Tagebuch

Donnerstag, 16. Februar 2006

14.2. Rosa lehrt Buchhaltung

Oh wie gut, dass ich mit Alex am seinem Kostenrechnungsartikel fuer unser Buch gearbeitet habe. Fuer jede Minute bin ich jetzt dankbar und erzaehle munter seine Geschichten weiter: Vom Sinn und Zweck der vielen Zahlen im Management... hihi!

Und neben dieser ziemlich ungewohnten Rolle der Lehrerin fuer BWL-Theorie begebe ich mich auch noch in die Praxisberatung.
Die Damen ueberarbeiten mit mir ihre Dokumente fuer die Geldgeschaefte.
Das Kassabuch wird ab jetzt in Excel gefuehrt, das heisst ich bringe ihnen meine minimalen Excel-Kenntnisse bei. Und sie sind dennoch begeistert.
Bild - Maria, die Leiterin und Eliane, im 8. Monat schwanger, vorne
maria-e-eliane

Mit Roberto rede ich uebers Budgetieren. Er will genauer wissen, was eine Abschreibung ist und was eine Rueckstellung. Schluck! Gottseidank fragt er nicht zu genau, wir bleiben gerade noch auf dem schmalen Pfad meiner Kenntnisse.

Kann vielleicht einer von euch mal da vorbei kommen, die ihr mir das immer so locker erzaehlt? Aber Vorsicht, sagt ja nichts anders, als ich hier verbreitet habe!
;-)

Am spaeteren Nachmittag fasse ich nach, um die etwaige Sitzung zu klaeren. Es ist nicht leicht, die beide Leitungsfiguren an einen Tisch zu bekommen. Hier ist jeder staendig am werkeln und unterwegs. Die Kommunikation ist duenn, die Planung noch duenner, aber das gegenseitige Wohlwollen und die selbstverstaendliche Flexibilitaet gleichen das aus. Noch zumindest.

Roberto spricht sehr offen ueber die Enttaeuschungen, die er auch erlebt hat, beim sogenannten “Uebergang in die Organisierungsphase” und welche Huerden auf das Projekt und ihn persoenlich zukommen.
Beide moechten meine Anwesenheit nuetzen, um das Arbeitsjahr mit einer Reflexionssitzung mit allen Mitarbeitenden zu beginnen. Wir entwickeln die Ziele und den roten Faden.

Ich bin mit dem Tag sehr zufrieden, war ja richtige Arbeit.
Und zu allem Glueck ruft auch noch Peter an!

Um halb sieben kommt mich wieder ein Schueppel Kinder besuchen. Ich bin gerade dabei, eine Suppe zu machen und lasse alle mitkochen und mitessen. Lustig wirds, als der Strom ausgeht. Maria kommt, um nach dem rechten zu sehen. Mit Taschenlampen spazieren wir auf die Praca, denn auch die Strassenbeleuchtung fehlt.
Die Girls finden sich in Gruppen, singen und tanzen den Sommerhit: tschiribim tschiribimm.... der praktisch ununterbrochen im Radio laeuft.

Maria will mich noch Donna Teresa vorstellen. Sie ist eine wichtige Frau, Clanmutter der Politikerfamilie, zu der auch Abadia gehoert. Eine gepflegte, schlanke Dame mit ca. 70 Jahren. Sie traegt eine kleine rote Anstecknadel an ihrem bodenlangen Kleid: “PT” (Arbeiterpartei). Eine Erscheinung, kaum zu glauben, dass sie hier aufgewachsen ist.

Sie ist auf der Durchreise und wer es rechtzeitig erfahren hat, wie Maria, macht seine Aufwartung. Vornehm steigt sie in die Gespraeche ein und hoert sie sich die Anliegen der Bittstellerinnen an. Sie ermutigt und bestaerkt, ohne konkrete Versprechungen zu machen.

Ein sanftes und troestendes Zeremoniell, fast wie eine Andacht zur “Nossa Senhora”.

13.2. Montag - Arbeitsbeginn

Ab heute gehts also los mit dem Vorbereitungs-Betrieb in der Fundacao. Die Kinder kommen Anfang Maerz, und bis dahin gibt es viel zu tun.

Ich habe noch sehr vage Vorstellungen, was ich beitragen kann, aber Roberto meint, er moechte viel ueber die Organisation einer Schule von mir lernen. Vamos ver, wer da mehr profitiert – er oder ich?

Die Fundacao hat im August 2004 begonnen, Foerderstunden fuer die Kinder anzubieten, die in der Schule besondere Schwierigkeiten haben.
Sie betreuen 50 Kinder der ersten vier Schulstufen. Manche besuchten diese allerdings schon mehrmals...
2 Kindergruppen sind vormittags da, 2 nachmittags, entsprechend sind 2 Lehrerinnen angestellt. Maria ist Leiterin und arbeitet im Buero. Sie macht die Elternarbeit und hilft bei den schwierigen Kindern, denn sie hat dafuer eine besonders gute Hand.

Bild: Die Fundacao
fundacao

2 Frauen sind fuer Reinigung und Kueche da – die Kinder erhalten eine Jause - und Paulo, der Hausmeister, rettet in jeder Not.
Neben der Schule beherbergt die Fundacao auch die Digitalstation, ein Projekt der Banco Brasil, um Informatik den Menschen nahe zu bringen.

Die Schule ist als gemeinnuetzige Stiftung angemeldet. Roberto ist der Praesident des Direktoriums und kuemmert sich hauptsaechlich um die Aussenkontakte.

Taeglich zwischen halb acht und acht kommen Eliane, die als Sekretaerin begonnen hat und dann als Lehrerin eingesprungen ist, und Maria. Heute wird Maria erst spaeter kommen, denn sie macht eine theologische Ausbildung und steckt noch in Floriana, der Universitaetsstadt.

Am Vormittag mache ich mich nuetzlich und schreibe fuer sie Liedertexte ab. Um 10 kommt Roberto. Nach einer Weile beginnen wir ueber die Freuden und Leiden des Leitens zu sprechen und ich erzaehle das Modell der Lebensphasen von Organisationen. Roberto lacht, als er die Schilderung der Pionierphase hoert: “Hoer gut zu Eliane! Sie redet von uns!”

Zu Mittag gehen die beiden nach Hause und ich koche mir was Gutes. Die gewohnte Sesta wird zweimal unterbrochen: Mary bringt Kokosnuesse aus ihrem Garten und die kleine Franziska bringt Karambol-Fruechte (Sternenfruechte). Ich freue mich sehr, aber schmeisse die beiden doch raus, denn mein Mittagsschlaefchen ist heilig. Spaeter werden wir uns auf der “Praca”, dem Kirchplatz, treffen!

Um vier kommen Maria und Williams. Maria hat aus der Stadt ein Moskitonetz fuer mich mitgebracht, und frisches Brot!
Roberto hegt Plaene, mit dem Team eine Sitzung ueber die Organisationsentwicklung zu machen, die ich moderieren soll. Wir stecken erste Rahmenbedingungen im Gespraech zu dritt ab.

Zum Abendessen gibts die legendaere Tomatensuppe mit Nockerl und danach begleiten mich Maria und Williams in die Stadt.
Zuerst gehe ich mich fuer die Fruechte bedanken und ein bisserl plauschen und erzaehlen von der Kathedrale, die geschlossen ist vor lauter Schnee...
Der Dialekt hier ist hoellisch. Ich kann mir jetzt vorstellen wie es Monika und Jarek geht, wenn wir Mundart reden.

“Es ist ein guter Platz hier!” gratuliere ich. “Ja, bei uns ist Frieden. Da bist du sicher. Du kannst auf der Strasse schlafen, wenn du magst, wenn es nicht regnet.” meint der alte Onkel stolz. “Sperrt ihr eure Tueren also nicht zu in der Nacht?” frage ich augenzwinkernd nach. Alles lacht: “Aber natuerlich!”

Es ist ein Teil des Spiels “Kontakt”. Die Eintrittskarte ist Wertschaetzung. “Ich schaute nicht auf das, was alles unterschiedlich ist zu Europa. Ich schaute mehr auf das, was aehnlich ist.” meinte Roberto, und so mache ich es auch.

Das heisst also nicht kritisieren und besser wissen, sondern bewundern, was mir bewunderswert scheint. Dann kommt irgendwann ein spannender Zeitpunkt: Kann ich schon zeigen, dass ich nicht mehr an die perfekte Aussenfassade glaube? Koennen sie mir schon ein wenig mehr von der Realitaet zutrauen? Koennen wir trotzdem zusammen lachen?
Wie weit oeffnet sich die Tuere? Ein prickelndes Abtasten.

Mit Maria geht sie ein grosses Stueck auf heute Nacht. Wir sitzen noch lange auf der Praca und fuehren eine schoenes Frauengespraech.
Maria hat schon viel verschiedenes in ihrem Leben gemacht, z.B. in der Textilindustrie als Arbeiterin, im Altersheim und im Kinderheim gearbeitet.
Sie ist Mitglied einer Gemeinschaft von Frauen, die nach der Regel des Franziskus leben, aber nicht in einem Kloster, sondern bei ihren Familien oder allein bzw in kleinen Gruppen.

Zu dieser warmen und waermende Nacht faellt mir aus Goethes Maerchen von der gruenen Schlange ein:

Was ist kostbarer als Gold?
Das Licht! sagte die gruene Schlange.
Was ist erquickender als das Licht?
Das Gespraech! Antwortete sie.

Dienstag, 14. Februar 2006

12.2. Die sogenannen Armen

Die erste Nacht im neuen Bett: Gut geschlafen, bei leisen Kuhglocken statt lauten Haehnen.
;-)
Leider gibts hier kein Mosikitonetz und ich habe mich gut einwickeln und die Ohren einsprayen uessen. In der Frueh regnet es, ich setze mich raus, lese meine halbe Stunde unter Dach im Freien und mache mir dann Fruehstueck. Irgendwann faellt mir auf, dass wir keinen Strom haben. Macht nix, brauche nur den Gasherd.

Die Morgentoilette allerdings wird improvisiert, denn ich habe auch kein Wasser! Jetzt um 6 kann ich niemanden wecken, ich wasche mich mit dem Trinkwasser aus dem Kuehlschrank – entsprechend fluechtig!

Paulo, der Nachbar und Hausmeister kommt um 8 schliesst die zweite Wasserleitung an. “Wenn es soviel regnet, dann passiert das schon, dass Licht und Wasser nicht funktionieren.” erklaert er. “Was ist mit dem Fleisch im Gefrierfach?”frage ich besorgt. “Ach, bis zum Mittag ist alles wieder in Ordnung, das haelt das schon aus.” Und so ist es auch.

Ich lese und lerne, waehrend ein ordentliches Gewitter uebers Haus zieht. Danach besuche ich Paulo und Familie und spaziere zum Mittagessen um 11 wieder ins Haus von Maria Eloise. Heute ist auch der Vater da, gestern arbeitete er am Feld: Ein schlanker, drahtiger, freundlicher Herr mit dunklem Gesicht und kurzen weissen Haaren.
Er ist 78, gesund und beweglich, obwohl er noch immer jeden Tag koerperlich arbeitet. Der Acker liegt 10 km entfernt. Oft geht er zu Fuss hin und zurueck. Fuer Steins: Typ Onkel Emil aus dem Montafon.

Nach dem Mittagessen kann ich endlich ungestoert und laenger mit Peter am Telefon plaudern.
Roberto und Mary, eine Frau vom Ort, holen mich ab zu einer Fahrt ins Interior. Wir besuchen einige von Robertos Schuetzlingen und hier begegnet mir die Armut und der Stolz der Menschen am Land.
Bild: Roberto mit 2 seiner Klienten vor einem Haus im Interior
3-vor-dem-haus

Irene ist etwa 30, sie lebt mit ihrer Mutter und drei Geschwistern in einem einfachen Haus von etwa 40 – 50 m2: Essraum ohne Tisch, Kueche mit gemauertem Holzherd, zwei kleine Schlafraeume mit Haengematten. Sie ist Mutter von fuenf Kindern von zwei Maennern, die Vaeter sind weg und unterstuetzen sie nicht.
Irene hatte im September einen schizophrenen Schub. Sie war einen Monat zur Behandlung im Krankenhaus. Die Kinder wurden in dieser Zeit bei verschiedenen Familien untergebracht, zwei davon sind allerdings schon wieder bei Irene.
Jetzt leben 7 Menschen in diesem Haus. “Wie fuehlst du dich denn?”fragt Roberto Irene. “Gut. Ich kann auf die Kinder aufpassen.” “Und wie geht es hier im Haus mit zwei Kindern mehr” fragt Roberto die Oma. “Es geht sich aus,” meine diese.

Wer in der Familie arbeiten kann, arbeitet auf dem Feld, um etwas zu verdienen. Ansonsten lebt man vom Kindergeld und der Minipension der Mutter.

Alle tragen saubere und zerrissene Kleider. Man serviert uns einen Cafezinho, plaudert ueber wichtiges und unwichtiges. Nach ¾ Stunden verabschieden wir uns. “Schon?” fragt man freundlich.

Roberto kann hier nicht viel helfen – sie wollen keine Hilfe mehr annehmen. Er wird gebeten, dafuer zu sorgen, dass das Geld von der Bank zur Familie kommt. Und vielleicht schafft er es, dass die Grossmutter sich die offenen Beine behandeln laesst.

Donna Madalena ist 62, sieht viel aelter aus, ist klein, hat warme Augen. Die Haende kann siewgen der Gicht nicht mehr bewegen, die Fuesse tuns noch. Im Haus gibt es keinen Wasserhahn. Sie ist davon abhaengig, dass ihr jemand Wasser vom Brunnen, etwa 500m entfernt, holt. In ihrem Haus sehe ich die Tonkruege stehen, die am Kopf getragen werden. An der Wand Fotos von den Kindern. Eine Tochter ist in Sao Paulo, seit 12 Jahren, ohne eine Nachricht zu geben. Das ist ihre groesste Sorge.
Der juengste Sohn, der in der letzten Zeit mit Frau und Kind vis a vis gewohnt hat, wird morgen abreisen. Er hat einen Job im Supermarkt der naechsten Kleinstadt bekommen. Dann ist sie wieder alleine im Haus.

“Wie wird das jetzt gehen?” fragt Roberto. “Wie es die letzten Jahre auch gegangen ist.” Sagt sie. Im Haus frage ich dies und das ab: Wie gehts mit Anziehen, mit Essen machen, Einkaufen etc. Auf die Frage: ”Wer hilft denn?” antwortet sie “Am allermeisten der Herrgott.” Ihr glaube ich das. In dieser Situation muss man verzagen, wenn man keinen Halt, keine innere Ruhe finden kann. Fuer sie ist das ihr Herrgott.

Sie will nicht weg aus ihrem Haeuschen. Hier hat sie ihre schoenen und schweren Jahre verbracht. Der Vater ihrer vier Kinder ist mit ihrer Kusine davon. Nach 10 Jahren ist er sterbenskrank zurueck gekommen, hilflos. Sie hat ihn die letzte Zeit gepflegt. “Er ist gekommen, um in diesen Armen zu sterben.” sagt sie ruhig und zeigt auf ihren duennen Koerper.

So eine kleine Frau, und so ein grosses Herz. So ist also das Leben der sogenannten “Armen”, die mir nicht ungluecklicher vorkommen wie manche Menschen, die ich im reichen Oesterreich kenne.

Im Abendgottesdienst werde ich von den Kindern gekapert, Williams und drei Maechen setzen sich zu mir und ich bin beschaeftigt, sie ein wenig ruhig zu halten. Geht ganz gut, denn Gottseidank laesst uns Roberto viel singen.

Nach der Celebracao bin ich zu Mary eingeladen. Sie erzaehlt mir ihre Lebensgeschichte. Ich plaudere mit ihren beiden jugendlichen Soehnen und den etwas aelteren Toechtern von etwa 20 Jahren ueber die Lebensperspektiven hier. Schliesslich uebersetzen wir mit vereinten Kraeften einen Madonna-Song. Herz-Schmerz! “Standing on the bridge, waiting in the dark, thought that you’d be here by now…”

Auch Mary hat die Kinder ohne Mann gross gezogen, er hat sie oefter verpruegelt, auch vor allen Menschen im Geschaeft. Die aelteste Tochter, die Buergermeisterin und Roberto haben ihr zur Unabhaengigkeit geholfen.
Sie sieht so gut aus und ist eine aufmerksame, interessante Gespraechspartnerin.

Mary geht 5 x in der Woche aufs Feld und Kuehe melken. “3 Liter gibt eine Kuh, aber ich nehme ihr nur 2”, sagt sie. Ich staune.

Um halb elf begleiten sie mich nach Hause. Auch eine beeindruckende Familie.

11.2. Ankunft in Sao Miguel

In Paes Landim haelt kein Bus. Wer nicht zu Fuss gehen will, organisiert sich eine sogenannte Carona, eine Mitfahrgelegenheit. Abadia und Sebastian, die zwei von der Opposition, fahren zweimal in der Woche nach Sao Miguel, weil sie hier ein kleines Geschaeft haben. Um 7:30 gehts los, meinten sie, mehr oder weniger. Aber die Nacht war kurz fuer die beiden. Sie beginnen um 7:30 erst mit dem Beladen des Autos. Um 9:00 Uhr fahren wir los, der Weg ist nicht befestigt, nur die typische rote Erde, oefter queren wir Wasserloecher, die so breit sind wie die ganze Strasse.
Bild - Der hat grad den Weg frei gemacht..
esel

Um ¾ 10 in Sao Miguel erwartet mich Roberto im Pfarrhaus. Er duerfte etwas aelter sein als ich, ist gross und duenn. Er spricht gut verstaendliches und hollaendisch-weiches Portugiesisch.
Er scheint ein praktischer Mensch zu sein und macht nicht viele Zeremonien. Als erstes wird die Frage der Unterkunft geklaert. Ich kann aussuchen: Allein wohnen in der Fundacao oder bei Maria Eloisa, der Leiterin des Projektes. Die besuchen wir als erstes. Der Einfachheit halber nenne ich sie Maria, denn ihre Mutter heisst auch Eloisa.

Dann spazieren wir zu dritt zum Gebauede, das keine 5 Minuten entfernt am Rand der Ortschaft liegt. Das Haus ist neu, das Projekt wurde 2005 eroeffnet. In der Mitte des schoenen, hellen Hauses befindet sich eine grosse offene, ueberdachte Aula im Ausmass von etwa 10 x 20 m; rechts und links davon liegen die Raueme fuer die Kindergruppen: “Gruppe Sonnenstrahl” und “Gruppe Glueckskind”lese ich ueber den Tueren.
Weiters gibts eine Kueche, Speisekammer und Waschraum, den Informatikraum, das Buero, einige WC, einen Besprechungsraum, der auch als Bibliothek dient, und mein Zimmer-Bad Apartement.

Die Vorstellung, endlich allein sein zu koennen, ist verlockend, gerne nehme ich an.
Roberto und Maria haendigen mir gleich alle wichtigen Schluessel aus und zeigen mir, wie ich ins Internet einsteigen kann.
Ich bin ueberrascht, wie selbstverstaendlich hier alles fuer mich geoeffnet wird, als waere ich eine alte Bekannte.

Maria begleitet mich anschliessend zum Einkaufen. Ich muss mich ja jetzt selber ernaehren. Brot isst man hier nicht, gibts auch nicht zu kaufen. Alle arbeiten auf dem Feld und essen Mais zum Fruehstueck. Ich werde also auch Riebel machen!
Obst und Gemuese gibt es nur zweimal in der Woche: Freitag und heute, Samstag. Glueck gehabt!

Sebastian und Abadia finde ich in ihrem Geschaeft. Sie freuen sich, dass ich vorbei komme und laden mich ein, die Familie kennen zu lernen. Im oberen Stock wohnt naemlich die Schwester von Abadia und der Bruder von Sebastian. Die beiden sind ebenfalls bald 10 Jahre verheiratet. Also rauf und ein wenig plaudern, und ueberall laeuft der Fernseher...

Zum Mittagessen sind wir im Haus von Maria eingeladen. Ihre Mama hat gekocht: Reis, Bohnen, Ripperl, Salat.
Die gemauert Kochstelle befindet sich im Hof, dort gibt es auch ein kleines Schwein, Huehner und Katzen. Weiters einen grossen Esstisch, den Waschtisch fuer Geschirr und Waesche und einen hohen Arbeitstisch.

Im Haus wird fuer uns drei aufgedeckt. Ich frage verwundert, ob die anderen nicht mitesssen und loese damit ein wenig Hektik aus. “Rosa will, dass wir alle zusammen essen!” heisst es, aber die Anwesenden verdruecken sich mit guten Gruenden. Mama Koechin, entschuldigt sich, dass es leider nicht so leicht ist, alle gleichzeitig an den Tisch zu bekommen und isst selber im Freien.

Maria, Roberto und ich bleiben also unter uns. Maria duerfte Ende 30 sein. Sie hat 8 leibliche Geschwister und einen kleinen Adoptivbruder, den 9-jaehrigen Williams. Einige Jahre arbeitete sie in einem Kinderheim im Nachbarstaat Bahia, in Salvador. Als sie von dort wieder nach Hause uebersiedelte, nahm sie Williams mit. Die Eltern haben ihn schliesslich als 10. Kind adoptiert. Er ist kleinwuechsig und quicklebendig.

Von Maria und ihrer Mutter werde ich eingeladen, bei ihnen im Haus zu schlafen. “Ich haette Angst, so allein da draussen”, meint Maria. “Gibt es einen Grund dafuer?” frage ich mal vorsichtshalber nach. Nein, der Ort ist ruhig, versichern sie. “Hier wird nicht gestohlen, du kannst alles offen lassen.” Nur, die Brasilianerinnen wundern sich: Es ist doch niemand gern allein.

Nach dem Mittagessen beziehe ich mein Zimmer, telefoniere mit Peter, der gottseidank zuhause ist, und lege mich erst mal nieder. Eine Mini-Mitteilung im Blog kostet mich 15 Minuten und Roberto 3 Reais, denn das Netz ist extrem langsam.

In der Ruhe des Nachmittags ist dann ein ausfuehrliches Gespraech mit Roberto moeglich, ueber seine Gruende hier zu leben und die Idee des Projektes. Naeheres folgt.

Ab 4 gibts in der Fundacao Informatik-Unterricht. Heute lehrt Ivone, 18 Jahre alt. Es haengt ein wenig vom Wetter ab, wie viele Schueler erscheinen, heute sind es zwei Kinder. Zuerst heisst es eine halbe Stunde mit Word oder Excel kaempfen, danach duerfen sie zeichnen oder spielen.
Ich lasse mir von der kleinen Bruna das Zeichenprogramm erklaeren – es ist so leicht hier mit allen in Kontakt zu kommen.

Um 6 mache ich mir ein paar Erdaepfel zum Abendessen, kille die Ameisen in der Kueche und geniesse das Essen in der Aula mit Blick auf den See.

Rund um uns ist alles Gruen. Grosse weisse Reiher ziehen ueber den See.
Kleine Stelzenvoegel spazieren vor dem Haus herum und machen ein unglaubliches Geschrei. Um 3/4 7 hoere ich eine Kirchenglocke. Zum ersten mal, seit Monaten. Ob ich Roberto falsch verstanden habe, und der Gottesdienst ist doch schon heute?

Ich marschiere also zur Kirche. Dort werde ich freundlich begruesst, es gibt eine Marienandacht und wir sind etwa 10 Frauen.
Nachher sitze ich noch lange draussen auf dem Platz vor der Kirche und plaudere mit Kindern und Jugendlichen. Sie haben so schoene Namen, aber ich vergesse sie sofort, es ist zuviel Neues fuer mich!

“Geh in der Nacht ins Internet”, empfahl mir Roberto, das mache ich auch und freue mich ueber die Beitraege im Blog.
Mondschein ueber dem See, gute Nacht!

Sonntag, 12. Februar 2006

8. – 10.2. Nachspiel

“Roberto hat keine Zeit”, sagt Neide und meint: Er kennt keine Zeit. Wenn er kommt, ist er halt da.
Bin schon gespannt auf den Hollaender, der am Rand der Welt ein privates Projekt fuer Kinder aufgebaut hat. Am 8.2. sollte er mich abholen, aber er steckt noch in der Hauptstadt fest, erfahren wir am Abend.

Ich werde am 11.2., am Samstag, mit Sebastians LKW mitfahren nach St. Michael. (San Miguel) und dann bleiben.

Die Zeit in Paes Landim koennte verlorene Wartezeit sein, ist es aber nicht. Das Leben schmeckt hier wie dunkle Schockolade, bittersuess, und ich mag das.

Noch ein paar Rueckblicke:

Vor zwei Tagen war der Himmel am Abend bedrohlich gelb-grau, das Licht voellig veraendert, aehnlich wie bei einer Sonnenfinsternis. Ich konnte mich nicht satt sehen und war gespannt auf die Ursache. Am naechsten Tag haben wir erfahren, dass in der Nachbarschaft ein Orkan getobt hat. Bei uns gab es auch Sturm in der Nacht, er hat unsere zwei schoenen Kakteen gebrochen. Sie standen im Vorgarten und waren ueber 2 Meter hoch. Der eine ist entwurzelt und vom anderen steht noch ein trauriger Stumpf da.
Maristela wird “Kakteen hacken”, wenn sie kommt. Neide laesst mich nicht.

Gestern Nachmittag kam noch eine Todesnachricht. Donna Lisima war eine zarte, kleine Frau, europaeisch im Aussehen. Mit den grossen Augen und ihrer Hackennase wirkte sie wie ein Voegelchen, etwas flattrig und verletzlich. Sie war taeglich in der Kirche, immer wenn sie mich sah, ist sie mit ihren vorsichtigen Schritten hergekommen und hat mich umarmt, freundlich und wohlwollend. Durch die Folgen eines Schlaganfalls konnte sie nicht mehr richtig sprechen.
Gestern wurde sie ins Krankenhaus nach Simplicio Mendes gebracht, weil sie sich nicht wohl fuehlte. Dort ist sie ueberraschend noch am selben Tag verstorben.

Wer immer einen Bezug zu ihr hat, geht am Abend zu ihrem Haus. Dort werden Stuehle und Baenke auf der Strasse aufgestellt. Die Strasse ist dunkel, Licht faellt aus den Fenstern und offenen Tueren der Nachbarhaeuser. Leute kommen, warten.
Der Sarg mit der Toten wird abends um 9 gebracht und aufgebahrt. EinTeil der Menschen bleibt im Raum und betet den Rosenkranz. Andere stehen draussen oder in den inneren Raeumen des Hauses und unterhalten sich. Kinder jeden Alters kommen vorbei und wollen die Senhora noch sehen und das Seidentuch streicheln, mit dem sie bekleidet ist. Es ist eine ernste Stimmung im Raum, aber keine laute Emotion und auch kein Grauen.

Die Beerdigung war schon am naechsten Tag, sobald die Verwandten aus Sao Paulo eingetroffen waren.
Es hat ich sehr beruehrt, und mir wieder bewusst gemacht, dass es kein Zufall ist, wenn jemand Teil von meinem Leben wird und ich von seinem.
Ich danke fuer euch alle, die ich euch in meinem Herz mitgenommen habe.

Natuerlich denke ich auch ganz speziell an das Geburtstagskind in Wien!
Sonnige Glueckwuensche Poldi!
Ich bin stolz und freue mich, dich zu kennen. Und ich weiss, dass es mehreren so geht. Du bist fuer uns wichtig! Erzaehle weiter deine Erinnerungen!
Gruesse auch deinen Prinzen
und den Herrn Neffen von Herzen!
Seid umarmt!

3. - 7.2. Sommerfrische

Regen, Regen, Regen! Jeden Tag ein wenig. Das senkt die Temperatur auf zwischen 23 – 35 Grad. Also sommerlich genug, um kalt zu duschen.

Ich passe mich gerne ans geruhsame Leben hier an: Mit Sonnenaufgang um ¾ 6 stehe ich auf. Morgens gibts das grosse Auskehren: Eine Schaufel toter Kaefer, Schmetterlinge und Fliegen schmeisse ich jeden Tag raus.
Neide lueftet einige ihrer “Geheimnisse”: Wir machen Butter, Brot, Likoer, gruene Polenta, Kraeuterbitter, “Seiden-Pudding” – eine Variante unserer “Vogelmilch” etc.

Wenn Besuch kommt, nutze ich das fuer ein Gespraech und besuche auch die Leute zuhause. Die Haengematte ist ein Lieblingsplatz von mir: Fuer das Mittagsschlaefchen und zum Lesen.
Peter findet heraus, unter welcher Telefonnummer ich hier wirklich erreichbar bin und schliesst mich wieder an die Zivilisation an. Ich hatte ihm eine falsche gegeben - echt, nicht aus Absicht! ;-)

Seit ich einen kleinen Tisch fuer die Veranda gekauft habe, sitzen wir praktisch nur noch draussen. Und das Essen geht auch leichter, als mit demTeller am Schoss.
Nachmittags halte ich “Mittagsruhe” in der Haengematte, danach spielen wir ein paar Runden Rummy und wenn es nicht zu hiess wird, lerne ich portugiesisch.
Bild: Siesta, Neide links - Maristela rechts
rezando

Maristela ist wieder nach Hause gekommen. Sie ist die Nichte von Neide und praktisch gleich alt wie ich. Man haelt uns ueberall fuer Verwandte.

Ab 7 ist es dunkel. Dann gehts in die Messe oder zum Rosenkranz in das Haus, wohin eingeladen wurde.
Herrliche Situationen ergeben sich hier mit Menschen jeden Alters: Den Senhoras mit ihren braungebrannten, zerfurchten Gesichtern, den bildhuebschen Jugendlichen und herumwuselnden Kleinkindern. Die Haeuser sind einfachst, ohne Keller, mit einfachem Wandverputz, kahlem Betonboden, nackter Gluehbirne. Die Zimmerdecke ist gleichzeitig das Dach: Balken und Ziegel liegen frei, die Luft zieht durch.

Fuer die Gaeste werden Plastiksessel herbeigeschafft, 20 – 30 Menschen sitzen so im Kreis in dem ersten Raum gleich nach der Haustuer.
Das elektrische Licht zieht einfach zuviele Insekten an und wird daher abends nach Moeglichkeit abgedreht. Das Kerzenlicht aber macht alles weich, ebenso wie die warme Aufmerksamkeit der Menschen fuereinander.

JedenTag wird fuer den Regen gedankt und jeden Tag aufs Neue bitten sie, dass er endlich ueberall hin kommt, wo er noch fehlt.

In den Naechten traeume ich viel und schoen. Fast immer kommen Personen aus der Heimat vor, mit denen ich schoene Dinge erlebe. Ich fuehle mich hier wie im Urlaub – auf Sommerfrische sozusagen.

Maristela hat geholfen, die naechste Zeit fuer mich zu organisieren.
Aus Sao Joao und der Arbeit mit Marguerida wird nichts, weil diese in Sao Paulo bleiben musste. Auf sie kommt eine Augenoperation zu.
Dafuer bekomme das erfreuliche Angebot, ab 8.2. fuer etwa einen Monat bei Roberto im Projekt zu arbeiten.
In San Miguel, etwa eine Stunde von hier entfernt.
Was dort sein wird? Ihr wisst schon: Vamos ver!

2.2. Die “Pastoral da Criança”

Durchs Lesen lerne ich mehr davon kennen und es wird Zeit, dass ich euch von dieser erfolgreichen Organisation erzaehle, die sogar fuer den Friedensnobelpreis vorgeschlagen wurde:

Gegruendet wurde die Initiative von einer engagierten Aerztin und mit Unterstuetzung wichtiger Persoenlichkeiten der Kirche in den vergangenen 80-Jahren. Da die Kindersterblichkeit in Brasilien sehr hoch war, auch heute noch ist sie 7 x so hoch wie in Oesterreich, hat auch der Staat mitgeholfen.
Die Organisation ist professionell aufgebaut, ihr stehen praktisch in jeder Pfarre Brasiliens ausgebildete Freiwillige zur Verfuegung. Diese bieten verschiedene Dienste unentgeltlich an: Hausbesuche, Elternrunden, Stillberatung, Kurse, Kinderbetreuung, Familienberatung.

Mindestens einmal im Monat wird die Waage hervorgeholt. Die Kontrolle der koerperlichen Entwicklung des Kindes ist ein wichtiges Ziel und Indikator fuer den Ernaehrungszustand. Das Gewicht wird auf einer Karte eingetragen und die Zusammenfassung monatlich nach Curitiba in die Zentrale geschickt. Wer regelmaessig zum Abwiegen kommt, trifft nicht nur andere Frauen und kann ueber die Situation reden, sondern verdient sich damit auch spezielle Vorteile: Einladungen zu Festen und Geschenke.

Der “Fuehrer fuer Mitarbeiter” beeindruckt mich sehr. Voller Bilder aus dem Alltag in der Familien und ist leicht verstaendlich geschrieben ist er wie ein Reisefuehrer durch die spannenden Zeiten der Schwangerschaft und ersten 6 Lebensjahre des Kindes. Er behandelt die rechtlichen Fragen (Mutterschutz, Personrechte in der Verfassung, oeffentliche Fuersorge) ebenso wie medizinische (Gesundheitsrisiken, Impfungen, koerperliche Entwicklung), Fragen der Erziehung und der Entwicklung des Kindes und der Hygiene.
Das Buch ermutigt zum Stillen und bietet hilfreiche Information bei etwaigen Schwierigkeiten. Die spirituellen Inhalte zeigen die “Wurzel” der Initiative: Dankbarkeit und Freude ueber das Leben wie auch Verantwortungsgefuehl.

Immer wieder mobilisieren die Autoren und informieren, welche Rechte und Pflichten Frauen bzw. Familien wahrnehmen sollen, damit die verantwortlichen Stellen ihrem Auftrag nachkommen: Eine gesunde Umwelt zu schaffen mit den entsprechenden Spiel- und Lebensraeumen, mit Arbeits- und Erholungsmoeglichkeiten.

1.2. Ambiente

Paes Landim ist um einen rechteckigen Platz angelegt, an dem die Kirche und die kleine Krankenstation liegen. Die Strassen sind nicht geteert sondern mit Pflastersteinen belegt und rumpeling. Die Haeuser sind eingeschossig, meist hell gestrichen, mit Giebeldaechern und sumpathischen rot-braunen Dachziegeln. Festerglaeser gibt es nicht, die Fensteroeffnungen werden nur mit Holzlaeden verschlossen. Normalerweise aber ist alles offen und man nutzt jede moegliche Luftbewegung zur Erfrischung.
Es gibt fliessend kaltes Wasser in den Haeusern.

Strassenverkehr existiert praktisch nicht, hier siehst du nur Fussgaenger und ab und zu ein Motorrad, oefter schon Fahrraeder, Pferde oder Esel. Manche sogenannte “Jeckis” leben wild und suchen Gruenes in der Stadt.. Ich erinnere mich, auch Papa hat einen Esel “Jecki” genannt.

Neide haelt etwa zwanzig Huehner und drei Haehne, die mich skeptisch mustern und kraehend begruessen. Ich wusste nicht, wie Haehne knurren koennen! Im Garten gibts einige Beete mit Salat, Kraeutern und fuer mich unbekanntem Gemuese, Obstbaeume: Cerola, Manga, Limonen, Goiaba, Mamao und ein paar neue fuer mich. Weiters Spatzen, Eidechsen und Kolibris, riesige Schmetterlinge und Geier. Ja, die spazieren hier durch!
Bild - 3 Geier auf der Gartenmauer
geier

Es laeutet oft an der Gartentuer, dann will jemand etwas von den Schwestern: Schluessel fuer den Gemeinschaftsgarten, Eier oder Brot von Neide kaufen, Abendmesse besprechen, Enkelkind herzeigen…

Justina nimmt mich mit zur Pastoral da Criança im Nachbarhaus, wo grad ein wenig Leben ist. 3 – 4 jugendliche Mitarbeiterinnen sind da, Muetter mit Babys und Kleinkindern kommen und gehen. Heute ist ein Wiegetag: Die Kleinen werden in einTuch gelegt, das an der Federwaage haengt. Offenbar gefaellt ihnen das nicht, denn alle schreien. Sie werden rasch befreit und getroestet. Die Muttis sind max. 20 Jahre jung. Es wirkt, als haetten sie lebende Puppenkinder zum Spielen.

Justina verreist bald wieder zu ihrem Arbeitsplatz in San Raimondo Nonato, der Bischofsstadt. Sie drueckt mir zwei “Fuehrer fuer Mitarbeiter” in die Hand, dicke A4-Buecher ueber die Mutter-Kind-Arbeit und ueber das Projekt “drittes Lebensalter”.

Ich lese gern darin und erinnere mich an die Zeiten, als Heidrun ein Baby war. Und denke jetzt auch viel an die Kinder in meinem Umfeld:
Amelie wird schon sitzen, ob sie sich schon umdrehen kann?
Was Elisabeth schon alles plaudert? Wie es ihr wohl in der Kindergruppe geht? Ob sie gern spazieren gehen wird mit mir?
Ob Elena weiterhin die gestuetzte Kommunikation uebt?
Und Martin, der ist ja schon ein ¾ Jahr alt! Der wird krabbeln!
Bin gespannt von euch zu hoeren, wenn ich wieder ins Netz komme.

31.1. Heiss in Paes Landim

Am ersten Tag in Paes Landim kann ich mich schwer zu etwas aufraffen. Die Hitze pulverisiert Denken und Wollen.

Ein kurzer Spaziergang geht sich aus zu Marileni, die am Vormittag vorbei kommt und mit mir plaudert. Sie ist als Gesundheitsassistentin von der Gemeinde angestellt, gemeinsam mit 8 anderen. Ihr Bereich umfasst etwa 120 Familien, die sie regelmaessig besucht, um die soziale und gesundheitliche Situation zu erheben. Ich nehme zunaechst an, dass sie eine mobile Helferin ist, aehnlich wie unsere Hauskrankenpflege oder Heimhilfe, aber sie betont, dass sie nur Gespraeche fuehrt. Ich kann mir das nicht vorstellen und frage nach: “Was tust du, wenn du in ein Haus kommst, wo Hilfe gebraucht wird?” “Dafuer bin ich nicht zustaendig. Ich helfe schon manchmal, aber ich muss nicht.” “Also, wenn du in ein Haus kommst, und da wohnt eine alte Frau, und niemand geht fuer sie einkaufen – wer macht das dann?” “Das gibt es bei uns nicht. Jeder hat seine Verwandten. Die sollen aufeinander schauen.” “Und gibt es Familien, die Hunger leiden?” “Ja.” “Was tust du also, wenn du in ein Haus kommst, wo sie nichts zu essen haben?” “Schau, bei uns gilt das nicht mit der sogenannten christlichen Naechstenliebe. Hier sagt man: Jeder fuer sich und Gott fuer alle.” Ich setze nach: “Wer kann denn in der Gemeinde Hilfe fuer eine Familie organisieren, die keine Lebensmittel mehr hat.” “Wir Gesundheitsassistentinnen nicht, wir koennen nichts machen. Vielleicht die Sozialarbeiterin. Die ist die Tochter vom Buergermeister. Die hat am ehesten Moeglichkeiten.”
Ich bemerke ueberrascht: Sogar eine professionellen Helferin hat kein Bewusstsein dafuer, dass die Menschen per Gesetz Anspruch auf Hilfe haben. Mal ueberpruefen: “Es gibt doch das Programm “Null Hunger” von Lula und Lebensmittelpakete fuer diese Familien.” “Stimmt, aber der Buergermeister muss bei der Aktion mitmachen. Und der macht nur bei der Milch-Aktion des Landwirtschaftsministeriums mit.”
“Warum?” Keine Antwort. “Ist er von der anderen Partei?” frage ich. “Ja, das ist eine politische Sache.” antwortet Marileni und wechselt das Thema.

Der jetzige Buergermeister ist seit 20 Jahren im Amt. Aisa klagt ueber ihn, er hat schon mehrere sinnvolle Projekte abgewuergt.
“Wissen die Leute das?” frage ich. “Ja.” “Und wieso wird er dann wieder gewaehlt, wenn er so wichtige Initiativen fuer die Gemeinde verhindert?”
Die Schwestern erklaeren es so: Im Ort gibt es ausser der Gemeinde praktisch keinen groesseren Arbeitgeber. Fast jeder, der hier einen Job hat, steht in der Gunst des Buergermeisters. Bei den Wahlen spielte er aber auch andere Abhaengigkeiten aus und kaufte Stimmen mit Geschenken und Geld.
Die Mixtur aus missbrauchter Macht und eingeuebtem Gehorsam sowie Passivitaet der Menschen stabilisiert die “herrschenden Verhaeltnisse.”. “So ist es eben.”, wird festgestellt, mit unterdruecktem Zorn.

Ganz genau erfahre ich es am Abend, als Maristela mit mir Abadia und Sebastian besuchen geht. Die beiden haben zwei Geschaefte in Paes Landim und im Nachbarort und sind die einzigen Kaufleute hier, die eine steuerrechtlich saubere Rechnung ausstellen. Abadia war die Gegenkandidatin von der PT (Arbeiterpartei, derzeit an der Regierung). Sie hat die Mehrheit um 126 Stimmen verfehlt. Allerdings hatte der Buergermeister Leute aus Nachbargemeinden in die Wahllisten eingetragen, die fuer die entsprechende Mehrheit gesorgt haben.
“Seit 20 Jahren tut dieser Mann praktisch nichts fuer uns, und alles fuer seine Familie. Die leben alle ohne zu arbeiten von oeffentlichen Geldern!”

Abadia und ihre Partei haben den Wahlbetrug angezeigt, sowie schon fruehere unrechtmaessige Bereicherungen des Buergermeisters. Ein Verfahren hat sie gewonnen, die anderen laufen bzw. haben sich “verlaufen”.
“Lebst du gefaehrlich?” Sie schaut ihren Mann an und meint nach einer kurzen Pause: “Na klar hat es geheissen, dass er mich umbringen wird. Und meinen Mann. Und meine Nichte. Im Geschaeft haben sie eingebrochen und alle Papiere geklaut. Das sind seine Methoden, um die Leute zu erschrecken.”

Abadia ist Mitte 40, schoen maronibraun und gemuetlich rund. Sie wirkt auf den ersten Blick sehr weiblich und muetterlich, gradlinig und leidenschaftlich, gar nicht wie man sich bei uns eine Politikerin vorstellt. “Seit wann bist du in der Politik?” frage ich. “Ich bin jetzt das erste Mal angetreten. Gewaehlt habe ich schon, immer. Mein Neffe ist Politiker. Er lebt seit Jahren mit Polizeischutz, weil er einen Korruptionsskandal hat auffliegen lassen. Als er in Piaui im Landtag war, hat sich hier viel gebessert. Jetzt ist er in der Bundesregierung in Brasilia.”
Maristela bestaetigt: “Wenn du von Bahia nach Piaui kommst, merkst du gleich, dass die Strassen besser werden.” Die beiden sind stolz auf die Entwicklung, die Piaui in den letzten Jahren gemacht hat.

Mit Ungerechtigkeit nicht leben zu wollen, das scheint bei Abadia in der Familie zu liegen.
“Warum lassen sich die anderen das gefallen?” Die Antwort ist eine Mischung als Achselzucken und Augenrollen und besonnenem: “Weil sie nicht genug Vertrauen in sich und in andere haben. Sie glauben nicht daran, dass sie eine Situation veraendern koennten. Das Selbstbewusstsein hier ist minimal.”

Interessant ist fuer mich das hier “naheliegende” Engagement von Arbeiterpartei, Kleinunternehmern und Kirche in diesem Ort. Wenige Menschen haben Zugang zu alternativen Informationen. Wer einigermassen unabhaengig vom herrschenden Clan leben kann und sich traut, kritisch zu denken, der muss sich vernetzen, oder er bleibt mit seiner Weisheit allein.

Und was sagt dazu der Jesus Sirach, zu findem im Alten Testament, 41,14:

Verborgene Weisheit und versteckter Schatz,
was nuetzen sie beide?

30.1. Von Teresina nach Paes Landim

Terezina ist die “Endstation” des Fluges, Hauptstadt von Piaui und laut Baedecker “heisseste Stadt Brasiliens”. Hier wird die Uhr eine Stunde vorgestellt, jetzt seid ihr vier Stunden frueher dran als ich, also bitte erst am Nachmittag anrufen.

Der Flieger landet puenktlich um halb 2 in der Nacht, Ortszeit 0:30. Die Nacht ist warm und sternenklar. Ein Scheinwerfer am Parkplatz vor dem Flughafen lockt Fledermaeuse an. Ohne zu uebertreiben: Etwa 0,5 m Fluegelspannweite.

Schwester Justina holt mich ab und schlaegt vor, die Zeit bis 4 Uhr frueh im Flughafen zu warten. Danach wird uns ein Taxi zum Busbahnhof bringen und von dort gehts weiter nach Paes Landim. Die Dame ist zwar schon 65, aber offenbar von unerschuetterlicher Energie und Gesundheit. In der Nacht zu reisen scheint hier ueblich zu sein, wahrscheinlich wegen der Hitze. Wir trinken Kaffee, essen ein Haeppchen und erzaehlen uns viel.
Justina war Lehrerin und hat 6 Jahre in Rom gelebt und in der Ordenszentrale (Generalat) im Buero gearbeitet. Nach diesem Einsatz ist sie nicht mehr in die Schule zurueck, sondern hat als Pionierin im Sueden von Brasilien mitgeholfen, die “Pastoral da Criança” (Mutter-Kind-Projekte in den Pfarren) und aufzubauen. Vor 8 Jahren ist sie nach Piaui und uebersiedelt und arbeitet in einer der sieben Dioezesen als Koordinatorin fuer diese Freiwilligenorganisation.

Um 5 sind wir endlich im Bus, ich schlafe sofort ein.
Als ich das erste Mal aufwache, ist es schon hell. Wir fahren durch ebenes Land, “Gegend”, wie man bei uns sagt: Rechts und links nur Buesche und niedere Baeume, Kakteen, Grasflaechen, keine Haeuser oder Menschen weit und breit. Ein Fahrzeug oder ein Bauernhaus sehe ich etwa alle 15 Minuten.

Justina ist ueberrascht: Alles ist frisch-gruen. Sie war in den letzten Tagen in der Hauptstadt und hat nicht gewusst, dass es vorgestern am Land zu regnen begonnen hat!
“Kein Wunder”, erklaere ich, “Ich habe den Regen aus Oesterreich mitgebracht. Meine Familie schrieb, sie haben genug davon!”

Die Reise mit dem Omnibus dauert ueber 8 Stunden. Der Fahrer goennt uns alle zwei Stunden eine Rast. Die vielen Schlagloecher bewirken beeindruckenden Slalom auf der schnurgeraden Strasse. Ab und zu liegen ausgebleichte Knochen am Rand, einmal ein ganzes Gerippe einer Kuh. Ich fuehle mich wie in der Kulisse eines Wild-West-Films. Und so muesst ihr euch auch die Rastplaetze vorstellen: Mit braungebrannten Maennern, die vor der Bar Karten spielen, mit Pferden und Kuehen. Nur gibts daneben auch moderne Autos und die Tankstelle und die Transitbusse, denen man ihre Lebenserfahrung ansieht.

Erst waehrend der letzten Stunde der Fahrt ist die Landschaft trocken, kaum Blaetter an den Baeumen. So sieht es also normal aus. Ob es in unserer Stadt, in Paes Landim geregnet hat?

In Simplicio Mendes befindet sich der naechstgelegene Busbahnhof und den erreichen wir um 2 Uhr nachmittags. Aisa, eine fesche Nachbarin, und Schwester Neide warten schon auf uns, seit 2 Stunden!
Es ist schaurig heiss – und alle reden nur vom Regen: “Ja, wir hatten tuechtig Regen, gracias a Deus!” Aisa faehrt flott die letzten 40 km bis Paes Landim im Pickup der Schwestern: Toyota, 4WD.

Die “Hausfrau” der Gemeinschaft ist Schwester Neide, 72, pensionierte Krankenschwester. Die weisshaarige kleine Frau ist guter Gesundheit, trotz einem steifen Fuss und ihrer Klagen ob der anstrengenden Hitze.
Neide macht alles was sie zum Leben braucht selber, geht selten aus dem Haus, braut allerlei Medizinen, hat ihre Hendln und Kraeuter und tut oft knurrig, wenn sie angesprochen wird. Ihre warmen Augen verraten sie aber: Sie ist sehr hilfsbereit und aufmerksam, das weiss man in der Nachbarschaft. Ihre trockener Humor ist mir sofort sympathisch. Marke: Irgendwo zwischen “weiser Ratgeberin” und Hexe.

Neben den beiden Seniorinnen Neide und Justina leben hier noch Marlene und Maristela, die beiden jungen Schwestern, die mich beraten habeen. Marlene bleibt bis auf weiteres im Sueden, Maristela wird in den naechsten Tagen von Sao Paulo zurueckkommen.

Fuer heute gibts nicht mehr viel zu tun. Duschen, ein paar Plaene schmieden mit Justina, Nach der Messe setzen sich Justina und Neide vor den Fernseher und ich lege mir eine Pacience. Heute gehts frueh ins Bett, Schlaf nachholen.

Das wichtigste KURZ

Endlich Fotos! - ab 1.2.. Dieses Blog enthaelt Notizen und Fotos bis zum 23.2., der ersten Zeit in Piaui. Fortsetzung unter <2brasil.twoday.net>!!!!!!!! Seit 30.1. geniesse das Landleben im "Wilden Westen" von Brasilien - das ist der Nordosten, genauer gesagt Bundesstaat Piaui! Derzeit wohne ich in der Fundacao ASAS, einem privaten Bildungsprojekt fuer Kinder aus benachteiligten Familien. Roberto, der Gruender, ist Hoellaender und arbeitet hier als Seelsorger. Die Gemeinde Sao Miguel hat etwa 3000 EW, laendlicher Raum, schoene Natur, derzeit angenehm sommerliches Wetter. Ich arbeite im Buero, habe viel Kontakt mit Kindern und besuche Familien. Die ersten 2,5 Monate habe ich in Sao Paulo gelebt, in verschiedenen Haeusern der Schwestern der Congregatio Jesu: Zentrale, Schule, Peripherie. Besuchte Sozialprojekte, interviewte interessante Menschen, recherierte viel im Internet, lernte portugiesisch und half ehrenamtlich mit.

Info fuer AllesleserInnen

Das Tagebuch ist wieder aktuell. Falls dein PC manche Tage nicht anzeigt, gehe in der obersten Befehlszeile auf "brasil" und wenn die Auswahl sich zeigt auf "Tagebuch". Die Suchmaschine funktioniert auch, allerdings muss man halt wissen, was man finden will... Peter und Heidrun wissen normalerweise, wie es mir geht: peter.hirsch@atnet.at; HeidrunLange1984@aol.com

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