann ich gerade noch mithalten und zeige mit den Tellern auf dem Tisch, wo Brasilien und das Meer liegen und auf der anderen Seite Afrika und dort ganz in der Naehe Europa. "Ja, ich bin mit dem Flugzeug gekommen," beantworte ich die Frage. "Legal!" meint man anerkennend.

"Fuer mich ist es schwer portugiesisch zu sprechen. Und ganz leicht, englisch zu reden." Das oeffnet Tueren bei den Kindern, denn erstens ist portugiesisch ja ganz leicht! und zweitens haben viele Englisch-Unterricht. Sie lassen sich auch etwas herauslocken und ich bewundere alles.

Nach dem Mittagessen treffen sich heute Eltern und Kinder im Saal. Eine Theatergruppe spielt das erwartete Weihnachtsstueck. "Ihr wisst ja, warum wir heute da sind? Ja? Wir sollen ein Stueck spielen ueber Weihnachten. Aber das ist nicht leicht. Wie koennen wir ein Stueck spielen, das nie begonnen hat und das nie enden wird und das euch trotzdem gefaellt?"

Aber es gelingt ihnen. Das Stueck ist eine Mischung aus Klamauk und Musical und es wird viel gelacht. Wiederum kommt der Kobold Sassa-Perere vor, der normalerweise am liebsten in Haus und Hof fuer Unruhe sorgt. (Wie bei der Kinderauffuehrung in der Schule)
Im Haus leben weiters die Katze und die Grossmutter. Und der schlimme Sassa liegt mit der braven Katze im Klintsch wegen Weihnachten. "So ein Schmarrn!!", meint er. Nein, Katze, Sassa wirst du nicht gewinnen koennen, dass er dir beim Dekorieren mit Weihnachtsschmuck hilft. Im Gegenteil, er richtet an was er nur kann und seine Kommentare zu Weihnachten muessten den anwesenden Pater eigentlich rot anlaufen lassen.
Wie es schliesslich doch dazu kommt, dass Sassa - wider Willen - sogar einer Frau mit Baby hilft, und wie er das verbluefft abstreitet, ist famos gespielt. Im Traum erscheint ihm Maria, die Gottesmutter: "Sassa! Abre a porta! Oeffne die Tuere!" Er wacht auf, ist zunaechst verdutzt, aber bald macht er sich ueber den Traum lustig. "Wo habe ich denn eine Tuere, bitte?"

Doch er hat nun schon einmal angefangen, die Freude des Helfens kennen zu lernen, und so kommt er auch nicht mehr weg davon. Am Ende zaubert er sogar die Enkelin herbei, die wegen des Unwetters nicht zur Oma kann.

Die Verwandlung des schwarzen Kobolds mit einem Bein zu einem verschmitzt freudig-widerspenstigen Helfershelfer war so kunstvoll gespielt, dass weinen und lachen auch bei mir nahe beieinander lagen. Es war das schoenste Weihnachtsmaerchen seit langem.
Bild: Publikum im CEFRAN
cefran-natal

"And so this is Christmas..." - der Song von Lennon zum Schluss bringt auch hartgesottene Anwesende zum Schmelzen. Nach dem Stueck liegt man sich in den Armen. Die Kinder bekommen von Papa Noel noch einen Kuss und ein Packerl und werden nachher abgeholt.
Ein grosses, heiteres Durcheinander. Einige transsexuelle Maenner-Muetter sind auch gekommen. Ich spuere kein Abruecken von irgend jemandem. Die Mama von Sarah findet ihre tapfere Tochter bei mir und wir unterhalten uns. Niemand wuerde die gut aussehende, etwas buergerlich wirkende, Dame fuer eine Prostiuierte halten.

Das wertvollste an diesem Tag im CEFRAN war fuer mich das Eintauchen in dieses Klima: Offenheit und Wertschaetzung auf dem Boden harter Tatsachen. Hier erlebe ich die Geschichte der Liebe, die Leben will, in dieser Welt, jetzt und fuer alle.

Natuerlich werde ich von vielen herzlich eingeladen, wieder zu kommen. Kann gut sein, denn ich bin gespannt auf mehr.

19.12. Recilazaro: Die Wuerde zurueckgewinnen

Mit meinem Besuch bei Recilazaro schlittere ich in was rein, das noch weitere Konsequenzen haben wird. Aber am Montag in der Frueh weiss ich das ja noch nicht.
Drehen wir das Rad also zurueck:
Schwester Mariana studiert Theologie und faedelt ueber einen Kollegen den Besuch ein. Vorerst wissen wir nur, dass sich der Praesident Zeit nimmt: Padre Jose Carlos. Wir fahren um halb Acht los und treffen Jose Carlos und Marianas Kollegen Marcio an der U-Bahn. Marcio arbeitet in der Pfarre St. Lazarus, wo Jose Carlos offiziell Pfarrer ist. Gleichzeitig aber ist er ein unternehmerischer Pionier, Inspirator und Geschaeftsfuehrer eines rasch wachsenden Sozial-Unternehmens.

Begonnen hat alles vor ca. 8 Jahren. Die Kirche und das Pfarrhaus liegen in einem gutbuergerlichen Stadtteil mit vielen alten Einfamilienhaeusern. Ober St. Veit sozusagen. Auf dem Platz vor der Kirche aber leben Wohnungslose: "povo da rua". Eine Gruppe Jugendlicher will eine Initiative setzen und den Leuten Hilfe anbieten. Es dauert etwa ein Jahr, bis die Befuerchtungen und Widerstaende bei den Wohnungslosen und bei der Bevoelkerung zurueckgehen. Die Pfarre bietet jetzt taeglich Essen, Duschmoeglichkeit, Kinderbetreuung, Einzelhilfe an. Und dann gehts los. Padre Jose Carlos eroeffnet mit einigen Helfern eine Notunterkunft. Die Herberge St. Lazarus bietet heute ca. 300 Menschen Platz. Standard: Stockbetten und Schlafsaele fuer je etwa 20 Personen. Trennwaende zwischen den Stockbetten sorgen fuer ein Minimum an Abgrenzung. In der Herberge gibt es Arbeitstherapie, Ausbildung und vielfaeltige Unterstuetzung. Wir besuchen die Baeckerei - dort ist es heute ruhig. Die Ferien haben schon begonnen. Ein huebscher junger Mann arbeitet mit Brotteig. Er darf einmal in der Woche aus dem Gefaengis, weil er in der Herberge mitarbeitet und Ausbildung macht. Dann gibts eine Schreinerei, wo aus Abfallholz herrliche Gegenstaende hergestellt werden. Aus Pappe und Papiermaché bauen sie stabile Moebel nach einem franzoesischen Patent. Allerlei wiederverwertbares Material wird zu Taschen, Teppichen, Schmuck etc. verarbeitet.
Im Pfarrhof ist inzwischen eine Recycling-Stelle eingerichtet. Stapel von Altpapier, leeren Flaschen, Blech in Tonnen, Altkleidern brachten Jose Carlos den Ruf ein, der "heilige Muellsammler" zu sein. Der Kirchplatz ist aber weitgehend frei von Wohnungslosen geworden und die Pfarre traegt die Aktivitaeten mit.
Praktisch jedes Jahr eroeffnet Jose Carlos eine neue Einrichtung - was halt am dringendsten gebraucht wird: Das Haus Marta und Maria ist ein geschuetzter Platz fuer 70 misshandelte Frauen mit Kindern, die von der Polizei ueberwiesen werden. Etwas mehr am Stadtrand gibt es auch einen grossen "Mistplatz" - so heisst es in Wien, wo gesammeltes Material sortiert und gestampft wird. Jetzt arbeiten dort 30 Wohnungslose oder ehemals Wohnungslose wie Maria. Sie lebte ueber 10 Jahre auf der Strasse und auch auf dem Platz vor der Pfarrkirche. Sie hat alles genommen, was sie an Drogen bekommen konnte, um sich zu betaeuben. Sich tot stellen. Ich will nicht da sein.
Einmal wird sie von Polizisten weggejagt und geschlagen. In der Not ueberwindet sie die Scheu und schreit nach dem Pfarrer um Hilfe. Dieser kommt auch und bringt sie in den Pfarrhof. Ein Tor ist aufgetan und Maria geht einen unglaublichen Weg der Veraenderung: Sie wird eine der Gruenderinnen des Arbeitsprojektes am Mistplatz, wo sie auch heute noch mitarbeitet und uns ihre Geschichte erzaehlt. Sie lebt jetzt clean und selbstaendig in "ihrem" Haus, hat ihre Familie im Nordosten finanziell unterstuetzt und ihrer Mutter auch ein kleines Haus in der Heimat gekauft.
Ein Modell, eine Erfolgsgeschichte.
Jose Carlos gruendet weiter: Ein Wohnprojekt etwa 50 km ausserhalb von Sao Paulo fuer 10 Maenner, die ein halbes Jahr Entzug machen in Kooperation mit einer Klinik. Ein Wohn- und Arbeitsprojekt fuer 30 Wohnungslose, die wieder arbeitsfaehig werden wollen, oder die zumindest wieder probieren wollen, ob sie das noch koennen. Beide Projekte liegen herrlich im Gruenen, es gibt Arbeitstherapie in der Landwirtschaft, Schulung und medizinische Betreuung.
Ein Haus fuer 10 Frauen, die HIV-infiziert sind und von ihren Familien "abgegeben" wurden. Dieses Haus "Guadalupe" ist das einzige Projekt, das nicht darauf ausgerichtet ist, dass die KlientInnen nach einer Zeit wieder eigenverantwortlich und selbstaendig leben. Es ist fuer die Frauen, die hier wohnen, wahrscheinlich die letzte Wohnung. Drei von ihnen sind auch stark koerperlich behindert und pflegebeduerftig. Aber die Damen sind munter und gepflegt. Hier wirkt es nicht nach Endstation. Es gibt eine gute Zusammenarbeit mit der Klinik, mehrmals in der Woche machen Gruppen aus der Klinik Besuche im Haus und gemeinsame Gespraechsrunden. Ein Augenarzt hat seine Einrichtung vererbt - in den drei Jahren seit Guadalupe besteht, wurden ueber 200 Menschen gratis behandelt. Leute, die in keiner Arztpraxis gerne gesehen waeren.
Jose Carlos erzaehlt, dass Recilazaro fuer die da ist, die am meisten verletzlich sind.
Es hat ihn sehr beeidruckt, wie die Frauen im Haus Guadalupe ihre Wuerde wieder gefunden haben und aufgebueht sind. "Wenn du so ein Buendel triffst, am dem kaum mehr etwas Menschliches zu erkennen ist, und wenn du dann dabei sein darfst und siehst, wie sich der Mensch aufrichtet und entfaltet...!" Diese Erfahrung ist der Motor fuer seine unglaublich erfolgreichen Aktivitaeten.

Die Gesamtorganisation bietet heute mit etwa 120 MitarbeiterInnen und 200 Freiwilligen Angebote fuer ueber 800 Menschen, die keine Wohnung haben.
Jose Carlos laesst sich hinreissen und macht mit uns Visite durch seine Einrichtungen. Es gefaellt ihm, seine Arbeit herzuzeigen und ich profitiere sehr. Am Abend haben wir ausser einer Maennerwohngemeinschaft, die aehnlich wie Guadalo]upe aufgebaut ist, alle Projekte gesehen.

Ob ich nicht das Haus vis-a-vis kaufen will, fragt er mich. Na irgend sowas musste ja kommen, bei seinem Gruendungstalent!
Bisher gibt es noch keine Einrichtung, wo die Kinder HIV-infizierter Frauen bei ihren Muettern bleiben koennen. Mutter und Kind werden getrennt - und das widerstrebt ihm sehr. Da die Kinder meistens auch infiziert sind, kommen sie ins Spital oder ein Kinderheim.
Das HIV-Virus ist heute aber kein Todesurteil mehr. Medikamente gibt das Gesundheitsministerium gratis an die Beduerftigen. Mutter und Kind koennen miteinander leben und ihr Leben waere reicher, sinnvoller und gesuender. Es ist nur noch mein Wunsch, das anzufangen, meint Jose Carlos.

Das Haus vis-a-vis ist gerade zu verkaufen und es waere praktisch, denn in Guadalupe leitet Jamili, eine Krankenschwester. Sie studiert neben dem Leitungsjob. Knowhow, Erfahrung und Mut waeren da.

Ich winke erst mal ab und mache klar, dass ich kein Sponsor bin und keinen Fond gruenden kann. Aber am Abend, als wir gemuetlich bei Wein in seinem Haus sitzen, faellt mir viel zu dem Thema ein: Was braucht ihr wirklich? Ist das Haus gross genug? Wie klar ist die Idee schon? Wer kann euch in Brasilien unterstuetzen?
Am Ende habe ich ein "compromisso": Ein Date nach Weihnachten mit einigen von seinen Fuehrungskraeften, natuerlich auch Jamili, die mir sehr gefaellt. Nicht nur weil sie sehr huebsch ist. Sie ist gescheit und weiss was sie tut.
Ich stelle mich zur Verfuegung, ein Projektexposee auf deutsch zu machen und mich um einige Kontakte im deutschsprachigen Raum zu bemuehen.
Nach Weihnachten erarbeiten wir uns die Grundlagen.
"Schau ma mal!" und fangen wir mal an...

Was mir besonders gut gefaellt an Jose Carlos, ist sein Sinn fuer das Echte. In seinem Haus gibt es viele schoene alte Gegenstaende: Uhren, Waldhoerner, Geschirr, alles ist voll davon. Und der Wein war der erste gute Wein in Brasilien.

18.12. Der Spagat der Kirche

Ein Artikel versetzt die kirchlich organisierten Menschen hier in Aufregung: Bischof X versucht, die Arbeit der Laien klarer zu regeln und einzuschraenken.
Auch im einmal sogenannten "groessten katholischen Land der Welt" zeigen sich die Widersprueche und Konfliktlinien unserer Kirche sehr deutlich.
Auf der einen Seite die durchdachte und theologisch fundierte Realitaet kirchlicher Reglungen: Was eine Messe bedeutet, was dabei einem Priester zu tun vorbehalten ist.
Auf der anderen Seite der Wunsch der Menschen, die Messe gemeinsam zu feiern - und es gibt nicht genuegend Priester, um gesetzeskonform zu handeln. Nein, die Kirche hier an der Peripherie, das sind zu 95% Frauen!
Da ist er spuerbar, der Spagat der Kirche, zwischen Ist und Soll, zwischen Maennern und Frauen, Oben und Unten, zwischen Ordnung und kreativem Umgang mit der Realitaet.

Wie klebt das alles trotzdem zusammen? Warum fliegt das Werkl nicht schon lang in die Luft bei den vielen ungeloesten und vielen unloesbaren Konflikten?
Ein Grund ist sicher eine Art von vernueftig nicht zu erklaerendem Vertrauen, dass es Weitergehen wird und dass es besser werden wird, wenn wir uns einsetzen.
Und ueber diesem Grundvertrauen tobt die Auseinandersetzung der Ideen und Ueberzeugungen, wie man heute leben und feiern soll, wenn man sich an Jesus orientiert.

Ich habe durch meine fast taeglichen Messbesuche hier schon auf viele Arten gefeiert: Mit und ohne Kommunion, mit und ohne Priester, mit mehr oder weniger Dialog und Beteiligung aller. Ich bewundere diese Vielfalt und denke, dass unsere Kirche in Europa daran leidet, dass "Messe" etwas Fertiges und Perfektes sein muss.
Hier gibt es eine groessere Bandbreite des Akzeptierten und mehr Bereitschaft und Freude, Messe persoenlich zu gestalten.
Waere es mein Fachgebiet, wuerde ich diesem Unterschied mehr auf die Spur kommen wollen: Was haelt die Kirche hier so lebendig? Wie wird sie zur Unterstuezung der persoenlichen Erfahrung mit Gott?

Und was ist jetzt dran, an der verordneten Beschraenkung der Feiern, die von Laien gestalten werden? - Das frage ich also Padre Joao. Er bleibt cool und antwortet britisch pragmatisch: "Wird sich geben. Spaetestens wenn gar keine Priester mehr hier an der Peripherie sind."

Seine Predigt am Vormittag und meine beschraenkten Sprachkenntnisse haben mich heute Vormittag auf eine Idee gebracht: Fuer mich neu zu uebersetzen und aufzuschreiben, an was ich zu glauben im Stande bin. "Mein Glaubensbekenntnis" sozusagen.
Wahrscheinlich wird es nie fertig werden, denn ich bemerke, wie ich mich schon durch das Schreiben veraendere: durch das klarere Bewusstsein meines Lebensfundaments und der vielen Risse und Spruenge darin.

Samstag, 17. Dezember 2005

16.12. Abschiedsworte

Ich fuehle mich hier sehr lebendig und das heisst auch verletzlich und gefuehlvoll. So geht es heute wieder auf und ab: Meine Abschiedsworte an die Schwestern hat die tapfere Célia mit mir korrigiert und wir beide haben dabei fast nicht geweint.
Von Célia habe ich ein schoenes Buch bekommen: Kurzgeschichten zeitgenoessischer brasilianischer Autoren, und sie gab mir viel “Homework”, zur Beruhigung wahrscheinlich.
;-)

Bild: Rinnsteinblume vor der Schule
rinnsteinblume

Im Haus ist neuer Besuch angekommen, unter anderem Marco, ein Neffe von Caetana. Er studiert Volkswirtschaft, mit Schwerpunkt Geschichte und Regionalentwicklung, und ist bereits im Doktorratsstudium. Es ist hochinteressant mit ihm ueber Globalisierung und die Perspektiven der Entwicklung in Brasilien zu sprechen. Und ausserdem gehts auf englisch, das bringt einfach mehr!

Auf mich wartet in den naechsten Tagen Neues. Ich weiss nicht, wann ich wieder ins Netz kann, voraussichtlich am Montag oder Dienstag.
Auf bald, ihr Lieben!

15.12. Saudade - Herzschmerz

Die Emotion um mich herum steckt mich an. Zudem beginnt auch fuer mich wiederum ein Abschied: Von meiner lieben Lehrerin Célia, die mich so gut begleitet hat, und von den Schwestern hier.

Nicht schwer zu erraten, was es am Abend gab: Ein Abschluss- und Weihnachtsfest, diesmal von den Kindergartenkindern.
Bild: Entlein
Creche

Zum Einstieg, waehrend noch alle ihre Plaetze im Theater suchen, wird ein Film mit Szenen aus dem Kindergarten projeziert: Zwergerln, die zum Kindi kommen – huepfend oder mit gesenktem Kopf; Kinder, die ihre Taschen auspacken, die spielen und so weiter. Kindergesichter ohne Ende. Hinreissend. Und dazwischen immer wieder auch drei Kinder, die im Rollstuhl sitzen und trotz ihrer Laehmung in die Aktivitaeten der anderen einbezogen werden. Schliesslich konnte ich mich nicht mehr halten. Das Bild war zu schoen, und es erinnerte mich zu sehr an Elena und an alle Menschen, die ihre Kreativitaet fuer sie einsetzen.
Hier geht man sehr normal mit Gefuehlen um, und es ist daher nicht schwer zu weinen und sich trotzdem mit den anderen zu freuen.

14.12. Japan in Liberdade

Heute Vormittag gabs Feuerwerk in der Schule. Ich dachte an eine Schulschlussparty: “School’s out for summer, school’s our for winter....”
Aber nein, wenn es hier kracht, dann hat Sao Paulo irgendwo auf der Welt ein Fussballmatch gewonnen. Diesmal wars unueberhoerbar in Tokyo.

Das passt, denn am Nachmittag wollte ich ein japanisches Strassenfest besuchen, das mein Reisefuehrer als Geheimtipp bewirbt. Im Stadtteil Liberdade leben zum groessten Teil Japaner. Die Strassenbeleuchtung ist japanisch, die Geschaefte sind japanisch angeschrieben und es gibt mehrere japanische Ausgaben von Tageszeitungen in Sao Paulo.
In den Strassen reiehn sich herrliche Geschaefte einander: Kitsch und schoene Dinge aus Holz und Halbedelstein, Porzellan und elektrische Reiskocher. Ein wunderbares Holzschwert aus edlem dunkelrotem Holz kostet – Atem anhalten – 10 Euro. Gesehen im Japan-Shop.
Candinha hat mich begleitet und ist mit mir durch einen japanischen Garten spaziert. Ich habe ihr ein wenig von der japanischen Spiritualitaet des Augenblicks erzaehlt: “Meister, was tust du, um zur Erleuchtung zu gelangen?” “Wenn ich gehe, dann gehe ich. Wenn ich stehe, dann stehe ich. Wenn ich sitze, dann sitze ich.” “Ja, Meister, aber das tun wir auch.” “Nein, wenn ihr geht, dann steht ihr schon. Wenn ihr steht, dann sitzt ihr schon. Wenn ihr sitzt, dann geht ihr schon.”

Zu meiner Schande muss ich sagen, dass ich das Fest nicht finden konnte. Ein Nachmittag mit Candinha beschert aber andere Attraktionen: Wir finden eine winzige Kirche, die fast 300 Jahre alt ist: Zur Madonna von den Noeten. Der Mesner holt sogar die Statuen der Heiligen aus der Vitrine, als er bemerkt, dass ich fotografiere. Candinha plaudert mit jedem und nuetzt die Zeit, auf ihre Weise zu fuer Ordensnachwuchs zu werben: “Nein, ich bin nicht aus Sao Paulo. Ich bin eine Gaucha und ich liebe die Armen. Und ich danke jeden Tag Gott, dass ich eine Ordensfrau bin.”

Dann stolpern wir noch ueber grosse und ueberreichlich ausgemalte Kirche voller Heiligenstatuen, von der Candinha behauptet, dass sie jeder kennt. Weiters finde ich endlich ein Geschaeft, das mir die Fotos von der CD ausdruckt. Das ist fein, denn jetzt habe ich ein Weihnachtsgeschenk fuer jede Schwester!

Wir muessen puenktlich zuhause sein, denn um 7 Uhr gibts die Schulschlussfeier des “Alphabetisierungs-Kurses”. Das sind Jahreskurse mit den Inhalten der Grundschule, verbunden mit erwachsenengerechten Methoden. Caetana hat ein Team von LehrerInnen, die zum groessten Teil ehrenamtlich unterrichten. Seit vier Jahren werden diese Kurse durchgefuehrt und in jedem Jahrgang sind ca. 30 Personen jeden Alters. Fuer diese bedeutet die Abendschule dreimal in der Woche von 18:30 – 21:00 Uhr Unterricht. Beeindruckend, dass sie das durchhalten!
Und es spricht sehr fuer den Stil des Kurses, dass etliche der StudentInnen seit vier Jahren dabei geblieben sind und sogar noch ein Jahr anhaengen wollen.
Die Verabschiedung des vierten Jahrgangs bringt reichlich Emotion. Besonders beruehrend ist die Erzaehlung einer Lehrerin, die berichtet, wie sehr sie sich mit jeder einzelnen freut, wenn es gelingt, sich ein Stueck der Welt des Wissens zu erobern. Sie vollendet ihre kurze Rede mit Traenen.

Im Gespraech mit den anderen LehrerInnen spuere ich die Freude an meinem Beruf, Erwachsenenbildung, deutlich. Hier bin ich richtig.

Terezinha muss frueher weg und zur Parallelveranstaltung: In der Mittelstufe wird ebenfalls ein Jahrgang Jugendlich von ca. 15 Jahren verabschiedet.
Die Schueler der Mittelstufe sind sichtlich nicht aus der Oberschicht. Manche Eltern und Geschwister sind mit dem Ritus der Messe nicht vertraut und wirken etwas verloren.
Der Gottesdienst haette genausogut bei uns statt finden koennen: Der Priester ist jung und bemueht sich redlich, zischt aber haarscharf an den Jugendlichen vorbei, die miteinander konkurrieren, wer unter ihnen der coolste ist. Was bei uns nicht selbstverstaendlich ist: Das Fest wird von einem professionellen Kamerateam dokumentiert. Wieder ein Zeichen fuer den hohen Standard dieser Schule.
Am Schluss rettet Caetana die Messe, indem sie eine kurze, herzliche Ansprache haelt und alle auffordert sich ein Zeichen der Freude und Dankbarkeit zu schenken. Zu Beginn ein wenig vorsichtig, aber bald ohne Hemmung suchen sich jetzt Eltern und AbsolventInnen und fallen einander in die Arme. Auch fuer die Schueler ist das passender Rahmen, sich lachend und weinend voneinander zu verabschieden.
Welche Seligkeit zum Ausklang dieses Tages!
emocao

Donnerstag, 15. Dezember 2005

13. und 14.12. Santa Luzia

Gestern, Montag war hauptsaechlich ein Lerntag. Und die Weihnachtspost habe ich verschickt.
Heute, 14.12. ist "St. Luzia"
Dreimal in der Woche feiern wir in unserer Kapelle Messe mit dem jungen Priester aus dem Norden. Heute hat er uns versetzt, was ueberraschenderweise niemanden aufgeregt hat. Statt dessen wurde so selbstverstaendlich improvisiert, dass ein Aussenstehender die Programmaenderung wohl kaum bemerkt haette. Die Schwestern sind sehr souveraen.

Um halb sieben gibts Fruehstueck. Um acht hatte ich bereits Geschirr und Waesche gewaschen und konnte mit dem Informatik-Lehrer Roberto die Fotos aus der Kamera auf eine CD zaubern. Endlich!
Das Resultat ist schon zu bewundern: Vom 2.12. bis heute gibts wieder "frische" Bilder.
Bild: Caetana und Bruderherz im Pool beim Geburtstagsfest
poolig

Am Rueckweg vom Computer-Raum gabs eine Ueberraschung:| Alle Ausgaenge waren versperrt, Roberto war nicht mehr da und ich war im Gebaeude 2 eingeschlossen. Am Freitag beginnen hier die grossen Ferien. In den letzten Schultagen gibts jede Menge Projekte und Ausfluege und Praesentationen und viele Klassen sind gar nicht da – Schulschluss eben, wie bei uns. So kann ich mir am ehesten erklaeren, dass ein ganzer Gebaeudeteil versperrt wird. Ich habe also ein Schlupfloch gesucht, allerdings erfolglos. Nach etwa 15 Minuten kommt aber eine Dame mit Schluessel und holt mich ab. Die Schule wird mit Wachpersonal und Kameras rund um die Uhr ueberwacht, wahrscheinlich hat man mich gesehen.

Zur Erholung einen schnellen Cafezinho und auf mit Candida nach St. Martin. Heute waren wir rasch fertig, denn sie hatten nur 280 Leute zum Essen, normal sinds 100 mehr.

Ob ich sie nach St. Luzia begleiten wuerde, fragt mich Candidinha. Aber sicher! Candida ist italienischer Abstammung. Ich nehme an, da muss sie einfach die Heilige an ihrem Festag besuchen gehen. Ausserdem ist dort heute was los! Unterwegs haben wir Saaantaaa Luuziiiiiaaaaaa! gesungen.

Schon vor der Kirche gibts ein Gedraenge und viele Bumenverkaeuferinnen. Die Kirche ist winzig, und uebervoll mit Blumen. Menschen sitzen, knien, beten, bringen weitere Blumen. An der Kommunionbank steht der Mesner mit der Reliquie im goldenen Gefaess. Er beruehrt damit die Stirn der geduldig in der Schlange Wartenden.
Es gibt zwei als wundertaetig verehrte Statuen in der Kapelle: ein “Jesuskind” und “Die Madonna mit dem Kopf”, das ist eine Marienstatue, die einen abgeschlagenen Kopf in der Hand haelt. Wer von meinen ikonographisch gebildeten Lesern weiss was dazu?

Candida will noch am Gottesdienst teilnehmen und ich schlendere derweil durchs Zentrum.
Nachdem ich das Kapitel ueber die Imbissstuben in meinem Portugiesisch-Buch fast auswendig kann, muss ich das auch mal probieren. In der Vitrine liegen kleine Pastetchen und ich entscheide mich fuer “Palmito” Palmherzen, weil ich mich schon beim Lesen immer gefragt habe, was das sein kann.
Wissen tue ich es noch nicht, aber es schmeckt sehr gut.
Die Auswahl des Getraenks war etwas stressig, denn es gibt mindestens 20 Fruchtsaefte mit unaussprechlichen Namen und ich kenne ausser Mango keinen. Ganz oben auf der Liste steht “Abacaxi”. Wenn ich mich recht erinnere, ist das Ananas. Richtig nimmt der Verkaeufer eine Ananas aus dem Kuehlschrank, schneidet sie in Stuecke und produziert mit dem Entsafter vor mir ein koestliches Getraenk.

Zurueck bei der Kirche sehe ich die Menschen bis heraus auf die Strasse stehen. Noch immer versuchen einzelne sich in die Kirche zu draengen. Arme Candida! Das wird wohl noch dauern, bis sie heraus kann, denke ich und mache es mir im Caféhaus vis-a-vis gemuetlich. Der Expresso kostet 30 Cent (!), naja war Selbstbedienung ;-)

Hast du es nicht gesehen, da taucht Candidinha puenktlich auf. Sie hat die Bewegung der Menschen, die zur Kommunion wollen, genutzt und sich aus der Kirche gewutzelt. Jetzt erstmal ausatmen und Café trinken. Und dann begleitet mich Candida noch in ein Shopping-Center mit Namen Anália Franco.
Man muss wissen, dass hier alles weich ausgesprochen wird. Franco klingt fuer mich also wie Frango, das Wort davor habe ich vergessen, ich wusste also nur noch “Shopping Frango” und du weisst vielleicht noch, dass Frango “Hendl” bedeutet.
Candida wiehert heute noch, wenn sie vom Shopping “Frango” erzaehlt.

Dieses Chopping-Center war irgendwie netter als das letzte in Tatuapé. Die gesuchte Digi-Cam kostet aber locker das doppelte wie bei uns und wird also nicht gekauft. Bei einigen absolut verlockenden Kleidergeschaeften habe ich mich brav zurueckgehalten, in einem Kinderkleider-Laden aber konnte ich nicht mehr widerstehen. Dem Geschick der jungen Verkaeuferin ist zu verdanken, dass alle Maedchen der Verwandtschaft Sommerkleider aus Brasilien bekommen werden. “Lindo, lindo!” – heisst gaaaaanz huebsche und spricht man mit entsprechender Suesse aus!

10.12. Die Peripherie der Peripherie

Dulce und Hilda wohnen zwar schon an "der Peripherie", aber bis zum wirklichen Stadtrand waren wir noch fast eine halbe Stunde mit dem Auto unterwegs.
Das neue Header-Bild habe ich dort aufgenommen.
Der Stadtrand ist Neubaugebiet fuer Zuwanderer, vorwiegend aus dem dem Norden Brasiliens. Die Gegend ist sehr huegelig, die Strassen entsprechend steil.
Wer ein Grundstueck kaufen will erhaelt 5 x 25 Meter. Gebaut wird solange Geld da ist. "Hier ist alles unfertig" sagt Pater Joao, ein Ire, der seit 40 Jahren am Stadtrand lebt. "Der Vater baut unten, der Sohn den Stock darueber und die naechste Generation noch einmal darueber."
Als Joao nach Brasilien gekommen ist, lebten nur 25% der Menschen in der Stadt. Heute sind es 80%. Der Prozess der Umstrukturierung vom Feudalsystem auf die moderne Informationsgesellschaft hat in Europa einige hundert Jahre gedauert. Hier geschieht alles gleichzeitig und in wenigen Generationen. Das fuehrt zu den entsprechenden Entwurzelungen der Menschen samt allen negativen Begleiterscheinungen, so erklaerte er. Die grosse Migration von Norden nach Sao Paulo aber habe bereits vor etwa 5 Jahren aufgehoert.
Joao ist leidenschaftlicher Fotograf und hat zwei schoene Spiegelreflex-Digicams. Er fotografiert und schreibt fuer verschiedene kirchliche Zeitungen.
"Er liest taeglich 2 - 3 Stunden!" erzaehlt mir Hilda voller Bewunderung. Padre Joao wirkt pragmatisch nuechtern auf mich, sehr angenehm! Freue mich, ihn besser kennen zu lernen.
Bild: Joao
padre

Hilda arbeitet mit ihm in einem Pfarrzentrum, wo die Padres fuer eine ganze Reihe an Angeboten gesorgt haben: Es gibt Kinderguppen, Kurse ueber Hausmedizin, gesunde Ernaehrung etc., eine Sozialarbeiterin ist angestellt, und besonders stolz sind sie auf den Computerraum mit ca. 30 Geraeten. Die Haelfte funktioniert zwar nicht mehr, aber die andere Haelfte wird taeglich von mehr als 200 Leuten benutzt. Ein Ehrenamtlicher bietet Kurse an: 6 Frauen jeden Alters waren gerade anwesend. Kinder kommen zum Spielen am PC her und Reingard steigt ins Internet ein und freut sich ueber die Kommentare von Brigitte und Petra.
Bild: Wir stoeren eine Kindergruppe, die ein Weihnachtsspiel vorbereitet
Hilda

Die Runde durch die Neubaugebiete mit Joao am Vormittag war aeusserst interessant. Am Nachmittag hatte Hilda einen Termin: Weiterbildung. Es gibt jetzt neuerdings eine Fortbildung fuer Ehrenamtliche, die Gespraechsrunden zu religioesen und Lebensthemen gestalten. Manche dieser "Catequistas" sind grad erst 18, andere sind bereits in Pension. Ich habe hier einige sehr interessante Frauen kennen gelernt, leider konnte ich mir die Namen nicht merken.
A ist Reinigungsfrau und hat seit Jahren eine Gruppe fuer Jugendliche. Sie wirkt selber sehr jung, ist auch fetziger gekleidet als die anderen. Sie zeigt mir Fotos und erzaehlt: "Den habe ich dreimal gefragt, ob er nicht doch zur Firmung will, aber er hat mir keine richtige Antwort gegeben. Nach langen bin ich drauf gekommen, dass seine Eltern es verboten haben. Sie hatten kein Geld fuer ein Firmgeschenk!" Die Geschichte ging natuerlich gut aus.
B ist Mutter von drei Kindern, das juengste 13. Eine gepflegte, intelligente Dame, die zugibt, dass es nicht leicht ist, den Haushalt und die Arbeit in der Pfarre unter einen Hut zu bringen. "Aber ich brauche diese Arbeit, sonst werde ich verrueckt zuhause! Es geht allen besser so!"
Die Unterrichtseinheit ist enttaeuschend, trotz der "guten Zutaten". Der Referent wirkt erfahren und menschlich interessant, aber 2 Stunden Vortrag ohne Pause in einem ueberhitzten Raum, und im Hintergrund laermen die Kinder - das ist keine Bildung, sonder lediglich eine Gedulds- und Kraftprobe. Interessant ist, die Reaktion der Menschen darauf zu beobachten:
Der Widerstand bleibt verdeckt, die Oberflaeche ist angepasst. Drunter gibts Unzufriedenheit mit sich selbst, weil man zu dumm ist, das zu verstehen oder verdeckten Protest mit Seitengespraechen und Wasserholen.
"Ist das jedes mal so?", frage ich. Nein, normal werden die Stunden von Frauen gestaltet, da gibts dann Gruppen und Diskussion und Theater und so fort. Das ist auch mehr fuer die Praxis, werde ich beruhigt.
Interessant, diese geschlechtsspezifische Erklaerung!
Der Bus holt einen grossen Teil der Frauen ab und auf der Fahrt entlaedt sich dann einiges. Ich freue mich darueber und ermutige die Frauen, ihrem Gefuehl zu vertrauen. Ja, es liegt nicht nur daran, dass wir nach dem Mittagessen muede sind. Auch meiner Meinung nach passen hier Inhalt und Form nicht zueinander. Im Land des Paolo Freire, dem grossen Volkspaedagogen, sollte frau sich diese "herablassende" Form der Belehrung nicht mehr bieten lassen.

Das wichtigste KURZ

Endlich Fotos! - ab 1.2.. Dieses Blog enthaelt Notizen und Fotos bis zum 23.2., der ersten Zeit in Piaui. Fortsetzung unter <2brasil.twoday.net>!!!!!!!! Seit 30.1. geniesse das Landleben im "Wilden Westen" von Brasilien - das ist der Nordosten, genauer gesagt Bundesstaat Piaui! Derzeit wohne ich in der Fundacao ASAS, einem privaten Bildungsprojekt fuer Kinder aus benachteiligten Familien. Roberto, der Gruender, ist Hoellaender und arbeitet hier als Seelsorger. Die Gemeinde Sao Miguel hat etwa 3000 EW, laendlicher Raum, schoene Natur, derzeit angenehm sommerliches Wetter. Ich arbeite im Buero, habe viel Kontakt mit Kindern und besuche Familien. Die ersten 2,5 Monate habe ich in Sao Paulo gelebt, in verschiedenen Haeusern der Schwestern der Congregatio Jesu: Zentrale, Schule, Peripherie. Besuchte Sozialprojekte, interviewte interessante Menschen, recherierte viel im Internet, lernte portugiesisch und half ehrenamtlich mit.

Info fuer AllesleserInnen

Das Tagebuch ist wieder aktuell. Falls dein PC manche Tage nicht anzeigt, gehe in der obersten Befehlszeile auf "brasil" und wenn die Auswahl sich zeigt auf "Tagebuch". Die Suchmaschine funktioniert auch, allerdings muss man halt wissen, was man finden will... Peter und Heidrun wissen normalerweise, wie es mir geht: peter.hirsch@atnet.at; HeidrunLange1984@aol.com

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