Tagebuch

Sonntag, 12. Februar 2006

29.1. Auf nach “Piaui”

Noch immer ist viel los im Haus, Gaeste kommen und gehen. Niemand weiss genau, wer wann da sein wird, aber mehr als 15 Schwestern und Angehoerige sitzen jedes mal bei Tisch.
Auch ich bin im Reisefieber. Mein Herz klopft mehr vor Vorfreude als vor Aufregung, aber es ist beides da. Heut gehts los, nach “Piaui” – und was ist das?

Also zunaechst: Es ist keine Stadt, sondern ein Bundesstaat im Nordosten Brasiliens, schon nahe am Aequator. Stellt euch eine etwas laengliche Kartoffel vor, die einen Knick nach links hat, das ist etwa die Form von Piaui. Den oberen Rand bildet ein kurzes Stueckchen Atlantikkueste (keine 100 km.) Die “Kartoffel” ist etwa 1000 km lang. Sie ragt zunaechst suedwaerts und ab dem Knick auch westwaerts in den Kontinent. Die Flaeche betraegt gerundet 250 tsd. km2, das ist etwa 2/3 von Deutschland mit (~360 tsd km2). Aber - auf dieser Flaeche leben etwas mehr als 2,5 Millionen Einwohner!
Ein Land vom Typ “Waldviertel”: Viele Kleinbauern, 57% der Beschaeftigten arbeiten in der Landwirtschaft, keine nennenswerten Bodenschaetze, kaum Industrie (10% der Beschaeftigten.) Weniger als die Haelfte der Bevoelkerung lebt in Staedten oder Kleinstaedten.

In Piaui haben die Mary Ward-Schwestern 2 Niederlassungen, wo sie in kleinen Staedten in der Pfarre und bei verschiedenen Initiativen mitarbeiten: San Joao (St. Johann), der groesseren Stadt mit etwas Industrie, wo Marguarida wohnt, und Paes Landim, einem Staedchen mit etwas unter 4000 Einwohner im Sueden.

Marlene und Maristela wohnen in Paes Landim, wo ich die ersten Tage verbringen werde. Auch sie sind jetzt auf der Durchreise in Sao Paulo und beraten mich, was ich einpacken soll. Sie sind sich einig: “Du wirst als erstes einen Hitzeschock kriegen.” In Piaui gibt es zwei Jahreszeiten: den trockenen Sommer und den feuchten Winter. Dieser beginnt, aehnlich wie bei uns, im Oktober. Auch hier hat die Natur das halbe Jahr Zeit fuer Wachstum und Vermehrung. Im Mai werfen die Baeume ihre Blaetter ab und das Gras waechst nicht mehr nach. Bei uns wegen der Kaelte, hier wegen der Hitze – und weil es ab April nicht mehr regnet.

Piaui leidet, wie auch andere Staaten im Nordosten, unter einem Klimawandel, berichten die beiden: In den letzten Jahren hat es viel weniger geregnet, sagen die Leute, in manchen Gegenden gar nicht. Paes Landim geht es etwas besser, sie hatten jedes Jahr Regen, heuer aber sehr spaet, erst am 4. Dezember. Man saete aus, die Pflanzen gingen rasch auf, aber danach blieb der Regen aus. Alles ist vertrocknet. Jetzt ist es auch viel zu heiss fuer die Jahreszeit, fast so heiss wie im Sommer. Da hat es oefter 40 Grad.

“Hast du Angst vor Viechern?” fragt Maristela grinsend, “die gibts naemlich zuhauf!”. “Kommt darauf an wie gross sie sind”, antworte ich, denn ich stelle mir grad den “Wolf von Brasilien” vor, einen Jaguar. Nein, sie meint Kaefer und Insekten und Froesche, die sich gern ins Haus zurueckziehen. “Diese Viecher fuerchte ich nicht. Nur Spinnen mag ich nicht besonders.”

Am Vormittag schreibe ich die letzten Infos fuer euch in das Blog und packe den Rucksack. Was ich nicht unbedingt brauche, kommt in den Schrank. “Das Zimmer bleibt frei fuer dich,” sagt Clotilde. Sie ist etwas besorgt: “Komm ja zurueck, wenn es dir nicht gefaellt oder zu heiss ist! Nicht dass du da oben leidest!” Ich verspreche hoch und heilig, keine Martyrerin zu werden und mich zu melden, sollte es Probleme geben. Clotilde hat mich richtig unter ihre Fittiche genommen, sie packt schliesslich auch noch meine Jause ein. Wie nett, zur Abwechslung mal bemuttert zu werden.

Sao Paulo hat zwei Flughaefen. Der groessere und internationale, Guarulhos, liegt etwas ausserhalb der Stadt, mehr als eine Stunde von uns entfernt. Der kleinere, Congonhas, befindet sich in der Nachbarschaft. Zwischen den beiden gibt es einen Pendelbus. Mit diesem reise ich nachmittags um halb fuenf ab. Alleine zu Reisen taugt mir wieder mal ueberhaupt nicht. Heidrun kann ein Lied davon singen: Normalerweise bin ich grantig, weil es mich stresst. Peter beruhigt per SMS.

Nach dem Einchecken habe ich noch zwei Stunden Zeit am Flughafen. Beim Herumspazieren werde ich auf eine kleine Ausstellung aufmerksam: “Sarro malt die Seele Brasiliens”, verspricht das Plakat Ich verweile ein wenig vor den saften Formen und kraeftigen Farben. In der Ecke sitzt ein Herr Aufpasser, der mich schliesslich anspricht. Bald erkennt er meine Muttersprache, denn seine Frau ist Deutsche. Es stellt sich heraus, dass er an verschiedenen Universitaeten lehrt, auch in der Schweiz.
Dr. Roberto Palazzi ist lieber “in Zivil” unterwegs, in Jeans und T-Shirt. “Die Bedienung im VIP-Raum wollte mich gar nicht hinein lassen, weil sie mich heute nicht erkannt hat.“ lacht er. Er arbeitet viel mit dem Maler Sarro zusammen, organisiert Ausstellungen, bisher schon in 40 Laendern, und verfasst die Texte der Kataloge. Im Sommer gehts nach Moskau und Petersburg.

Das Bild einer Frau mit Taube in Gruen- und Rottoenen gefaellt mir besonders gut: “Das ist eines von Sarros juengsten Bildern, eine Madonna.” erklaert Roberto.
Wir kommen schliesslich ins Gespraech ueber Gott und die Welt: Ueber Paolo Freire und die Ausbildungssituation in Brasilien, ueber die Schweizer und die Russen, die Weimarer Republik und die Rolle der Intelektuellen und auch ueber Kinderbuecher. Die Wartezeit vergeht rasch, ich bedauere, dass ich nicht ebensoviel von der Geschichte Lateinamerikas weiss, wie er von Europa.

Im Bus, der die Passagiere zum Flugzeug bringt, setzt man ein etwa 10-jaehriges Maedchen neben mich. Sie reist offenbar ohne Begleitung, die Stewardess neben ihr wirkt hilflos: Die Kleine redet nicht viel, will tapfer sein und weint nur ganz leise.
Wir freunden uns ein wenig an, ich Arme reise ja schliesslich auch alleine! ;-)

Im Flugzeug bekommt sie einen bevorzugten Platz in der ersten Reihe, wir werden getrennt. Schade, denke ich, und raffe mich schliesslich auf, mit dem Steward zu sprechen: “Kann ich nicht bei ihr bleiben?” “Ja, setzen sie sich ruhig her. Ich weiss nicht, ob noch wer kommt, aber vielleicht klappts.” Leider kommt noch wer: Zwei Maedchen im Alter von etwa 10 und 15 Jahren, ebenfalls ohne Eltern. Gabriela und ich warten gespannt, ob der Steward Platz herzaubern wird. Es gelingt, er setzt die beiden hinter uns, und wir bleiben zusammen.

Gabriela ist ein Einzelkind und lebt mit der Mutter in Fortaleza, einer schoenen alten Stadt im Norden Brasiliens, wo die Straende traumhaft und die Menschen afrikanisch sein sollen: Nachkommen der Sklaven. Gabriela hat in den Ferien ihre Tanten in Sao Paulo besucht. Heute fliegt sie zum ersten mal allein zurueck. Schon morgen beginnt wieder die Schule. Das ist kein Unglueck fuer Gabriela. Sie wirkt sehr gescheit und diszipliniert, sicher hat sie gute Noten. Sprache und Turnen mag sie besonders gern. Sie erinnert mich in vielem an Heidrun, nur etwas ernster ist sie.

Ich weiss, was ich mit Heidrun gespielt habe, wenn es im Zug langweilig wurde: Stadt und Land z.B. und “Galgenraten”. Letzteres wage ich auch hier, und in dem Moment, wo sie mich das erste mal in die Pfanne haut, kommt ihr Temperament zum Vorschein. “Ha!” strahlt sie. Bis zum Schluss der Reise sind wir schliesslich alle vier am Spielen: Hinterbank gegen Vorderbank.
Um Mitternacht kommen wir in Fortaleza an, die Meninas (Maedchen) steigen aus, ich wechsle auf meinen angestammten Platz in Reihe 8 fuer den Weiterflug nach Teresina.

Samstag, 11. Februar 2006

11.2. tudo bem

ihr lieben, bin seit heute bei roberto in sao miguel.
das internet ist hier teuer und laaaaaaaangsam.
ich kann noch nicht in meine mails.
danke peter fuer die information an die anderen. es ist alles richtig, was du geschrieben hast.
werde die beitraege ueber die letzte zwei wochen, die schon fertig sind, etwas spaeter ins blog stellen. da geht es vielleicht besser.

habe euch sehr lieb und zu meinem gueck fehlt nur ihr hier!
rosinha

Sonntag, 5. Februar 2006

Zwischenstatus!

Hier ist der Peter aus Wien - Reingard ist im Moment kaum zu erreichen, in Paes Landim (Provinz Piaui) kann sie keine SMS empfangen und hat auch keinen Internet-Zugang. Das Stromnetz ist so instabil, dass auch der PC immer wieder abstürzt. Sie arbeitet vorwiegend im Haus - hat unter anderem Brot gebacken und mit dem Kochlöffel Butter gemacht - und es geht ihr gut. Ab 8. oder 9. 2 ist sie bei einem Projekt in der Nähe im Einsatz - ein Niederländer baut Kindergarten und Vorschule auf. Dort hat sie vielleicht wieder Zugang zum Internet und wir können uns auf neue Beiträge freuen!

Sonntag, 29. Januar 2006

28.1. "Kloster"festtag

Ein gefuehlvoller Moment:
Schwester Cleidi ist etwas ueber zwanzig, schlank, hat ein schoenes und kluges Gesicht. Sie
kniet vor dem Alter und sagt:
"Schwester Clotilde, um Gottes Barmherzigkeit Willen bitte ich sie, nachdem ich die Konstitutionen kennen gelernt habe und das Leben in der Gemeinschaft seit drei Jahren erfahre, um die Erlaubnis, weitere drei Jahre mein Leben fuer Gott und das Reich Gottes einsetzen zu duerfen und meine Bindung an die Congregatio Jesu um drei Jahre zu verlaengern."
"Sie moechten weiter in unserer Kongregation leben, unter der Bedingung sich an den Massstaeben des Evangeliums zu orientieren, unsere Weise des Vorangehens anzunehmen und sich der Sendung der Kirche zu verpflichten, im Geist des Dienstes und des Gebetes?
"Ja, ich will."
Alle: "Wir freuen uns in dir o Gott."
Und dann wird applaudiert und gesungen.

Die "Erneuerung der Geluebde" vollzieht sich bei den Schwestern in einer schlichten Form. Die Messe am Festtag von Maria Ward ist der wuerdige Rahmen, in dem dieser Schritt bewusst und oeffentlich gemacht wird.

Es ist sehr schoen, dabei sein zu duerfen.
Die Kirche im Sitio ist mit Blumen praechtig geschmueckt. Neben den Mitschwestern sind viele Familienangehoerige und Freunde da, sowie auch eine Reihe von Padres aus den Heimatgemeinden der Jubliarinnen. Ein Bischof fuehrt den Vorsitz. Er hat Humor und spricht klar. "Familienleben besteht nicht nur aus Liebe, sondern da gibt es jede Menge Spannungen, Missverstaendnisse, Streit und immer wieder die Anstrengung, einen Schritt auf den anderen hin zu tun. Und, bitte nicht boese sein, in den religioesen Gemeinschaften ist es nicht anders. Streiten und sich versoehnen, das scheint unser Leben zu sein. Stimmts, Kollegen?" fragt er die Padres, die um den Altar sitzen.

Nach der Messe gratuliere auch ich den Jubilarinnen und den jungen Schwestern. Besonders Cleide, denn ich habe bemerkt, dass sie eine "Schaefer" ist. Ihr Name wird zwar anders geschrieben (Geffer), aber die Aussprache ist exakt wie bei uns. "Ich bin auch eine Schaefer, von der Mutterseite her", sage ich ihr, und erklaere, dass das deutsche Wort "Hirte" bedeutet.
Ich erzaehle auch, dass unsere Schaefer Walser sind und urspruenglich aus Wales (Inglaterra) kommen. Cleide freut sich, sie holt ihre Verwandtschaft und wir machen "Schaefer"-Fotos. Der Onkel erklaert mir, dass sie von einer Familie aus England abstammen. "Na, sagte ich doch!" bekraeftige ich das frisch entstandene Famlienidyll.
"Die Schaefers sind besonders kontaktfreudig und unternehmerisch." erzaehle ich weiters. "Ja, das sagen wir auch!" ist die Anwort.

Und es scheint zu stimmen: Onkel Schaefer (Geffer) ist zum Praesidenten der Landarbeitergewerkschaft gewaehlt worden und die Tante ist Paedagogin und Leiterin und Politikerin und waere fast Buergermeisterin geworden.
Wieder eine Einladung nach Parana! Ach, wenn Brasilien nur nicht so gross waere!

Es gibt ein feines Buffet. Waehrend ich noch anstehe kommt ein aelteres Paar auf mich zu. Mit einem "Herzlich willkommen in Brasilien!" werde ich wieder einmal begruesst und umarmt. "Duerfen wir uns vorstellen? Mein Vater ist auch aus Oesterreich." "Schoen, von wo denn? " "Aus Lustenau." Ich lache. "Und, kascht no duetsch?" frage ich im Dialekt.
Nein, er habe als Bub mit seinem Vater Dialekt gesprochen, aber alles verlernt, meint er.

Wie klein ist die Welt!

Jetzt sitze ich also gut gesaettigt von einem koestlich zarten Schweinsbraten und "Hennahaexle" wieder in der Zentrale und schreibe meinen letzten Blog-Beitrag aus Sao Paulo.

Morgen wird gepackt, da werde ich nicht mehr dazu kommen.
In Sao Joao de Piaui und in San Raymundo Nonato gibts keinen Handymasten, sagten die Schwestern. Und Internet haben sie nicht, aber vielleicht der Pfarrer.

Macht euch also auf eine laengere Blog-Pause gefasst und freut euch mit mir, dass ich das einfache Landleben geniessen kann.
Solange man nichts von mir hoert ist alles in Butter!
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Auf der letzten Seite des Heftes fuer die heutige Feier steht ein Text, der auch hier gut als Abschluss passt. Ich schliesse mich als Freundin der Gemeinschaft an:

Dankeschoen

Wir, die Schwestern der Congregatio Jesus bedanken uns bei dir, dass du Anteil nimmst an unserem Leben und mit uns zusammen unterwegs bist in der einen oder anderen Form, zur Freude und Ehre Gottes.
Vielen Dank von uns allen.

Wir wuenschen dir und deiner Familie ein glueckliches Jahr 2006, voller Frieden, Freude, Liebe, Gesundheit und Glueck!

"Einmal Freunde, Freunde fuer immer!" Mary Ward

Samstag, 28. Januar 2006

27.1. Klosteralltag

Ich bin ja hier schon den dritten Monat "im Kloster", und habe das Beduerfnis, euch ein wenig Einblick zu geben.

Doch, schon ins erste Fettnaepfchen getappt: Mary Ward-Schwestern sind nicht im Kloster. Sie wuerden sich gegen diese Bezeichnung wehren, denn sie legen Wert auf persoenliche Freiheit.
Natuerlich gibt es eine Oberin, aber....

Aber hier keine Theorie, sondern einfach Geschichten:

Es laeutet an der Pforte. Clotilde, die Leiterin, und ich sind in der Naehe und wir gehen aufsperren. Clotilde bleibt in der Tuer stehen, geht gar nicht ueber die Treppen runter zum Gartentor. Ich sehe nicht, wer da steht und kann nur vermuten. Jemand, dem sie gar nicht aufsperren mag?
"Nein Senhora, hier gibt es nichts zu holen, kein Essen und kein Geld!" sagt sie ohne eine Miene zu verziehen. Mich zerreisst es fast vor Neugier, wer da steht und ich draenge mich in die Tuer. Hinter dem Gitter, auf der Strasse steht die Schwester Eulalia, die ein wenig aelter ist, als Clotilde.
Die beiden keppeln hin und her. In der Annahme, dass Clotilde ihre Knie schonen soll, nehme ich ihr den Schluessel ab und gehe hinunter aufsperren.
Eulalia begruesst mich. Ernst schaut sie auf mich und dann auf Clotilde: "Danke, Liebe. Merk dir! Brasilien ist voll von ueblen Kreaturen!" Und danach lachen die beiden los.

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Im Haus ists weiterhin turbulent, weil die Schwestern aus allen Landesteilen kommen. Morgen feiern wir im Sitio (siehe 1.1.) den Mary Ward-Tag.
Unter anderem lassen wir Candinha hochleben, denn sie feiert das 50. Ordensjubilaeum. Und einige junge Schwestern legen ihre Versprechen ab.

Jetzt wird natuerlich viel vorbereitet. Letizia, unsere Koechin ist bereits aufs Sitio uebersiedelt und Marlene und ich wetteifern, wer kochen darf. Wenn ich darf, gibt es meine Lieblingsgerichte, unter anderm Krautfleckerl a la Poldi.

Jazinta, die kleine und gebueckte Seniorin mit den lachenden Augen, und Marlene, die so alt ist wie ich, machen Stress beim Abendessen. Sie haben ein "Compromisso" heisst es, eine Verabredung. Oho! Das Geheimnis lueften sie erst, als wir mit dem Abwasch - gottseidank rechtzeitig - fertig sind. "Wir wollen unbedingt die naechste Folge der TV-Serie sehen!"
Ich halts nicht aus! Was fuer ein weltumspannendes Beduerfnis!

Auch am naechsten Tag sitzen wir fuer Jazintas Geschmack wieder zu lange am Tisch. Sie steht auf und faengt schon mal an laut in der Kueche zu werkeln. Obs wieder ein Compromisso gibt, fragt Alberta, die ebenfalls 75-jaehrige MST-Aktivistin.
"Nein, heute nicht!" Wenn Jazinta so harmlos schaut, muss ich schon lachen! "Ich muss meine Gebete noch machen."
"Oh," gibt Alberta zurueck, "das hat Senhora schon heute Nachmittag gesagt. Ist sie nicht dazu gekommen?"
"Doch", meint Jazinta.
"Ja, wie oft betest du denn?", setzt Alberta nach.
"Schon oefter. Also die Vesper und das Nachtgebet."
"Ja, das mach ich auch, aber das geht doch schnell!"
"Ja, bei mir nicht. Ich muss das alles Lesen, ich kanns nicht auswendig." Und nach einer Pause schliesst sie kopfschuettelnd und schmunzelnd ab: "Eigentlich komisch, jetzt bete ich das schon 50 Jahre und kanns noch immer nicht!"
Jazinta ist eine Heilige fuer mich! Nur gut, dass sie das nicht lesen kann. Waere ihr todpeinlich!

Freitag, 27. Januar 2006

25. - 26.1. Amazonas

Bei uns herrscht "Ruhe vor dem Sturm". Am Samstag ist die grosse Mary Ward-Feier und Zusammenkunft der Schwestern aus dem ganzen Land und alle sind mit Vorbereitungen beschaeftigt. So komme ich dazu, Offenes gut abzuschliessen.

Ich goenne mir noch eine Stunde portugiesisch mit Célia. Wir ueben Konjunktiv. "Mozart haette es gefallen....." wenn er gehoert haette, wie die Kleine Nachtmusik mit Symphonieorchester und Samba-Batterie an seinem 250. Geburtstag in Sao Paulo aufgefuehrt wird!

Der Abschied von Célia geht diesmal ganz leicht. Ich habe das Gefuehl, sie schwingt mit mir und spuert, dass ich jetzt wirklich reif bin fuer einen anderen Ort.

Schwesterherz Christine organisiert mir in Dornbirn eine guenstige Verlaengerung der Unfallversicherung, was komplizierter ist, als ich dachte.

Und Bischof Kraeutler beantwortet meine Anfrage. Hier heisst er nur Dom Erwin.
Ich muss ein wenig ausholen:
Es heisst, seine Dioezese im Amazonasgebiet sei die groesste der Welt - von der Ausdehnung her. Bischof Kraeutler ist vor allem fuer seinen Einsatz zum Schutz von Indios beruehmt. In jedem Jahr sterben Dutzende Indios, die sich gegen illegale Pluenderer von Pflanzen, Tieren und Bodenschaetzen wehren. Man darf sich da keine abenteuerlustigen Goldsucher vorstellen. Da ist organisierte Kriminalitaet im Spiel. Oft wird nicht einmal untersucht, wer die Moerder bzw. deren Auftraggeber waren. Es ist gefaehrlich, zuviel aufzudecken. Bischof Kraeutler steht darum auf Todeslisten und sein Einsatz ist hoch anerkannt.

Wie die Indianer geschuetzt werden sollen, darueber gibt es aber unterschiedliche Meinungen. Dom Erwin hat den Vorsitz von CIMI uebernommen, dem katholischen Rat zum Schutz der indigenen Bevoelkerung. Aus Respekt vor der indianischen Kultur haelt sich CIMI sogar mit Taufen zurueck und ist dagegen, dass sich die Indios einfach der westlichen Konsumgesellschaft anpassen sollen.
Besonders die evangelischen Pfingstkirchen aus den USA werben aber offensiv Mitglieder und argumentieren: "Warum soll ein Indio denn kein Auto haben?"
Wieviel ist Schutz? Wo beginnt Bevormundung? Und wer profitiert davon, wenn die Indios komsumgeil werden?
Padre Guenther erzaehlte: "Die Indios werden heute wie damals uebers Ohr gehauen. Sie wissen nicht was ihr Land und die Bodenschaetze wert sind. Gegen Einkaufsgutscheine lassen sie alles zu. Und wenn ploetzlich viele Leute sterben, sagen die Goldschuerfer: Das liegt nicht am Quecksilber im Wasser. Das ist, weil ihr eure Goetter verzuernt habt!"

Einmal wird Religion missbraucht, um Menschen gefuegig zu machen. Oder sie "reisst Mauern nieder": Macht Menschen selbstbewusst und gibt ihnen Kraft zu kaempfen, fuer sich und fuer andere, auch bei Todesgefahr.
Das Thema der Auffassungen ueber Mission liegt mir normalerweise fern - und schon beim ersten Kontakt fuehrt es mich zu der spannenden Grundfrage zurueck: Wie frei macht dich deine Religion?

Nun zurueck zum Mail von Dom Erwin. Dieser Mann nimmt sich Zeit und beantwortet mein Mail, sogar zweimal. Da faengt es schon mal an. Er wirkt 100% integer auf mich und alle, die ihn hier kennen, schwaermen von ihm. Das moechte ich denen sagen, die ihn mit Spenden unterstuetzen.
(Dom Erwin ist aus Vorarlberg und dort gibt es eine grosse Fangemeinde, die ebenfalls Bruecken zwischen Brasilien und Oesterreich baut.

Er schreibt, dass er einerseits keine Erfahrung mit Praktikanten hat und andererseits in den kommenden Monaten staendig unterwegs sein wird. Er laedt mich aber ein, die Karwoche und Ostern bei ihm zu verbringen. Ein wunderbares Angebot.
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Mit einer Zusage werde ich noch abwarten. Ostern ist ein Hoehepunkt im Kirchenjahr und vielleicht kann und mag ich dort Ostern feiern, wo ich die Wochen davor gewesen bin.
Und das wird hoechstwahrscheinlich im Amazonasgebiet sein, aber weiter westlich, bei Virginia in Codajás. Ihr wisst schon, 15 - 20 Stunden mit dem Boot von Manaus, je nachdem....

So sind die naechsten Stationen jetzt einmal geplant:
Bis ca. 20. Maerz im Bundesstaat Piaui, am Land, arme Gegend, mit Justina und Margarida.
Bis ca. 10. April im Staat Amazonas bei Virginia.
Und zu Ostern vielleicht in Xingu bei Bischof Kraeutler.

Ostern liegt Mitte April; spaetestens am Osterdienstag werde ich nach Sao Paulo zurueckkommen. Ich will mein "Sozialpraktikum" noch gut abschliessen, bevor ich Peter am Flughafen abhole...
Auf uns wartet eine dreiwoechige Rundreise durch dieses wunderbare Land.

24.1. Zweiter Teil: Rede Rua und Gefaengnisse

Nach meinem Besuch bei Sr. Neuci in der MST bin ich in Brás geblieben. Das Zentrum von Rede Rua (Netz der Strasse) liegt naemlich in der Nachbarschaft. Rede Rua ist sozusagen ein alternativer Nachrichtendienst, beruehmt fuer seine Filme ueber sozialen Themen.
Dort hatte ich um 4 eine Verabredung mit Philipp, der hier aushilft. "Vielleicht hat auch mein Chef Guenther Zeit", meinte er. Guenther Zgubic ist mittlerweile ein bekannter Mann. Der Priester aus der Steiermark hat durch seine Arbeit als Gefangenenseelsorger in Sao Paulo schon viel erlebt und erreicht. Im November 2005 erhielt er den Erzbischof Romero-Menschenrechtspreis der Katholischen Maennerbewegung.

Mich dem Thema "Gefangenenseelsorge" anzunaehern, hat Ueberwindung gekostet, denn man weiss auch bei uns genug von den deprimierenden und bestuerzenden Zustaenden in den Gefaengnissen in Lateinamerika, besonders in Brasilien:
- Ueberbelegung
- Willkuer
- Gewalt
zelle

Das Bild ist von der Amnesty-Website http://www.amnesty.at/brasilien-netzwerk/berichte/haeftlinge.htm
Die Menschenrechtsorganisation Amnesty veroeffentlicht jedes Jahr einen umfassenden Bericht und wer ins Ausland auf Urlaub faehrt, dem empfehle ich einen Blick auf den Jahresbericht seines Reiselandes zu werfen.
(Ist einfach im google zu finden.)
Fuer Brasilien 2004:
http://www2.amnesty.de/internet/deall.nsf/0/4dede8b07dd439f0c12570260037d9bd?OpenDocument

Das kleine Haus von Rede Rua liegt in einer Sackgasse, die von alten, einstoeckigen Haeusern gesaeumt ist. Eine "Wohnstrasse" sozusagen, auf der Hunde und Kinder spielen und Jugendliche laute Musik aus einem offenen Auto hoeren.
Philipp ist Mitte zwanzig und hat lange blonden Haare. (Nicht nur in Bahia faehrt man darauf ab! ;-))) Er wartet schon auf mich und humpelt zur Tuere. Chronische Beschwerden mit einer Sportverletzung - aber fuer "untauglich hats nicht gereicht".

Schoen, dass er sich Zeit genommen hat. Er zeigt mir die Raeume und technischen Anlagen im Haus: Die Mini-Zimmer sind eng gefuellt mit Computern und Equipment zum Bearbeiten von Fotos und Schneiden von Filmen. Es gibt auch ein Foto- und Aufnahmestudio fuer Interviews.
Jetzt, am spaeten Nachmittag, sitzen noch mehrere Mitarbeiter und Praktikantinnen hinter den Geraeten. Im Mediengeschaeft hat die Zeit andere Rhythmen - wenn man von Rhythmen ueberhaupt sprechen kann.
Die Dokumentationen ueber das Leben der Menschen auf der Strasse haben viel Bewusstsein und Verstaendnis geschaffen. Rede Rua gibt auch eine monatliche Zeitschrift heraus und macht aktuelle Reportagen.

Heute zum Beispiel haben Polizisten einen Obdachlosen zusammengeschlagen. Man sagt, die Stadt soll fuer den morgigen Feiertag (452 Jahr Sao Paulo) "sauber gemacht" werden. Die Leute von Rede Rua werden in solchen Faellen informiert, damit die Person nicht verschwindet und der Sache nachgegangen wird.
Alderon, der Leiter von Rede Rua, kommt um 7 von der Polizei zurueck. Er ist muede und gleichzeitig aufgekratzt und plaudert mit uns. "Nichts besonderes", meint er, "zumindest haben sie ihn freigelassen."

Rede Rua wurde von einer Ordensgemeinschaft gegruendet, die auf Medienarbeit spezialisiert ist, den Steyler Missionaren. In Oesterreich kennen wir die "Stadt Gottes" und die "Weite Welt". Diese gut gemachten Familienzeitschriften enhalten viel Information ueber "Gott und die Welt". Abonnement: www.steyler.at
oder: http://08.combell-ops.net/main.php?m=4&hm=9&mtype=w

Nach dem Rundgang gehen wir ueber die Strasse ins kleine Wohnhaus fuer Rede Rua-MitarbeiterInnen und Gaeste. Hier kommt unser Gespraech bald auf die Arbeit bei Pater Guenther. Denn schliesslich ist Philipp ja wegen ihm in Sao Paulo.
"Ich habe Filme gesehen, ja gut, es ist schon stark, aber es hat mich nicht schockiert." meint er. "Der Unterschied war da, als ich das erste Mal selber in einem Gefaengnis war. Ich weiss es noch genau. Du vergisst das nie mehr. Es ist kalt, obwohl es heiss ist. Der Gestank und das Schreien."
Guenter spricht von einem Frauengefaengnis, das offiziell nicht existiert, und in dem 100te Frauen zum Teil in Untersuchungshaft, zum Teil Haftstrafen verbuessend, "leben".
Er besucht es regelmaessig.

"Warum schreien die Frauen?" frage ich.
Er zeichnet mir auf, wie er das Gelaende in Erinnerung hat. "Und da hinter diesen Gitter stehen sie und rufen und schlagen gegen die Eisen, wenn sie was wollen." Er erklaert: "Das Gefaegnis wurde nicht fuer Frauen gebaut. Frauen haben andere Beduerfnisse, sie haben einmal im Monat die Menstruation. Es gibt gar nichts fuer diese Frauen. Kannst dir vorstellen, wie es aussieht und wie es riecht. Das Dach ist undicht, das ist krass, wenn es regnet, aber auch wenn es heiss ist. Und viele haben keine Ahnung wie es um sie steht, ob das Verfahren ueberhaupt schon laeuft. Und drum schreien die."

Was die Leute am meisten von den GefangenenseelsorgerInnen brauchen, ist laut Philipp, juristischer Beistand. Welche Aktennummer habe ich? Fuer welchen Paragraphen bin ich angeklagt? Wann ist der naechste Termin?
Dann auch Hilfe in Fragen der Gesundheit, beim Organisieren von Medikamenten, einem Arztbesuch oder Spitalsaufenthalt.
Sie werden auch oefter gebeten, Familienkontakte herzustellen oder zu unterstuetzen. Und schliesslich hoert er, auch manchmal "Wenigstens vergisst man uns nicht ganz."

Ich bin ueberzeugt, selbst wenn die SeelsorgerInnen nichts Praktisches tun koennten, ihre blosse Anwesenheit in den Einrichtungen macht einen wesentlichen Unterschied.

Als wir Hunger bekommen, gehen wir Pater Guenther stoeren. Er sitzt schon lange hinter dem PC. "Die Unterbrechung ist das eigentlich Spirituelle." sagt mein Freund Peter Fritzer SJ immer, also betaetige ich mich jetzt als Seelsorger-Sorgerin. ;-)

Die Maenner meinen, eine Pizza zu bestellen waere guenstig, und das tun wir auch. Zum Essen setzt sich Guenther zu uns. Sein Weitblick und sein Tiefenblick sind enorm. Koennte ihm noch lange zuhoeren.

Guehnter lebt seit 17 Jahren in São Paulo und dreht hier seine Runden im groessten Gefaengnis Lateinamerikas: der Casa da Detenção.
Er sieht auch die Situation der Polizisten und Richter, die unter ungenuegenden Bedingungen im Stich gelassen werden. "Leider haben die Organisationen der Zivilgesellschaft bis jetzt viel zuwenig auf das Rechtswesen geschaut. Es ist fast ein verschwiegenes Thema." meint er.
Mangelnde Aufmerksamkeit fuehrt zu mangelnder Innovation. Obwohl die Verfassung und die Gesetze in Brasilien als modern gelten, sind die tatsaechlichen Zustaende im Rechtswesen unglaublich triest. "Nicht genuegend oeffentlicher Druck, daher kein Geld und keine Leute." Auch ein Grund uebrigens, der die Korruption stabilisiert.

Philipp und Pater Guenther erzaehlen Beispiele:
- Menschen, die im Gefaengnis Monate und Jahre warten, bis sie wissen, wofuer sie angeklagt sind.
- Manche Haeftlinge sind schon freigesprochen oder haben ihre Strafe abgebuesst. Es fehlt an Rechtsanwaelten und Gerichtsdienern, die dafuer sorgen, dass die Person ihre Entlassungspapiere bekommt.

Und schliesslich ein paar Zahlen: (Zitiere Klaus Hart:
http://www.ila-bonn.de/brasilientexte/gefaengnisse2005.htm):

"In ganz Brasilien sind derzeit 340 000 Personen inhaftiert - ueber ein Drittel davon im Teilstaat Sao Paulo... Landesweit wurden hunderttausende Haftbefehle noch gar nicht vollstreckt. Schon jetzt sind in den meisten Gefaengnissen Brasiliens mehr als doppelt so viele Menschen eingesperrt wie eigentlich zugelassen."
“13000 Gefangene, immerhin ein Zehntel aller Häftlinge Sao Paulos, müßten längst auf freiem Fuß sein."

So beginnt man mit sozialer und pastoraler Arbeit an einem Ort der Gewalt und Hoffnungslosigkeit - und rutscht frueher oder spaeter in die Menschenrechtsarbeit hinein.
Durch sein Aufzeigen von Missbrauch und skandaloesen Zustaenden ist Pater Guenther heute gefragter Experte fuer die Situation der Menschenrechte in Brasilien, kein ungefaehrlicher Job.

Zu frueh gehe ich weg, breche das spannende Gespraech ab, denn es ist bereits dunkel geworden. Vor wenigen Monaten haette mich das nicht im geringsten von einem Gespraech abgehalten. Hier aber ist das ein Grund, nach Hause zu gehen.

So wird spuerbar, was der Theologe Rudolf von Sinner eine "verlaessliche Gesellschaft" nennt. (Website: www.mensch-im-recht.ch/online/online.html)
Nicht nur die Kriminalitaetsrate bestimmt, wie sicher oder unsicher ich mich hier fuehlen kann. Politik, Polizei und Justiz legen den Rahmen meiner Freiheiten fest. Es ist gefaehrlich, das zu vergessen.

24.1. "Alles guad?"

Das Geld der Weihnachtsaktion lag bis gestern auf meinem Konto. Heute bringe ich es Schwester Neuci in die Zentrale von MST (Bewegung der Landlosen, "sem terra").
Sie stammt von einer Familie aus dem Schwarzwald ab und begruesst mich mit einer entzueckenden Mixtur: Das brasilianische "tudo bem?", deutsche Vokablen und schwaebische Aussprache: "Alles guad?"
Ich muss gleich grinsen.

(Vorausgeschickt: Die MST und unsere Aktion sind ja schon im Blog beschrieben ich versuche nichts zu wiederholen. Wer nachlesen mag: Einfach Suchmaschine links unten benuetzen: terra eingeben.
Naehere Infos zum "Vorbild MST" gibts zuhauf im Internet, auch auf deutsch. Im google MST+Brasilien eingeben, genuegt.)

Die regionale MST-Zentrale ist eine Lagerhalle auf zwei Etagen in einem der aeltesten Bezirke von Sao Paulo, nahe beim Zentrum: Brás. Dieser Bezirk war einmal durch den Bahnhof und die Industrie wohlhabend und ist noch von den Hallen und kleinen alten Buergerhaeusern gekennzeichnet.
Typisch fuer viele Millionenstaedte verarmt und verfaellt das alte Zentrum auch hier. Es gibt zu wenig Platz und Lebensqualitaet um zu investieren, das ist ein Teufelskreis:
Schlechte Bausubstanz, billige Mieten, keine Finanzkraft der Bevoelkerung, keine Prioritaet bei oeffentlichen Investitionen. Man sieht es an den schmucklosen Fassaden, die herunterbroeckeln, am Muell der nicht weggeraeumt wird, an den Bars wo die Maenner den ganzen Tag sitzen. Am Platz spielt sich auch das sogenannte "informelle Geschaeftsleben" ab: Schwarzmarkt und superbillige Angebote fuer die Strassenverkaeufer.

Die U-Bahn-Trasse fuehrt entlang der Strasse, in der das MST-Lokal liegt. Der Gehsteig zwischen Strasse und U-Bahn-Betonmauer wird nicht viel benutzt und ist so breit, dass jemand hier sein Haus hingebaut hat: Aus Karton, Plastik, alten Metallteilen, einer Waeschespinne etc.: Etwa 1,5 m tief, 10 m lang. Ich kann hineinschauen, denn es gibt keine Tuer. Ja, hier wohnen Leute, denn an der Wand innen sind Regale aufgebaut mit allerlei Gegenstaenden, die jemand aus dem Abfall gerettet und fein saeuberlich aufgeschlichtet hat.
Vor dem Haus thront eine runde, schwarze "Mama": Sie sitzt breitbeinig auf ihrem Hocker und wischt mit Papier eine Styroportasse sauber. Ihr Essgeschirr?
Dabei wirkt sie konzentriert und gar nicht elend. Ich wage nicht, die Szene zu fotografieren, obwohl die Frau mit ihrem farbenfrohen Kleid in diesem Ambiente ein klasses Motiv waere.
Diese Frau baut mit ihrer Wuerde eine Privatspaehre auf, mitten am Gehsteig, die ich nicht verletzen will.

blume

Der Empfang beim MST-Lokal sind zwei Maenner, die in der offenen Tuere sitzen und plauschen. Sie duerften etwa 50 sein, sind mager und braungebrannt, wirken unauffaellig und einfach, aber spruehen von einer stolzen Energie, die ihnen aus den Augen funkelt. "Typisch MST", gehts mir durch den Kopf, und frage nach Schwester Neuci.
"Ja, du kannst raufgehen", meinen sie.

Das sind die "Militanten", die in die Herbergen der Wohnungslosen gehen und in der Nacht auf die Strasse. Unerschrockene Menschenfischer der besonderen Art: Sie sammeln das "Strandgut" dieser Gesellschaft ein, Menschen die in diesem System der extrem ungleichen und ungerechten Lebenschancen nicht auf die Beine kommen.

Unterstuetzt wird diese Gruppe von vielen anderen: Die einen spueren ungenutztes Land oder verfallende Gebaeude auf; die "Juristen" nutzen die rechtlichen Moeglichkeiten - basierend auf der in der Verfassung verankerten Landreform; Kommunikationsspezialisten kuemmern sich um Lobbing und Medienkontakte; Verwaltungsmenschen organisieren die Helfer im Hintergrund. Die MST mobilisieren nicht nur die Leute von der Strasse, sondern auch viele Helfer. So gibt es z.B. eine Universitaet, deren Studenten mithelfen, wenn die "Haeuser" aus schwarzen Plastikplanen gebaut werden.

Bezahlt werden nur die Unkosten: Fahrkarten, Lebensmittel fuer den Aufenthalt in den Lagern, Miete, Strom und Telefon fuers Buero. Einen Lohn erhaelt hier niemand.

Ich steige also hinauf, in den ersten Stock. Die Halle hat kaum Fenster, ist grau und dunkel, die einzelnen Moebel wirken verloren und vergessen.
Zimmer fuer Bueros gibt es nicht, aber auf der Fensterseite haben sie mit Stellwaenden "Buerowinkel" eingerichtet. Hier sieht es nach Arbeit aus, da werkeln Freaks: Poster von Kampagnen, Bilder der grossen Protestmaersche, natuerlich gibts auch den "Che". Computer und Telefone. Wenige Aktenschraenke. Alle Farben und Schriften auf den Ordnern.

Neuci erzaehlt, wie sie vor drei Jahren zur MST gekommen ist und in der Verwaltung begonnen hat. Wie sie Buchhaltung eingefuehrt hat und die Leute dazu erzogen hat, dass es Geld nur gegen Beleg gibt. Das ist ein Job fuer eine leidensfaehige Person, denke ich, ich kenne das.

In ihrer Ecke haengt ein Plakat mit den 10 Grundforderungen der MST, ein weiteres zeigt das Foto einer schoenen, einfach gekleideten jungen Mutter, die ihr schlafendes Kind im Arm traegt und mit einem Zipfel ihres Kleides vor der Sonne schuetzt. "In unseren Frauenarmen liegt die Zukunft" steht darunter.
Hinter dem dem Schreibtisch ein Bild vom Jesus im suessen Nazarenerstil, er steht auf den Stufen und kopft an eine Haustuer.
Neuci ist etwa so alt wie ich, sieht froh und sehr deutsch aus und ist eine Schwester der "Toechter der goettlichen Liebe", eine oesterreichische Gruendung. Sie empfiehlt mir einen Besuch im Mutterhaus in Wien oder bei ihren brasilianischen Kolleginnen in Breitenfurt.

Schliesslich erzaehle ich von der Weihnachtsaktion und dass etliche Menschen zusammengeholfen haben und gebe ihr das Kuvert.
Es enthaelt eine schoene Weihnachtskarte mit einem mittelalterlichen Hirtenbild, die ich aus Oesterreich mitgenommen habe. Sie freut sich ueber die Karte. "Vielen Dank fuer ihre Arbeit! Zu Weihnachten 2005 von Freunden und Familie von Rosa" steht darauf. Drinnen liegt das Packerl Reais.

Ihr schiessen die Traenen in die Augen, mit diesem Weihnachtsgeschenk hatte sie nicht gerechnet. "So viel Geld!" bringt sie heraus, "und schon gewechselt!" Dann sagt sie erstmal nichts mehr, steht auf, dreht sich um und schneuzt eine Weile.
MST

Unser Betrag entspricht hier dem, was eine einfache Arbeiterin in 3 - 4 Monaten verdienen kann. Auch fuer einen guten Buerojob waere es doch immerhin ein Monatsgehalt. Nach einer Zeit sprechen wir darueber, was sie mit dem Geld tun werden.
"Lebensmittel erhalten wir von den Jesuiten.", erklaert sie mir. Sie werden das Geld einsetzen fuer die Dinge, die noch nicht finanziert sind: Medikamente, Unkosten der Schwestern oder der anderen Helfer, die mit den Leuten leben, Transportkosten.
Ich bin mit dieser Umwidmung zufrieden.
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Nach einer weiteren Einladung doch im April wieder vorbeizukommen, verabschiede ich mich.
Jetzt habe ich mal Mama Noel gespielt, im Namen der Menschen, die "Samen fuer Brasiien" gespendet haben, aus Oesterreich, Deutschland und den USA!
:-)))

Montag, 23. Januar 2006

23.1. Geburtstag von Maria Ward

Heute muss ich natuerlich von Maria Ward erzaehlen, einer unvergesslichen Frau.

Die kleine Maria heisst eigentlich Mary und wird am 23. Jaenner bei York geboren. Sie waechst in turbulente Zeiten hinein: Man schreibt 1585.
In Englang tobt grausamer Religionskrieg seit Generationen. Gerade werden die katholischen unter Druck gesetzt, enteignet, gefoltert. Drei Familienangehoerige werden hingerichtet. Nach wenigen Jahren mit Eltern und Geschwistern wird Maria mit der Grossmutter "aufs Land" in Sicherheit gebracht. Diese hat 14 Jahre im Kerker verbracht.

Es sind unvorstellbar starke Menschen und besonders Frauen, die sich dem Willen der Herrschenden nicht beugen. In diesem Klima waechst Maria auf. Schon als Maedchen will sie sich nicht an Familie und eine gute "Frauen-Karriere" binden. Sie will frei sein, und sich ganz ihrem Ideal hingeben, und - was sehr realistisch ist - ihr Leben im Kampf verlieren.

Doch zuerst muss sie es schaffen, den fuer Frauen ihres Standes vorgezeichneten Weg zu verlassen. Sie schlaegt eine Ehe aus, die alle gern gesehen haetten. Mit Muehe ueberzeugt sie den Vater, der ihre Lebenentscheidung schwer akzeptieren kann: Ein Leben, das weder einfach noch beruhigend fuer die Familie sein wird. Sie will in ein strenges Kloster, und das ist in der Heimat natuerlich unmoeglich. Es bedeutet wirklich alles zu verlassen, auch die Familie, Freunde, die eigene Sprache. Im Alter von 21 Jahren macht sich Maria auf in die Fremde und wird Clarissin in St. Omer, im heutigen Belgien.

Doch der Traum zerbricht, Maria ist ungluecklich, hier ist nicht der Ort wo sie hingehoert. Sie vertraut der inneren Leitung, die sie betend spuert, und einem Berater, einem Jesuiten, der sie gut kennt. Es geht zurueck nach England. Dort fuehrt sie ein Doppelleben: Als Tochter des Landedelmannes geistvoll und integriert in ihre Kreise und gleichzeitig im Untergrund fuer die katholische Bewegung aktiv.

Sie ist nicht die einzige, die es Gaeren spuert. Einige junge Frauen fuehlen die Geistesverwandtschaft mit Maria und werden enge Gefaehrtinnen.
Unter der Leitung der 25-jaehrigen Maria wandern sie aus, wiederum nach St. Omer, und gruenden dort eine Schule für englische Mädchen. Weitere junge Frauen aus England kommen, bald sind sie 50.

Maria ist unruhig, sie spuert, dass sie etwas angezettelt hat und jetzt weiter fuehren soll, aber sie hat noch keine Sicherheit, wie und wohin. 1611, mit 26 Jahren, gewinnt sie diese in einer Vision: "Nimm das Gleiche wie die Gesellschaft Jesu!"

Die Gesellschaft Jesu, die Gemeinschaft der Jesuiten, waren die Reformbewegung des Ignatius. Dieser hatte keine Kloester gegruendet, sondern Intiativen der Hoffnung und des Lebens beginnen wollen mit freien Maennern, "wo immer die Not am groessten ist". Nicht wo es eine sichere Pfruende fuer sie gibt.

Maria soll die Staerken der Frauen einbringen in diesen Prozess. Eine Aufgabe, die man ihr nicht so leicht abnimmt. "Die Staerken der Frauen - was soll das sein?" - bei den herrschenden Maennern eine sehr umstrittene Sache.
Maria Ward lebt ein Bild der Frau vor, das fuer "normale Menschen" erst Jahrhunderte spaeter denkbar wird: Frauen haben die selben Menschenrechte wie Maenner. Sie haben ihre Wuerde und sollen ihre Faehigkeiten entwickeln und zum Wohl der Gesellschaft einsetzen. Die Umwelt sieht das anders:

- Frauen sollen die Poltik nicht nur ausbaden, sondern mitbestimmen? Das glaubt die Mehrheit der Maenner in Europa erst etwa 300 Jahre spaeter.
- Frauen sollen studieren? Wird vielerorts erst 350 Jahre spaeter moeglich.
- Frauen am Steuer? Meine Freundin Poldi, eine der ersten Frauen mit Fueherschein in Wien, erzaehlt oefter, wie ihr in den 50-er Jahren maennliche Fahrer mit einem Kochloeffel herumfuchelnd gezeigt haben, wo sie scheinbar hingehoert.
- Frauen als Leiterinnen in der Kirche? ...

Doch zurueck zu Maria. Natuerlich wollen die jungen Frauen, die im katholischen Ausland in Sicherheit sind, ihre Familien und Freunde zuhause unterstützten. Maria selbst faehrt oefter nach England und arbeitet mit den Priestern im Untergrund zusammen. Sie wird steckbrieflich gesucht, mehrmals verhaftet, auch zum Tod verurteilt, kann aber immer wieder fliehen bzw. kommt frei.

Auf dem Festland widmen sich die Schwestern hauptsaechlich dem Unterricht und der Erziehung von Mädchen. Es werden mehrere Schulen gegruendet und Maria greift in alle moeglichen und unmoeglichen Verhaeltnisse ein.
Sie kümmert sich um Verwundete und Sterbende auf einem Schlachtfeld, sie sammelt herumstreunende und heimatlose Kinder, einmal schützt sie ein Mädchen vor der Zudringlichkeit brutaler Soldaten. Ihre Tätigkeit erregt bald Aufsehen.
Kurfürst Maximilian I. von Bayern beruft sie nach München und empfiehlt sie Kaiser Ferdinand II (von Oesterreich). Sie erhaelt viel Unterstuetzung fuer den Aufbau ihrer Organisationen.

Und sie erregt unglaublichen Widerstand, durch das Ueberschreiten der "natuerlichen Grenzen einer Frau". Besonders von kirchlicher Seite werden die Neuerungen dieser religioes, sozial und gesellschaftlich motivierten Frauen als gefaehrlich empfunden und bekaempft:
- die Bewegungsfreiheit ausserhalb eines Klosters
- die selbstaendige Arbeit in den Werken
- die Leitung des Instituts durch Maria Ward selbst - eine Frau!

Nachdem ihre Bitte, das Institut so anzuerkennen, wie es ihr die innere Stimme angegeben hat, nicht gehoert wird, macht sie sich auf den Weg nach Rom: 1500 km zu Fuss. Sie vertraut den Kraeften, die sie motivieren, und glaubt damit auch andere ueberzeugen zu koennen.
Sie erste Reise verlaeuft auch einigermassen positiv. Der Papst ist freundlich und anerkennend. Aber der Weg durch die Instanzen ist lang und der Widerstand gegen diese Bewegung selbstaendiger Frauen waechst rasch.

Bei ihrem zweiten Aufenthalt in Rom verteidigt die inzwischen 44-jaehrige die Gemeinschaft vor einer Versammlung von Kardinälen und legt den jetzt ausgereiften Plan vor. Dennoch hebt Papst Urban VIII. das Institut auf.
1631 - das Jahr in dem "der Spuk" zu Ende sein soll. Die leitenden Schwestern werden abgesetzt, zum Teil inhaftiert. Die Schulen muessen geschlossen oder uebergeben werden. Die Mitglieder der Gemeinschaft haengen jetzt in der Luft, ohne Rueckhalt und akzeptierten Lebensstand: "Ledig" gibt es nicht. Eine Frau gehorcht entweder dem Vater, einem Ehermann oder ist in einem "ordentlichen Koster". Trotzdem bleiben einige der Idee und Maria treu. Man arbeitet weiter so gut es geht.

Schliesslich soll "das Uebel mit der Wurzel ausgerissen werden": Maria wird als Ketzerin in München gefangen genommen. 10 Monate verbringt sie zum Teil im Kerker und in Hausarrest.

Eingesperrt und krank muss sie miterleben, wie ihre Arbeit weiter zusammenfaellt. Sie beeindruckt die Menschen, durch ihre Kraft zu lieben und ihre innere Gewissheit, dass ihr Weg der richtige ist.

Nach ihrer Freilassung geht Maria ein drittes Mal nach Rom und erbittet vom Papst die Befreiung von der Beschuldigung der Ketzerei und die Erlaubnis zum gemeinschaftlichen Leben mit ihren Mitarbeiterinnen. Teilweise wird es ihr gewaehrt, sie bleibt aber den Rest des Lebens in unterschiedlichen Formen ueberwacht.

1639, mit 54 Jahren und schwer krank, reist sie ein letztes Mal in ihre Heimat, wo immer noch Bürgerkrieg herrscht. Als sie am 30. Jaenner 1645 in Hewarth bei York stirbt, ermutigt sie die Gefaehrtinnen: "Ich weiss, dass es die Gemeinschaft geben wird und dass es sie in der Kirche geben wird... Ich empfehle euch, zu tun, wozu ihr euch berufen fuehlt. Tut es beständig, lebenskräftig und liebevoll."

baumblueten-rot

Das ist die Geschichte der Maria Ward, die heute Geburtstag hat.
Und sie geht unglaublich spannend weiter.

Schon bald beginnen einzelne Fuersten und Bischoefe, als einer der ersten der Bischof von Augsburg, die Arbeit der Schwestern zu rehablitieren. Sie finanzieren neue Gruendungen. Natuerlich kann das nicht das vom Papst verbotene Institut sein, nein, unter allen moeglichen Organisationsformen und Namen breitet sich die Idee und Spiritualitaet von Maria Ward weiter aus. "Die englischen Fraeulein", die "Mary Ward Schwestern", zu manchen Zeiten existieren Dutzende eigenstaendige Organisationen im Geist der Maria Ward, weltweit.

333 Jahre nach dem Tod der Gruenderin wird der "roemische Zweig" als "Institutum Beatae Mariae Virginis" von der Kirche anerkannt. Seit 1909 darf Maria Ward wieder als Stifterin des Instituts genannt werden. In den verschiedenen Zweigen bemueht man sich um organisatorischen Zusammenschluss und um die gemeinsame Spiritualitaet.

Der Impuls des Zweiten Vatikanums treibt viele Schwestern an, die Anerkennung der Ordensregeln in der Form zu erreichen, wie sie von der Gruenderin angestrebt wurden: "Nimm das Gleiche von der Gesellschaft Jesu."
Nach Zustimmung des obersten Jesuiten duerfen die Schwestern in den 70-er Jahren des vergangenen Jahrhunderts endlich einen Teil der Konstitutionen des Ignatius in ihre Lebensregel aufnehmen.

Die Arbeit geht weiter. In einem klug angelegten und ueber Jahre und Kontinente hinweg gefuehrten Entwicklungsprozess, setzen sich die Schwestern mit diesen Konstitutionen auseinander. Was ist der Impuls, den wir leben und verwirklichen sollen? Wie setzten wir das um, als Frauen in dieser Welt und dieser Kirche des dritten Jahrtausends?

Dieser Prozess erlebt 2002 einen wichtigen Hoehepunkt.
Zu diesem Zeitpunkt sind die ueber 5000 Schwestern in allen Kontinenten bereits soweit fusioniert, dass nur mehr drei Zweige unterschieden werden.
Bei ihrer Generalversammlung 2002 beschliessen die Mitglieder des groessten, sogenannten "roemischen" Zweiges mit Einstimmigkeit, dass sie es jetzt wieder versuchen werden, den Willen von Maria Ward umzusetzen: Mit der von ihr urspruenglich entwickelten Ordensregel und unter einem Namen, der auf Jesus hinweist.

Mit dem neuen Namen: "Congregatio Jesu" gelingt dies schliesslich im Jahr 2004.
Eine junge Gemeinschaft sozusagen, die mich hier gastfreundlich aufgenommen hat.
;-)

Quellen:
http://www.mariaward.de/
http://www.mwrs-ei.de/Mary.htm
http://www.dieterwunderlich.de/Ward.htm
und meine Erinnerungen aus der Einschulung bei Schwester Roswitha in Augsburg, aus den Begegnungen mit den Schwestern CJ und dem Experten fuer die Konstitutionen: Philipp Endean SJ

An meine kundigen LeserInnen: Was fehlt? Gehoert korrigiert oder hinterfragt?

22.1. Alltag und Sonntag

Gottseidank gab es jetzt ein paar ruhigere Tage um die offenen Dinge zu erledigen.
Heute, am Sonntag, moechte ich aber etwas anderes unternehmen und die Schwestern bei der Schule besuchen, wo ich einen Monat gewohnt habe.
lila-weisser-baum

Um 3/4 7 geht bei uns die Sonne auf, wir fahren zur Kirche "Nossa Senhora Aparecida", die Maria als Patronin von Brasilien geweiht ist.
Die "Nossa" ist hier allgegenwaertig, eine schwarze Maria, dargestellt mit Diamantkrone und blauem Umhang, auf dem Brasiliens Flagge aufgenaeht ist.

Ihre Geschichte ist kurz: Drei Fischer sollen Essen beschaffen fuer einen Gouverneur auf der Durchreise, die Netze bleiben aber leer. Statt dessen ziehen sie eine kleine Terracotta-Figur aus dem Wasser, spaeter den dazugehoerigen Kopf. Als beides zusammen gefuegt wird, fuellen sich auch ihre Netze. Aus Dank bauen sie der Aufgetauchten, der "Aparecida" auf portugiesisch, eine kleine Kapelle.

zitiere antje schrupp: http://www.antjeschrupp.de/aparecida.htm, 23.1.06
"Die kleine, nicht einmal vierzig Zentimeter hohe Madonnenfigur machte aus dem verschlafenen Nest einen der größten Wallfahrtsorte der Welt: Heute pilgern jedes Jahr etwa sieben Millionen Menschen zum brasilianischen Nationalheiligtum.", das unweit von Sao Paulo liegt.

In der Volksreligiositaet Brasiliens spielt Maria eine zentrale Rolle. Allerdings haben die Menschen ihr Vertrauen zu weiblichen Naturgottheiten und das Vertrauen zur Gottesmutter, der katholischen Maria, nicht sauber auseinandergehalten.
So sind (wie auch bei uns, nur hier noch deutlicher erkennbar) die verschiedenen Frauen-Leitbilder ineinandergewachsen. Das ergibt die brasilianischen Madonnen: neue, kraftvolle religoese Frauenbilder:
Die Maria der unbefleckten Empfängnis aehnelt Oxum, einer afrikanischen Fruchtbarkeitsgöttin. Nana, das Urbild der alten weisen Frau, ist Maria als Muttergottes.
Und "Nossa Senhora!", ein Ausruf, der unserem "Mein Gott!" entspricht, ist eine Maria ohne Kind, Herrscherin und Beschuetzerin, die gleichzeitig "eine der unseren" ist: Eine schwarze, die von Fischern gefunden wurde.
aparecida

Dieser Muttergottes ist also die noble Kirche in unserer Gegend geweiht.
Hier sehe ich zum ersten Mal eine "Volksbibel" des 20. Jahrhunderts: Die biblischen Geschichten sind an den Waenden gemalt und die Menschen tragen Jeans und Kleidung unserer Zeit. Sieht interessant aus.

Heute wirds heiss, bei der Anreise um halb 10 hat es schon 27 Grad.

In Tatuapé ists gemuetlich: Nur vier Schwestern sind da. Teresinha und Alberta erzaehlen von dem theologischen Hochschulkurs, der jetzt abgeschlossen ist. Drei Wochen taeglich von 7 Uhr frueh bis 18 Uhr abends und dazu ueber eine Stunde Anreise pro Weg. Beeindruckend diese Leistung der Damen mit 60 und 75 Jahren!
Wir essen und setzen uns an den Pool. Ich kreiere Eiskaffe, Caetana haenselt alle, Alberta politisiert profund, Teresinha badet alles aus - es gibt viel Gelaechter und gute Gespraeche.

Wieder zuhause legt endlich das ersehnte Gewitter los. Es scheppert unglaublich.
Nach dem Abendessen setze ich mich noch an den PC um Post und Blog durchzuschauen. Clotilde und ich fuehren ein schoenes Gespraech. Sie bringt mir ein Eis und moechte meiner Familie ganz liebe Gruesse ausrichten. "Abraços" - eine Umarmung schickt sie euch!

Und neckt mich: "Wir muessen noch herausfinden, wie wir dich an diesen Stuhl fesseln koennen (vor dem PC). Ich kann mir gar nicht vorstellen, dass du bald hier weg gehst."
Wir lachen, jetzt nicht ans Weggehen denken!
Aber mit schoenen Gedanken an euch schlafe ich ein.

Das wichtigste KURZ

Endlich Fotos! - ab 1.2.. Dieses Blog enthaelt Notizen und Fotos bis zum 23.2., der ersten Zeit in Piaui. Fortsetzung unter <2brasil.twoday.net>!!!!!!!! Seit 30.1. geniesse das Landleben im "Wilden Westen" von Brasilien - das ist der Nordosten, genauer gesagt Bundesstaat Piaui! Derzeit wohne ich in der Fundacao ASAS, einem privaten Bildungsprojekt fuer Kinder aus benachteiligten Familien. Roberto, der Gruender, ist Hoellaender und arbeitet hier als Seelsorger. Die Gemeinde Sao Miguel hat etwa 3000 EW, laendlicher Raum, schoene Natur, derzeit angenehm sommerliches Wetter. Ich arbeite im Buero, habe viel Kontakt mit Kindern und besuche Familien. Die ersten 2,5 Monate habe ich in Sao Paulo gelebt, in verschiedenen Haeusern der Schwestern der Congregatio Jesu: Zentrale, Schule, Peripherie. Besuchte Sozialprojekte, interviewte interessante Menschen, recherierte viel im Internet, lernte portugiesisch und half ehrenamtlich mit.

Info fuer AllesleserInnen

Das Tagebuch ist wieder aktuell. Falls dein PC manche Tage nicht anzeigt, gehe in der obersten Befehlszeile auf "brasil" und wenn die Auswahl sich zeigt auf "Tagebuch". Die Suchmaschine funktioniert auch, allerdings muss man halt wissen, was man finden will... Peter und Heidrun wissen normalerweise, wie es mir geht: peter.hirsch@atnet.at; HeidrunLange1984@aol.com

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