Dienstag, 14. Februar 2006

12.2. Die sogenannen Armen

Die erste Nacht im neuen Bett: Gut geschlafen, bei leisen Kuhglocken statt lauten Haehnen.
;-)
Leider gibts hier kein Mosikitonetz und ich habe mich gut einwickeln und die Ohren einsprayen uessen. In der Frueh regnet es, ich setze mich raus, lese meine halbe Stunde unter Dach im Freien und mache mir dann Fruehstueck. Irgendwann faellt mir auf, dass wir keinen Strom haben. Macht nix, brauche nur den Gasherd.

Die Morgentoilette allerdings wird improvisiert, denn ich habe auch kein Wasser! Jetzt um 6 kann ich niemanden wecken, ich wasche mich mit dem Trinkwasser aus dem Kuehlschrank – entsprechend fluechtig!

Paulo, der Nachbar und Hausmeister kommt um 8 schliesst die zweite Wasserleitung an. “Wenn es soviel regnet, dann passiert das schon, dass Licht und Wasser nicht funktionieren.” erklaert er. “Was ist mit dem Fleisch im Gefrierfach?”frage ich besorgt. “Ach, bis zum Mittag ist alles wieder in Ordnung, das haelt das schon aus.” Und so ist es auch.

Ich lese und lerne, waehrend ein ordentliches Gewitter uebers Haus zieht. Danach besuche ich Paulo und Familie und spaziere zum Mittagessen um 11 wieder ins Haus von Maria Eloise. Heute ist auch der Vater da, gestern arbeitete er am Feld: Ein schlanker, drahtiger, freundlicher Herr mit dunklem Gesicht und kurzen weissen Haaren.
Er ist 78, gesund und beweglich, obwohl er noch immer jeden Tag koerperlich arbeitet. Der Acker liegt 10 km entfernt. Oft geht er zu Fuss hin und zurueck. Fuer Steins: Typ Onkel Emil aus dem Montafon.

Nach dem Mittagessen kann ich endlich ungestoert und laenger mit Peter am Telefon plaudern.
Roberto und Mary, eine Frau vom Ort, holen mich ab zu einer Fahrt ins Interior. Wir besuchen einige von Robertos Schuetzlingen und hier begegnet mir die Armut und der Stolz der Menschen am Land.
Bild: Roberto mit 2 seiner Klienten vor einem Haus im Interior
3-vor-dem-haus

Irene ist etwa 30, sie lebt mit ihrer Mutter und drei Geschwistern in einem einfachen Haus von etwa 40 – 50 m2: Essraum ohne Tisch, Kueche mit gemauertem Holzherd, zwei kleine Schlafraeume mit Haengematten. Sie ist Mutter von fuenf Kindern von zwei Maennern, die Vaeter sind weg und unterstuetzen sie nicht.
Irene hatte im September einen schizophrenen Schub. Sie war einen Monat zur Behandlung im Krankenhaus. Die Kinder wurden in dieser Zeit bei verschiedenen Familien untergebracht, zwei davon sind allerdings schon wieder bei Irene.
Jetzt leben 7 Menschen in diesem Haus. “Wie fuehlst du dich denn?”fragt Roberto Irene. “Gut. Ich kann auf die Kinder aufpassen.” “Und wie geht es hier im Haus mit zwei Kindern mehr” fragt Roberto die Oma. “Es geht sich aus,” meine diese.

Wer in der Familie arbeiten kann, arbeitet auf dem Feld, um etwas zu verdienen. Ansonsten lebt man vom Kindergeld und der Minipension der Mutter.

Alle tragen saubere und zerrissene Kleider. Man serviert uns einen Cafezinho, plaudert ueber wichtiges und unwichtiges. Nach ¾ Stunden verabschieden wir uns. “Schon?” fragt man freundlich.

Roberto kann hier nicht viel helfen – sie wollen keine Hilfe mehr annehmen. Er wird gebeten, dafuer zu sorgen, dass das Geld von der Bank zur Familie kommt. Und vielleicht schafft er es, dass die Grossmutter sich die offenen Beine behandeln laesst.

Donna Madalena ist 62, sieht viel aelter aus, ist klein, hat warme Augen. Die Haende kann siewgen der Gicht nicht mehr bewegen, die Fuesse tuns noch. Im Haus gibt es keinen Wasserhahn. Sie ist davon abhaengig, dass ihr jemand Wasser vom Brunnen, etwa 500m entfernt, holt. In ihrem Haus sehe ich die Tonkruege stehen, die am Kopf getragen werden. An der Wand Fotos von den Kindern. Eine Tochter ist in Sao Paulo, seit 12 Jahren, ohne eine Nachricht zu geben. Das ist ihre groesste Sorge.
Der juengste Sohn, der in der letzten Zeit mit Frau und Kind vis a vis gewohnt hat, wird morgen abreisen. Er hat einen Job im Supermarkt der naechsten Kleinstadt bekommen. Dann ist sie wieder alleine im Haus.

“Wie wird das jetzt gehen?” fragt Roberto. “Wie es die letzten Jahre auch gegangen ist.” Sagt sie. Im Haus frage ich dies und das ab: Wie gehts mit Anziehen, mit Essen machen, Einkaufen etc. Auf die Frage: ”Wer hilft denn?” antwortet sie “Am allermeisten der Herrgott.” Ihr glaube ich das. In dieser Situation muss man verzagen, wenn man keinen Halt, keine innere Ruhe finden kann. Fuer sie ist das ihr Herrgott.

Sie will nicht weg aus ihrem Haeuschen. Hier hat sie ihre schoenen und schweren Jahre verbracht. Der Vater ihrer vier Kinder ist mit ihrer Kusine davon. Nach 10 Jahren ist er sterbenskrank zurueck gekommen, hilflos. Sie hat ihn die letzte Zeit gepflegt. “Er ist gekommen, um in diesen Armen zu sterben.” sagt sie ruhig und zeigt auf ihren duennen Koerper.

So eine kleine Frau, und so ein grosses Herz. So ist also das Leben der sogenannten “Armen”, die mir nicht ungluecklicher vorkommen wie manche Menschen, die ich im reichen Oesterreich kenne.

Im Abendgottesdienst werde ich von den Kindern gekapert, Williams und drei Maechen setzen sich zu mir und ich bin beschaeftigt, sie ein wenig ruhig zu halten. Geht ganz gut, denn Gottseidank laesst uns Roberto viel singen.

Nach der Celebracao bin ich zu Mary eingeladen. Sie erzaehlt mir ihre Lebensgeschichte. Ich plaudere mit ihren beiden jugendlichen Soehnen und den etwas aelteren Toechtern von etwa 20 Jahren ueber die Lebensperspektiven hier. Schliesslich uebersetzen wir mit vereinten Kraeften einen Madonna-Song. Herz-Schmerz! “Standing on the bridge, waiting in the dark, thought that you’d be here by now…”

Auch Mary hat die Kinder ohne Mann gross gezogen, er hat sie oefter verpruegelt, auch vor allen Menschen im Geschaeft. Die aelteste Tochter, die Buergermeisterin und Roberto haben ihr zur Unabhaengigkeit geholfen.
Sie sieht so gut aus und ist eine aufmerksame, interessante Gespraechspartnerin.

Mary geht 5 x in der Woche aufs Feld und Kuehe melken. “3 Liter gibt eine Kuh, aber ich nehme ihr nur 2”, sagt sie. Ich staune.

Um halb elf begleiten sie mich nach Hause. Auch eine beeindruckende Familie.

11.2. Ankunft in Sao Miguel

In Paes Landim haelt kein Bus. Wer nicht zu Fuss gehen will, organisiert sich eine sogenannte Carona, eine Mitfahrgelegenheit. Abadia und Sebastian, die zwei von der Opposition, fahren zweimal in der Woche nach Sao Miguel, weil sie hier ein kleines Geschaeft haben. Um 7:30 gehts los, meinten sie, mehr oder weniger. Aber die Nacht war kurz fuer die beiden. Sie beginnen um 7:30 erst mit dem Beladen des Autos. Um 9:00 Uhr fahren wir los, der Weg ist nicht befestigt, nur die typische rote Erde, oefter queren wir Wasserloecher, die so breit sind wie die ganze Strasse.
Bild - Der hat grad den Weg frei gemacht..
esel

Um ¾ 10 in Sao Miguel erwartet mich Roberto im Pfarrhaus. Er duerfte etwas aelter sein als ich, ist gross und duenn. Er spricht gut verstaendliches und hollaendisch-weiches Portugiesisch.
Er scheint ein praktischer Mensch zu sein und macht nicht viele Zeremonien. Als erstes wird die Frage der Unterkunft geklaert. Ich kann aussuchen: Allein wohnen in der Fundacao oder bei Maria Eloisa, der Leiterin des Projektes. Die besuchen wir als erstes. Der Einfachheit halber nenne ich sie Maria, denn ihre Mutter heisst auch Eloisa.

Dann spazieren wir zu dritt zum Gebauede, das keine 5 Minuten entfernt am Rand der Ortschaft liegt. Das Haus ist neu, das Projekt wurde 2005 eroeffnet. In der Mitte des schoenen, hellen Hauses befindet sich eine grosse offene, ueberdachte Aula im Ausmass von etwa 10 x 20 m; rechts und links davon liegen die Raueme fuer die Kindergruppen: “Gruppe Sonnenstrahl” und “Gruppe Glueckskind”lese ich ueber den Tueren.
Weiters gibts eine Kueche, Speisekammer und Waschraum, den Informatikraum, das Buero, einige WC, einen Besprechungsraum, der auch als Bibliothek dient, und mein Zimmer-Bad Apartement.

Die Vorstellung, endlich allein sein zu koennen, ist verlockend, gerne nehme ich an.
Roberto und Maria haendigen mir gleich alle wichtigen Schluessel aus und zeigen mir, wie ich ins Internet einsteigen kann.
Ich bin ueberrascht, wie selbstverstaendlich hier alles fuer mich geoeffnet wird, als waere ich eine alte Bekannte.

Maria begleitet mich anschliessend zum Einkaufen. Ich muss mich ja jetzt selber ernaehren. Brot isst man hier nicht, gibts auch nicht zu kaufen. Alle arbeiten auf dem Feld und essen Mais zum Fruehstueck. Ich werde also auch Riebel machen!
Obst und Gemuese gibt es nur zweimal in der Woche: Freitag und heute, Samstag. Glueck gehabt!

Sebastian und Abadia finde ich in ihrem Geschaeft. Sie freuen sich, dass ich vorbei komme und laden mich ein, die Familie kennen zu lernen. Im oberen Stock wohnt naemlich die Schwester von Abadia und der Bruder von Sebastian. Die beiden sind ebenfalls bald 10 Jahre verheiratet. Also rauf und ein wenig plaudern, und ueberall laeuft der Fernseher...

Zum Mittagessen sind wir im Haus von Maria eingeladen. Ihre Mama hat gekocht: Reis, Bohnen, Ripperl, Salat.
Die gemauert Kochstelle befindet sich im Hof, dort gibt es auch ein kleines Schwein, Huehner und Katzen. Weiters einen grossen Esstisch, den Waschtisch fuer Geschirr und Waesche und einen hohen Arbeitstisch.

Im Haus wird fuer uns drei aufgedeckt. Ich frage verwundert, ob die anderen nicht mitesssen und loese damit ein wenig Hektik aus. “Rosa will, dass wir alle zusammen essen!” heisst es, aber die Anwesenden verdruecken sich mit guten Gruenden. Mama Koechin, entschuldigt sich, dass es leider nicht so leicht ist, alle gleichzeitig an den Tisch zu bekommen und isst selber im Freien.

Maria, Roberto und ich bleiben also unter uns. Maria duerfte Ende 30 sein. Sie hat 8 leibliche Geschwister und einen kleinen Adoptivbruder, den 9-jaehrigen Williams. Einige Jahre arbeitete sie in einem Kinderheim im Nachbarstaat Bahia, in Salvador. Als sie von dort wieder nach Hause uebersiedelte, nahm sie Williams mit. Die Eltern haben ihn schliesslich als 10. Kind adoptiert. Er ist kleinwuechsig und quicklebendig.

Von Maria und ihrer Mutter werde ich eingeladen, bei ihnen im Haus zu schlafen. “Ich haette Angst, so allein da draussen”, meint Maria. “Gibt es einen Grund dafuer?” frage ich mal vorsichtshalber nach. Nein, der Ort ist ruhig, versichern sie. “Hier wird nicht gestohlen, du kannst alles offen lassen.” Nur, die Brasilianerinnen wundern sich: Es ist doch niemand gern allein.

Nach dem Mittagessen beziehe ich mein Zimmer, telefoniere mit Peter, der gottseidank zuhause ist, und lege mich erst mal nieder. Eine Mini-Mitteilung im Blog kostet mich 15 Minuten und Roberto 3 Reais, denn das Netz ist extrem langsam.

In der Ruhe des Nachmittags ist dann ein ausfuehrliches Gespraech mit Roberto moeglich, ueber seine Gruende hier zu leben und die Idee des Projektes. Naeheres folgt.

Ab 4 gibts in der Fundacao Informatik-Unterricht. Heute lehrt Ivone, 18 Jahre alt. Es haengt ein wenig vom Wetter ab, wie viele Schueler erscheinen, heute sind es zwei Kinder. Zuerst heisst es eine halbe Stunde mit Word oder Excel kaempfen, danach duerfen sie zeichnen oder spielen.
Ich lasse mir von der kleinen Bruna das Zeichenprogramm erklaeren – es ist so leicht hier mit allen in Kontakt zu kommen.

Um 6 mache ich mir ein paar Erdaepfel zum Abendessen, kille die Ameisen in der Kueche und geniesse das Essen in der Aula mit Blick auf den See.

Rund um uns ist alles Gruen. Grosse weisse Reiher ziehen ueber den See.
Kleine Stelzenvoegel spazieren vor dem Haus herum und machen ein unglaubliches Geschrei. Um 3/4 7 hoere ich eine Kirchenglocke. Zum ersten mal, seit Monaten. Ob ich Roberto falsch verstanden habe, und der Gottesdienst ist doch schon heute?

Ich marschiere also zur Kirche. Dort werde ich freundlich begruesst, es gibt eine Marienandacht und wir sind etwa 10 Frauen.
Nachher sitze ich noch lange draussen auf dem Platz vor der Kirche und plaudere mit Kindern und Jugendlichen. Sie haben so schoene Namen, aber ich vergesse sie sofort, es ist zuviel Neues fuer mich!

“Geh in der Nacht ins Internet”, empfahl mir Roberto, das mache ich auch und freue mich ueber die Beitraege im Blog.
Mondschein ueber dem See, gute Nacht!

Sonntag, 12. Februar 2006

8. – 10.2. Nachspiel

“Roberto hat keine Zeit”, sagt Neide und meint: Er kennt keine Zeit. Wenn er kommt, ist er halt da.
Bin schon gespannt auf den Hollaender, der am Rand der Welt ein privates Projekt fuer Kinder aufgebaut hat. Am 8.2. sollte er mich abholen, aber er steckt noch in der Hauptstadt fest, erfahren wir am Abend.

Ich werde am 11.2., am Samstag, mit Sebastians LKW mitfahren nach St. Michael. (San Miguel) und dann bleiben.

Die Zeit in Paes Landim koennte verlorene Wartezeit sein, ist es aber nicht. Das Leben schmeckt hier wie dunkle Schockolade, bittersuess, und ich mag das.

Noch ein paar Rueckblicke:

Vor zwei Tagen war der Himmel am Abend bedrohlich gelb-grau, das Licht voellig veraendert, aehnlich wie bei einer Sonnenfinsternis. Ich konnte mich nicht satt sehen und war gespannt auf die Ursache. Am naechsten Tag haben wir erfahren, dass in der Nachbarschaft ein Orkan getobt hat. Bei uns gab es auch Sturm in der Nacht, er hat unsere zwei schoenen Kakteen gebrochen. Sie standen im Vorgarten und waren ueber 2 Meter hoch. Der eine ist entwurzelt und vom anderen steht noch ein trauriger Stumpf da.
Maristela wird “Kakteen hacken”, wenn sie kommt. Neide laesst mich nicht.

Gestern Nachmittag kam noch eine Todesnachricht. Donna Lisima war eine zarte, kleine Frau, europaeisch im Aussehen. Mit den grossen Augen und ihrer Hackennase wirkte sie wie ein Voegelchen, etwas flattrig und verletzlich. Sie war taeglich in der Kirche, immer wenn sie mich sah, ist sie mit ihren vorsichtigen Schritten hergekommen und hat mich umarmt, freundlich und wohlwollend. Durch die Folgen eines Schlaganfalls konnte sie nicht mehr richtig sprechen.
Gestern wurde sie ins Krankenhaus nach Simplicio Mendes gebracht, weil sie sich nicht wohl fuehlte. Dort ist sie ueberraschend noch am selben Tag verstorben.

Wer immer einen Bezug zu ihr hat, geht am Abend zu ihrem Haus. Dort werden Stuehle und Baenke auf der Strasse aufgestellt. Die Strasse ist dunkel, Licht faellt aus den Fenstern und offenen Tueren der Nachbarhaeuser. Leute kommen, warten.
Der Sarg mit der Toten wird abends um 9 gebracht und aufgebahrt. EinTeil der Menschen bleibt im Raum und betet den Rosenkranz. Andere stehen draussen oder in den inneren Raeumen des Hauses und unterhalten sich. Kinder jeden Alters kommen vorbei und wollen die Senhora noch sehen und das Seidentuch streicheln, mit dem sie bekleidet ist. Es ist eine ernste Stimmung im Raum, aber keine laute Emotion und auch kein Grauen.

Die Beerdigung war schon am naechsten Tag, sobald die Verwandten aus Sao Paulo eingetroffen waren.
Es hat ich sehr beruehrt, und mir wieder bewusst gemacht, dass es kein Zufall ist, wenn jemand Teil von meinem Leben wird und ich von seinem.
Ich danke fuer euch alle, die ich euch in meinem Herz mitgenommen habe.

Natuerlich denke ich auch ganz speziell an das Geburtstagskind in Wien!
Sonnige Glueckwuensche Poldi!
Ich bin stolz und freue mich, dich zu kennen. Und ich weiss, dass es mehreren so geht. Du bist fuer uns wichtig! Erzaehle weiter deine Erinnerungen!
Gruesse auch deinen Prinzen
und den Herrn Neffen von Herzen!
Seid umarmt!

3. - 7.2. Sommerfrische

Regen, Regen, Regen! Jeden Tag ein wenig. Das senkt die Temperatur auf zwischen 23 – 35 Grad. Also sommerlich genug, um kalt zu duschen.

Ich passe mich gerne ans geruhsame Leben hier an: Mit Sonnenaufgang um ¾ 6 stehe ich auf. Morgens gibts das grosse Auskehren: Eine Schaufel toter Kaefer, Schmetterlinge und Fliegen schmeisse ich jeden Tag raus.
Neide lueftet einige ihrer “Geheimnisse”: Wir machen Butter, Brot, Likoer, gruene Polenta, Kraeuterbitter, “Seiden-Pudding” – eine Variante unserer “Vogelmilch” etc.

Wenn Besuch kommt, nutze ich das fuer ein Gespraech und besuche auch die Leute zuhause. Die Haengematte ist ein Lieblingsplatz von mir: Fuer das Mittagsschlaefchen und zum Lesen.
Peter findet heraus, unter welcher Telefonnummer ich hier wirklich erreichbar bin und schliesst mich wieder an die Zivilisation an. Ich hatte ihm eine falsche gegeben - echt, nicht aus Absicht! ;-)

Seit ich einen kleinen Tisch fuer die Veranda gekauft habe, sitzen wir praktisch nur noch draussen. Und das Essen geht auch leichter, als mit demTeller am Schoss.
Nachmittags halte ich “Mittagsruhe” in der Haengematte, danach spielen wir ein paar Runden Rummy und wenn es nicht zu hiess wird, lerne ich portugiesisch.
Bild: Siesta, Neide links - Maristela rechts
rezando

Maristela ist wieder nach Hause gekommen. Sie ist die Nichte von Neide und praktisch gleich alt wie ich. Man haelt uns ueberall fuer Verwandte.

Ab 7 ist es dunkel. Dann gehts in die Messe oder zum Rosenkranz in das Haus, wohin eingeladen wurde.
Herrliche Situationen ergeben sich hier mit Menschen jeden Alters: Den Senhoras mit ihren braungebrannten, zerfurchten Gesichtern, den bildhuebschen Jugendlichen und herumwuselnden Kleinkindern. Die Haeuser sind einfachst, ohne Keller, mit einfachem Wandverputz, kahlem Betonboden, nackter Gluehbirne. Die Zimmerdecke ist gleichzeitig das Dach: Balken und Ziegel liegen frei, die Luft zieht durch.

Fuer die Gaeste werden Plastiksessel herbeigeschafft, 20 – 30 Menschen sitzen so im Kreis in dem ersten Raum gleich nach der Haustuer.
Das elektrische Licht zieht einfach zuviele Insekten an und wird daher abends nach Moeglichkeit abgedreht. Das Kerzenlicht aber macht alles weich, ebenso wie die warme Aufmerksamkeit der Menschen fuereinander.

JedenTag wird fuer den Regen gedankt und jeden Tag aufs Neue bitten sie, dass er endlich ueberall hin kommt, wo er noch fehlt.

In den Naechten traeume ich viel und schoen. Fast immer kommen Personen aus der Heimat vor, mit denen ich schoene Dinge erlebe. Ich fuehle mich hier wie im Urlaub – auf Sommerfrische sozusagen.

Maristela hat geholfen, die naechste Zeit fuer mich zu organisieren.
Aus Sao Joao und der Arbeit mit Marguerida wird nichts, weil diese in Sao Paulo bleiben musste. Auf sie kommt eine Augenoperation zu.
Dafuer bekomme das erfreuliche Angebot, ab 8.2. fuer etwa einen Monat bei Roberto im Projekt zu arbeiten.
In San Miguel, etwa eine Stunde von hier entfernt.
Was dort sein wird? Ihr wisst schon: Vamos ver!

2.2. Die “Pastoral da Criança”

Durchs Lesen lerne ich mehr davon kennen und es wird Zeit, dass ich euch von dieser erfolgreichen Organisation erzaehle, die sogar fuer den Friedensnobelpreis vorgeschlagen wurde:

Gegruendet wurde die Initiative von einer engagierten Aerztin und mit Unterstuetzung wichtiger Persoenlichkeiten der Kirche in den vergangenen 80-Jahren. Da die Kindersterblichkeit in Brasilien sehr hoch war, auch heute noch ist sie 7 x so hoch wie in Oesterreich, hat auch der Staat mitgeholfen.
Die Organisation ist professionell aufgebaut, ihr stehen praktisch in jeder Pfarre Brasiliens ausgebildete Freiwillige zur Verfuegung. Diese bieten verschiedene Dienste unentgeltlich an: Hausbesuche, Elternrunden, Stillberatung, Kurse, Kinderbetreuung, Familienberatung.

Mindestens einmal im Monat wird die Waage hervorgeholt. Die Kontrolle der koerperlichen Entwicklung des Kindes ist ein wichtiges Ziel und Indikator fuer den Ernaehrungszustand. Das Gewicht wird auf einer Karte eingetragen und die Zusammenfassung monatlich nach Curitiba in die Zentrale geschickt. Wer regelmaessig zum Abwiegen kommt, trifft nicht nur andere Frauen und kann ueber die Situation reden, sondern verdient sich damit auch spezielle Vorteile: Einladungen zu Festen und Geschenke.

Der “Fuehrer fuer Mitarbeiter” beeindruckt mich sehr. Voller Bilder aus dem Alltag in der Familien und ist leicht verstaendlich geschrieben ist er wie ein Reisefuehrer durch die spannenden Zeiten der Schwangerschaft und ersten 6 Lebensjahre des Kindes. Er behandelt die rechtlichen Fragen (Mutterschutz, Personrechte in der Verfassung, oeffentliche Fuersorge) ebenso wie medizinische (Gesundheitsrisiken, Impfungen, koerperliche Entwicklung), Fragen der Erziehung und der Entwicklung des Kindes und der Hygiene.
Das Buch ermutigt zum Stillen und bietet hilfreiche Information bei etwaigen Schwierigkeiten. Die spirituellen Inhalte zeigen die “Wurzel” der Initiative: Dankbarkeit und Freude ueber das Leben wie auch Verantwortungsgefuehl.

Immer wieder mobilisieren die Autoren und informieren, welche Rechte und Pflichten Frauen bzw. Familien wahrnehmen sollen, damit die verantwortlichen Stellen ihrem Auftrag nachkommen: Eine gesunde Umwelt zu schaffen mit den entsprechenden Spiel- und Lebensraeumen, mit Arbeits- und Erholungsmoeglichkeiten.

1.2. Ambiente

Paes Landim ist um einen rechteckigen Platz angelegt, an dem die Kirche und die kleine Krankenstation liegen. Die Strassen sind nicht geteert sondern mit Pflastersteinen belegt und rumpeling. Die Haeuser sind eingeschossig, meist hell gestrichen, mit Giebeldaechern und sumpathischen rot-braunen Dachziegeln. Festerglaeser gibt es nicht, die Fensteroeffnungen werden nur mit Holzlaeden verschlossen. Normalerweise aber ist alles offen und man nutzt jede moegliche Luftbewegung zur Erfrischung.
Es gibt fliessend kaltes Wasser in den Haeusern.

Strassenverkehr existiert praktisch nicht, hier siehst du nur Fussgaenger und ab und zu ein Motorrad, oefter schon Fahrraeder, Pferde oder Esel. Manche sogenannte “Jeckis” leben wild und suchen Gruenes in der Stadt.. Ich erinnere mich, auch Papa hat einen Esel “Jecki” genannt.

Neide haelt etwa zwanzig Huehner und drei Haehne, die mich skeptisch mustern und kraehend begruessen. Ich wusste nicht, wie Haehne knurren koennen! Im Garten gibts einige Beete mit Salat, Kraeutern und fuer mich unbekanntem Gemuese, Obstbaeume: Cerola, Manga, Limonen, Goiaba, Mamao und ein paar neue fuer mich. Weiters Spatzen, Eidechsen und Kolibris, riesige Schmetterlinge und Geier. Ja, die spazieren hier durch!
Bild - 3 Geier auf der Gartenmauer
geier

Es laeutet oft an der Gartentuer, dann will jemand etwas von den Schwestern: Schluessel fuer den Gemeinschaftsgarten, Eier oder Brot von Neide kaufen, Abendmesse besprechen, Enkelkind herzeigen…

Justina nimmt mich mit zur Pastoral da Criança im Nachbarhaus, wo grad ein wenig Leben ist. 3 – 4 jugendliche Mitarbeiterinnen sind da, Muetter mit Babys und Kleinkindern kommen und gehen. Heute ist ein Wiegetag: Die Kleinen werden in einTuch gelegt, das an der Federwaage haengt. Offenbar gefaellt ihnen das nicht, denn alle schreien. Sie werden rasch befreit und getroestet. Die Muttis sind max. 20 Jahre jung. Es wirkt, als haetten sie lebende Puppenkinder zum Spielen.

Justina verreist bald wieder zu ihrem Arbeitsplatz in San Raimondo Nonato, der Bischofsstadt. Sie drueckt mir zwei “Fuehrer fuer Mitarbeiter” in die Hand, dicke A4-Buecher ueber die Mutter-Kind-Arbeit und ueber das Projekt “drittes Lebensalter”.

Ich lese gern darin und erinnere mich an die Zeiten, als Heidrun ein Baby war. Und denke jetzt auch viel an die Kinder in meinem Umfeld:
Amelie wird schon sitzen, ob sie sich schon umdrehen kann?
Was Elisabeth schon alles plaudert? Wie es ihr wohl in der Kindergruppe geht? Ob sie gern spazieren gehen wird mit mir?
Ob Elena weiterhin die gestuetzte Kommunikation uebt?
Und Martin, der ist ja schon ein ¾ Jahr alt! Der wird krabbeln!
Bin gespannt von euch zu hoeren, wenn ich wieder ins Netz komme.

31.1. Heiss in Paes Landim

Am ersten Tag in Paes Landim kann ich mich schwer zu etwas aufraffen. Die Hitze pulverisiert Denken und Wollen.

Ein kurzer Spaziergang geht sich aus zu Marileni, die am Vormittag vorbei kommt und mit mir plaudert. Sie ist als Gesundheitsassistentin von der Gemeinde angestellt, gemeinsam mit 8 anderen. Ihr Bereich umfasst etwa 120 Familien, die sie regelmaessig besucht, um die soziale und gesundheitliche Situation zu erheben. Ich nehme zunaechst an, dass sie eine mobile Helferin ist, aehnlich wie unsere Hauskrankenpflege oder Heimhilfe, aber sie betont, dass sie nur Gespraeche fuehrt. Ich kann mir das nicht vorstellen und frage nach: “Was tust du, wenn du in ein Haus kommst, wo Hilfe gebraucht wird?” “Dafuer bin ich nicht zustaendig. Ich helfe schon manchmal, aber ich muss nicht.” “Also, wenn du in ein Haus kommst, und da wohnt eine alte Frau, und niemand geht fuer sie einkaufen – wer macht das dann?” “Das gibt es bei uns nicht. Jeder hat seine Verwandten. Die sollen aufeinander schauen.” “Und gibt es Familien, die Hunger leiden?” “Ja.” “Was tust du also, wenn du in ein Haus kommst, wo sie nichts zu essen haben?” “Schau, bei uns gilt das nicht mit der sogenannten christlichen Naechstenliebe. Hier sagt man: Jeder fuer sich und Gott fuer alle.” Ich setze nach: “Wer kann denn in der Gemeinde Hilfe fuer eine Familie organisieren, die keine Lebensmittel mehr hat.” “Wir Gesundheitsassistentinnen nicht, wir koennen nichts machen. Vielleicht die Sozialarbeiterin. Die ist die Tochter vom Buergermeister. Die hat am ehesten Moeglichkeiten.”
Ich bemerke ueberrascht: Sogar eine professionellen Helferin hat kein Bewusstsein dafuer, dass die Menschen per Gesetz Anspruch auf Hilfe haben. Mal ueberpruefen: “Es gibt doch das Programm “Null Hunger” von Lula und Lebensmittelpakete fuer diese Familien.” “Stimmt, aber der Buergermeister muss bei der Aktion mitmachen. Und der macht nur bei der Milch-Aktion des Landwirtschaftsministeriums mit.”
“Warum?” Keine Antwort. “Ist er von der anderen Partei?” frage ich. “Ja, das ist eine politische Sache.” antwortet Marileni und wechselt das Thema.

Der jetzige Buergermeister ist seit 20 Jahren im Amt. Aisa klagt ueber ihn, er hat schon mehrere sinnvolle Projekte abgewuergt.
“Wissen die Leute das?” frage ich. “Ja.” “Und wieso wird er dann wieder gewaehlt, wenn er so wichtige Initiativen fuer die Gemeinde verhindert?”
Die Schwestern erklaeren es so: Im Ort gibt es ausser der Gemeinde praktisch keinen groesseren Arbeitgeber. Fast jeder, der hier einen Job hat, steht in der Gunst des Buergermeisters. Bei den Wahlen spielte er aber auch andere Abhaengigkeiten aus und kaufte Stimmen mit Geschenken und Geld.
Die Mixtur aus missbrauchter Macht und eingeuebtem Gehorsam sowie Passivitaet der Menschen stabilisiert die “herrschenden Verhaeltnisse.”. “So ist es eben.”, wird festgestellt, mit unterdruecktem Zorn.

Ganz genau erfahre ich es am Abend, als Maristela mit mir Abadia und Sebastian besuchen geht. Die beiden haben zwei Geschaefte in Paes Landim und im Nachbarort und sind die einzigen Kaufleute hier, die eine steuerrechtlich saubere Rechnung ausstellen. Abadia war die Gegenkandidatin von der PT (Arbeiterpartei, derzeit an der Regierung). Sie hat die Mehrheit um 126 Stimmen verfehlt. Allerdings hatte der Buergermeister Leute aus Nachbargemeinden in die Wahllisten eingetragen, die fuer die entsprechende Mehrheit gesorgt haben.
“Seit 20 Jahren tut dieser Mann praktisch nichts fuer uns, und alles fuer seine Familie. Die leben alle ohne zu arbeiten von oeffentlichen Geldern!”

Abadia und ihre Partei haben den Wahlbetrug angezeigt, sowie schon fruehere unrechtmaessige Bereicherungen des Buergermeisters. Ein Verfahren hat sie gewonnen, die anderen laufen bzw. haben sich “verlaufen”.
“Lebst du gefaehrlich?” Sie schaut ihren Mann an und meint nach einer kurzen Pause: “Na klar hat es geheissen, dass er mich umbringen wird. Und meinen Mann. Und meine Nichte. Im Geschaeft haben sie eingebrochen und alle Papiere geklaut. Das sind seine Methoden, um die Leute zu erschrecken.”

Abadia ist Mitte 40, schoen maronibraun und gemuetlich rund. Sie wirkt auf den ersten Blick sehr weiblich und muetterlich, gradlinig und leidenschaftlich, gar nicht wie man sich bei uns eine Politikerin vorstellt. “Seit wann bist du in der Politik?” frage ich. “Ich bin jetzt das erste Mal angetreten. Gewaehlt habe ich schon, immer. Mein Neffe ist Politiker. Er lebt seit Jahren mit Polizeischutz, weil er einen Korruptionsskandal hat auffliegen lassen. Als er in Piaui im Landtag war, hat sich hier viel gebessert. Jetzt ist er in der Bundesregierung in Brasilia.”
Maristela bestaetigt: “Wenn du von Bahia nach Piaui kommst, merkst du gleich, dass die Strassen besser werden.” Die beiden sind stolz auf die Entwicklung, die Piaui in den letzten Jahren gemacht hat.

Mit Ungerechtigkeit nicht leben zu wollen, das scheint bei Abadia in der Familie zu liegen.
“Warum lassen sich die anderen das gefallen?” Die Antwort ist eine Mischung als Achselzucken und Augenrollen und besonnenem: “Weil sie nicht genug Vertrauen in sich und in andere haben. Sie glauben nicht daran, dass sie eine Situation veraendern koennten. Das Selbstbewusstsein hier ist minimal.”

Interessant ist fuer mich das hier “naheliegende” Engagement von Arbeiterpartei, Kleinunternehmern und Kirche in diesem Ort. Wenige Menschen haben Zugang zu alternativen Informationen. Wer einigermassen unabhaengig vom herrschenden Clan leben kann und sich traut, kritisch zu denken, der muss sich vernetzen, oder er bleibt mit seiner Weisheit allein.

Und was sagt dazu der Jesus Sirach, zu findem im Alten Testament, 41,14:

Verborgene Weisheit und versteckter Schatz,
was nuetzen sie beide?

30.1. Von Teresina nach Paes Landim

Terezina ist die “Endstation” des Fluges, Hauptstadt von Piaui und laut Baedecker “heisseste Stadt Brasiliens”. Hier wird die Uhr eine Stunde vorgestellt, jetzt seid ihr vier Stunden frueher dran als ich, also bitte erst am Nachmittag anrufen.

Der Flieger landet puenktlich um halb 2 in der Nacht, Ortszeit 0:30. Die Nacht ist warm und sternenklar. Ein Scheinwerfer am Parkplatz vor dem Flughafen lockt Fledermaeuse an. Ohne zu uebertreiben: Etwa 0,5 m Fluegelspannweite.

Schwester Justina holt mich ab und schlaegt vor, die Zeit bis 4 Uhr frueh im Flughafen zu warten. Danach wird uns ein Taxi zum Busbahnhof bringen und von dort gehts weiter nach Paes Landim. Die Dame ist zwar schon 65, aber offenbar von unerschuetterlicher Energie und Gesundheit. In der Nacht zu reisen scheint hier ueblich zu sein, wahrscheinlich wegen der Hitze. Wir trinken Kaffee, essen ein Haeppchen und erzaehlen uns viel.
Justina war Lehrerin und hat 6 Jahre in Rom gelebt und in der Ordenszentrale (Generalat) im Buero gearbeitet. Nach diesem Einsatz ist sie nicht mehr in die Schule zurueck, sondern hat als Pionierin im Sueden von Brasilien mitgeholfen, die “Pastoral da Criança” (Mutter-Kind-Projekte in den Pfarren) und aufzubauen. Vor 8 Jahren ist sie nach Piaui und uebersiedelt und arbeitet in einer der sieben Dioezesen als Koordinatorin fuer diese Freiwilligenorganisation.

Um 5 sind wir endlich im Bus, ich schlafe sofort ein.
Als ich das erste Mal aufwache, ist es schon hell. Wir fahren durch ebenes Land, “Gegend”, wie man bei uns sagt: Rechts und links nur Buesche und niedere Baeume, Kakteen, Grasflaechen, keine Haeuser oder Menschen weit und breit. Ein Fahrzeug oder ein Bauernhaus sehe ich etwa alle 15 Minuten.

Justina ist ueberrascht: Alles ist frisch-gruen. Sie war in den letzten Tagen in der Hauptstadt und hat nicht gewusst, dass es vorgestern am Land zu regnen begonnen hat!
“Kein Wunder”, erklaere ich, “Ich habe den Regen aus Oesterreich mitgebracht. Meine Familie schrieb, sie haben genug davon!”

Die Reise mit dem Omnibus dauert ueber 8 Stunden. Der Fahrer goennt uns alle zwei Stunden eine Rast. Die vielen Schlagloecher bewirken beeindruckenden Slalom auf der schnurgeraden Strasse. Ab und zu liegen ausgebleichte Knochen am Rand, einmal ein ganzes Gerippe einer Kuh. Ich fuehle mich wie in der Kulisse eines Wild-West-Films. Und so muesst ihr euch auch die Rastplaetze vorstellen: Mit braungebrannten Maennern, die vor der Bar Karten spielen, mit Pferden und Kuehen. Nur gibts daneben auch moderne Autos und die Tankstelle und die Transitbusse, denen man ihre Lebenserfahrung ansieht.

Erst waehrend der letzten Stunde der Fahrt ist die Landschaft trocken, kaum Blaetter an den Baeumen. So sieht es also normal aus. Ob es in unserer Stadt, in Paes Landim geregnet hat?

In Simplicio Mendes befindet sich der naechstgelegene Busbahnhof und den erreichen wir um 2 Uhr nachmittags. Aisa, eine fesche Nachbarin, und Schwester Neide warten schon auf uns, seit 2 Stunden!
Es ist schaurig heiss – und alle reden nur vom Regen: “Ja, wir hatten tuechtig Regen, gracias a Deus!” Aisa faehrt flott die letzten 40 km bis Paes Landim im Pickup der Schwestern: Toyota, 4WD.

Die “Hausfrau” der Gemeinschaft ist Schwester Neide, 72, pensionierte Krankenschwester. Die weisshaarige kleine Frau ist guter Gesundheit, trotz einem steifen Fuss und ihrer Klagen ob der anstrengenden Hitze.
Neide macht alles was sie zum Leben braucht selber, geht selten aus dem Haus, braut allerlei Medizinen, hat ihre Hendln und Kraeuter und tut oft knurrig, wenn sie angesprochen wird. Ihre warmen Augen verraten sie aber: Sie ist sehr hilfsbereit und aufmerksam, das weiss man in der Nachbarschaft. Ihre trockener Humor ist mir sofort sympathisch. Marke: Irgendwo zwischen “weiser Ratgeberin” und Hexe.

Neben den beiden Seniorinnen Neide und Justina leben hier noch Marlene und Maristela, die beiden jungen Schwestern, die mich beraten habeen. Marlene bleibt bis auf weiteres im Sueden, Maristela wird in den naechsten Tagen von Sao Paulo zurueckkommen.

Fuer heute gibts nicht mehr viel zu tun. Duschen, ein paar Plaene schmieden mit Justina, Nach der Messe setzen sich Justina und Neide vor den Fernseher und ich lege mir eine Pacience. Heute gehts frueh ins Bett, Schlaf nachholen.

29.1. Auf nach “Piaui”

Noch immer ist viel los im Haus, Gaeste kommen und gehen. Niemand weiss genau, wer wann da sein wird, aber mehr als 15 Schwestern und Angehoerige sitzen jedes mal bei Tisch.
Auch ich bin im Reisefieber. Mein Herz klopft mehr vor Vorfreude als vor Aufregung, aber es ist beides da. Heut gehts los, nach “Piaui” – und was ist das?

Also zunaechst: Es ist keine Stadt, sondern ein Bundesstaat im Nordosten Brasiliens, schon nahe am Aequator. Stellt euch eine etwas laengliche Kartoffel vor, die einen Knick nach links hat, das ist etwa die Form von Piaui. Den oberen Rand bildet ein kurzes Stueckchen Atlantikkueste (keine 100 km.) Die “Kartoffel” ist etwa 1000 km lang. Sie ragt zunaechst suedwaerts und ab dem Knick auch westwaerts in den Kontinent. Die Flaeche betraegt gerundet 250 tsd. km2, das ist etwa 2/3 von Deutschland mit (~360 tsd km2). Aber - auf dieser Flaeche leben etwas mehr als 2,5 Millionen Einwohner!
Ein Land vom Typ “Waldviertel”: Viele Kleinbauern, 57% der Beschaeftigten arbeiten in der Landwirtschaft, keine nennenswerten Bodenschaetze, kaum Industrie (10% der Beschaeftigten.) Weniger als die Haelfte der Bevoelkerung lebt in Staedten oder Kleinstaedten.

In Piaui haben die Mary Ward-Schwestern 2 Niederlassungen, wo sie in kleinen Staedten in der Pfarre und bei verschiedenen Initiativen mitarbeiten: San Joao (St. Johann), der groesseren Stadt mit etwas Industrie, wo Marguarida wohnt, und Paes Landim, einem Staedchen mit etwas unter 4000 Einwohner im Sueden.

Marlene und Maristela wohnen in Paes Landim, wo ich die ersten Tage verbringen werde. Auch sie sind jetzt auf der Durchreise in Sao Paulo und beraten mich, was ich einpacken soll. Sie sind sich einig: “Du wirst als erstes einen Hitzeschock kriegen.” In Piaui gibt es zwei Jahreszeiten: den trockenen Sommer und den feuchten Winter. Dieser beginnt, aehnlich wie bei uns, im Oktober. Auch hier hat die Natur das halbe Jahr Zeit fuer Wachstum und Vermehrung. Im Mai werfen die Baeume ihre Blaetter ab und das Gras waechst nicht mehr nach. Bei uns wegen der Kaelte, hier wegen der Hitze – und weil es ab April nicht mehr regnet.

Piaui leidet, wie auch andere Staaten im Nordosten, unter einem Klimawandel, berichten die beiden: In den letzten Jahren hat es viel weniger geregnet, sagen die Leute, in manchen Gegenden gar nicht. Paes Landim geht es etwas besser, sie hatten jedes Jahr Regen, heuer aber sehr spaet, erst am 4. Dezember. Man saete aus, die Pflanzen gingen rasch auf, aber danach blieb der Regen aus. Alles ist vertrocknet. Jetzt ist es auch viel zu heiss fuer die Jahreszeit, fast so heiss wie im Sommer. Da hat es oefter 40 Grad.

“Hast du Angst vor Viechern?” fragt Maristela grinsend, “die gibts naemlich zuhauf!”. “Kommt darauf an wie gross sie sind”, antworte ich, denn ich stelle mir grad den “Wolf von Brasilien” vor, einen Jaguar. Nein, sie meint Kaefer und Insekten und Froesche, die sich gern ins Haus zurueckziehen. “Diese Viecher fuerchte ich nicht. Nur Spinnen mag ich nicht besonders.”

Am Vormittag schreibe ich die letzten Infos fuer euch in das Blog und packe den Rucksack. Was ich nicht unbedingt brauche, kommt in den Schrank. “Das Zimmer bleibt frei fuer dich,” sagt Clotilde. Sie ist etwas besorgt: “Komm ja zurueck, wenn es dir nicht gefaellt oder zu heiss ist! Nicht dass du da oben leidest!” Ich verspreche hoch und heilig, keine Martyrerin zu werden und mich zu melden, sollte es Probleme geben. Clotilde hat mich richtig unter ihre Fittiche genommen, sie packt schliesslich auch noch meine Jause ein. Wie nett, zur Abwechslung mal bemuttert zu werden.

Sao Paulo hat zwei Flughaefen. Der groessere und internationale, Guarulhos, liegt etwas ausserhalb der Stadt, mehr als eine Stunde von uns entfernt. Der kleinere, Congonhas, befindet sich in der Nachbarschaft. Zwischen den beiden gibt es einen Pendelbus. Mit diesem reise ich nachmittags um halb fuenf ab. Alleine zu Reisen taugt mir wieder mal ueberhaupt nicht. Heidrun kann ein Lied davon singen: Normalerweise bin ich grantig, weil es mich stresst. Peter beruhigt per SMS.

Nach dem Einchecken habe ich noch zwei Stunden Zeit am Flughafen. Beim Herumspazieren werde ich auf eine kleine Ausstellung aufmerksam: “Sarro malt die Seele Brasiliens”, verspricht das Plakat Ich verweile ein wenig vor den saften Formen und kraeftigen Farben. In der Ecke sitzt ein Herr Aufpasser, der mich schliesslich anspricht. Bald erkennt er meine Muttersprache, denn seine Frau ist Deutsche. Es stellt sich heraus, dass er an verschiedenen Universitaeten lehrt, auch in der Schweiz.
Dr. Roberto Palazzi ist lieber “in Zivil” unterwegs, in Jeans und T-Shirt. “Die Bedienung im VIP-Raum wollte mich gar nicht hinein lassen, weil sie mich heute nicht erkannt hat.“ lacht er. Er arbeitet viel mit dem Maler Sarro zusammen, organisiert Ausstellungen, bisher schon in 40 Laendern, und verfasst die Texte der Kataloge. Im Sommer gehts nach Moskau und Petersburg.

Das Bild einer Frau mit Taube in Gruen- und Rottoenen gefaellt mir besonders gut: “Das ist eines von Sarros juengsten Bildern, eine Madonna.” erklaert Roberto.
Wir kommen schliesslich ins Gespraech ueber Gott und die Welt: Ueber Paolo Freire und die Ausbildungssituation in Brasilien, ueber die Schweizer und die Russen, die Weimarer Republik und die Rolle der Intelektuellen und auch ueber Kinderbuecher. Die Wartezeit vergeht rasch, ich bedauere, dass ich nicht ebensoviel von der Geschichte Lateinamerikas weiss, wie er von Europa.

Im Bus, der die Passagiere zum Flugzeug bringt, setzt man ein etwa 10-jaehriges Maedchen neben mich. Sie reist offenbar ohne Begleitung, die Stewardess neben ihr wirkt hilflos: Die Kleine redet nicht viel, will tapfer sein und weint nur ganz leise.
Wir freunden uns ein wenig an, ich Arme reise ja schliesslich auch alleine! ;-)

Im Flugzeug bekommt sie einen bevorzugten Platz in der ersten Reihe, wir werden getrennt. Schade, denke ich, und raffe mich schliesslich auf, mit dem Steward zu sprechen: “Kann ich nicht bei ihr bleiben?” “Ja, setzen sie sich ruhig her. Ich weiss nicht, ob noch wer kommt, aber vielleicht klappts.” Leider kommt noch wer: Zwei Maedchen im Alter von etwa 10 und 15 Jahren, ebenfalls ohne Eltern. Gabriela und ich warten gespannt, ob der Steward Platz herzaubern wird. Es gelingt, er setzt die beiden hinter uns, und wir bleiben zusammen.

Gabriela ist ein Einzelkind und lebt mit der Mutter in Fortaleza, einer schoenen alten Stadt im Norden Brasiliens, wo die Straende traumhaft und die Menschen afrikanisch sein sollen: Nachkommen der Sklaven. Gabriela hat in den Ferien ihre Tanten in Sao Paulo besucht. Heute fliegt sie zum ersten mal allein zurueck. Schon morgen beginnt wieder die Schule. Das ist kein Unglueck fuer Gabriela. Sie wirkt sehr gescheit und diszipliniert, sicher hat sie gute Noten. Sprache und Turnen mag sie besonders gern. Sie erinnert mich in vielem an Heidrun, nur etwas ernster ist sie.

Ich weiss, was ich mit Heidrun gespielt habe, wenn es im Zug langweilig wurde: Stadt und Land z.B. und “Galgenraten”. Letzteres wage ich auch hier, und in dem Moment, wo sie mich das erste mal in die Pfanne haut, kommt ihr Temperament zum Vorschein. “Ha!” strahlt sie. Bis zum Schluss der Reise sind wir schliesslich alle vier am Spielen: Hinterbank gegen Vorderbank.
Um Mitternacht kommen wir in Fortaleza an, die Meninas (Maedchen) steigen aus, ich wechsle auf meinen angestammten Platz in Reihe 8 fuer den Weiterflug nach Teresina.

Samstag, 11. Februar 2006

11.2. tudo bem

ihr lieben, bin seit heute bei roberto in sao miguel.
das internet ist hier teuer und laaaaaaaangsam.
ich kann noch nicht in meine mails.
danke peter fuer die information an die anderen. es ist alles richtig, was du geschrieben hast.
werde die beitraege ueber die letzte zwei wochen, die schon fertig sind, etwas spaeter ins blog stellen. da geht es vielleicht besser.

habe euch sehr lieb und zu meinem gueck fehlt nur ihr hier!
rosinha

Donnerstag, 9. Februar 2006

Etwas alte Neuigkeiten!

Reingard hat mir geschrieben – der Brief ist mit 1.2. datiert und entweder gestern oder heute angekommen, ich war in Bukarest. Kurze (leicht adaptierte) Auszüge aus Ihrem Schreiben – mit kleinen Unsicherheiten, ihre Handschrift war nicht immer eindeutig zu entziffern:

Ich sitze auf der kleinen Veranda hinter dem Haus und freue mich mit allen hier, denn es regnet!

Die Situation ist arm/ärmlich, aber weniger dramatisch als ich befürchtet hatte.

Der Ort heisst Paes Landim und hat etwas unter 5.000 Einwohner. Auf der Karte findet Ihr wahrscheinlich S. Raimundo Nonato, das ist die Bezirkshauptstadt (Anmerkung: Etwas südwestlich von S. Joao de Piaui). Dort werde ich ab Freitag (Anmerkung: Wahrscheinlich der 10.2. – ich habe sie noch am 5.2. in Paes Landim telefonisch erreicht) für ca. 2 Wochen wohnen.

Normalerweise regnet es Okt-Dez und dann wird gesät und bis März geerntet. Danach gibt’s nicht mehr viel, dann ist alles vertrocknet. Im Juli + August werfen die Bäume die Blätter ab. Wie bei uns – nur wegen der Hitze!

Dieses Jahr hat es nur im Dezember geregnet und nur ein paar Tage. Die Leute haben angepflanzt, und es ist ausgetrieben und vertrocknet. Schon als wir von Teresina, der Hauptstadt von Piaui und „heissesten Stadt Brasiliens“ laut Baedeker mit dem Bus nach Paes Landim gefahren sind, war das meiste Land frisch-grün. Wiese etwa 10 cm hoch, dazwischen noch trockene Bäume, aber auch viel grünes Buschwerk. Ca. eine Stunde vor Paes Landim hat das aufgehört, hier nur vertrocknetes Gras, trockene Erde, wenige Blätter an den Bäumen. Aber in weiten Teilen des Landes muss es geregnet haben 1-2 Tage bevor ich angekommen bin. Dann, am 30.1., als ich hier eintraf, hat es in der Nacht zum ersten Mal geregnet. Alle sprachen nur vom Regen. Und die zwei Nächte, die ich jetzt hier geschlafen habe, hat es auch geregnet; jeden Morgen kräftiger Regen, der heute sogar bis jetzt andauert – jetzt ists 8:30, bei Euch 4 Stunden später.

Am ersten Tag habe ich viel geschlafen. Die Hitze lässt keinen Kraftakt zu, die Gedanken zerstieben, schwer zu lesen, noch schwerer zu schreiben. Habe mit ein paar Menschen im Ort geplaudert und werde „vorgeführt“. „Du bist halt ein anderes Tierchen“ sagte Sr. Justina.

Die Verhältnisse sind ziemlich feudal. Es gibt nur Landwirtschaft. Ein paar Studierte: Priester, Arzt, sind Teilzeit-Anwesende.

Gestern war der kleine Hof/Garten voller Schmetterlinge und Kolibris. Geier sitzen auf der Gartenmauer. Ich passe mich dem geruhsamen Leben hier an.

Mit einer jungen Frau habe ich geplaudert: Marineide (?) ist „Gesundheitsassistentin“. Sie besucht regelmässig die Familien in ihrem Bezirk. Es sind etwa 120. Sie macht aber keine Arbeit. Wenn sie in ein Haus kommt, wo es nichts zu essen gibt? „Da kann ich nichts machen.“ Wer macht da was? Niemand. Sie weiss offenbar nicht, welche Hilfsmöglichkeiten es geben müsste, die Sesta (?) Basica zB, das Lebensmittelpaket.

Sr. Neide meint, der Bürgermeister macht bei dem Regierungsprogramm gegen den Hunger nicht mit. Er ist schlecht. Er kaufte die Leute bei der Wahl, schon öfter, und ist schon lange im Amt.

Marineide sagte: „Wir haben auch eine Sozialarbeiterin. Die ist die Tochter des Bürgermeisters. Die kann leichter etwas machen.“ So funktioniert hier das Sozialsystem. Zuständigkeit, Rechtsanspruch? Kennt man nicht. Ich glaube, ohne Familie bist Du hier vogelfrei.

Die „Stadt“ ist um einen grossen viereckigen Platz herum angelegt. Die Hauptstrassen sind aus Katzenkopfpflaster. 2 Esel (vierbeinige) stehen auf der Strasse und fressen, was an der Mauerritze wächst. Ein Senhor, alt, braungebrannt, mit Cowboyhut, reitet vorbei. Autos hats hier praktisch nicht. Ein paar Motorräder, Fahrräder.

Im Haus ist Fliesenboden – witzigerweise täuscht er vor, ein Plastikboden zu sein (bei uns umgekehrt). Es gibt fliessend kaltes Wasser, Dusche, WC. Mein Zimmer ist hübsch; alles ist ebenerdig. Im Klo sitzt ein Frosch und quakt und freut sich, dass die Kanalisation so einen guten Sound produziert. Die Schwestern haben einige Beete mit Kräutern, Salat, Gemüse – und Hendeln. Es gibt täglich frische Eier. 3 Hähne gibt’s, die haben mich vorgestern begrüsst – ich habe mich gleich irgendwie daheim gefühlt. Heute hats durch den Regen abgekühlt und vielleicht 25 °. Ich sitze mit der zweiten Schwester, Neide, vor dem Haus, unterm Dach. Sie häkelt, ich schreibe.

In S. Raimundo Nonato arbeitet Justina. Dort werde ich bei einem Kurs zur Herstellung von Spielzeug mitmachen. Schätze es wird nicht viel mit Arbeiten in einem Projekt, dafür lerne ich Verschiedenes kennen. Ich kanns nicht „derzwingen“. Aber es reut mich nicht – es ist halt anders als geplant. Vielleicht gelingt es mir, dass ich bei dem oft genannten „Roberto“ unterkomme. Der Kindergarten öffnet Mitte Februar. Bis dahin werde ich die „Pastoral da Crianca“ (Kinder-Seelsorge?) kennen lernen. Das ist eine sehr interessante Initiative. Grad lese ich darüber. Doch mehr davon, wenn ich es gesehen habe – sonst verkünde ich wieder Sachen, die nicht stimmen.

Schwester Justina, etwa 65, italienisches Blut; war Lehrerin, hat in Rom im Generalat als Sekretärin gearbeitet und den Schriftverkehr mit Vatikan und Behörden gemacht, dann mit Pastoral da Crianca begonnen, jetzt verantwortlich für Diözese, Macherin und lieb.

Schwester Neide, 72, sieht wie 60 aus, Krankenschwester ca. 55-80 im Spital im Süden, dann 10 Jahre in Sao Paulo Krankenschwester in der Schule, seit 10 Jahren hier, Gemeinschaft aufgebaut.

Sonntag, 5. Februar 2006

Zwischenstatus!

Hier ist der Peter aus Wien - Reingard ist im Moment kaum zu erreichen, in Paes Landim (Provinz Piaui) kann sie keine SMS empfangen und hat auch keinen Internet-Zugang. Das Stromnetz ist so instabil, dass auch der PC immer wieder abstürzt. Sie arbeitet vorwiegend im Haus - hat unter anderem Brot gebacken und mit dem Kochlöffel Butter gemacht - und es geht ihr gut. Ab 8. oder 9. 2 ist sie bei einem Projekt in der Nähe im Einsatz - ein Niederländer baut Kindergarten und Vorschule auf. Dort hat sie vielleicht wieder Zugang zum Internet und wir können uns auf neue Beiträge freuen!

Samstag, 28. Januar 2006

27.1. Klosteralltag

Ich bin ja hier schon den dritten Monat "im Kloster", und habe das Beduerfnis, euch ein wenig Einblick zu geben.

Doch, schon ins erste Fettnaepfchen getappt: Mary Ward-Schwestern sind nicht im Kloster. Sie wuerden sich gegen diese Bezeichnung wehren, denn sie legen Wert auf persoenliche Freiheit.
Natuerlich gibt es eine Oberin, aber....

Aber hier keine Theorie, sondern einfach Geschichten:

Es laeutet an der Pforte. Clotilde, die Leiterin, und ich sind in der Naehe und wir gehen aufsperren. Clotilde bleibt in der Tuer stehen, geht gar nicht ueber die Treppen runter zum Gartentor. Ich sehe nicht, wer da steht und kann nur vermuten. Jemand, dem sie gar nicht aufsperren mag?
"Nein Senhora, hier gibt es nichts zu holen, kein Essen und kein Geld!" sagt sie ohne eine Miene zu verziehen. Mich zerreisst es fast vor Neugier, wer da steht und ich draenge mich in die Tuer. Hinter dem Gitter, auf der Strasse steht die Schwester Eulalia, die ein wenig aelter ist, als Clotilde.
Die beiden keppeln hin und her. In der Annahme, dass Clotilde ihre Knie schonen soll, nehme ich ihr den Schluessel ab und gehe hinunter aufsperren.
Eulalia begruesst mich. Ernst schaut sie auf mich und dann auf Clotilde: "Danke, Liebe. Merk dir! Brasilien ist voll von ueblen Kreaturen!" Und danach lachen die beiden los.

PICT0131
Im Haus ists weiterhin turbulent, weil die Schwestern aus allen Landesteilen kommen. Morgen feiern wir im Sitio (siehe 1.1.) den Mary Ward-Tag.
Unter anderem lassen wir Candinha hochleben, denn sie feiert das 50. Ordensjubilaeum. Und einige junge Schwestern legen ihre Versprechen ab.

Jetzt wird natuerlich viel vorbereitet. Letizia, unsere Koechin ist bereits aufs Sitio uebersiedelt und Marlene und ich wetteifern, wer kochen darf. Wenn ich darf, gibt es meine Lieblingsgerichte, unter anderm Krautfleckerl a la Poldi.

Jazinta, die kleine und gebueckte Seniorin mit den lachenden Augen, und Marlene, die so alt ist wie ich, machen Stress beim Abendessen. Sie haben ein "Compromisso" heisst es, eine Verabredung. Oho! Das Geheimnis lueften sie erst, als wir mit dem Abwasch - gottseidank rechtzeitig - fertig sind. "Wir wollen unbedingt die naechste Folge der TV-Serie sehen!"
Ich halts nicht aus! Was fuer ein weltumspannendes Beduerfnis!

Auch am naechsten Tag sitzen wir fuer Jazintas Geschmack wieder zu lange am Tisch. Sie steht auf und faengt schon mal an laut in der Kueche zu werkeln. Obs wieder ein Compromisso gibt, fragt Alberta, die ebenfalls 75-jaehrige MST-Aktivistin.
"Nein, heute nicht!" Wenn Jazinta so harmlos schaut, muss ich schon lachen! "Ich muss meine Gebete noch machen."
"Oh," gibt Alberta zurueck, "das hat Senhora schon heute Nachmittag gesagt. Ist sie nicht dazu gekommen?"
"Doch", meint Jazinta.
"Ja, wie oft betest du denn?", setzt Alberta nach.
"Schon oefter. Also die Vesper und das Nachtgebet."
"Ja, das mach ich auch, aber das geht doch schnell!"
"Ja, bei mir nicht. Ich muss das alles Lesen, ich kanns nicht auswendig." Und nach einer Pause schliesst sie kopfschuettelnd und schmunzelnd ab: "Eigentlich komisch, jetzt bete ich das schon 50 Jahre und kanns noch immer nicht!"
Jazinta ist eine Heilige fuer mich! Nur gut, dass sie das nicht lesen kann. Waere ihr todpeinlich!

Freitag, 27. Januar 2006

24.1. "Alles guad?"

Das Geld der Weihnachtsaktion lag bis gestern auf meinem Konto. Heute bringe ich es Schwester Neuci in die Zentrale von MST (Bewegung der Landlosen, "sem terra").
Sie stammt von einer Familie aus dem Schwarzwald ab und begruesst mich mit einer entzueckenden Mixtur: Das brasilianische "tudo bem?", deutsche Vokablen und schwaebische Aussprache: "Alles guad?"
Ich muss gleich grinsen.

(Vorausgeschickt: Die MST und unsere Aktion sind ja schon im Blog beschrieben ich versuche nichts zu wiederholen. Wer nachlesen mag: Einfach Suchmaschine links unten benuetzen: terra eingeben.
Naehere Infos zum "Vorbild MST" gibts zuhauf im Internet, auch auf deutsch. Im google MST+Brasilien eingeben, genuegt.)

Die regionale MST-Zentrale ist eine Lagerhalle auf zwei Etagen in einem der aeltesten Bezirke von Sao Paulo, nahe beim Zentrum: Brás. Dieser Bezirk war einmal durch den Bahnhof und die Industrie wohlhabend und ist noch von den Hallen und kleinen alten Buergerhaeusern gekennzeichnet.
Typisch fuer viele Millionenstaedte verarmt und verfaellt das alte Zentrum auch hier. Es gibt zu wenig Platz und Lebensqualitaet um zu investieren, das ist ein Teufelskreis:
Schlechte Bausubstanz, billige Mieten, keine Finanzkraft der Bevoelkerung, keine Prioritaet bei oeffentlichen Investitionen. Man sieht es an den schmucklosen Fassaden, die herunterbroeckeln, am Muell der nicht weggeraeumt wird, an den Bars wo die Maenner den ganzen Tag sitzen. Am Platz spielt sich auch das sogenannte "informelle Geschaeftsleben" ab: Schwarzmarkt und superbillige Angebote fuer die Strassenverkaeufer.

Die U-Bahn-Trasse fuehrt entlang der Strasse, in der das MST-Lokal liegt. Der Gehsteig zwischen Strasse und U-Bahn-Betonmauer wird nicht viel benutzt und ist so breit, dass jemand hier sein Haus hingebaut hat: Aus Karton, Plastik, alten Metallteilen, einer Waeschespinne etc.: Etwa 1,5 m tief, 10 m lang. Ich kann hineinschauen, denn es gibt keine Tuer. Ja, hier wohnen Leute, denn an der Wand innen sind Regale aufgebaut mit allerlei Gegenstaenden, die jemand aus dem Abfall gerettet und fein saeuberlich aufgeschlichtet hat.
Vor dem Haus thront eine runde, schwarze "Mama": Sie sitzt breitbeinig auf ihrem Hocker und wischt mit Papier eine Styroportasse sauber. Ihr Essgeschirr?
Dabei wirkt sie konzentriert und gar nicht elend. Ich wage nicht, die Szene zu fotografieren, obwohl die Frau mit ihrem farbenfrohen Kleid in diesem Ambiente ein klasses Motiv waere.
Diese Frau baut mit ihrer Wuerde eine Privatspaehre auf, mitten am Gehsteig, die ich nicht verletzen will.

blume

Der Empfang beim MST-Lokal sind zwei Maenner, die in der offenen Tuere sitzen und plauschen. Sie duerften etwa 50 sein, sind mager und braungebrannt, wirken unauffaellig und einfach, aber spruehen von einer stolzen Energie, die ihnen aus den Augen funkelt. "Typisch MST", gehts mir durch den Kopf, und frage nach Schwester Neuci.
"Ja, du kannst raufgehen", meinen sie.

Das sind die "Militanten", die in die Herbergen der Wohnungslosen gehen und in der Nacht auf die Strasse. Unerschrockene Menschenfischer der besonderen Art: Sie sammeln das "Strandgut" dieser Gesellschaft ein, Menschen die in diesem System der extrem ungleichen und ungerechten Lebenschancen nicht auf die Beine kommen.

Unterstuetzt wird diese Gruppe von vielen anderen: Die einen spueren ungenutztes Land oder verfallende Gebaeude auf; die "Juristen" nutzen die rechtlichen Moeglichkeiten - basierend auf der in der Verfassung verankerten Landreform; Kommunikationsspezialisten kuemmern sich um Lobbing und Medienkontakte; Verwaltungsmenschen organisieren die Helfer im Hintergrund. Die MST mobilisieren nicht nur die Leute von der Strasse, sondern auch viele Helfer. So gibt es z.B. eine Universitaet, deren Studenten mithelfen, wenn die "Haeuser" aus schwarzen Plastikplanen gebaut werden.

Bezahlt werden nur die Unkosten: Fahrkarten, Lebensmittel fuer den Aufenthalt in den Lagern, Miete, Strom und Telefon fuers Buero. Einen Lohn erhaelt hier niemand.

Ich steige also hinauf, in den ersten Stock. Die Halle hat kaum Fenster, ist grau und dunkel, die einzelnen Moebel wirken verloren und vergessen.
Zimmer fuer Bueros gibt es nicht, aber auf der Fensterseite haben sie mit Stellwaenden "Buerowinkel" eingerichtet. Hier sieht es nach Arbeit aus, da werkeln Freaks: Poster von Kampagnen, Bilder der grossen Protestmaersche, natuerlich gibts auch den "Che". Computer und Telefone. Wenige Aktenschraenke. Alle Farben und Schriften auf den Ordnern.

Neuci erzaehlt, wie sie vor drei Jahren zur MST gekommen ist und in der Verwaltung begonnen hat. Wie sie Buchhaltung eingefuehrt hat und die Leute dazu erzogen hat, dass es Geld nur gegen Beleg gibt. Das ist ein Job fuer eine leidensfaehige Person, denke ich, ich kenne das.

In ihrer Ecke haengt ein Plakat mit den 10 Grundforderungen der MST, ein weiteres zeigt das Foto einer schoenen, einfach gekleideten jungen Mutter, die ihr schlafendes Kind im Arm traegt und mit einem Zipfel ihres Kleides vor der Sonne schuetzt. "In unseren Frauenarmen liegt die Zukunft" steht darunter.
Hinter dem dem Schreibtisch ein Bild vom Jesus im suessen Nazarenerstil, er steht auf den Stufen und kopft an eine Haustuer.
Neuci ist etwa so alt wie ich, sieht froh und sehr deutsch aus und ist eine Schwester der "Toechter der goettlichen Liebe", eine oesterreichische Gruendung. Sie empfiehlt mir einen Besuch im Mutterhaus in Wien oder bei ihren brasilianischen Kolleginnen in Breitenfurt.

Schliesslich erzaehle ich von der Weihnachtsaktion und dass etliche Menschen zusammengeholfen haben und gebe ihr das Kuvert.
Es enthaelt eine schoene Weihnachtskarte mit einem mittelalterlichen Hirtenbild, die ich aus Oesterreich mitgenommen habe. Sie freut sich ueber die Karte. "Vielen Dank fuer ihre Arbeit! Zu Weihnachten 2005 von Freunden und Familie von Rosa" steht darauf. Drinnen liegt das Packerl Reais.

Ihr schiessen die Traenen in die Augen, mit diesem Weihnachtsgeschenk hatte sie nicht gerechnet. "So viel Geld!" bringt sie heraus, "und schon gewechselt!" Dann sagt sie erstmal nichts mehr, steht auf, dreht sich um und schneuzt eine Weile.
MST

Unser Betrag entspricht hier dem, was eine einfache Arbeiterin in 3 - 4 Monaten verdienen kann. Auch fuer einen guten Buerojob waere es doch immerhin ein Monatsgehalt. Nach einer Zeit sprechen wir darueber, was sie mit dem Geld tun werden.
"Lebensmittel erhalten wir von den Jesuiten.", erklaert sie mir. Sie werden das Geld einsetzen fuer die Dinge, die noch nicht finanziert sind: Medikamente, Unkosten der Schwestern oder der anderen Helfer, die mit den Leuten leben, Transportkosten.
Ich bin mit dieser Umwidmung zufrieden.
baumblue2

Nach einer weiteren Einladung doch im April wieder vorbeizukommen, verabschiede ich mich.
Jetzt habe ich mal Mama Noel gespielt, im Namen der Menschen, die "Samen fuer Brasiien" gespendet haben, aus Oesterreich, Deutschland und den USA!
:-)))

Donnerstag, 19. Januar 2006

18. - 19.1. Ruhepause

Eine Erkaeltung steckt mich ins Bett. Vitamin C und Tee und viel schlafen.....
Auf bald....

Das wichtigste KURZ

Endlich Fotos! - ab 1.2.. Dieses Blog enthaelt Notizen und Fotos bis zum 23.2., der ersten Zeit in Piaui. Fortsetzung unter <2brasil.twoday.net>!!!!!!!! Seit 30.1. geniesse das Landleben im "Wilden Westen" von Brasilien - das ist der Nordosten, genauer gesagt Bundesstaat Piaui! Derzeit wohne ich in der Fundacao ASAS, einem privaten Bildungsprojekt fuer Kinder aus benachteiligten Familien. Roberto, der Gruender, ist Hoellaender und arbeitet hier als Seelsorger. Die Gemeinde Sao Miguel hat etwa 3000 EW, laendlicher Raum, schoene Natur, derzeit angenehm sommerliches Wetter. Ich arbeite im Buero, habe viel Kontakt mit Kindern und besuche Familien. Die ersten 2,5 Monate habe ich in Sao Paulo gelebt, in verschiedenen Haeusern der Schwestern der Congregatio Jesu: Zentrale, Schule, Peripherie. Besuchte Sozialprojekte, interviewte interessante Menschen, recherierte viel im Internet, lernte portugiesisch und half ehrenamtlich mit.

Info fuer AllesleserInnen

Das Tagebuch ist wieder aktuell. Falls dein PC manche Tage nicht anzeigt, gehe in der obersten Befehlszeile auf "brasil" und wenn die Auswahl sich zeigt auf "Tagebuch". Die Suchmaschine funktioniert auch, allerdings muss man halt wissen, was man finden will... Peter und Heidrun wissen normalerweise, wie es mir geht: peter.hirsch@atnet.at; HeidrunLange1984@aol.com

Aktuelle Beiträge

HE!
das ist doch gar nicht wahr! wenn schon hab ich gesagt:...
heidschnucke - 23. Mär, 11:22
20.2. Maria will deutsch...
Es ist 7 Uhr, ich bin noch am Fruehstuecken, als Maria...
rosa_r - 2. Mär, 18:00
18.2. Ueber dem See
Dass ich noch nie am See war hat zwei Gruende: Es gibt...
rosa_r - 2. Mär, 17:59
19.2. Die kleine Kaempferin
“Meine Freundin hat mich gar nicht besucht!” so klagt...
rosa_r - 2. Mär, 17:56
13.2. Montag - Arbeitsbeginn
Ab heute gehts also los mit dem Vorbereitungs-Betrieb...
rosa_r - 2. Mär, 17:54

User Status

Du bist nicht angemeldet.

Suche

 

Ankommen
Anreise
Projekte
Tagebuch
Profil
Abmelden
Weblog abonnieren