Tagebuch

Donnerstag, 2. März 2006

Zwischenstopp und Ausblick

Am 23.2. habe ich zusammengepackt fuer einen Abstecher zum "CARNAVAL" in Salvador.
Damit schliesse ich auch das erste Blog ab.
Die Fortsetzung findest du unter:

www.2brasil.twoday.net

Ich freue mich, wenn du mich bei der Reise begleitest und ein paar Ecken von Brasilien besser kennen lernst:
  • 1 Woche Urlaub in Salvador / Bahia im Karneval
    Piaui - 2 Wochen mitleben und -arbeiten bei der Fundacao ASAS in Sao Miguel (Piaui)
    Paes Landim (Piaui) - Das grosse Fest von St. Josef
    Amazonien - mitleben bei Schwester Virginia
    Sao Paulo - 1 Woche zum Abschluss meines Praktikums
Das sind die geplanten Aufenthalte bis zum Ende meines Praktikums in Brasilien.

Montag, 27. Februar 2006

23.2. Parabéns pra você! (Gratuliere!)

Liebe Christine, du bist eine wunderbare Person!
Alles Gute zum runden Geburtstag!
blueten-zart

Ich bin gluecklich und stolz, dass du meine Schwester bist.
Ich weiss, dass ich dir alles erzaehlen kann und du zuhoeren kannst, ohne gleich retten zu wollen. Dass du aber auch tatkraeftig hilfst, mir schon oft geholfen hast, insbesonders beim Ueberblick bewahren ueber meine Finanzen.
Du bist eine besonnene Beraterin und perfekte Verwalterin.
Bist eine informierte, kritische Konsumentin, von der ich schon viel gelernt habe.
Und eine famose Begleiterin bei Bergtouren! Mit dir unterwegs zu sein ist unterhaltsam, uns wird nicht fad! Ueber deine anderen Staerken werde ich jetzt schweigen, sonst glaubt man, ich koennte uebertreiben. (Was schwer waere...)

Ich danke dem Himmel, dass es dich gibt und wuensche dir gute Geister fuer deinen weiteren Lebensweg. Schutz und Freude, Dankbarkeit und Genuss, kurz gesagt "Leben in Fuelle"!

Donnerstag, 23. Februar 2006

22.2. Reichtum: Zeit um Kontakte zu pflegen

Heute geht Maria mit mir Leute besuchen und laesst Eliane im Buero allein.
Wir spazieren in den unteren Teil des Dorfes – oder wie man hier sagt, “der Stadt”.
Aus jedem zweiten Haus gruesst jemand: Muetter, Omas, Jugendliche, Kinder, die Maria von der Fundacao kennt...
Maria findet den richtigen Ton mit jedem. Ihr zuzuschauen ist eine gute Lektion in Fuehrungsarbeit. Sie ist eine Meisterin im Kontakt aufbauen und Kontakt pflegen.

Fuer die paar 100 m brauchen wir ganz schoen lange. Wir machen viele Kurzvisiten. Das geht so:

Man gruesst ueber den Zaun. Jemand kommt aus dem Haus, man wechselt ein paar Worte, Stuehle werden hergeschafft, in den Vorgarten oder auf die Strasse: “Setzt euch!” Und manchmal tun wir das auch.

Bei Dona Cristina zum Beispiel. Ich bewundere einen schoenen Garten im Vorbeigehen, da arrangiert Maria gleich ein Zusammentreffen. Cristina lebt allein in ihrem gut gepflegten Haus. Sie hat jede Menge Obstbaeume, sogar Trauben, und packt so nebenbei eine Plastiktasche mit Mango und Sternenfruechten fuer mich zusammen. Cristina war Alleinerzieherin, die Geschwister sind ebenso wie die Kinder weggezogen, um in der Stadt (Sao Paulo, Brasilia...) Geld zu verdienen. Ein typisches Schicksal hier. Man spricht ueber die Pflanzen und die Verwandtschaft. Nach etwa 15 Minuten verabschieden wir uns. “Das freut mich, dass du sie hergebracht hast. Bring sie oefter!” sagt sie zu Maria und meint freundlicherweise mich.

Marcelani ist wenig ueber 20 und wird kommende Woche in der Fundacao als Lehrerin anfangen. Sie hat einen 4 Monate alten Buben. Das zweite Baby im Haus gehoert zu ihrer Mutter. Es ist ein blonder Lockenkopf, ein Maedchen von 2 Jahren, das praktisch noch nicht spricht. Ich erfahre aus dem Gespraech ueber die Schwierigkeiten der Adoption, dass die leibliche Mutter das Kind im Alter von 4 Monaten hier abgegeben hat, verwahrlost und unterernaehrt. Schon die dritte Familie, die ich hier kennen lerne, die ein Kind “von der Strasse” bei sich aufgenommen hat.

Neben Marcelanis Haus steht eine Lehmhuette. Wir klopfen an, die Mutter macht grad Fladen, Fruehstueck fuer sich und die drei Kinder im Alter von 3 – 8 Jahren.
“Kommt herein, setzt euch!” Es gibt 2 Sessel in der Huette. Die beiden Buben sollen in den Foerderunterricht kommen, wuenschen die Lehrer. Freundlich plaudernd und Spaesse machend klaert Maria das Interesse ab. Ja sie wollen!
"Gib mir eine Puppe", bettelt die kleine Schwester, etwa 3 Jahre alt. "Ich habe keine Puppe." entgegne ich. "Gib mir eine Mango!", ja das haben wir im Sackerl. Maria schenkt sie ihr.

”Wann beginnen denn die Stunden?” “Wir machen es wie die Schule, ab Donnerstag gibts das Material.” “Das Material der Schule mag ich nicht, das ist Mist.” meint der groessere. “Magst du das von der Fundacao?” “Ja, das schon!” antwortet er und laechelt dabei mit einem ganz anderen Gesichtsausdruck.
Die Fundacao ist ein Hoffungungsbrunnen hier, und fuer dich Kinder offenbar mit einer ganz positiven Erfahrung verbunden: Etwas wert sein, schoene Sachen haben, gut behandelt werden.
Bild: Gemuesebeet hinter dem Haus
gemuesebeet

Danach besuchen wir noch mindestens 5 Familien in Lehmhuetten. “Das sind unsere Kinder, Rosa, verstehst du? Du kennst bis jetzt nur die Praca und die schoenen Haeuser von Sao Miguel. Die Kinder dort brauchen uns nicht.” Paulina zum Beispiel, schade...

Erst zum Mittagessen kommen wir wieder zurueck und ich bin voll und muede von den Bildern und Begegnungen. Die Hitze macht mir auch zu schaffen, schon der 3. Tag ohne Regen, alle sind besorgt, ob sich das Debakel vom Dezember wiederholt. Damals ist der Regen nach drei Wochen und viel Arbeit auf den Feldern ausgeblieben und alles ist verdorrt. Jetzt fuerchtet man schon um die zweite Aussaat.

Der Donner in der Mittagspause koennte Regen anzeigen. Maria ist gluecklich und singt: Regen, sei willkommen!
Ich meine: “Wenn es regnet Maria, gehen wir aber nicht in die Schule zur Sitzung, oder?” und fuehle mich in dem Moment fast wie eine hiesige.

Aber der Regen kommt nicht bis zu uns in die Stadt. Ich mache meinen Mittagsschlaf in der neuen Haengematte und richte mich her. Jetzt gehts zur Eroeffnungskonferenz der Schule.

50 Lehrerinnen und Lehrer aus Vorschule und Grundschule (die ersten 8 Jahre) sitzen im Freien unter Dach im Kreis. Die Koordinatorin begruesst mich und ... dann bleibt die Situation offen. Ich stelle mich vor, erzaehle kurz die Schullaufbahn in Oesterreich und lasse dann Zeit fuer Fragen.
“Wie gross sind die Klassen?” Max. 30 – hier 40 und mehr.
“Was verdient eine Lehrerin?” Aehnlich wie hier – waere ich Technikerin wuerde ich mehr verdienen.
Wie ist das bei euch mit der Sonderschule? Ich erzaehle aus der Geschichte der letzten 25 Jahre, vom ersten Jahr der Behinderten 1979 (oder 1980) bis heute. Von den Elternvereinen und den gesetzlichen Versuchen, die Nachteile behinderter Menschen auszugleichen. Von der Ausgliederung aus den grossen Anstalten und den Versuchen der Integration in einen moeglichst normalen Alltag. Und von unseren zumeist positiven Erfahrungen mit Integration in der Schule.
“Wir verwenden das Wort “Sonderschule” nicht mehr gern. Wir sprechen von Kindern mit besonderen Beduerfnissen.” Sie nicken, das kennen sie hier auch.
Zum Schluss erzaehle ich von Elena und wie wichtig ich es finde, dass sie so wie andere Kinder eine Schule besucht. Ich staune ueber die Zustimmung im Kreis.

Beim Cafezinho gibt es noch weitere Fragen, z.B. ob die Schueler mit einer negativen Note aufsteigen duerfen? Ich bin mir nicht ganz sicher wie der letzte Stand dieser Diskussion ist, nehme aber an, dass unsere Ministerin das bereits umgesetzt hat. In der Grundschule duerfen sie mit einer negativen Note aufsteigen, oder? Und im Gymnasium?

Insgesamt bin ich 1,5 Stunden in der Schule. Ich fuehle mich willkommen, aber nicht auf einen Thron gesetzt, das erlebe ich sehr positiv. In der Pause kommen viele her und bedanken sich fuer den Besuch. Die Koordinatorin zeigt mir, was sie fuer den Abschluss vorbereitet hat: Liebevoll aus farbigem Papier gebastelte Sonnenblumen mit Sinnspruch fuer jeden.
Als ich mich verabschieden moechte, wird noch einmal um Ruhe gebeten. Sie wollen etwas in meiner Muttersprache auf deutsch hoeren. Ich lache. “Ehrlich gesagt ist meine Muttersprache ein ziemlich ‘befremdlicher’ Dialekt, so wie sie hier auch einen Dialekt des portugiesisch sprechen.” Dann rede ich ein wenig auf vorarlbergerisch. Wohlwollendes Grinsen um mich herum. “Und jetzt wir alle zusammen!” meint eine Lehrerin. Wie bloed, dass mir gerade in dem Moment nicht der Schulblues einfaellt, ein Lied zum vor- und mitsingen im Dialekt.
Nein, ich singe anstaendigerweise “Bruederlein fein” auf hochdeutsch. Diese Melodie ist hier auch populaer und mir wahrscheinlich deshalb eingefallen.

Bis wir wieder daheim ankommen gibts noch ein paar Besuche bei verschiedenen Familien und beim Gesundheitsposten. Ueberall herzerfrischende Bereitschaft alles Herzuzeigen und zum Austausch. Und ueberall Zeit zum Ratschen, Zeit auf den anderen einzugehen. Hier erlebe ich, was "Zeit-Wohlstand" bedeutet.

21.2. Sie sind fluegge

Mein Unterricht hat zufriedenstellend gewirkt, die Damen brauchen mich heute praktisch nicht.

Jetzt bin ich wieder an der Reihe etwas von ihnen zu lernen.
Die Informatiklehrerin hat Maniokmehl mitgebracht, das Hauptnahrungsmittel der Indios. Ich kann jetzt Beju machen, einen Fladen aus Maniokbrei, und bin ganz stolz darauf. Schmeckt lecker!
Bild: Waeschetrockner
waesche-am-zaun

Waehrend des Tages habe ich hauptsaechlich portugiesisch gelernt. Sollte die Vokabeln und Verbformen oefter wiederholen und bin froh, wenn sich dafuer ein ruhiger Tag ergibt.

Am Abend kommt Maria noch einmal in die Fundacao: Der Bruder von Dona Marika ist verstorben, es wird gut sein, bei ihr vorbei zuschauen.
Das machen wir auch. Die feine alte Frau sitzt in einem Winkel ihrer Stube, es sind etwa 10 Nachbarn im Zimmer. Sie weint leise, untroestlich, wirkt wie ein verlassenes Voegelchen. Wir sprechen wenig. Morgen sehen wir uns wieder. Diese Nacht wird sie nicht schlafen.

Mittwoch, 22. Februar 2006

20.2. Maria will deutsch lernen

Es ist 7 Uhr, ich bin noch am Fruehstuecken, als Maria schon in die Fundacao kommt. Ja, heute beginnt die Einschreibung und wir wollten vorher noch die Formulare fertig machen.
“Hab eine Ueberraschung fuer dich.” sage ich, und schneide mir das naechste Stueck Mamao ab, mein koestliches Fruehstuecksobst. “Die Datenblaetter sind fertig!” “Hast du es schon geschafft?” freut sie sich. “Ja, es ging. Du hast jetzt auch ein leeres Formular zum Ausfuellen.”

Wir fahren den PC hoch, da kommt schon die erste Oma, um ihre Enkelin anzumelden. Sie ist im Arbeitsgewand, unterwegs aufs Feld. Was fuer ein Kontrast: Wir sitzen vor einem neuen Notebook mit dem noch neueren, coolen Eingabeformular und die Frau mit der loechrigen Schuerze kann garantiert weder lesen noch schreiben.

Bild: R ohne Uhr
rosa-mit-tasse

Maria bespricht mit ihr die notwenigen Fragen, gibt die Daten ein, druckt aus und laesst sie unterschreiben. Der erste Tag mit der Datenbank verlaeuft ohne groebere Stoerungen, aber es ist gut, dass ich in der Naehe bin.
Wir optimieren die Blaetter noch ein wenig und geben bis zum Abend alle Kinder ein. Maria uebt alle moeglichen Dinge, auch Abfragen erstellen. Wenn Eltern kommen, ziehe ich mich zurueck und lasse Eliane und Maria arbeiten. “Ich gehe wieder lernen, Maria!” “Nein, ich gehe jetzt lernen.” Antwortet sie ploetzlich. “Ich brauche ein paar Woerter, denn ich muss mit Pedro reden.” Ich horche auf, oho! Sie verwendet den Namen zum ersten Mal!

Maria faehrt “halbtrocken” fort: “Wenn ich das nicht kapiere bis du weg bist, muss er dich noch hier lassen.” Ich lache und entgegne: “Ist ok, Maria. Du musst nur gut ueberlegen, was leichter sein wird: Access zu lernen oder Pedro zu ueberreden.”

Natuerlich hatte ich auch Besuch, nicht nur das Buero! J
Jefferson, der 10-jaehrige Begleiter meiner See-Tour schaute vorbei und sah mir lange ruhig bei meinen Hausaufgaben in portugiesisch zu. Er ist ein huebscher junger Kerl und angenehm im Umgang, kann lesen und schreiben und sich auch selbst beschaeftigen.

Weiters spazierte ein gruener Leguan von etwa einem halben Meter Laenge durch den Garten, gerade dort wo ich die Waesche eingeweicht hatte.
Ich habe heute naemlich mit Sonnenenergie gewaschen! Man deponiere die Waesche in Seifenwasser in einem schwarzen Kuebel und lasse das mind. eine Stunde in der Sonne stehen – ergibt hier richtig heisses Wasser!

Zum Abendessen bin ich bei der Pflegemutter von Paulina eingeladen, Donna Marika. Ich soll ein wenig warten, “Setz dich doch”, heisst es. Mir ist nicht klar wohin, ich gehe in die Kueche und unterhalte mich mit der Gastgeberin. Sie waermt das Essen und es werden auf den Tisch gestellt: 3 Salate, Reis und Nudeln, Hendl in Sosse, Bohnen, Orangen und Bananen als Beilage oder Dessert.

Aufgedeckt wird nicht. Schliesslich bekomme ich den Sessel an der Stirnseite und einen Teller angeboten – und soll alleine essen. “Ist das hier so ueblich, dass man alleine isst?” “Aber ja! Wenn jemand auf Besuch kommt, dann bekommt er etwas zu essen!” Ich bedanke mich also und beginne zu essen, derweil die Gastgeberin neben mir steht.

Eine Nachbarin schneit herein und setzt sich an den Tisch. Das Gespraech handelt von Familie, Eltern und Kindern und ich erzaehle von Heidrun und meiner Familie. Nach einer Weile lassen sich auch Donna Marika und Paulina nieder und trinken einen Saft. So wird aus dem etwas ungewohnt einsamen Mahl im Angesicht der Gastgeber doch eine gemuetlichere Damenrunde.

Dienstag, 21. Februar 2006

19.2. Die kleine Kaempferin

“Meine Freundin hat mich gar nicht besucht!” so klagt Paulina ueber mich. Sie ist ein Maedchen von etwa 8 Jahren, das mich vor einigen Tagen am Abend auf der Praca gekapert hat. Ihre Mutter erzaehlte es mir gestern. Ich schmunzle, die kleine Kroete ist unwiderstehlich. Ich lade sie ein, heute, Sonntag Vormittag, in die Fundacao zu kommen.

Paulina erscheint, sie ist duenn, sonnenbraun, mit schoenen langen Wimpern, zum Unterschied von den meisten Maedchen hier hat sie kein Puppengesicht. Ein “Gischpel” – so heisst bei uns ein lebendiges Kind, das nicht ruhig sitzen mag. Zuerst muss sie ihren Grant loswerden. Sie beschwert sich, dass sie kommendes Jahr nicht mehr in die Fundacao zum Foerderunterricht kommen darf. “Ich will aber lernen!’
Maria, die Koordinatorin, kommt grad vorbei und bringt mir Schweinsripperln fuers Mittagessen. Sie kriegt den Aerger ab, nimmt Paulina auf den Schoss und erklaert ihr, dass sie in der Schule schon so gut ist und andere Kinder mehr Hilfe brauchen. “Ich will aber hier lernen!” “Du kannst herkommen, wenn wir singen haben! Du singst so schoen. Du wirst mit uns Musik machen, ja?” “Ich kann nicht Musik machen, nur du.” “Ja ich kann ein bisschen und du kannst auch ein bisschen und das geben wir zusammen, dann wird das richtige Musik”, beruhigt Maria. Es ist herrlich ihr zuzuschauen, wie sie Menschen behandelt.

Paulina ist ein wenig beruhigt. Die Kleine hat bis zum vergangenen Sommer mehr oder weniger auf der Strasse gelebt, denn ihre Mutter ist alleinstehend und geistig krank und konnte die vier Kinder nicht versorgen. Paulina hat sich Essen aus dem Abfall organisiert. Eine kinderlose, betagte Frau im Ort hat angeboten, dass sie bei ihr wohnen kann und eines Tages ist die Kleine mit den Worten erschienen: “Tante, ich bin jetzt ausgezogen.” Sie hat gewaehlt und liess sich nicht mehr wegholen.
Die Situation der Mutter verschlechterte sich. Roberto ging und suchte Plaetze fuer die anderen Kinder. Paulina versteckte sich immer, wenn sie das Auto von Roberto hoerte, aus Angst, er wolle sie fortholen. “Ich verstecke mich im See, Tante!” versicherte sie. “Paulina, im See wirst du sterben.” “Aber wo kann ich denn bleiben?” “Hier, Paulina.” beruhigte sie die Pflegemutter.

Inzwischen hat Paulina entschieden, dass sie “Mae”, Mutter, zur Pflegemama sagt. “Ich moechte Mae zu dir sagen, aber du bist nicht meine richtige Mutter.” “Ja Paulina, deine richtige Mutter ist krank.”

Unglaublich, wie die kleine “Garota” vermag, Menschen zu beeinflussen: Sie schmeichelt, insistiert, verhandelt, schreit, kaempft, schmust, singt und tanzt mit unbaendigem Lebenswillen. Man liebt sie oder man fuerchtet die kleine Hexe, nehme ich an.
Ich mag sie, nein, ich bin von ihr begeistert!
Zum Zuhoeren, wenn ich vorlese, fehlt ihr die Aufmerksamkeit. Sie liebt es die Buchstaben zu kopieren, aber sie versteht nicht, was sie schreibt.

Zu Mittag begleite ich sie nach Hause. “Mae” sitzt in ihrem kleinen Geschaeft, wir plaudern und sie laedt mich fuer einen der naechsten Tage zum Essen ein.

Der Tag bringt noch schoene Telefonate und Zeit um ein wenig zu lesen.
Nachmittags begleite ich Roberto nach Katim, einem Weiler etwa 5 km entfernt, wo 17 Familien wohnen. Ja, hier ist Interior! Sao Miguel wirkt dagegen – jetzt muss ich sagen: “zivilisiert”. Beispiel: Hier schauen sie mich gross an, gruessen aber nicht. Der Gottesdienst wird im Freien auf dem Gelaende der Grundschule gefeiert. Es gibt etwa 20 wackelige Schuelersessel, die bald voll sind von Kindern und jungen Frauen. Als die aelteren Frauen dazukommen, stehen die Kinder nicht auf, um Platz zu machen. Es braucht dazu “Nachhilfe” von der Koordinatorin, der lokalen Lehrerin.

Das Evangelium handelt vom Gelaehmten, der von seinen Freunden zu Jesus gebracht wird. Als sie wegen der vielen Leute nicht zu ihm durchkommen, steigen sie aufs Dach, decken es ab und lassen den Kranken mit der Bahre hinunter, vor die Fuesse von Jesus.
Jetzt weiss ich, wie ich mir das vorstellen muss. Hier waere das ebenfalls leicht moeglich.
Robertos Predigt ist lebendig und interessant. Er streicht heraus, dass der Gelaehmte und seine Freunde ueberzeugt waren, dass es Hilfe gibt und dass sie es schaffen werden. Und wenn es keinen normalen Weg gibt – keinen Jeito - dann findet sich eben ein Jeitinho, eine halblegale Loesung. Man muss sich nicht abfinden mit Situationen, die einem Energie und Lebensmoeglichkeiten rauben.

Eine Geschichte, wie geschrieben fuer Brasilien. Hier versteht man den Jeitinho und dass Jesus nicht gesagt hat: “Bitte zurueck und in der Reihe anstellen!” Sondern, dass er von dem tatkraeftigen Glauben dieser Menschen beeindruckt war und geholfen hat.

Bild: Mutter und Tochter
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Am Abend richte ich noch die Dokumente im Access her fuer morgen, denn da beginnt die Einschreibung und wir wollen doch die Datenblaetter haben. Das Access-Problem habe ich uebrigens loesen koennen, habe den Befehl zum Seitenumbruch gefunden. Ging ohne Jeitinho. ;- )

Sonntag, 19. Februar 2006

18.2. Ueber dem See

Dass ich noch nie am See war hat zwei Gruende: Es gibt keinen Badestrand mit Kiosk... und es gibt Piranhas. Scheinbar auch Krokodile. Jedenfalls kann hier niemand schwimmen und ich nehme an, dass das Gruende hat.

Mary hat mich schon lange zu einem Ausflug an den See eingeladen. Ihr Acker und ihr Haus im “Interior” liegen am anderen Seeufer. Dorthin wollen wir heute gehen und ich will unbedingt ausprobieren, wie man ein Reisfeld putzt.
Bild: Reiher
reiher-sao-miguel

Um 8 spazieren wir los: Mary, ihre beiden Buben von 15 und 13 Jahren und ein Nachbarsbub von etwa 10 Jahren und ich. Maria (die Koordinatorin der Fundacao) hat mir ihre Plastiksandalen geborgt, die sind jetzt Gold wert. Meine sind zwar bequemer, aber aus Leder.

Quer durch Buesche schlagen wir uns durch zum See. Dort liegen zwei kleine, einfache Ruderboote von Mary. Das etwas groessere steht halbvoll Wasser. Mary und die Buben schoepfen aus, dann gehts los. Mary rudert geschickt – und das muss sie auch, denn der Rand des Bootes liegt nur wenig ueber der Wasseroberflaeche. Das Wasser ist warm und total ruhig. Der See sei 5 m tief, meint Mary.

Am Ufer sehe ich 4 verschiedene Stelzenvoegel und als ich das Fernglas herausziehe, werden die Buben aufmerksam. So wie ich, sind auch sie begeistert, die Voegel ploetzlich aus der Naehe sehen zu koennen: Wie sie genau aussehen, wie sie sich putzen, langsam im Wasser stolzieren und fischen etc.

Wir legen an und marschieren querfeldein zu Marys Kuehen. 2 Milchkuehe und zwei Junge warten in ihren Verschlaegen. Das eine Kalb darf noch bei der Mutter trinken. Beide sind mehr als mager. “Wird sich bessern, die Mutter war krank.” gibt sich Mary gelassen. Mary melkt rasch die zwei Liter im hocken, ohne Schemel, mit einer Hand.
Bild: Mary oeffnet den Zaun
edimar-tor-oeffnen

Die Buben suchen derweil ein Krokodil im Tuempel nebenan. Wirklich, da liegt etwas auf der Wasseroberflaeche, das mit etwas Fantasie der Kopf eines kleinen Krokodils sein koennte. Als das Ding ploetzlich nicht mehr da ist, glaube ich den Buben, dass ein Jacaré war.

Danach gehts weiter zum Haus, in dem Mary frueher wohnte, ueber Maisaecker und durch Gestruepp. Mary warnt mich vor den gemeinen Stacheln und Juckpflanzen. Die Buben zeigen mir schoene Voegel. “Schau, das ist er, den wollten wir dir zeigen. Der ist gerade erst angekommen!” freuen sie sich. Das schoene Tier ist schwarz mit purpurroter Brust. Man nimmt an, er komme, um Fische zu fangen. Was Zugvoegel sind, wissen sie nicht.

Alle drei Buben haben ihre Scheudern dabei und schiessen immer wieder auf Voegel. Ich frage nach, was sie machen, wenn sie einen toeten. “Essen? Oder toetet ihr sie einfach so?” Die Antwort ist zweifelhaft. Mary meint, sie haetten noch nie einen erwischt. Die Jungs druecken herum. “Ja, essen.” heisst es schliesslich.

Gerne lasse ich mir das Feld zeigen, das Mary mit den Buben diese Woche geputzt hat: Es ist Reis. Wir nehmen eine Hacke und Mary macht Vorfuehrung. Das geht ruckzuck, wie sie das Unkraut zwischen den feinen, etwa 30 cm hohen Reishalmen heraushaut. Ich probiere es auch und ernte anerkennende Ausrufe. Allerdings geht ein kleines Reisbueschel drauf, da hoere ich dann lieber auf. Obwohl ich Lust bekomme, weiter zu machen.
Die Enxada ist die “Hockn” und, wie im Wienerischen, gleichzeitig das Wort fuer Arbeit, Broterwert. Jetzt wo ich jeden Morgen kleine Gruppen von Menschen mit Hacken in die Felder gehe sehe, wird mir der Ursprung des Wortes sehr klar. Ohne “Hockn” bist hier wirklich brotlos.

Wir pfluecken einen Sack saeuerlicher, laenglicher Steinfruechte und setzen uns beim Haus gemuetlich in den Schatten. Ich habe Aepfel vom Markt mitgebracht und fuer mich eine Karotte. Man staunt, dass ich die roh esse. Und ich staune, dass sie wirklich nur Reis und Bohnen und Fleisch moegen.

Hinter dem Haus findet Lorimar ein Ei! “Das ist aber meins!” versichert er sich bei der Mum. Mary ist bekuemmert: Von den beiden letzten Hendln ist nur mehr eines zu finden. Diebe haben sich die anderen geholt, nimmt sie an.

Es gibt 5 Geissen, die rund um das Haus in der Chapata, so heisst das Wildland hier, Futter suchen. Eine Geiss liegt in der Umzaeunung in der Sonne und atmet schwer. “Sie ist krank.”
Ja, das sieht man. “Die hat kein Wasser und kein Futter. Wer bringt ihr ein Wasser?” frage ich. Unglaeubige Blicke. “Ich weiss nicht, ob sie trinkt.”, meint Mary. “Aber die hat ja keine Kraft, zum Wasser zu gehen.” setze ich nach. Wasser kann ja wohl nicht schaedlich sein, nehme ich an. Es folgt eine kleine Unterredung mit den Buben, die ich nicht verstehe, und die damit endet, dass wir am Rueckweg Wasser bringen. Offenbar mir zuliebe.

Es geht noch ein Stueck durch Chapata zum Maisfeld. Ich bestaune die Bienenstoecke und die Voegel, besonders zwei kleine Eulen., die nicht weit entfernt auf Pfaehlen sitzen. Die Buben duerfen mit der Kamera knipsen, bis die Batterien leer sind. Dann sind wir wieder bei der Geiss.

Mary kommt mir nach, und ich vermute bei ihr eine Mischung aus Widerwillen und Mitleid mit dem Tier. Die Einstellung scheint zu sein: “Wer nicht stark genug ist, der geht eben drauf. Das kann man nicht aendern.” Hatten wir doch schon mal, gestern....

Mary holt einen Kuebel mit Wasser. Gierig trinkt das Tier. Dann knien wir nieder und schauen die Geiss genauer an. Die Euter sind dick aufgeschwollen voller Milch. “Ist das normal?” frage ich. Mary erbarmt sich und beginnt geschickt und vorsichtig, auszumelken. Die Milch spritzt in den Sand. Hier trinkt man keine Geissmilch.
Danach will Mary das Tier in den Schatten bringen. Ich ueberlege ratlos, wie wir es hinueberbefoerdern koennen, aber sie macht das alleine: Schnappt die Arme bei den Hoernern, redet ihr gut zu, bis sie auf die Beine kommt, und dann: “Vem, defagar! Komm, langsam!” zieht sie sie unter das Schattendach.
Zu guter letzt machen wir uns auf und suchen Gras fuer die Geiss. Als sie uns mit zwei Arm voll kommen sieht, geht sie uns entgegen. Mary freut sich: “Schau, es ist schon besser!”
Na Gottseidank! Morgen soll der Nachbar “Medizin” vorbei bringen. Sonst geschieht nichts mehr bis Mary am Montag wieder herkommt.

Jetzt aber machen wir uns auf den Rueckweg, es ist schon nach 11. Wir pfluecken am Strand “Maschischu”, ein wild wachsendes Gemuese. Unterwegs ist es so sumpfig, dass die Sandalen haengen bleiben. Nach kurzem Zoegern gehe ich wie die anderen barfuss. Es quatscht zwischen den Zehen – schon lange nicht mehr gespuert, dieses Gefuehl! Ich muss schmunzeln...

Rasch rudert uns Mary nach Hause, ich habe schon eine rote Nase.

Da heute Markttag ist, gehe ich noch was einkaufen. Wein finde ich nicht, auch kein geraeuchertes Fleisch (Schinken oder Speck). Da gibts eben Geschnetzeltes mit Reis.

Der Nachmittag ist geruhsam und der Selbstpflege gewidmet, bis Maria in die Fundacao kommt um zu arbeiten und ich ihr helfe, gegen die mistige Autoformatierung des Word zu kaempfen. Maria lacht: “Ich lasse dich das nur machen, weil ich sehen will, wie du die Nerven verlierst und das Ding zum Fenster raus wirfst.” Na, viel fehlt nicht!

Nach der Andacht zur "Nossa Senhora" setze ich mich mit Marias betagten Eltern in den Hof. Papa ist stolz auf seine Geschaefte. “War ein wichtiger Tag heute.”, meint er. Zwei Schweine hat er gekauft, die kommen aufs Land.
Wir unterhalten uns leise, mit wenigen Worten. Ueber mir haengen Orangen im Baum und funkeln die Sterne. Ich hoere die Grillen und die Lautsprecher von der Praca her, wo das Jungvolk die Stille vertreibt.
Der Maracujasaft, den Maria uns macht, soll den Schlaf bringen, heisst es.
Nun dann, gute Nacht.

Samstag, 18. Februar 2006

17.2. Steh auf, erhebe dich!

Der Regen hat die Luft erfrischt. Heute ist ein strahlend schoener Tag.
Maria und Eliane vertrauen mir das Buero an, sie gehen die Elterngespraeche fuehren.
Mit Mozarts Haffnersonate im PC schreibe ich die Liedertexte fertig fuer die “Kampagne der Solidaritaet”, eine Aktion der Kirche in ganz Brasilien. Thema 2006 ist die Integration von Menschen mit Behinderungen. Titel der Hymne heuer: Steh auf, erhebe dich!

Als Roberto kommt, ergibt sich ein interessantes Gespraech. Er liebt klassische Musik und verhungert hier wahrscheinlich diesbezueglich. Zwar kennt er gute Musiker in der Landeshauptstadt Teresina, aber die ist eine Tagesreise weit entfernt, wie ihr wisst.

Maria kocht heute fuer uns: Es gibt Fisch aus dem See. Und am Nachmittag besuchen wir wieder einige Familien im Interior, um die sich Roberto besonders kuemmert.
“Von Teresina aus ist Oeiras Interior. Von Oeiras aus São Miguel. Und fuer uns in São Miguel sind es diese 15 Weiler, von denen manche noch keinen Strom oder keinen Anschluss an die Wasserleitung haben.” erzaehlen sie im Auto.

Bald kommen wir wieder bei Donna Marta vorbei. Hier gibt teilweise Entwarnung: Ihre Familie ist noch nicht abgereist, der Job in der Stadt fuer Sohn und Schwiegertochter hat sich zerschlagen. Derzeit geht also noch jemand Wasser holen.

Danach gehts durch zwei nette Weiler mit ein paar dutzend Haeusern. In St. Luis besuchen wir Marlon. Er ist jetzt 21. Mit 18 hat er sich, wie viele andere junge Maenner hier, nach Sao Paulo aufgemacht. Der Albtraum der Eltern ist wahr geworden. Im Dezember kam die Nachricht, dass er nach einem schweren Motorradunfall im Koma liegt. Die Mutter hat ihre Familie mit den 5 kleineren Kindern zwischen 10 und 18 verlassen. 6 Monate war sie bei Marlon in Sao Paulo und einen Monat in der Clinic in Teresina. Nach 7 Monaten Abwesenheit ist sie Ende Juli mit Marlon zurueck gekommen.

Das Pflegebett steht im Wohnzimmer, wo die Geschwister fernsehen. Man feut sich ueber den Besuch. Marlon erkennt Maria und Roberto wieder und versucht auch ihre Namen auszusprechen. Er kann zaehlen und spricht manche Worte schon verstaendlich aus. Alle freuen sich ueber seine Fortschritte. Wie gut ich das verstehen kann...

In der Zeit im Krankenhaus hat sie kaum geschlafen, erzaehlt die Mutter. Damals hatte sie ein besonderes Erlebnis. In einem aussergewoehnlichen Traumzustand hoerte sie eine schoene Frauenstimme singen: “Erhebe dich, gehe deinen Weg...”
Sie zwang sich, die Augen zu oeffnen, da war alles vorbei. Sie hat das Lied erkannt und spaeter auswendig gelernt. Roberto und Maria singen einige Strophen mit.
“Ein langer Weg, den Marlon gehen muss. 1 Jahr, 3 Monate und 5 Tage.” Ihr Blick ist ernst. “Aber Jesus hat immer gesagt: Steh auf, erhebe dich! Dein Glaube hat dir geholfen. Wir glauben alle, dass Marlon wieder auf die Beine kommt.” versichert sie, schon wieder lebendiger und froher.
Ob ich fotografieren darf, frage ich. “Ja sicher!” Maron wird aufgesetzt und checkt genau, was passiert. Er strahlt in die Kamera.

Die Situation beim naechsten Besuch ist weniger hoffnungsvoll. Hier lebt Adalbert, ein geistig behinderter, 9-jaehriger Bub mit seiner Familie. Schon vier mal ist Roberto mit ihm und den Eltern eine Woche in der Spezialklinik gewesen, damit er richtig diagnostiziert und behandelt wird. Die Klinik hat schliesslich abgewunken, es hat keinen Sinn. Die Eltern verstehen nicht, dass und wie sie ihr behindertes Kind akzeptieren und foerdern koennen.
adalbert

Adalbert kriecht nackt in der Huette am Boden. Er erkennt Roberto und freut sich, laesst sich auch gleich von ihm aufnehmen und tragen. Und er weint – wir wissen nicht warum. Erschreckt er sich vor mir, der Fremden? Schaemt er sich, weil er nackt ist?
Jetzt darf er jedenfalls im Stuhl sitzen und schlaegt ein Bein ueber das andere - wie die grossen.

Die Mutter kommt nach einer Zeit mit einem schweren Sack voller Laub als Duenger fuer den kleinen Garten. Sie macht vor dem Haus Feuer und braut uns Nescafé. Maria und ich unterhalten uns mit ihr.
Roberto redet mit dem Vater, nach etwa einer ¾ Stunde verabschieden wir uns.
“Hier geht nichts weiter.” Roberto und Maria sind enttaeuscht. Sie beantworten eine Frage, die ich noch gar nicht gestellt habe: “Der Bub hat natuerlich einen schoenen Rollstuhl, aber der steht Sommer und Winter im Freien und sie benutzen ihn gar nicht.”

Auf mich wirken die Eltern wie Kaempfer, nach dem Motto: “Nur die harten kommen durch.” Das Kind, das offensichtlich nicht zu diesen gehoert, wird zwar nicht aeusserlich, aber innerlich “ausgesetzt”, gar nicht in die Familie aufgenommen.

“Sie kann ihn doch nicht halten wie eines ihrer Tiere, die Schweine oder Huehner!” schimpft Maria im Auto als wir wegfahren.
Zumindest haben die Eltern eine Rente fuer Adalbert und sind damit vom aergsten Ueberlebenskampf befreit. Vielleicht wird ihnen das ein wenig Luft verschaffen fuer neue Gedanken und Verhaltensweisen, christlichere.
Roberto und Maria bleiben dran. Und Maria nimmt sich schiesslich vor: “Ja, ich werde mir ein Herz nehmen und die Mutter darauf ansprechen. Ich muss sie fragen, wie sie sich die Zukunft mit Adalbert vorstellt.” Um dieses Kind kaempfen sie.

Im Abendlicht ist die Landschaft wieder zauberhaft. Ich mache mein bisher bestes Foto, als uns ein Vaqueiro entgegen reitet. Diese “Cowboys” sind piauiensische Originale!
vaqueiro

Freitag, 17. Februar 2006

16.2. Debut als facilidadora

Es regnet und wieder mal haben wir keinen Strom. Das dauert vom Aufstehen bis zu Mittag.
Wahrscheinlich ist Wasser in die Stromleitung gekommen... ;-)

"Wenn es regnet, ist es unsicher, ob jemand zur Sitzung kommt”, meint Maria. "Ich glaube eher nicht, dass das heute was wird.”
So sitzen wir zwei halt in der Aula, hoeren dem Regen zu und unterhalten uns. Arbeiten geht nicht ohne Strom.

Schwesterherz Monika ruft aus Oesterreich an – das klappt wenigstens und baut auf.
Dieser Tag wird ein Telefontag. Noch zweimal holt man mich ganz aufgeregt. “Ich habe nur ‘Cheingad’ verstanden” meint Maria. Sie kennt meinen Namen, weil sie meine Passdaten an ihre Freundin durchgegeben hat. Das Ticket nach Salvador ist bereits gekauft, die Mitschwestern sind zur pfleglichen Behandlung verdonnert worden und ich habe durchgehende Reisebegleitung.
Das ist perfektes Service!

Wie ich angenommen hatte, halten wir die Sitzung doch, denn um 9, mit einer halben Stunde Verspaetung, sind fast alle da. Roberto eroeffnet, ich uebernehme die Moderation, stelle mich vor etc., und freue mich, dass sie mich offenbar gut verstehen.
Programm und Zeit halten wir gut ein, die Beitraege sind so wie immer: unterschiedlich inhaltsreich, aber bringen doch einige wichtige Punkte aufs Tapet.

Schlussendlich fuehle ich mich zufrieden und bin sehr erleichtert.
Roberto hat einige Neuigkeiten erzaehlt:
Sie wurden in Teresina in ein staatliches Programm aufgenommen, das Lebenschancen fuer Kinder und Jugendliche foerdern will. Es unterstuetzt Aktivitaeten wie Sport, Tanz, Theater und Capoeira, alles Dinge, die die Fundacao bereits fuer 2006 im Programm hat.

Mit der Gemeinde gibt es eine neue Kooperation: Der Fussballplatz der Schule wird in Zukunft von der Gemeinde mit benutzt, aber auch gepflegt. Ebenso uebernimmt die Gemeinde erstmals einen Kostenanteil: Die Lebensmittel.

Roberto arbeitet zielstrebig darauf hin, dass die Fundacao unabhaengiger von ihm und der Finanzierung aus Holland wird. Dort hat sein Freundeskreis in den letzten 10 Jahren die Aufbauarbeit hier unterstuetzt. Roberto hat auch sein privates Vermoegen hier eingesetzt. Die Hoellaender haben zugesichert, dass sie noch bis 2008 die Mittel aufbringen wollen.

Bisher arbeitete Roberto unentgeltlich – wie es fuer ihn weiter gehen wird, ist unklar.
“Nie hatte ich gedacht, dass ich einmal Missionar werde. Dieser Gedanke war wirklich nicht in meiner Lebensplanung.” erzaehlte mir Roberto. Nach 6 Jahren als Lehrender auf der Uni fuer Rechtskunde hat es ihn in ein Trappistenkloster gezogen.
Danach brachten ihn verschiedene Einladungen hierher – und als er empfangen wurde von einer Gruppe singender Menschen, die ihm den Schluessel der Kirche ueberreichten und meinten: “Sie sind jetzt unser Padre”, hat er “Ja.” gesagt. Er wohnt im Pfarrhaus und haelt regelmaessig in Sao Miguel und in den groesseren der umliegenden 15 Weiler Andachten. Weiters ist er der Helfer fuer alle Faelle: Wenns dringend ein Auto braucht, faehrt er die Person zum Doktor. Wenn man sich nicht klar ist, wie eine verstorbene Person zu waschen ist, muss er es wissen. Wenn eine Frau einen Rechtsbeistand braucht, um Alimente fuer ihre Kinder zu erstreiten, geht Roberto mit. Wenn Donna Marta endlich an die Wasserleitung angeschlossen werden wird, hat Roberto wahrscheinlich die halben Kosten uebernommen.

Er ist stolz auf den guten Ruf der Fundacao: “Man haelt uns fuer vertrauenswuerdig. Man sagt, dass wir gute Arbeit machen: Die Lehrer in der Schule beobachten die Verbesserung der Kinder und erzaehlen davon. Und die Kinder kommen sehr gerne her. Sie fuehlen sich hier wohl.”

Was ihn bewegt hat, diese Gruendung zu beginnen?
“Ich habe gesehen, dass ich in Einzelfaellen helfe, aber die Verhaltensweisen die gleichen bleiben. Die Hilfe war nicht nachhaltig. Im Gegenteil, man hat sich immer mehr auf mich verlassen.
Die Absicht der Fundacao ist es, hier sichtbar fuer alle eine andere Lebensform aufzubauen. Einen Ort, an dem die Regeln gelten, nach denen in der Stadt, 60 km von hier gelebt und gearbeitet wird.”
“Was fuer Regeln zum Beispiel?”
“Also, verlaesslich zu sein. Sie muessen das lernen, Ich sehe es nicht ein, dass die Schueler in Oeiras taeglich in die Schule gehen, und hier bleibt jeder daheim, wenn es einmal regnet. Oder auf die Dinge aufzupassen, die allen gemeinsam gehoeren.”

Die Fundacao soll also ein Lernort fuer eine lebensfoerderlichere Alternativkultur sein und dieser Anreiz wirkt offenbar positiv auf Kinder und Erwachsene, die herkommen.

In der Mittagszeit bekomme ich wieder Besuche von Kindern. Sie ziehen nach kurzem Plaudern wieder ab. Offenbar muss man einfach die Fremde besichtigen gehen, damit man was zu erzaehlen hat. Sie sind lieb und herzerfrischend!

“Zur Erholung” schreibe ich am Nachmittag wieder Liedertexte. Nach einiger Zeit lasse ich mich in ein Gespraech ueber Auswahlkriterien verwickeln. Fuer eine Gruppe gibt es schon zuviele Anmeldungen. Erst um halb 8 Uhr abends stehen die Gluecklichen fest. War eine schwere Geburt – Maria und Roberto muessen zum ersten mal Kinder abweisen und tun das gar nicht gerne.

15.2. Auf der Datenbank

Ein schoener Morgen, mild und sonnig. Ab heute gibts auch Milch im Haus und “Capuchino” zum Fruehstueck. Ich esse immer in der offenen Aula, die ihr euch wie eine grosse ueberdachte Veranda vorstellen koennt, mit Blick auf den See.

Auch heute gelingt es mir nicht, die Mails zu beantworten. Das Oeffnen der Website dauert, das Einloggen dauert, das Oeffnen der Mailbox dauauauauauert! Und dann jedes einzelne Mail – Menschenskind! Wenn nicht das Vaterunser auf portugiesisch vor meiner Nase haenge wuerde....
Das erinnert mich uebringens an manche alten Kochrezepte, in denen eine Zeitdauer so gemessen wurde: “Ruehren sie die Masse waehrend 3 Vaterunser.”

Ich uebe mich also in Gelassenheit und komme heute wenigstens dazu, die Mails zu Lesen. Danke Phil und Sabine und Peter und Philip und Monika! Das Oeffnen eines Antwortmails war der Leitung offenbar zuviel. Bitte um Verstaendnis, wenn du keine Reaktion per Mail bekommst.

Als Eliane und Maria um 8 kommen, nehmen wir uns die Datenbank vor. Bisher gibt es ein Stammdatenblatt auf A4, das jaehrlich neu angelegt wird. Kommende Woche melden sich die neuen SchuelerInnen an, da soll es schon moeglich sein, sie gleich im PC zu erfassen.

Mit Maria erstelle ich die Basistabelle. Das braucht die meiste Denkarbeit und mir gehen die Vokabeln aus. “Solltet ihr Adresspickerl brauchen, waere es wichtig, dass ....” Immer dieser unmoegliche Konjunktiv, den ich noch nicht richtig kann!
Ich spuere auch, wie denken und sprechen miteinander verkoppelt sind. Es ist schwer, scharf zu denken, wenn man die Sprache nur unscharf beherrscht.

Noch vor dem Mittagessen tippen wir probeweise einige SchuelerInnen ein und erstellen Abfragen: “Geburtstage im August” und “Gruppe Cida” z.B.

Der kleine Williams bringt mir Hendlfleisch, schon vorgewuerzt, von Marias Mutter. Damit ist mir eine Entscheidung abgenommen: Heute gibts Risotto ala Heidi. Die anderen essen ausnahmsweise mit.

Nachmittags baue ich noch ein angenehmes Eingabeformular. Damit aber bin ich mit meiner Weisheit am Ende. Mit dem portugiesischen Access finde ich nicht heraus, wie ich die Datensaetze einzeln ausdrucken kann. Ich moechte jedes Formular (Stammdatenblatt des Schuelers) natuerlich einzeln auch auf Papier haben, und der Mistkerl druckt sie immer im Block. Wer weiss Rat?

Eliane und ich geben Daten ein. Sie spricht schnell und mit einer fuer mich witzig nasalen Art. Ich verstehe zunaechst nur Bahnhof. Nach einiger Zeit gewoehnen wir uns aneinander und ich uebe, ihr nachsprechend, die Kehllaute.

Zur Cafezinho-Zeit bringt Maria ein Thema auf, von dem wir ein paar Tage zuvor schon gesprochen hatten: “Du sagtest, du willst zum Carneval nach Salvador? Ist das ernst?” “Naja,”antworte ich, “es haengt davon ab, ob es leicht geht. Ich mag es nicht mit Gewalt erzwingen. Ich habe es schon fast vergessen.”
“Rosa, du kannst bei uns im Haus schlafen. Wir haben die Zentrale in Salvador. Und ich habe eine Freundin in der Nachbarstadt, die ist gerade aus Salvador zurueckgekomen. Ich kann ich fragen, wie sie gefahren ist und was es jetzt kostet.”

Mehr aus Neugier hole ich Kalender und Landkarte und Maria zeigt mir, wie die Fahrtmoeglichkeiten sind. Freitag in der Frueh Abreise, Samstag zu Mittag Ankunft in Salvador, etc. “Aber dann bin ich ja eine Woche weg!” verstehe ich.
“Stimmt. Und das wird sich lohnen!” versichert Maria. “Also – faehrst du oder nicht?”
“Du hast recht, das wird sich lohnen. Ich fahre.”

Maria strahlt. Einerseits, weil sie mir einen Gefallen tun will, und das ist ihr ja wirklich gelungen! Andererseits, weil sie Salvador gerne mag und sich freut, dass ich es besuchen werde.

Danach arbeiten wir noch lange mit Access. Ich bin so beeindruckt, wie offen und lernbereit Maria und Eliane sind. Sie schnappen wirklich jeden Zipfel von Kompetenz, der ihnen hilfreich erscheint, und wollen ihre Arbeit verbessern.

Die morgige Sitzung wird noch vorbereitet, der Raum geputzt und die Utensilien hergerichtet. Flipchart undso gibts natuerlich nicht. Werden wir auch nicht brauchen - wieso braucht das ueberhaupt jemand?
;-)

10 Personen sollen zur dieser Eroeffnungs und Reflexionseinheit kommen. Ich bin leicht angespannt und spuere Vorfreude.

Heute Abend gehe ich zum ersten Mal nicht auf die Praca. Ich will endlich in Ruhe mein Tagebuch schreiben und die Fotos von der Kamera auf den PC herunterladen. Roberto hat ein “Aparelho”, mit dem das gelingen sollte – und das tut es auch. Nur kann ich die Fotos leider nicht in das Blog laden. Schade, moechte euch gern die gruene Gegend hier zeigen.

Das wichtigste KURZ

Endlich Fotos! - ab 1.2.. Dieses Blog enthaelt Notizen und Fotos bis zum 23.2., der ersten Zeit in Piaui. Fortsetzung unter <2brasil.twoday.net>!!!!!!!! Seit 30.1. geniesse das Landleben im "Wilden Westen" von Brasilien - das ist der Nordosten, genauer gesagt Bundesstaat Piaui! Derzeit wohne ich in der Fundacao ASAS, einem privaten Bildungsprojekt fuer Kinder aus benachteiligten Familien. Roberto, der Gruender, ist Hoellaender und arbeitet hier als Seelsorger. Die Gemeinde Sao Miguel hat etwa 3000 EW, laendlicher Raum, schoene Natur, derzeit angenehm sommerliches Wetter. Ich arbeite im Buero, habe viel Kontakt mit Kindern und besuche Familien. Die ersten 2,5 Monate habe ich in Sao Paulo gelebt, in verschiedenen Haeusern der Schwestern der Congregatio Jesu: Zentrale, Schule, Peripherie. Besuchte Sozialprojekte, interviewte interessante Menschen, recherierte viel im Internet, lernte portugiesisch und half ehrenamtlich mit.

Info fuer AllesleserInnen

Das Tagebuch ist wieder aktuell. Falls dein PC manche Tage nicht anzeigt, gehe in der obersten Befehlszeile auf "brasil" und wenn die Auswahl sich zeigt auf "Tagebuch". Die Suchmaschine funktioniert auch, allerdings muss man halt wissen, was man finden will... Peter und Heidrun wissen normalerweise, wie es mir geht: peter.hirsch@atnet.at; HeidrunLange1984@aol.com

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