Tagebuch

Sonntag, 22. Januar 2006

20. - 21.1. Diverse Hausarbeiten

Bin wieder auf den Beinen und habe einfach keine Zeit gefunden, um mehr zu schreiben.
Mit Peters Hilfe ist die Praesentation fuer Indien auch auf englisch fertig geworden.
Ein dickes DANKE ueber den Teich!
Daneben tu ich ein bisschen kochen: Gefuellte Paprika zum Beispiel.
Und Waesche waschen und was man halt so macht.
Die Schwestern wissen jetzt, was "Streichelwaesche" ist. Ein Familienausdruck von Moni fuer den grossen Berg, der nicht gebuegelt wird.
;-)

Bild: Dulce und Virgina, die AuftraggeberInnen fuer die Praesentation
dulce-und-virginia
Da es hoellisch heiss geworden ist, halte ich ausfuehrlich Mittagsschlaf, besonders heute nach naechtlichem Mosquito-Konzert.
"Matei cinco!" "Habe fuenf umgebracht!" - jede Stunde eine!

Donnerstag, 19. Januar 2006

18. - 19.1. Ruhepause

Eine Erkaeltung steckt mich ins Bett. Vitamin C und Tee und viel schlafen.....
Auf bald....

Mittwoch, 18. Januar 2006

17.1. Hoehepunkte

Um halb 8 in der Frueh hat mich Dulce zur Fremdenpolizei begleitet. Die Anreise per Bus dauerte ueber 1,5 Stunden, bei fluessigem Verkehr. Ich unterschaetze immer noch, wie gross Sao Paulo ist.

Wir sind grad rechtzeitig gekommen, denn kurz nach uns kommt der grosse Ansturm und die Leute stehen schon mal eine Stunde, um ins Gebaeude zu kommen.
Wir werden fotografiert und erhalten ein Besucherpickerl mit Aufschrift "3. Stock."

Ab dem zweiten Stock steht bereits eine Menschenschlange. Wir fragen ein paar Leute, ob das die richtige Schlange ist fuer eine Aufenthalts-Verlaengerung. Interessanterweise erhalten wir Auskuenfte in der Art: "Ich weiss nicht, ich hab mich mal da angestellt."
Wieder bin ich erstaunt, wie viele Menschen unglaublich geduldig sind.

Dulce und ich gehoeren nicht dazu. Wir druecken uns an der Schlange vorbei und suchen Auskunft. Angekommen im dritten Stock sehen wir einen kleinen Platz, halbvoll mit Menschen auf Sesseln und halbvoll mit Menschen die vor den Schalternanstehen. Betagte und Babys, alles ist vertreten, fuer die Anzahl an Menschen auf diesem Raum ist die Atmosphaere erstaunlich entspannt. Die wieselige Dulce kapert einen wichtig aussehenden Herrn, der uns zum richtigen Platz lotst.
Bereits nach 40 Minuten bin ich an der Reihe.
"Ihre Aufenthaltserlaubnis dauert bis 8. Februar. Es ist noch reichlich frueh, sie jetzt zu verlaengern." meint der Beamte. Ich erklaere, dass ich bald nach Piaui fahre, und es lieber in Sao Paulo erledigen will. "Denn in Sao Paulo ist es wahrscheinlich besser organisiert."
Das ist ein Reizwort fuer den Geplagten. "Ach so? Nein, machen sie das in Piaui! Dort ist alles viel besser. Dort gibts nicht so ein Inferno wie hier!" Und er weist auf die Massen von Menschen, die bereits jetzt, eine Stunde nach der Oeffung des Hauses, da stehen.
Ich bleibe dabei: Ich wills jetzt machen und schaue so verstaendnisvoll wie ich kann. Mir scheint, dass ein Teil seiner Empoerung zu den offenbar international gueltigen Spielregeln gehoert: "Uns Beamten geht es schlecht." Es geht ein wenig hin und her zwischen uns. Ich kann ihn verstehen und er mich schliesslich auch. Grinsend lenkt er ein und erklaert, was ich noch beschaffen muss.

Vor dem Haus haben ein paar unternehmerische und gscheite Menschen Services eingerichtet, wo ich das notwendige Einreichformular bekomme und die fehlenden Kopien machen kann. Wieder einmal ist man ganz begeistert, dass ich aus Oesterreich bin und ich werde freundlichst bedient.
Dulce und ich goennen uns einen Kaffee, danach auf zum Loewen in den dritten Stock.
"Was, schon geschafft? Alles?" fragt er und nimmt Pass und Unterlagen an sich.
Eine Stunde spaeter habe ich meinen Pass mit Aufenthaltserlaubnis bis 8. Mai 2006.
Da Peter und ich aber erst am 12. Mai Brasilien verlassen, werde ich diese Runde noch einmal drehen muessen....

Trotzdem, grosse Erleichterung und Hoehepunkt 1 fuer den heutigen Tag.
Da es schon bald Mittagszeit ist, lohnt es sich nicht mehr, nach Hause zu fahren. Ich beschliesse in der Stadt zu bleiben, denn um 2 ist ja schon die Stunde mit Célia.

Die alte Kirche St. Antonius gibt erstmal Ruhe und Kraft, danach schlendere ich zwischen den Hochhaeusern herum. Es hat 33 Grad, eigentlich ein Wahnsinn bei der Hitze in die Stadt zu gehen. Im Haus waere es fein kuehl. Aber ein angenehmes Lueftchen erfrischt und bringt mich auf eine Idee: Heute ist schoenes Licht und klare Sicht!

Schon oefter wollte ich die Stadt von oben sehen, mein Reisefuehrer empfiehlt dafuer das ehrwuerdige "Edificio Italia", einen schon etwas betagten Wolkenkratzer mit Restaurant im 31. Stock.
Als ich Célia treffe, lade ich sie ein, die Stunde dort oben zu machen. Ich wuerde mir gern diesen Wunsch erfuellen. Sie ist heute zwar etwas wackelig auf den Beinen, zweng Bauchgrimmen, kommt aber tapfer mit. Und es lohnt sich, es ist unglaublich - wunderbar - herrlich schoen!
Hoehepunkt 2 heute: 160 m ueber der Stadt!
edific-italiano

Etwas weiter weg kreisen Geier unter uns. Am Dach eines nahe gelegenen Bankhauses landet ein Hubschrauber.
Die Sicht ist klar wie selten. Wir koennen in jeder Himmelsrichtung bis zu den umliegenden Bergen bzw. Huegeln sehen. Und ich habe die Kamera dabei - was fuer ein Glueck!
Blick ins Stadtzentrum mit Catedrale Sé
edificio-italia-2

Dienstag, 17. Januar 2006

16.1. Vamos ver

Was ich in Piaui machen werde?
Nix genaues weiss man nicht. Oder: "vamos ver" = des seaha mar denn...

Mit Margarida habe ich heute geplaudert. Sie lebt in Piaui seit vielen Jahren und hat mich eingeladen, sie bei ihrer Arbeit zu begleiten. Sie erzaehlte:

4 Nachmittage in der Woche organisiert sie Nachmittagsbetreuung fuer eine Kindergruppe: Alter zwischen 6 - 15. Nach der Schule und nach dem Mittagessen waeren die Kinder "auf der Strasse". Warum das so schlimm ist, weiss ich noch nicht. Wir hatten ja auch nichts anderes.

In der Gruppe gibts bis um 2 Uhr Freizeitbeschaeftigung nach Wunsch. Viele basteln, z.B. geflochtene Koerbchen aus Altpapier, die am Foto aussehen wie aus Holz. Oder spielen. Danach gibts Hilfe bei den Aufgaben. Die meisten koennen nicht lesen und schreiben!!! Obwohl sie die Schule besuchen.

An den Vormittagen hat Margarida folgendes Programm:
1 x Treffen mit den SeniorInnen
1 x Krankenbesuche
1 x Stunde mit den GruppenleiterInnen
den Rest habe ich vergessen, aber es umfasst 6 Tage in der Woche. Es schien mir ein Programm fuer eine 40-jaehrige zu sein, nicht fuer die kleine Dame mit 65.

Mittlerweile liegt das Haus auch nicht mehr so in der Wildnis. In der Anfangszeit sei einmal eine Schlange von der Decke auf den Tisch gefallen, berichtet Margarida.
Es kaeme heute aber nicht mehr vor, dass eine Tarantel ins Wohnzimmer spaziert, beruhigt sie mich. Da habe ich aber dankbar gelaechelt. *g*

In San Joao, wo sie wohnt, hat es seit 4 Jahren nicht mehr geregnet.
Es gibt Wasserloecher fuer die Tiere. Gaerten und Ackerbau gibt es nicht mehr. Wasser und Lebensmittel werden mit Lastwagen hergebracht. Die Familien leben mehr oder weniger von der Unterstuetzung des Staates: Familienhilfe, Sozialhilfe.

Die erste Woche werde ich mit Justina herumziehen und viele Besuche machen.
Justina leitet die Kinderbetreung der Dioezese und ist staednig auf Achse, weil sie die Gruppen besucht. Diese Freiwilligenorganisation mit Namen "Pastoral da criança" gibts im ganzen Land. Sie gilt als vorbildlich.
Mein Ausflug ins Schwimmbad und die Weihnachtsfeier fuer die Favela-Kinder bei Hilda und Dulce waren Aktionen von Frauen dieser Organisation.

Margarida ist erst ab 8.2. wieder in San Joao. Auf ihre Arbeit freue ich mich, sie hat mir gute Fotos gezeigt, sodass ich mir was vorstellen kann.
Aber was wirklich sei wird: Vamos ver!

Ihr koenntet Regen eruebrigen hoere ich?
Vielleicht bringe ich Regen mit, dann blueht auch dort alles!
baumblueten-orange-gross

Sonntag, 15. Januar 2006

14. - 15.1. Aufbruchstimmung keimt

Seit das Ticket nach Piaui gekauft ist, beginne ich die Tage hier zu zaehlen und mich auf den Umzug vorzubereiten:
Schwestern befragen, Aufenthaltsbewilligung organisieren, Impfpass nachschicken lassen und bei Bischof Erwin Kraeutler die Besuchsmoeglichkeiten abklaeren.
Bin gespannt auf die Ergebnisse.

Hauptsaechlich aber werkle ich noch mit Powerpoint. Die Praesentation ueber die Geschichte der Provinz ist heute fertig geworden und wir haben es auch geschafft, die Slides einzeln zu animieren, trotz portugiesischer Beschreibung *schulterklopf*.

Dulce und Virginia, die nach Indien auf die grosse Sozialkonferenz des Ordens fahren werden, sind heute mit ihren Texten soweit, dass wir am Abend mit der zweiten Praesentation beginnen konnten.

Vielleicht spinnt das Mistblog deshalb so oft, weil es bald voll ist. Sollte ich in Piaui ins Internet kommen, werde ich ein neues beginnen. Die letzten Bytes Speicherplatz fuelle ich euch in den kommenden Tagen mit den Bildern des bluehenden Brasil. Bilder vom Buero mit PC sind ja doch nicht so nett.....
baumblueten-rot-viele

13.1. Koenig Karneval

"Die geradezu fanatische Begeisterung, die der Karneval in Brasilien ausloest, ist mit europaeischen Massstaeben kaum zu begreifen. Ein ganzes Volk scheint einmal im Jahr alle gesellschaftlichen Normen, Institutionen und Rangordnungen hinter sich lassen zu wollen." so schreibt der Baedecker.

Ein Eckerln davon habe ich gestern gespuert, und es ist schwer, es zu beschreiben.
Einerseits scheint der Baedecker recht zu haben, ich fuehlte, dass ich hier Gast und Zuschauerin bin, nicht Teil dieses brodelnden Ganzen. Daher kann ich nur eine Sicht beschreiben, nicht ein Mit-Erleben.
Andererseits: Zum Fussball und zum Karneval hat hier jede und jeder eine Position. Da kann man sich nur in die Nesseln setzen.

Unumstritten scheint eins zu sein: "Zuerst kommt Weihnachten und damit die Ferienzeit, und dann wartet man auf den Karneval, und danach beginnt man wieder zu arbeiten", so sagte Rudi und das ist der Grundtenor hier. Der Karneval schlaegt Takt im Rhythmus des Jahres.

Die Vorbereitungen laufen jetzt auf Hochtouren. Jedes Wochenende gibt es Auffuehrungen von Sambaschulen, Baelle und andere Kostproben.

Ich war gestern eingeladen von Antonio und Célia bei der Wahl der Koenigin fuer den Karneval 2006 in Sao Paulo. Antonio ist Kostuemdesigner und Neffe von Célia und arbeitet seit Jahren mit, im "Theater des Karneval", wie er sagt.

Treffpunkt und Einlass ab 20:30. Célia und ich warten vor dem Neubau, eine Art Festspielhaus, bis 22:30 auf Antonio.
"The later the evening, the better the guests", troeste ich Célia, die als korrekte Tante leidet und schon lange aufgegeben haette.
Mir macht das Warten nichts aus: Die Nacht ist warm, geschmueckt mit Vollmond und Sternen, und die Menschen, die kommen sind sehenswert. Alles ist vertreten, schwarz und weiss, die Dame ueber 60 und die ausgeflippten Jungen. Das ist keine Angelegenheit fuer eine Nische der Bevoelkerung. Hier kommen alle und wie es ihnen passt: Im Abendkleid, in Jeans oder im Mini mit BH. Allerdings tragen die Damen zu 99% hohe Absaetze. Das letzte Prozent sind Célia und ich - etwas aufgerundet. ;-)

Wie alles Echte wird der Karneval heute vermarktet und verkauft, von den Medien aufgesaugt und am internationalen Markt in Haeppchen angeboten, die moeglichst "Wow!" sind. Das Bild, das bei uns entsteht, reduziert sich auf vibrierende Busen und Hintern zwischen Galmour und Federnpracht. Das hat mich bissher eher auf Distanz gehalten.

Hier erlebe ich es ganz anders:
Der "Carnaval" ist ein gemeinsames Kulturprojekt, eine pulsierende, sich entwickelnde Idee, die Menschen aus allen Schichten und Kulturen des bunten Brasilien zusammenfuehrt.

Die einen sind die Traeger des Fiebers. Sie arbeiten das ganze Jahr in einer Sambaschule oder Gruppe fuer die Auffuehrungen und Wettbewerbe im Fasching.
Die anderen lassen sich vom Fieber der Veranstaltungen mitreissen und besuchen sie, manchmal Non-Stopp eine nach der anderen.
Die dritten stoesst die Komerzialisierung und Sexualisierung des Karnevals ab, sie gehen nirgends hin und sind dennoch stolz auf ihren "Carnaval"!

Jede Gruppe greift das gemeinsame Thema Karneval auf und gestaltet es auf ihre Weise. Dabei zeigt sich besonders die Kraft der afrikanischen Kultur: Symbole und Rituale der Kolonialherrschaft hat sie quasi erobert, angepasst und integriert. Sie hat "den einst aristokratischen und buergerlichen Karneval in ein Fest des Volkes und der Massen verwandelt, das immer weniger iberisch und immer staerker afro-brasilianisch gepraegt ist." bestaetigt der Reiseservice von "brasilien.de".

Die Rahmenhandlung ist der Wettbewerb der besten Sambaschulen. Es gibt wir im Fussball mehrere Ligen, und wer in der ersten spielen darf ist hoch geehrt, hat eine entsprechende Anhaengerschaft, Geld und Prominente, die mitmachen.

Die Sambaschulen waehlen jedes Jahr ein Thema und schreiben dazu ein Stueck mit Musik. Passende Choreografie, Kleidung und Schmuck fuer die Wagen werden neu entwickelt.
Die Themen sind vielfaeltig und kommen aus der Geschichte (Entdeckung, Sklaverei, Zumbi dos Palmares, Pedro II), verherrlichen die tropische Natur oder ehren beruehmte Persoenlichkeiten, wie z.B. die brasilianischen Kuenstler.

Die Schule kommt oft mit tausenden Fans. Ein Auftritt dauert 1,5 bis 2 Stunden. Waehrend dieser Zeit desfiliert die Gruppe auf einem Wagen oder zu Fuss entlang der wichtigsten Strassen, fuer die upper-class-Schulen gibt es in den grossen Staedten eigens erbaute Tribuenen: die Sambodroms.
Eine Schule besteht aus den Taenzern in einheitlichen Kostuemen und herausgestellten Akteuren: Das Praesidium, die Solotaenzerin, die tanzend die Fahne der Gruppe traegt und ihr "Mestre-Sala". Weiters aus den Sambasaengern und der "Bateria de Samba", der Gruppe mit den herrlich lauten Rhythmusinstrumenten.

Die Entwicklung hin zur "Karnevalsindustrie", die offenbar seit den 80-Jahren bewusst wahrgenommen wird, stoesst viele ab. Die meisten Sambataenzerinnen, die fuer die Raihna da Carnaval angetreten sind, schienen mir Nachtclub-Taenzerinnen zu sein, die es gewohnt sind, sich im String-Tanga zu praesentieren. Antonio erzaehlt: "Vor 20 Jahren waren die Kostueme vielfaeltiger als heute. Danach mussten sie immer mehr Haut zeigen. Die Taenzerinnen treten heute praktisch nackt auf."

"Wenn du die Augen vor dem verschliesst, bietet der Karneval so viel Wertvolles!" meint Clotilde, die meine Versuche, am Karneval teil zu nehmen, mit Freude unterstuetzt hat, und mir ein positives Bild vermitteln will.

Informationen aus:
http://www.brasilien.de/reiseservice/karneval/riokarneval.asp
http://www.brasilienportal.ch/index.cfm?nav=12,3,16,38,299
Baedeker: Brasilien, 4. Auflage 2003

************

Liebe Moni,
Gratuliere zum Geburtstag!
So wie ich dich kenne, passt dieses Thema zu dir. Was fuer ein Zufall, dass es auf deinen Geburtstag trifft!
hibiskus-rot

Ein Frau, die mit 40 eine kuenstlerische Ausbildung beginnt und ihre Talente in der Krankenpflege, als Managerin und schliesslich auch als Clown neu kombiniert und fuer die Clinicclowns einsetzt - die weiss, wie wichtig es ist, den Alltag mit verrueckten Dingen zu durchbrechen.

Nid lugg lo, schwoeschterle!
odr eba doch?
;-)

uff alle faell an dicka mutz!!!!!

Freitag, 13. Januar 2006

10. - 12.1. Arbeitstage in Sao Paulo

Die drei Tage verbringe ich hauptsaechlich im Haus mit Arbeit am PC. Kleinere Sensationen sind die Berichte der Schwestern, die jetzt anreisen. Jaenner, Ferienzeit, da machen viele Exerzitien und einen Besuch in der Zentrale. Die Geschichten aus den Gruendungszeiten oder vom Leben im Amazonasgebiet sind spannend.
"Wie weit ist es von euch nach Manaus (das ist die Hauptstadt des Staates Amazonas)?" frage ich Virgina. "Je nachdem: Flussabwaerts 14 - 15 Stunden, flussaufwaerts 20 Stunden." Ich kann mir darunter nicht viel vorstellen und frage nach: "und Kilometer?" Mit leicht verstaendislosem Blick anwortet sie: "Habe ich mal gewusst, aber vergessen."
Tja, so sind die Landkarten verschieden!
Bild: Baumbluete in Suarão
baum-fransenbleute

Organisiert wird in diesen Tagen auch einiges: Wir kaufen mein Flugticket. Am 29.1. gehts nach Piaui, im armen Norden Brasiliens zu Schwester Justina.
Dann erkundige ich mich bei verschiedenen Leuten, wie gscheit es ist, Carnaval in Salvador allein zu besuchen. Einhellige Auskunft: Vergiss es.

Célia schafft es ueber ihren Neffen, dass ich statt dessen heute bei der Wahl der Carnavals-Prinzessin dabei sein werde. Bin ja gespannt!

Eine Portugiesisch-Stunde bei Célia habe ich mir noch gegoennt. Wir trafen uns in der bekannten Staedtischen Bibliothek, eine Sehenswuerdigkeit laut Baedecker.

Vor dem Eingang schreit eine offenbar geistig verwirrte und obdachlose Frau. Ihre schwarzen Kleider sind zerissen. Sie hat einige Plastiksackerl im Einkaufswagerl bei sich, das duerfte ihr ganzer Besitz sein. Sie tobt und weint. Célia und ich versuchen herauszufinden, ob wir nicht aertzliche Hilfe organisieren koennen. Die Leute von der Bibliothek verweisen uns auf den Polizeiposten um die Ecke. Dort winkt man ab, die Frau ist ihnen bekannt. Sie wird ab und zu im Spital aufgenommen, aber da sich niemand kuemmert, wieder auf die Strasse gesetzt.

Wie machtlos man sein kann! Als Mensch in der Krise und als Helfer ebenso. Nach unseren erfolglosen Versuchen, gehen auch wir an ihr vorbei in die Bibliothek an unsere Arbeit.

Nach der Stunde ist sie weg. Ich gehe ich zu Fuss etwa 15 Minuten zur U-Bahn entlang einer der Haupteinkaufsstrassen im Zentrum. Mittem am Gehsteig, hinter einem Kiosk, sitzen etwa 7 Jungs mit grossen Plastikflaschen, aus denen der Spiritus bis zu mir riecht. Die Strassenkinder sind nicht irgendwo in einer dunklen Seitenstrasse. Mitten im Leben verpatzen sie "das Orange", konfrontieren mich mit meiner Hilflosigkeit, Ueberforderung.
Sie hinterlassen eine Spur. Solange sie da sind, kann es keinen wirklichen Frieden geben.
Wahrscheinlich fuer niemanden.
Solange wir sie nicht vergessen, wird uns ein Stachel antreiben, die Situation zu verbessern. Sie nicht vergessen, das ist der Anfang! Helft mit!

9.1. Erster Blick in die Berge

Montag wird weniger Reiseverkehr sein, wurde uns gesagt. Daher wollen wir heute unser Touristenleben beenden und am Abend mit dem Bus zurueck nach Sao Paulo fahren.

Um halb 7 in der Frueh bin ich bereits am Strand. Zuerst ist es etwas unheimlich, allein auf den Strassen. Am Strand aber ist es herrlich zu gehen. Die Putztruppe ist unterwegs und ein paar Einzelgaenger, sonst aber herrscht Friede, denn die Lautsprecher der Bars werden erst spaeter plaerren.

Dieser Tag wird der heisseste waehrend unseres Aufenthalts am Litoral, schaetze locker ueber 35 Grad. Es schmerzt fast, wenn man in der Sonne geht. Auch vermissen wir das Lueftchen vom Meer, das sonst angenehm erfrischt. Wir kaufen unsere Fahrkarten gleich nach dem Fruehstueck, anschiessend fluechten wir vor der Hitze nach Hause.

Heidruns Spezialsalat mit Advocado und Mango schmeckt uns koestlich.
Kueche und Zimmer werden ausgeraeumt, wir leeren die Weissweinflasche mit Elisabeth, noch ein Abschiedschwumm im Meer und um halb 5 brechen wir auf, zur letzten Fahrt mit dem Trenzinho.

Im Rueckblick ist das Leben am Land einfacher, "normaler" als in der Stadt. Offenbar gibt es einen breiteren Mittelstand hier und weniger extreme Armut. Menschen, die auf der Strasse wohnen, haben wir nicht gesehen. Erst einige Kilometer entfernt von der Kueste beginnen die Uebergaenge von den Mittelschichthaeusern zu den (ehemaligen) Favelas.

Candinha hat die vordersten zwei Sitze "auf der Schattenseite" fuer uns ergattert.
Zwischen der Atlantikkueste und Sao Paulo liegt ein Gebirge, die Serra. Dass es hier auch Berge gibt, hatte ich bisher nicht ernst genommen und am Herweg muss ich es verschlafen haben. Jetzt aber sind sie nicht zu uebersehen. Praechtig bauen sie sich vor uns auf. Die Strasse windet sich hinauf ueber ausserordentliche weite Bruecken, oft hoch ueber einem Fluss oder einer Schlucht. Rechts und links nur Urwald. Das Abendlicht fliesst in die Seitentaeler. Fast atemlos bewundere ich die Lichtspiele, es soll bitte nicht so bald aufhoeren!

An der hoechsten Stelle passiert der Bus 1800 m, erklaert der Chauffeur. Von hier an verlaueft die Reise weniger spektakulaer, der Verkehr ist gottseidank fluessig.
Ich komme puenktlich um 8 zuhause an und erklaere Clotilde, unserer Leiterin: "Mission vollbracht."

Alle bewundern meine Braeune. Jetzt bin ich schon fast eine negrinha, heisst es.
*g*

8.1. Am Rio Negro

Eine Tuere oeffnet die naechste. So sagt man hier.
Und Candinha und ich werden von einer Empfehlung zur naechsten gefuehrt: Als wir gestern das "Bett des Anchieta", eine interessante Fels-Formation, besucht haben, hat uns die Waschmittelverkaeuferin diese Bootsfahrt empfohlen.

Das Boot mit Dieselmotor fasst etwa 30 Menschen und tuckert langsam aus dem Hafen, vorbei an vielen kleinen Fischerbooten. Den Anglern und Reihern am Ufer des Flusses wuensche ich Petri Heil. Ausser diesen vereinzelten Farbtupfern gibt es hier nur ruhiges Wasser und Gruen.
Rio-negro

Ich kann mich nicht satt sehen, denn der Fluss windet sich elegant. Seitenfluesse bringen klares Wasser in den dunklen Rio Negro. Ich geniesse den Frieden.

Nach etwa 45 Minuten legen wir an einem kleinen Badestrand an. Pause und Fruechtedrink.
Am Rueckweg bewundere ich eine Grossfamilie und den geduldigen und zaertlichen Umgang der aelteren Generationen mit den Kindern.

Nach zwei Stunden Bootsfahrt schwankt alles. Wie betrunken gehe ich mit Candinha zum Trenzinho und schiesse ein entsprechendes Strandfoto im Vorueberfahren.
Das also ist der Traumstrand, sagen wir nach ein oder zwei Cocktails:
Praia-do-sonho1

Zuhause brauche ich noch einmal zwei Stunden und einen ausgiebigen Mittagsschlaf, bis die Welt wieder gerade ist. Mit dem Entsafter produzieren Elisabeth und ich koestlichen Cerola-Saft: Die Frucht sieht aus wie rote Kirschen, schmeckt auch ein wenig nach Weichsel und waechst neben der Haustuere.

Das meiste unserer Einkaeufe habe ich bereits verkocht. Heute gibts noch Restlbuffet und wie immer schlemmen wir im Freien.

Fuer die Abendmesse fahren wir mit Trenzinho wieder Richtung Zentrum, zur gelobten neuen Kirche. Gefeiert wird im Untergeschoss, denn oben ist Kirchenbaustelle.
Die Atmosphaere erinnert mich ans Theater: Man kommt, begruesst sich und schwaetzt freundlich, die Insider kennen einander, man mustert sich und tauscht das Allerneueste aus...
Candinha ist unruhig. "Ich fuerchte, das wird noch aerger als bisher", meint sie.

Auf und neben der Buehne laufen die Vorbereitungen. Allein dabei zuzusehen ist schon interessant und waere eine Studie wert: Entscheidungen fallen praktisch nur im Gespraech, werden widerrufen, erneutes Zusammenkommen, noch jemanden hinzuziehen, ausprobieren, wieder besprechen....
Schliesslich kennt sich jede/r aus (oder auch nicht) und es kann improvisiert werden!
Einmal appelliert ein junger, missionarisch wirkender Mann aus der Musikergruppe an die Versammelten, doch bitte zu schweigen und eine Atmosphaere des Gebets aufkommen zu lassen. Er hat selber nicht geglaubt, dass ihm jemand zuhoert.

Vor uns erobert eine fuellige Dame mit ihrem aelteren Begleiter die Sitzplaetze und busselt die Umsitzenden ab. Dabei sieht sie einfach unglaublich aus, meio-bonito. Wie beschreibt man das? Wie nach einer missglueckten Hautstraffung: Augen- und Mundwinkel sind extrem nach unten gezogen, dazu das dicke Makeup, die auffaelligen Farben und der etwas ueberdrehte Habitus, das laesst sie fast clownesk wirken.
Ich muss gestehen, dass ich Candinha einen besonderen Blick zugeworfen habe: Schau dir das an! Eine Minute spaeter wankt ein dicker, kleiner Hund daher und wuselt sich zwischen den Stuehlen durch.
Die sowieso schon unglueckliche Candinha verzieht keine Miene. "Hier fehlt gar nichts." "Aqui não falta nada." meint sie bloss. Mich zerreissts vor lachen, was auch nicht grad fromm ist.

Die Messe beginnt mit ziemlicher Verspaetung und ist sehr folkloristisch: Mit Auftritt der Heiligen Drei Koenige, Tanz, begeistertem Klatschen und Singen der Mitfeiernden.
Eine Musikergruppe von etwa 20 Menschen gestaltet die Messe: Mit ihrem, fuer meine Ohren kreischenden Wechselgesang und beschwingter Musik im 3/4-Takt. Sie spielen Geige, Gitarre und Hammondorgel und afrikanische Percussion-Instrumente.
Die Messe wird ein lautes Fest.

Nach 1,5 Stunden endlich raus in die Nacht, ein wenig gehen. Jetzt ist es etwa halb 10 und inzwischen angenehm warm. Wir kommen zu einem Supermarkt und ich kaufe Brot fuers Fruehstueck ein. Der Laden hat taeglich 24 Stunden geoeffnet. Die Mitarbeiter wirken muede. An der Kasse dreht ein Kunde durch und beschimpft den Kassier, der offenbar nicht wechseln kann. Der junge Mann an der Kassa wirkt wie ein Student im Ferialpraktikum und bleibt stoisch ruhig. Echter Profi oder bereits durchgebrannt. Der Kunde schlachtet die Szene bis zur letzten Moeglichkeit aus. Noch im Weggehen klaefft er herueber, aber es gelingt ihm nicht, den anderen zu provozieren.
Ich bewundere den Kassier, wie es ihm gelingt, diese Aggression abperlen zu lassen. Oder macht es ihm doch zu schaffen?

Er wirkt ein wenig ferngesteuert und agiert wie in Zeitlupe. Ich versuche ihn aufzubauen und quatsche ein bisschen mit ihm. "Gut gemacht, wie du jetzt ruhig geblieben bist!" Er laechelt und schaut mich an. Das freut mich.
Zur Beschleunigung traegt es leider nicht bei.

7.1. Strandgebummel

6:30 in der Frueh, Vogelmusik, Blueten vor dem Fenster, blauer Himmel und Reste vom Morgenrot. Da kann ich nicht im Bett bleiben.
Der Tag ist neu, im Haus und im Freien ist es ruhig. Ich lege mich in die Haengematte auf der Verande und traeume im Freien ein bisschen weiter. Schmetterlinge, Kolibiris und Schwalben, die ueber unserer Eingangstuer nisten und offenbar einige Junge zu fuettern haben, unterhalten mich.

Der Tag wird gemuetlich.
Am Vormittag besuchen wir die empfohlene Grotta und den Platz an der Kueste, wo José de Anchieta in der Gruenderzeit gelebt hat. Das Andenken an diesen Jesuiten ist hier allgegenwaertig. Werde mich noch auf die Suche machen, warum.

Bild: Felsenkueste - "Weg des Anchieta"
Kueste-Jose-Anchieta

Nachmittags huepfe ich ins Meer - inzwischen habe ich die richtige Distanz herausgefunden: Die Wellen brechen weiter draussen und weiter drinnen. Dazwischen ist das Wasser ruhiger und ich kann sogar schwimmen, bin aber auf der Hut. Wenn sich so ein Wellenmonster vor dir aufbaut, ist es besser hinein als weg zu schimmen, habe ich herausgefunden. Es ist ein Spiel mit dem richtigen Zeitpunkt. Tja, wie eben alles.

Elisabeth ist die Nachbarin, 35 Jahre und huebsch. Sie ist ledig, lebt mit ihrem Bruder und ist die Hausbesorgerin fuer das Ferienhaus. Sie weiss hier alles und beantwortet meine Fragen gerne: Ja wir haben ein Kolibrinest! Sie zeigt es mir. Es ist grad so gross, dass du einen Daumennagel hineinlegen koenntest, und so unauffaellig, dass ich es nicht fotografiere.
Das Nest vom Joao de Barro (?) ist weit spektakulaerer:
ninho-

Elisabeth berichtet, dass der Eingang zuerst auf der Sonnenseite lag, nach einem wilden Gewitter hat der Vogel aber umgebaut, und der Eingang liegt jetzt entgegengesetzt, Richtung Sonnenuntergang.

"Nein, ich verlasse das Haus nicht oft. Ich besuche nur meine Familie." erzaehlt Elisabeth. Hoechstens macht sie einen Ausflug mit der Pfarre. Klingt vielleicht eng. Aber schliesslich wohnt sie bereits im Paradies.

Das wichtigste KURZ

Endlich Fotos! - ab 1.2.. Dieses Blog enthaelt Notizen und Fotos bis zum 23.2., der ersten Zeit in Piaui. Fortsetzung unter <2brasil.twoday.net>!!!!!!!! Seit 30.1. geniesse das Landleben im "Wilden Westen" von Brasilien - das ist der Nordosten, genauer gesagt Bundesstaat Piaui! Derzeit wohne ich in der Fundacao ASAS, einem privaten Bildungsprojekt fuer Kinder aus benachteiligten Familien. Roberto, der Gruender, ist Hoellaender und arbeitet hier als Seelsorger. Die Gemeinde Sao Miguel hat etwa 3000 EW, laendlicher Raum, schoene Natur, derzeit angenehm sommerliches Wetter. Ich arbeite im Buero, habe viel Kontakt mit Kindern und besuche Familien. Die ersten 2,5 Monate habe ich in Sao Paulo gelebt, in verschiedenen Haeusern der Schwestern der Congregatio Jesu: Zentrale, Schule, Peripherie. Besuchte Sozialprojekte, interviewte interessante Menschen, recherierte viel im Internet, lernte portugiesisch und half ehrenamtlich mit.

Info fuer AllesleserInnen

Das Tagebuch ist wieder aktuell. Falls dein PC manche Tage nicht anzeigt, gehe in der obersten Befehlszeile auf "brasil" und wenn die Auswahl sich zeigt auf "Tagebuch". Die Suchmaschine funktioniert auch, allerdings muss man halt wissen, was man finden will... Peter und Heidrun wissen normalerweise, wie es mir geht: peter.hirsch@atnet.at; HeidrunLange1984@aol.com

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