Tagebuch

Mittwoch, 11. Januar 2006

6.1. Zeit-Reise

Wir stehen frueh auf, denn Zita reist zeitig ab. Da sie einen guten Weg zum Busbahnhof kennt, begleiten wir sie. Ein offenes, buntes Zueglein verbindet die Ortsteile von Itanhaem, Suarao ist einer davon, und wir reisen gemuetlich mit Frischluft an. Zita verabschiedet sich und gibt uns noch den Tipp, die Runde mit dem Zug fertig zu machen - bis zum "Praia do Sonho", was selbstbewusst "Strand der Traeume" heisst.

Wir kommen um etwa 8 Uhr im Zentrum von Itanhaem an: Einem gepflegten und neu renovierten Platz mit Kirche, dem kolonialen Amtshaus samt Ex-Gefaengis und Zeilen von kleinen faerbigen Haeusern. "Zum Kloster" steht da angeschrieben ueber einem steinigen Weg, der auf den gruen ueberwucherten Huegel fuehrt. Das verspricht einen guten Ausblick, also machen wir uns auf zum Convento da Nossa Senhora Conceção:
Itanhaem-Praca

So viele Blumen, so viele Voegel! Unter anderem ein knallroter mit dunklem Koepfchen, den ich zunaechst fuer eine Bluete halte. Noch ist die Sonne angenehm. Als wir oben ankommen, ist die Tuer zur Kirche und zum Konvent gerade geschlossen worden. Dahinter hoere ich die Frau kehren, die eben noch rausgeschaut hat.

In einer halben Stunde wird offiziell geoeffnet, wir beschliessen zu warten. Nach fuenf Minuten oeffnet sich die Tuere nochmal, zum Kehraus. Candinha gruesst freundlich: "Um anjo aparece! Bom dia, anjo!" "Ein Engel erscheint. Gruesse dich, Engel!"
Wir lachen. Natuerlich gelingt es Candinha, dass wir in die Kirche koennen. Mit diesem Besuch hat sich die Reise ans Meer schon gelohnt:
Die Atmosphaere ist still und vertraeumt. Wir singen erstmal ein paar Marienlieder, die Akustik des Raums schmeichelt gottseidank.
Altar und Skulpturen sind aus Holz, die Farbe ist vielerorts abgeblaettert und die Korrekturen, die in den vergangenen Jahrhunderte gemacht wurden, zeigen sich. Die wenigen Skulpturen wirken ehrwuerdig, alt, zerbrechlich, zeitlos, besonders eine kleine Pieta und die volkstuemliche Madonna.

Das kleine Museum neben der Kirche klaert uns schliesslich mit liebevoll handgeschriebenen Informationen ueber unsere Entdeckung auf.
Ich ergaenze fuer euch mit Infos aus dem Internet:

Als die Spanier und Portugiesen bei ihrem Wettlauf nach Indien den amerikanischen Kontinent Ende des 15. Jahrhunderts entdeckten, teilten sie per Vertrag Suedamerika unter sich auf. Waehrend die Spanier weiter in Richtung Osten eilten, fuhr Amerigo Vespucci 1501 und 02 der Kueste entlang und bewies, dass es sich nicht um eine Insel handelt. Der entdeckte Kontinent traegt heute seinen Namen.

An der Kueste lebten zu dieser Zeit verschiedene Indianerstaemme, die heute als Tupis und Guarani zusammengefasst werden. Es gibt fruehe Berichte von ihrer naturverbundenen Lebensweise und wenige Ausgrabungen.
In der Gegend von Itanhaem hatten die Kolonialherren es leicht: Hier lebten friedliche Kuestenbewohner, die den Urwald mieden. Anders als weiter oben, im Norden, waren sie Jaeger und Sammler, die Menschenfleisch nicht schaetzten. Dagegen brauten sie "Bier" aus Maniok, das sie in grossen Tongefaessen lagerten und bei Festen reichlich genossen. Ein Verstorbener wurde in seinem "Bier"-Gefaess bestattet.

Die ersten Begegnungen zwischen den Weissen und den indigenen Staemmen verliefen friedlich. Um 1530 geriet der Koenig von Portugal unter Druck, als Franzosen und Hollaender ebenfalls Territorium in Suedamerika besetzten. Um die Besiedlung voran zu treiben und das Land in Besitz zu nehmen, teilte Joao III es schliesslich unter maechtigen Adeligen auf. 1532 (laut anderem Bericht 1534) entstanden die 12 Capitanias, riesige "Fuerstentuemer", die die Grundrisse der heutigen Bundesstaaten Brasiliens bilden.

Die belehnten Fuersten kannten das Geschaeft der Kononialisierung. Sie waren befugt: Einwohner zu Skaven zu machen und zu verkaufen, Recht zu sprechen ueber Leben und Tod, Doerfer und Staedte zu gruenden, Steuern einzuheben. Ohne ihre Zustimmung durfte sich niemand im Machtbereich niederlassen. In dieser Zeit aenderten sich die Verhaeltnisse zwischen den Einwohnern und den Besetzern grundlegend.

Die Capitanes betrachteten Land und Bewohner als ihr Eigentum. Es wurde nicht mehr gehandelt und getauscht - es wurde genommen, geraubt, zur Arbeit gezwungen, grausam gefoltert und gemordet. Weniger als 200.000 Nachfahren der geschaetzten 4,5 Millionen Menschen, die um 1500 in Brasilien lebten, gibt es heute. Manche leben mit ihrer urspruenglichen Lebensweise in Reservaten im Urwald, hauptsaechlich im Amazonas-Gebiet, andere zum Teil in elenden Verhaeltnissen in den Slums sowie als unbekannte Sklaven auf Farmen von Grossgrundbesitzern.
(Lula hat eine eigene Abteilung der Bundespolizei gegruendet, die diese abhaengigen Landarbeiter aufspuert und befreit. Aus Mangel an anderen Moeglichkeiten zu ueberleben, bleibt den Befreiten aber manchmal keine Wahl und sie kehren zu ihren Zwangsherren zurueck.)

1532, schon im Jahr seiner Uebernahme, hat Martim Afonso de Sousa die Gegend von Itanhaem mit einer Gruendung befestigt. Er brachte zwei Franziskaner mit, die seit 1532 als Eremiten auf dem Huegel lebten. Die Stadt wurde am 22.4.1535 gegruendet. Die Kirche ist des Konvents ist ein Jahr aelter.
Bild: Koloniales Amtshaus / Gefaengis in Itanhaem
itanhaem-casa-de-memoria-

Bild: Kirche in Itanhaem
itanhaem-kirche

Candinha und ich halten uns lange in den verfallenden Mauern des ehemaligen Konvents und im Garten auf. Im Haus entdecken wir alte Gaestebuecher. Ich schlage den Band von 1965 auf und lese gleich zu Beginn:

16.2.1965 - Jean Paul Sartre - de Paris.
Wow!
In meinem Geburtsjahr findet sich im Fruehjahr der Eintrag: "Leopold und Ileana Hirsch de Belo Horizonte", eine Gegend, die von deutschsprachigen besiedelt wurde. Und Leopold klingt doch sehr vertraut fuer uns...

Gluecklich steigen wir wieder ab, goennen uns einen Fruechtedrink am Kirchplatz und plaudern mit dem Wirten. Erfreut zeigt er uns alte Fotografien und holt mir vom "Amtshaus" einen Folder mit Uebernachtungsmoeglichkeiten - obwohl in diesem Folder sein Wirtshaus nicht erwaehnt wird!
"Der neue Buergermeister, der seit 2004 im Amt ist, hat in einem Jahr hier mehr veraendert, als in den vierzig Jahren davor alle anderen." erzaehlt er. Wir sollen unbedingt die Grutta besuchen, die vor wenigen Tagen eingeweiht wurde!
Ja, hier ist Tourismus im Aufbluehen und das ergibt einen eigenen Charme: Noch mit der "selbstverstaendlichen" Gastfreundschaft und ohne das geschaeftstuechtige Marketing einer durchgestylten Region.
Aber bereits mit einigem Komfort, wie z.B. sauberen Toiletten, sauberem Strand und dem netten Trenzinho (Zueglein).
trenzinho

Mit diesem bummeln wir gemuetlich heimwaerts. Lieber Himmel, wo aussteigen. Trenzinho faehrt die 26 Kilometer der Kueste Itanhaems ab und hier sieht alles gleich aus: Einfamilienhaeuser (von Wochenendbesuchern) mit Palmen und bluehenden Bauemen an geraden Strassen ohne besondere Orientierungspunkte.

"Sabe Rosa, sempre lembre um ponto referencial!", hat Candinha mir immer gesagt: "Rosa, eins musst wissen: Wo immer du bist, merke dir einen Orientierungspunkt!" Und jetzt hat sie sich selber keinen gemerkt. Ich entdecke schliesslich das Telefonhaeuschen, bei dem wir heute Frueh mit Zita eingestiegen sind, und ziehe den Strick mit der Glocke. Trenzinho haelt, wir steigen aus, Candinha scheint ungluecklich. Aber ich freue mich: "Aber sicher sind wir richtig, schau Candinha, da ist sogar der Pantoffel von heute frueh!" Jetzt gibts ein Gelaechter! Na, mit einer "Sandale referencial" kann uns nichts mehr passieren!
Der Pantoffel ist uns treu geblieben bis zur Abreise.

Jetzt habe ich aber noch etwas vergessen. Wir haben auch den Markt in Itanhaem entdeckt und ich habe eingekauft: Mango, Guiába, Limonen, Mamão, Orangen, Bananen. Letztere wollte mir der Verkaeufer schenken, denn ich nahm nur ein kleines Haeufchen und da dachte er offenbar, ich kann nicht mehr bezahlen. Er weigerte sich Geld anzunehmen, und hat statt dessen noch ein paar Bananen dazugelegt.
Weiters: Tomaten, Gurken, Paprika, Zwiebel, Kartoffeln, zweierlei Salat, gruene Bohnen fuer die Bohnenzuspeis, eingesalzenes Schnitzelfleisch, Petersil und Pfefferminz und der Fischer filetiert vor meinen Augen.
Gottseidank laesst Candinha mich schalten und kochen. Herrlich!

Nach dem Abendessen: Spanischer Fischtopf mit Weisswein, lassen wir das Geschirr stehen und machen die Runde mit dem Trenzinho in der Nacht - diesmal bis zum Strand der Traeume.

Dienstag, 10. Januar 2006

5.1. Pack die Badehose ein!

Donnerstag um 7 Uhr frueh holt mich Candinha ab. Sie ist die Schwester, die andere gerne begleitet, sich gut auskennt und die Rosinha zu mir sagt. Diesmal aber uebernehme ich bald die Fuehrung, denn entweder ist sie heute nervoes oder sie war schon lange nicht mehr am Busbahnhof in Jabaquara. Ist diese kleine Huerde aber erst einmal gemeistert und sitzt man im richtigen Wagen, gehts bequem durch die Landschaft. Per Bus, das ist die typische Art zu reisen, die Bahn hat fast nur Gueterzuege in Brasiien.

Um 9:30 gehts los, nach einer Stunde Fahrt gibts etwa 15 Minuten Pause und ich erkaempfe erfolgreich ein koestliches Kaesegebaeck fuer uns 2. Wir kommen zur Mittagszeit an. Ich schleppe meinen dicken Rucksack durch die aergste Hitze, trab trab, trab, immer Candinha nach, und die fragt mal hier und mal da, wie denn diese Strasse heisst. Ich werde langsam unruhig. Nach 10 Minuten hats sie es geschafft und ich glaube ihr, dass sie den Weg nicht mehr weiss, aber nein, reingefallen.
Wir sind schon da! Sie redet einfach gern mit den Leuten.
surao

Das Ferienhaus der Schwestern ist gross genug fuer kleine Gruppen, hat etwa 10 Einzelzimmer, Dusche und WC am Gang. Der Garten ist ein Traum, die Jahreszeit optimal, denn jetzt bluehen die Baeume und ich weiss nicht, wo ich zuerst hinschauen soll.
PICT0033

Derzeit ist grad Zita da, eine Schwester aus der Gemeinschaft, die wir am 1.1. besucht haben. Sie hat schon gekocht und gleich einen Zeitplan fuer uns aufgestellt: Essen, in die Stadt und einkaufen, an den Strand etc. Doch ich bin schon so angepasst, dass ohne einen gemuetlichen Cafezinho erst mal gar nichts laeuft. Die eilige Zita macht mich unruhig. "Keine Zeit verlieren!", meint sie. Zu spaet, denke ich, ist grad passiert.

Die sieben Minuten zum Strand mit den neuen Hawaisandalen sind Freiheit fuer die Zehen. Ich bin ja noch selten am Meer gewesen und geniesse den Horizont und das Schlagen der Wellen besonders.
Der Sand ist allerfeinst und hell. Langsam gehe ich ins Wasser und bereits bei Knietiefe haut mich die erste Welle fast um. Das Salz auf der Zunge lehrt mich Respekt. Schwimmen traue ich mich nicht, aber ich plantsche herum und erlebe einen heiteren Wettlauf mit dem Wasser. Immer wieder muss ich laut lachen, weils so witzig ist, wenn mich eine Welle die 5 Meter zuerueckwirft, die ich grad ins Wasser gewatet bin.
Die grossen Wellen hoeren nicht auf. Nacheinander und miteinander donnern sie heran, als wollten sie einander ueberholen. Ich merke, wie ungewohnt mir das ist und rechne zurueck: Es ist mehr als 20 Jahre her, als ich das letzte Mal am Meer war.

Muede komme ich heim und nach der Dusche gehts bald in die Messe, auch das hat Zita schon geplant. Man soll ja mal ausprobieren, was die Insider so empfehlen.
Die Kirche ist unsaeglich geschmueckt: Ueber dem Hl. Josef haengt ein kleiner dicker Santa Claus, das ist nur ein Detail. Es gibt keine Vorsaenger und das eroeffnet die Moeglichkeit, dass vom Beginn des Liedes an um die Vorherrschaft gesungen und gerungen wird. Vielstimmig gehts zu Ende, denn die eifrigen Messbesuchern nutzen das breite Band der Moeglichkeiten weitestgehend aus.
Dass ich von der Predigt nichts verstehe ist normal, diesmal aber versteht auch Candinha nichts. Das laesst die ewig gut aufgelegte zum ersten mal ein klein wenig kritisch werden. "Que pena!" "So schade!" So eine schoene Kirche! Aber leider ist der Klang "meia boa". Direkt uebersetzt: mittelgut, im Klartext: mittelscheusslich. Ein Wort wie "schlecht" gibts eigentlich nur im Woerterbuch, ausser man kritisiert die eigenen Dinge: Politik, Wetter etc.

Am Abend komme ich endlich wieder mal dazu, eine Passience zu legen. Das versetzt mich endgueltig in Ferienstimmung. Frei werden, wie schoen!

Mittwoch, 4. Januar 2006

2. bis 4.1. Aufarbeiten, "Meer in Sicht"

Wer oefter rein schaut, merkt, dass ich den letzten Tagen viel am PC gearbeitet habe.
Einerseits am Tagebuch, das jetzt "mais ou menor" vollstaendig ist. Andererseits haben Clotilde und ich schon ihre Texte zur Geschichte der Kongregation in Brasilien im PC erfasst und mit dem Scanner zu experimentieren begonnen. Es gibt viele alte Fotos einzufuegen.

Dann habe ich stundenlang im Netz recherchiert: Ueber AIDS und die Palliativ-Szene in Brasilien, ueber gesellschaftliche und soziale Fragen etc.

Das Gefundene muss natuerlich uebersetzt werden, so z.B. der Bericht der angesehenen Zeitung "Folhas de Sao Paulo" ueber Oestereich und den Beginn der EU-Praesidentschaft, sowie den Projektentwurf von Manoel ueber das Haus fuer Frauen und Kinder, die HIV-Traegerinnen sind. Diesen werden wir morgen frueh besprechen.

Weiters habe ich wegen der Unsicherheit dieses Mistblogs einen Bericht dreimal geschrieben....

Ich baue also meine PC-Faehigkeiten aus und habe entgegen der Auskunft des Technikers heute festgestellt, dass wir doch einen CD-Schreiber samt Nero-Programm haben.

Am liebsten moechte ich jetzt nicht aufhoeren, bis alles fertig ist...
Aber Clotilde hat mir eine Pause organisiert und "versetzt" mich fuer ein paar Tage in das "Haus der Erholung" an den Strand. Am Donnerstag fahre ich mit Candida die etwa 100 km an die Kueste und wir werden uebers Wochenende dort bleiben. Mit Haengematte und Buechern und Peters Musik-CDs!
Ohne PC und Internet, dafuer mit sinnlichen Freuden durchs Einkaufen und selber Kochen.
Irgendwie muss ich das Defizit ja ausgleichen!

Neues im Blog gibts von meiner Seite daher erst wieder nach dem 8. oder 9. Januar. Aber vielleicht tut sich von eurer Seite her mal wieder etwas?
Ahoi! Schiheil! oder wie immer,
Machs gut inzwischen!

Montag, 2. Januar 2006

1.1. Felíz ano novo!

Das Neujahrskonzert wird heuer in 50 Laender uebertragen. In Brasilien kriegen sie es nicht, nicht einmal mit Kabel in der Schule. Das haben die Schwestern fuer mich schon auskundschaftet. Ich nuetze den Vormittag daher am PC.

Das Mittagessen ist heute sehr schlicht, denn Letitia, die Koch-Zaubererin, hat sich frei genommen. Die frisch importierte original Alt-Wiener-Schrammelmusik im Hintergrund stimuliert Heurigengefuehle bei mir, da passt das Hendl samt italienischem Salat dann doch wieder!

Am Nachmittag besuchen wir das Landgut und endlich auch Sr. Raimunda, die letzte der deutschen Schwestern, die die Kongregation vor etwa 70 Jahren in Brasilien aufgebaut haben.

Raimunda ist 94 und sieht aus wie 70. "Nein, ich will nicht zurueck. Ich bin ja mehr Brasilianerin wie die da!" sagt sie lachend und zeigt auf ihre Mitbewohnerinnen. Die geben zu: Als Raimunda 1938 nach Brasilien gekommen ist, waren sie noch nicht geboren.

Raimunda stammt aus Passau und hat keine hoeheren Schulen besucht. Sie hat immer in der Kueche und im Garten gearbeitet. Deutschland hat sie verlassen, als Hitler die Schulen der Schwestern gesperrt hat. Jedes Jahr sind mehr Schwestern gekommen, zuletzt waren sie etwa 50, erzaehlt sie. Keine konnte die Sprache, aber arbeiten war man gewoehnt.
Nur in den ersten Wochen wohnten sie bei anderen Ordensleuten.
In den ersten 10 Jahren im fremden Land gruendeten die Frauen etwa 10 Gemeinschaften und mehrere Schulen nach den Grundsaetzen von Mary Ward. "Es war kein Kinderspiel." Hunger und Abhaengigkeit von der Hilfe anderer war normal. Die Schwestern in Deutschland hatten selber nichts zu essen. "Die haben schon geholfen, aber konnten nicht viel schicken."
Nach dem Krieg wurde hier, etwa 20 Kilometer ausserhalb von Sao Paulo, ein Kindergarten und eine Grundschule aufgebaut. "Es gab damals keine einzige Schule hier." Die Menschen waren genauso arm, wie die Schwestern. "Die Kinder haben im Winter so gefroren, dass sie gar nicht lernen konnten." So hat man eben auch Kleider und Lebensmittel erbettelt.
Raimunda ist mit ihrem Lebenswerk zufrieden. "Heute ist alles viel besser. Die Leute haben etwas aus sich gemacht. Sie haben gelernt, dass man nicht nur dasitzen kann und zuschauen, wie andere arbeiten." Und Raimunda freut sich sehr, dass sie immer wieder von Ehemaligen angesprochen wird - an deren Namen sie sich nicht mehr erinnert.

Die Gartenarbeit hat Raimunda erst in Brasilien und aus Buechern gelernt. Mit viel Erfahrung hat sie ihr Wissen perfektioniert, sodass SchuelerInnen und Schwestern schliesslich weitgehend von den eigenen Produkten leben konnten. Heute geht sie nicht mehr in den Garten. "Ich gehe immer aussen herum.", meint sie, denn sie will sich und andere nicht veraergern. Zuviel passt ihr nicht an dem, wie die Angestellten heute arbeiten.

Die Strasse ist zwar nach Mary Ward benannt, leider aber waren die Schwestern nicht ebenso erfolgreich beim Bemuehen, dass sie auch asphaltiert wird.

Vor fuenf Jahren wurde das Haus aus- und umgebaut. Das neue Bildungs- und Exerzitienhaus ist innen und aussen von Kuenstlern gestaltet worden: Klare Linien, Luft und Licht und viel Natur auch im Haus schaffen ein asketisches und doch warmes Ambiente. Hier gehe ich zwischen Palmen, bluehenden Straeuchern, Orchideen und Farnen, Kakteen und Lilien. Einzelne kunstvolle Gegenstaende wie auch ausdrucksstarke Bilder des Jesuiten Fernandes schaffen Brennpunkte.
sitio

Die Zimmer sind schoen und schlicht, je zwei haben Zugang zum selben Bad / WC, das elegant und grosszuegig wirkt.
Liebe KollegInnen aus Lainz, das waere doch eine gute Adresse fuer einen Betriebsausflug!

Ein frohes, erfuelltes Neues Jahr!
Let the sun shine in!

31.12. San Silvestre

Heute bin ich richtig aufgelegt fuer ausgiebige Hirngymnastik. Den ganzen Vormittag lerne ich portugiesisch: Der Projektbericht von Rudi und Stela, der auch inhaltlich interessant und erstklassig gemacht ist, wird uebersetzt, Verbformen geuebt und Vokabeln wiederholt. Die Motivation dazu ist die Beobachtung, dass mein Sprachvermoegen zurueckgegangen ist, seit ich nicht mehr regelmaessig Unterricht habe und daher auch nicht mehr lerne.

Nach dem Essen muss ich den Kopf auslueften und beschliesse einen Ausflug in die Stadt. Im Bezirk Luz gibt es zwei interessante Museen, nahe an der U-Bahn, aber leider ist ueber die Feiertage alles geschlossen, wie besucherfreundlich!
Doch heute ist ein wunderbarer und sonniger Tag und ich schlendere durch den grossen Park mit Skulpturen und Installationen. Danach mag ich weiter gehen, verzichte auf die U-Bahn und spaziere ins Stadtzentrum. Nach etwa einer Stunde treffe ich auf Strassenabsperrungen und Menschen, die am Strassenrand warten. Der Polizist erklaert: "Heute gibts San Silvestre, den Volkslauf." Und schon ein paar Minuten spaeter tigern die ersten Athletinnen an uns vorbei. Ihre Bewegungen und ihre trainierten Koerper sind wunderschoen.
Das Feld kommt mit deutlichem Abstand und ist auch eine Augenfreude. Die Sonne brennt und wir haben weit ueber 30 Grad. Entsprechend leicht sind die Laeuferinnen bekleidet, aber es gibt auch Ausnahmen: Ein aufwendiger und grosser Papageienhut faellt mir auf, ein Clownskostuem, Pippi Langstrumpf etc.Ich bin ja lauf-abstinent, weil mir das zu anstrengend ist, und daher erstaunt, dass auch Damen ueber 60 mitlaufen.
Spaeter lese ich, dass eine Laeuferin aus Kenja gewonnen hat, die beste Brasilianerin war am vierten Platz. Die Maenner werden um 17 Uhr starten und sie kommen bald in den fuer heisse Tage typischen "Tropenregen".

Durch die Absperrungen sind viele Strassen zu Sackgassen geworden und das Zentrum ist praktisch verkehrsfrei. Ich geniesse die Freiheit und einen frischen Fruechtedrink und gehe so lange weiter, bis ich muede werde. Dann huepfe ich in die U-Bahn und fahre nach Tatuapé. Zwei Packerl sind naemlich in der Schule angekommen, da zerreisst mich doch die Neugier!

Im Colégo werde ich zum Abendessen eingeladen und unterhalte mich etwa eine Stunde mit einem neuen Besuch: Schwester Alberta. Sie ist Mitte 70, schaetze ich, und macht im Jaenner einen theologischen Hochschulkurs in Sao Paulo.
Wenn sie gerade nicht studiert, arbeitet sie am Land und macht pastorale Arbeit. Hinter diesem Begriff kann sich alles verbergen, habe ich schon gelernt. Was sie konkret macht? Zum Beispiel arbeitet sie seit zwei Jahren mit Maedchen, die schwanger werden.
Sie erzaehlt, wie sie die Kinder, die Kinder bekommen, begleitet: Wenn die Panik hochkommt oder wenn sie nach einem Abortus Hilfe brauchen. Sie versucht zu verhindern, dass ein Neugeborenes weggelegt wird, denn dann lebt es gerade so lange bis das naechste Raubtier kommt.
Und wenn sie grad keine akute Krise bewaeltigten hilft, organisiert sie Gruppen zu praktischen Fragen: Vom Windelnnaehen bis zur Hygiene. Dabei regt sie die Maedchen an, mit dem werdenden Kind zu sprechen. Sie will Boden bereiten fuer eine wohlwollende, einladende Beziehung.

Alberta engagiert sich seit Beginn der Bewegung fuer die Landlosen. Als die grossen Wasserkraftwerke im Sueden Brasiliens gebaut wurden, enteignete die damalige Militaerregierung von Brasilien rigoros. Manche erhielten Ersatzland, aber Tagereisen entfernt im Urwald, andere Arbeit in den Bergwerken unter unmenschlichen Bedingungen. Tausende Familien aber erhielten nichts. Sie waren einfache Menschen vom Land, oft Analfabeten, die sich nicht verteidigen konnten. Dieses Unrecht hat schliesslich dazu gefuehrt, dass sich engagierte Menschen aus allen Bevoelkerungsgruppen solidarisierten und die Bewegung der Landlosen entstand.
Wie schon beschrieben, ist diese inzwischen zu einer wichtigen politischen Kraft geworden. Trotzdem ist die Erfahrung von Alberta bitter: "Bei uns im Sueden zaehlt ein Menschleben weniger als ein Vieh." Sie berichtet, dass sie heute noch aufbricht, wenn ein von Landlosen besetzter Platz geraeumt werden soll, um vor Ort dabei zu sein. Das letzte Mal vor etwa zwei Monaten. Alberta hat schon viel Gewalt durch die Polizei gesehen und erlebt und ist ihren Grundsaetzen dabei treu geblieben.
Sie erzaehlt auch, wie schoen die Landschaft in Parana ist, Kulisse fuer viele Filme, und laedt mich zu den Schwestern ein. Ich kann das noch nicht annehmen. Vorlaeufig bin ich auf den Norden eingestellt und muss zuerst abklaeren, ob ein laengerer Aufenthalt in Piaui sinnvoll und moeglich ist. Falls nein, ist das natuerlich ein interessantes Angebot.

Am Rueckweg nach Hause ist es leicht, mit dem Kontrollor im Bus und mit Fahrgaesten zu plaudern, denn jetzt am Abend ist jeder in der Stadt in Feierstimmung und gruesst mit "Felíz ano novo!" Natuerlich bevorzuge ich in der Oeffentlichkeit weniger politische Themen. Die Art, wie man in Sao Paulo Silvester feiert, zum Beispiel: So wie bei uns, nur ohne Pummerin und Donauwalzer!
Ich ueberlege kurz, ob ich doch in die Stadt will, auf die Avenida Paulista, wo was los ist. Aber es zieht mich heim. Es ist nicht nur das ungute Gefuehl, allein in der Nacht unterwegs zu sein. Den Jahreswechsel verbringe ich lieber in Ruhe und lasse mir Zeit zum Zurueck- und Vorschauen.

Um halb Neun komme ich im Provinzhaus an. Die Schwestern sind in der Abendmesse und ich habe Zeit, mich frisch zu machen. Um dreiviertel Neun - das ist Viertel vor Mitternacht in Oesterreich, kommt ein Anruf. Vielleicht ists jemand fuer mich, aber ich stecke in der Dusche!
Per SMS schicke ich Gruesse an alle und dann versuche ich, die Pummerin auf Kurzwelle zu empfangen. Leider, wiederum nur "toc toc toc", kein "bim bam bum".

Trotzdem wirds ein schoener Silvester: Mit Wildrosenoel von Irmi und dem Donauwalzer, den Peter geschickt hat, tanze ich ins Jahr 2006. Allein und nicht einsam, weil ich euch so ungestoert von aussen sehr gut innen spueren kann.

Wir werden in drei Stunden feiern. Meine Gastgeberinnen kommen bald und freuen sich ueber die Musik. Ich habe Champagner beschafft und nach dem spaeten Imbiss setzen wir uns zum Fernseher und sehen uns das Feuerwerk in Rio, Sao Paulo und Belo Horizonte an. Besonders schoen sind die Bilder vom Strand.

Der Laerm um Mitternacht ist unglaublich und konzentriert auf etwa 20 Minuten um die Jahreswende herum. Ich bin so muede, dass ich gleich nach dem Anstossen ins Bett falle. Da kann es jetzt Scheppern wie es will - ich kriege nichts mehr mit und beginne mein neues Jahr in Seligkeit.

Samstag, 31. Dezember 2005

30.12. Es gibt Arbeit

Tja, ich wollte hier ja irgendwo mitarbeiten. Das scheint nicht so einfach zu sein und ich frage immer wieder: Wo kann man mich denn brauchen?
Stufe eins war das Tellerwaschen, jetzt hat mir Clotilde ein neues Projekt offeriert:
1. Dulce ist Delegierte fuer Lateinamerika bei einer internationalen Zusammenkunft von Ordensleuten, die in der Sozialarbeit taetig sind. Das Treffen findet in Indien im Maerz statt und Dulce wird einen Bericht auf englisch machen, 15 Minuten, mit Powerpoint.
Sie braucht dazu einerseits sprachliche Unterstuetzung, andererseits auch eine Powerpoint-Praesentation. Tja, schade, dass ich den Kurs bei Stefan nicht gemacht habe. Jetzt werde ich mir das selber beibringen muessen, und auf portugiesisch auch noch.
Die Inhalte sind natuerlich spannend fuer mich.
2. arbeitet Clotilde gerade daran, die Geschichte der Congregation in Brasilien zusammenzuschreiben. Auch das soll eine Praesentation werden.
Heute Vormittag zeigt sie mir die bisher gesammelten Texte und Fotos. Kommende Woche werden wir beginnen.

Ein Treffen mit Odonel, dem Leiter von CEFRAN steht am Nachmittag am Programm.
Der gute Mann hat Ferien und nimmt sich am Freitag um 3 Zeit, um mir von seiner Arbeit zu erzaehlen und Jamile, die er noch gar nicht kennt, bei ihrem neuen Projekt zu unterstuetzen. Ich bin gespannt, wie er so ist und fahre zum Restaurant Balloon in der Avenida Ipiranga.

Leider kommt Jamile nicht, ist am Handy auch nicht erreichbar und wir unterhalten uns also allein. Ich bin vorbereitet, habe den Folder von CEFRAN und meine Fragen uebersetzt.
Seine Informationen sind umfangreich.
Nach dem Psychologie-Studium hat er mit der Arbeit in der AIDS-Hilfe begonnen und ist in eines der ersten Projekte eingestiegen. Heute ist er Leiter des Zentrums und zustaendig fuer die Programme, die Personalfuehrung und Teamentwicklung. Die Kontakte mit dem Gesundheitsministerium laufen ebenfalls ueber ihn, denn er gilt als Experte fuer die Arbeit mit HIV-Traegern.
Bild: Odonel mit Mitgliedern der Theatergruppe bei der Weihnachtsfeier
odonel

Er selbst leitet auch Gruppen und berichtet, wie schwer es war, Informationsmaterial fuer diese Zielgruppe zu bekommen. Es gibt zwar Filme und Broschueren ueber AIDS, das HIV-Virus sowie ueber die Konsequenzen fuer die Menschen mit dieser Diagnose: Untersuchungen, Behandlungen, Konsequenzen im Zusamenleben. Diese Informationen sind fuer eine einigermassen gebildetete Mittelschicht geschrieben. Es wird zum Beispiel gezeigt, wie eine AIDS-kranke Tochter ihre Ausbildung mittels PC zuhause fertig macht und dann auch einen Job findet. BewohnerInnen der Favelas aber haben keinen PC daheim. Viele koennen kaum lesen und schreiben. Material, das ihre Realitaet ernst nimmt, existiert nicht. Jetzt hat Odonel Bilder aus Zeitungen ausgeschnitten und mit diesen Bildergeschichten macht er Aufklaerungsarbeit.
Nicht nur das, der Psychologe unterrichtet auch Betriebswirtschaft im Kleinen. Viele seiner Leute finden keine Anstellung, aber sie kreieren ihr eigenes Geschaeft. Wie berechnet man einen Preis? Wie haelt man das Geld fuer das Geschaeft und das persoenliche Geld auseinander? BWL mit Bildergeschichten, fein, das waere auch was fuer mich! Ich freue mich ueber seine Bereitschaft und Kreativitaet, Loesungen fuer den konkreten Bedarf zu finden, und sich damit staendig weiter zu entwickeln.

Mitarbeiterfuehrung in einem multiprofessionellen Team aus Aerztin, Kindergaertnerinnen, Lehrern, Sozialarbeiterinnen, Psychologen, Theologen und dem Kuechen- und Reinigungspersonal - Da hat doch jeder seine eigenen Fachbegriffe und seine Sprache. "Wie machst du das?", frage ich gespannt.
Er grinst. Mindestens die Haelfte seiner Energie braucht er fuer die Koordination der MitarbeiterInnen. (Das ist vielleicht ein zu feiner Begriff.)
Zwei Dinge scheinen sein Erfolgsrezept zu sein:
Erstens: Alle, auch die Leute im Reinigungsteam, haben Kontakt zum Klientel und jede/r versteht etwas von der Arbeit. Es gibt eine Sitzung im Monat und eine Klausur von 2 - 3 Tagen pro Semester mit allen. Das Mitdenken und Mitmischen wird dadurch moeglich. So ist zB die Initiative fuer die Theaterprojekte von einem Mann aus dem Reinigungsteam gekommen. Er hat von Theater mit HIV-Traegern gehoert und wollte das auch machen. Er hat eine Gruppe von MitarbeiterInnen gewonnen, fuer die KlientInnen ein Stueck zu schreiben, und nachdem sie erfolgreich waren, gibt es jetzt mehrere Theatergruppen parallel, mit KlientInnen und MitarbeiterInnen und mit externer Finanzierung.

Und zweitens, in Bezug auf die Fachsprache, meint er: "Ich selbst habe eine psychoanalytische Ausbildung. Aber ich verwende meine Fachbegriffe nicht, wenn die anderen sie nicht verstehen. Es ist wichtig, die eigene Fachsprache anzupassen und eine gemeinsame Sprache zu entwickeln."

Schliesslich will ich noch wissen: "Was ist Erfolg fuer dich?"
"Die Leute kommen nicht zu uns, wegen unserer Gruppen und Beratung, sondern weil sie ein Esspaket oder Medikamente brauchen. Sie haben keine andere Wahl. Sie kommen ohne Hoffnung und viele wollen nicht mehr leben. In der Zeit bei uns passiert viel Positives. Sie erhalten konkrete Hilfe, jemand interessiert sich fuer sie. Sie lernen andere kennen und beginnen, sich gegenseitig zu helfen. Mache finden Partner, heiraten, manche finden einen Job."
"Wieviele sind das?" "Von den 30 - 40 Personen, die nach dem Programm am Ende des Semesters weggehen, sehe ich bei etwa 5 keinen Erfolg. Die anderen haben neuen Lebenswillen und neue Wege gefunden."
Klingt beeindruckend.

Nach dem Treffen schlendere ich noch durch den Kunsthandwerksmarkt an der Praça Republica und wieder zuhause angekommen gibt es eine schoene Ueberraschung:
Von Peter ist ein Packerl angekommen mit zwei Bildbaenden: Wien und Oesterreich in den Jahreszeiten. Klasse jetzt die Winterbilder zu sehen!

Zur Aufheiterung eine Bananenbluete, heute speziell fuer das Geburtstagskind Peter Golderer.
bananenbluete

Freitag, 30. Dezember 2005

29.12. Zukunftsplaene schmieden

Ich bin schon frueh wach und hoere die Voegel und die Ruhe des Hauses. Wieder ein sonniger Tag. Schliesslich tappst jemand in die Kueche: Rudi braut Expresso.
rudi-fam

Jetzt muss ich noch etwas von der Schule erzaehlen. Wie ist es dazu gekommen, dass der 60-jaehrige Kuenstler eine Schule leitet?

So schoen die Gegend ist, so duerftig ist die Infrastruktur. Als Katja im Kindergartenalter war, gab es keine Moeglichkeit fuer sie, die vernueftig erreichbar gewesen waere. Rudi und Stela haben im Jahr 2000 eine Lehrerin engagiert und die Rauemlichkeiten und Materialien fuer eine Kindergruppe organisiert. Heute besucht Katja schon eine Schule "fuer die Grossen", die Vorschule auf dem eigenen Grundstueck fuehren Stela und Rudi weiter und sie blueht: 60 Kinder kommen taeglich, die einen am Vormittag, die anderen am Nachmittag.
Das alternative Bildungskonzept ist ausgefeilt und basiert auf ganzheitlichem Lernen mit der Methode von Paolo Freire. "Der Lehrer ist Politiker und Kuenstler", so lautet der Titel eines seiner bekanntesten Buecher. Und wie man das umsetzen kann, dazu gibt es in dieser Lebens-Kunst-Schule einige Erfahrungen.

Ausgangspunkt ist immer eine Frage aus dem Alltag der Kinder, zum Beispiel: Wieviel wiegt ein Kanichen? Von hier aus geht es weiter in die Mathematik, zur Biologie, zum Lesen und Schreiben und so weiter. Die Kinder sammeln Erfahrungen im Garten und kochen. Sie haben viele Moeglichkeiten, ihre Kreativitaet zu entdecken und zu entwickeln - mit Musik, mit Malen, ja sogar mit Trickfilm-Zeichen!

Stela ist Obfrau des Schulvereins Apecatu, das ist Indianer-Sprache und bedeutet: Der gute Weg. Sie erhalten inzwischen auch Unterstuetzung vom Ministerium und der Stadt, trotzdem sind Patenschaften fuer Kinder (Kosten fuer ein Schuljahr und ein Kind: 200 Euro) oder fuer Feste oder Ausfluege herzlich willkommen.

"Wenn sie Fragen haben, zoegern sich nicht, Kontakt mit uns aufzunehmen.", heisst es im Projektbericht. Fuer Interessierte daher die Adresse mit dem seltenen Privileg, dass man auf deutsch und englisch verstanden wird: amarcord@uol.com.br

Danke Rudi und Stela fuer die Moeglichkeit, bei euch aufzutanken!

Am Abend ergreife ich die Chance, mit Marlene zu sprechen. Sie ist etwa so alt wie ich und arbeitet in Piaui, wo ich hoffe ab Ende Jaenner mitarbeiten zu koennen.
Noch jeder, der das gehoert hat, meinte nach einer kurzen Stockung: Na, da wirst du ja eine andere Welt kennen lernen....
Viel Armut, laendlicher Raum.... ich bin gespannt.

Marlenes Bericht verschiebt einiges. Die Schwestern selbst haben dort keine Projekte, wohl aber gibt es zwei sehr interessante Initativen. In San Raymondo Nonato hat ein Ehrenamtlicher mit Kinderbetreuung angefangen. Soweit ich verstanden habe, sind jetzt 200 Kinder einbezogen und die Initiative ist voellig privat. Es wird angenommen, dass ich dort was Sinnvolles tun kann.
20 km entfernt davon hat ein Anthropologe aus Frankreich ebenso auf eigene Faust begonnen, wertvolle Hoehlenmalerien zu konservieren. Seine Publikationen und das Projekt sind anerkannt und inzwischen auch gefoerdert. Die Gegend wurde zum Nationalpark erklaert und es gibt auch die Moeglichkeit, als Tourist gefuhert zu werden. Wer einen Blick wagen will:
http://www.fumdham.org.br/

Mit Marlene suche ich auch Xingu im Internet, die Dioezese von Erwin Kraeutler, dem Indianer-Bischof aus Vorarlberg. Ich hatte bereits email-Kontakt mit ihm. Sollte in Piaui nur ein Besuch sinnvoll sein, liegt Xingu ja fast in der Nachbarschaft (weniger als 1000 km entfernt).

Ich bespreche mit Clotilde das weitere Vorgehen, und sie raet, die Moeglichkeiten ruhig zu erfragen. Fuer mich ist es spannend, welche Tueren sich oeffnen werden.

28.12. Rudis.Lebens.Kunst

Peter und Rudi sind alte Freunde, die unter anderem die Freude am fotografieren miteinander teilen. Weil Rudi in Brasilien verschwunden ist, verloren sie den Kontakt miteinander vor etwa 30 Jahren. Jetzt hat sich Peter aufgemacht, ihn wieder zu suchen, und im Netz wurde er fuendig. Nach drei Stunden Portugiesisch-Unterricht wagte ich ein Telefonat und Rudi lud mich zu seiner Familie ins Landhaus ein.

Heute ist es soweit und ich nehme diese Einladung gerne nehme ich an. Peter hat mich schon neugierig gemacht. Zur vereinbarten Zeit laeutet es und zwei Herren, Vater Rudi und Sohn Benjamin, stehen vor der Hausumzaeunung. "Du oder ich, einer von uns ist ganz schoen eingesperrt.", meint Rudi. Mein Aufenthalt bei den Schwestern scheint ihm vorerst suspekt.

Wir fahren in die Stadt zum Mittagessen und ich bemerke, dass ich zum ersten Mal in einem Restaurant in Brasilien esse. War gut, dennoch: "Daheim schmeckts besser".
Stela, Rudis Frau, und Lidia, eine Freundin, treffen sich hier mit uns dreien.

Rudi ist 2 Jahre juenger als Peter und Stela 2 Jahre juenger als ich. Die gemeinsame Tochter Katja lerne ich anschliessend im Landhaus kennen. Sie ist ein blonder Schatz und zunaechst zurueckhaltend. Aber sie laesst sich erobern und wir machen einen Haufen Bilder vom Haus, von den Schafen und Huehnern und von ihrem kleinen Hund, der vor kurzem zugelaufen ist.
rudi-katja

Das Gut liegt auf einer Anhoehe etwa 40 km westlich von Sao Paulo und bietet einen herrlichen Blick auf die gruenen Huegel ringsherum sowie auf die Wolkenkratzer der Stadt in der Ferne.
rudi-haus
Neben dem anmutigen Haupthaus gibt es hier noch weitere Gebaeude: Das Wohnhaus der Familie der Hausbesorger, Werkstatt und Glashaus, Huehnerstall und Rosengarten, Kamin fuer Churrasco und gemauerte Backoefen fuer Pizza und Brot und noch viel anderes.
Im Haus hat Rudi umgebaut. Ich glaube ich habe noch nie eine so schoene Wohnung gesehen, mit liebevoller Perfektion und grosszuegiger Gemuetlichkeit gleichzeitig.

Die Kueche zum Beispiel muss ein Platz fuer Liebhaber sein. Ja, richtig, bald stellt sich heraus, dass Rudi nicht nur gerne, sondern excellent kocht! Eines seiner naechsten Projekte ist ein Partyservice der oberen Klasse mit der von Rudi kreierten Variante der "Treczniewski"-Broetchen.
rudi-kueche

Mit dem 18-jaehrigen Beni aus Wien durchstreife ich das Gelaende mit Weide und Wald, Teich und Gemuesegarten, Schule und Spielplatz. Die vier grossen Hunde duerfen erst in der Nacht heraus. Beni hat die Mittelschule abgeschlossen und ueberbrueckt die Zeit bis zum Zivildienst bei seinem Vater.
Ich kann das gut verstehen, denn hier ist ein Platz zum Aufatmen. Gleichzeitig hat Rudi Kopf und alle Haende voll zu tun mit vielen neuen Ideen.

Stela und Rudi sind freiberuflich taetig. Sie arbeitet als Journalistin und recherchiert. Er, als gelernter Grafiker und Filmemacher, setzt es kuenstlerisch um. Die Liste der Vorzeigeprojekte ist umfangreich und zeigt wie vielfaeltig und professionell die beiden arbeiten. Ein gemeinsames Projekt ist die Schule, aber davon spaeter mehr.

Ich habe eine CD mit Bildern von Peter dabei, und Rudi muss schmunzeln. Schliesslich schiesst Beni ein Foto von Rudi und mir und wir schicken es gleich an Peter. Der ist so praktisch mit dabei, wenn wir jetzt ratschen.

Der Abend wird gemuetlich mit Mensch-aergere-dich-nicht und Gespraechen. In Wien spielt Beni Gitarre in einer Funk-Band und er klaert mich ein wenig auf, was man denn gerade so hoert. Vieles gefaellt mir.

Es wird spaet und Rudi laedt mich ein zu uebernachten. Ich darf sogar zu Katja in ihr maerchenhaftes Zimmer.
Ein gluecklicher Tag!

Mittwoch, 28. Dezember 2005

27.11. Ein Arbeitsmeeting

Im Haus Guadalupe findet heute mein erstes Arbeitstreffen seit langem statt. Wir wollenn die Projektidee "Haus fuer Muetter und Kinder mit HIV-Virus" klaeren. Diese Anfangssituation ist "multidiffus". Wer kommt? Wer will was? Und was soll ich hier?

Wir sind zu fuenft: Das Team der jungen LeiterInnen in Recilazaro, die ich bereits kennen gelernt habe, und ich.
Zu Beginn gelingt es mir, die Situation und die Erwartungen gut zu klaeren. Ich will keine Illusionen naehren, was von mir zu erwarten waere.

Diese Arbeit ist mein normaler Job, ich habe ein paar Vokabeln vorbereitet, erkenne aber bald, wieviel Fachsprache ich normalerweise benutze. Um den Prozess nicht total zu verlangsamen, beschraenke ich mich aufs Zuhoeren und kaempfe damit, in groben Zuegen das Gespraech mit zu verfolgen. Ab und zu nuetze ich den Bonus, von aussen zu kommen, und hinterfrage fixe Vorstellungen. Die vier haben viel Potenzial. Sie arbeiten zuegig, gruendlich und zielorientiert.
Die noetigen Informationen werden gesammelt, was noch geklaert werden muss wird aufgeteilt. Mit einem Zeitplan schliessen wir ab.
Die Konzentration, einigermassen mitzuhalten, strengt mich hoellisch an.
Erst beim Mittagessen kann ich endlich pausieren und die Gedanken schweifen lassen. Das Team gefaellt mir. Handy und Auto hat nur Fabio, der taeglich zwischen seinen zwei Dienststellen, den "Clinicas" ausserhalb von Sao Paulo, hin- und herpendelt.

Nach dem Mittagessen zeigt mir Manoel noch die Kommunikationszentrale, wo er mit einem Kollegen arbeitet. Manoel ist stolz auf das Radioprogramm, das sie jetzt fuer die und mit den KlientInnen begonnen haben.

Er gibt mir noch Hinweise ueber andere Organisationen und ich freue mich, dass er die Steyler Missionare gut kennt, ja sich dort zugehoerig fuehlt. Wieder eine unterirdische Beziehung, die ich gerne verfolgen will.

Wieder daheim bin ich hundemuede und schlafe erstmal eine halbe Stunde. Mit Peter werden die 17:30 Uhr-SMS gewechselt, das hat sich schon fast eingespielt.

Vor dem Abendessen suche ich einen Schuhmacher in der Nachbarschaft und lasse meine Sandalen naehen. Gottseidank finde ich die meisten Wege jetzt selbstaendig und brauche immer weniger Unterstuetzung.
Wie Marianna sagte: "Mit ein bisschen Geld und mit ein bisschen portugiesisch kommt Rosa schon weit."

26.12. Ordnung machen

Der Stefanstag ist kein Feiertag in Brasilien, und ich schliesse mich dem werktaetigen Volk an:
Das Zimmer, das ich ueber einen Monat bewohnt habe, wird geraeumt und geputzt. Und da es in der Zentrale keine Waschmaschine gibt, wird hier noch alles gewaschen.
Bei Inacia muss ich mich entschuldigen: Es stimmt wirklich, dass die Maschine gefaehrlich ist. Einerseits faengt sie an zu tanzen. Samba wahrscheinlich. Andererseits frisst sie Kleider: Da gibt es naemlich in der fest stehenden Trommel einen rotierenden Arm und der zieht Hemdsaermel und Hosenbeine unter die Plastikverkleidung hinein. Miststueck.
Aber alles wird fertig, denn in der Sonne trocknet die Waesche ruckzuck. Wir haben ueber 30 Grad.

Bepackt mit Rucksack, gestaerkt vom letzten Kaffee von Regina und mit dem Segen von Candinha "vai com Deus!" bin ich also wieder unterwegs und schlage mein Zelt ab heute in der Zentrale im Nobelviertel auf.
Wo es mehr Gruen gibt und die Voegel in der Frueh laermen.
Und keine Knallerei am Wochenende.
Und viel huebschere Haeuser.

Ja, stimmt alles und nuetzt alles nichts. Ich mag die kleinen Leute und ihr Leben mit Graffiti an den Waenden!

Das wichtigste KURZ

Endlich Fotos! - ab 1.2.. Dieses Blog enthaelt Notizen und Fotos bis zum 23.2., der ersten Zeit in Piaui. Fortsetzung unter <2brasil.twoday.net>!!!!!!!! Seit 30.1. geniesse das Landleben im "Wilden Westen" von Brasilien - das ist der Nordosten, genauer gesagt Bundesstaat Piaui! Derzeit wohne ich in der Fundacao ASAS, einem privaten Bildungsprojekt fuer Kinder aus benachteiligten Familien. Roberto, der Gruender, ist Hoellaender und arbeitet hier als Seelsorger. Die Gemeinde Sao Miguel hat etwa 3000 EW, laendlicher Raum, schoene Natur, derzeit angenehm sommerliches Wetter. Ich arbeite im Buero, habe viel Kontakt mit Kindern und besuche Familien. Die ersten 2,5 Monate habe ich in Sao Paulo gelebt, in verschiedenen Haeusern der Schwestern der Congregatio Jesu: Zentrale, Schule, Peripherie. Besuchte Sozialprojekte, interviewte interessante Menschen, recherierte viel im Internet, lernte portugiesisch und half ehrenamtlich mit.

Info fuer AllesleserInnen

Das Tagebuch ist wieder aktuell. Falls dein PC manche Tage nicht anzeigt, gehe in der obersten Befehlszeile auf "brasil" und wenn die Auswahl sich zeigt auf "Tagebuch". Die Suchmaschine funktioniert auch, allerdings muss man halt wissen, was man finden will... Peter und Heidrun wissen normalerweise, wie es mir geht: peter.hirsch@atnet.at; HeidrunLange1984@aol.com

Aktuelle Beiträge

HE!
das ist doch gar nicht wahr! wenn schon hab ich gesagt:...
heidschnucke - 23. Mär, 11:22
20.2. Maria will deutsch...
Es ist 7 Uhr, ich bin noch am Fruehstuecken, als Maria...
rosa_r - 2. Mär, 18:00
18.2. Ueber dem See
Dass ich noch nie am See war hat zwei Gruende: Es gibt...
rosa_r - 2. Mär, 17:59
19.2. Die kleine Kaempferin
“Meine Freundin hat mich gar nicht besucht!” so klagt...
rosa_r - 2. Mär, 17:56
13.2. Montag - Arbeitsbeginn
Ab heute gehts also los mit dem Vorbereitungs-Betrieb...
rosa_r - 2. Mär, 17:54

User Status

Du bist nicht angemeldet.

Suche

 

Ankommen
Anreise
Projekte
Tagebuch
Profil
Abmelden
Weblog abonnieren