Tagebuch

Montag, 14. November 2005

13.11. sonniger Sonntag

Heute Frueh herrlicher Sonnenschein. Es wird ueber zwanzig Grad, allerdings ist der Wind noch frisch.
Nach dem Fruehstueck geht Katia eine grosse Runde mit mir spazieren. Sie fuehrt mich durch eine Villengegend: Campo bello. Es ist, als waeren wir im botanischen Garten in Schoenbrunn, so abwechslungsreich und auffaellig ist die Vegetation. Dazu der laute Singsang bzw das Kreischen und Tschilpen der vielen Voegel. Wir sehen etliche Spaziergaenger, kaum Autos, einige JoggerInnen und Damen mit Huendchen. Der Unterschied zu einer Villengegend bei uns: Vor vielen Haeusern sitzt ein Guard, oft ein aelterer Mann mit Hund, und bewacht das Grundstueck.
bluehender-Baum

Mariana hat heute Hendl gekocht. Und ein sagenhaftes Karamell-Dessert. Es kuendigt sich an, dass ich auch mal "tipico austria" kochen werde. Sogar wenn es gelingen sollte, wird es sie nicht besonders beeindrucken, fuerchte ich. Die Kueche hier haelt einem Vergleich ziemlich Stand. Hat mir jemand einen heissen Tipp? Muss lecker sein und leicht zu machen! Ich denke an Topfen-Palatschinken zum Dessert.

Am Mittagstisch verstehe ich bereits 10% des Gespraechs. Ausser sie reden Wort fuer Wort mit mir. Dann gehts besser. Sie sind so geduldig.
Die Atmosphaere ist ueberhautp sehr "bekoemmlich" und heiter hier im Haus. Es wird oft gelacht, jede kommt mal dran und wird "gegretelt". Ich zB habe mit Katia Clementinen gekauft, die wir zum Nachtisch essen - und die teilweise recht trocken sind. Jetzt haben wir herumgealbert, wer die trockenen ausgesucht hat. Ich habs auf mich genommen - aber mit dem Hinweis, dass Katia ja verantwortlich fuer mich war - und ausserdem seien die trockenen viel suesser.

Was ich am Nachmittag tun mag, werde ich gefragt. Naja, mal ins Zentrum fahren. Es opfert sich wieder Katia.
Wer einen Stadtplan von Sao Paulo hat, kann nachschauen: Ich wohne im kleinen Bezirk Jardim Pelopolis, im Suedwesten der Stadt. Bekannter ist der Nachbarbezirk Ibirapuera.
Von hier aus faehrt der Bus ca eine halbe Stunde in die City. Allerdings bei dem geringen Sonntagsverkehr und kaum Haltestellen, wenn er die erlaubten 80 km/h oefter ausfahren kann. Heidrun, du kannst dich sicher an die Busse in Rom erinnern und deren Percussion-Effekte. Hier war es ganz aehnlich.
im-Zentrum

So komme ich also das erste mal in eine "richtige" Stadt und bin zwischen Wolkenkratzern unterwegs. Auch mitten im Zentrum sind kleine Einfamilienhaeuser und Hochhauser, alt und neu, modern und desolat nebeneinander, als haette ein Riesenbaby die Bausteine des grossen Bruders durcheinandergeworfen.
Da es Sonntag ist, haben die Geschaefte zu. Katia bedauert dies, da ich so keinen "normalen" Eindruck von der Stadt bekomme.
Wir besuchen die wichtigsten Kirchen. Interessant war der unterschiedliche Stil der maechtigen neugotischen Kathedrale, der Benediktiner-Kirche, der Jesuiten- und der Franziskaner-Kirche. Man braucht kein Experte zu sein, um die Schwerpunkte und Unterschiede der Ordensspiritualitaeten darin zu erkennen.

Die Stadt wurde vor ziemlich genau 450 Jahren von Jesuiten gegruendet. Der Patió do Colégio, ehemalige Wohn- und Arbeitsstaette der Jesuiten, erinnert daran. Er liegt auf einer Anhoehe mit gutem Blick ueber die wachsende Stadt. Das Jesuitenkolleg ist liebevoll restauriert, enthaelt eine attraktive Caféteria und ein kleines Museum. Es zeigt interessante Karten und Modelle der Entstehung und Entwicklung von Sao Paulo, weiters sakrale Gegenstaende und viele kleine Heiligenstatueten, die hier gefunden wurden.

450 Jahre sind eine lange Zeit, meint Katia.
Das stimmt natuerlich, dennoch: Mein Blick ist von unseren viel aelteren Sehenswuerdigkeiten gepraegt. Ich muss ihn "umschalten", um nicht zurueck gestossen zu werden. Ist es "importierte Nachahmung", "Kitsch", "Verlust der eigenen Wurzeln"? Ist es das besondere Potenzial dieses Kontinents, und speziell von Brasilien, Elemente aus den verschiedenen Kontinenten neu zusammenfuegen zu koennen?
Anders als in anderen lateinamerikanischen Laendern, so behauptet der Baedecker, gibt es in Brasilien kaum Funde von alten Hochkulturen.
Dennoch tut es gut, wenn man im Jesuitenkolleg auch Figuren "zu Ehren der indianischen Kultur" findet. Zu sehr sind mir Europaerin die Verbrechen unserer Vorfahren in Suedamerika bewusst.
Respekt und Toleranz in der Begegnung und Vielfalt der Kulturen: Das ist Wunschtraum, Zukunftsthema und Dauerbrenner in einer gobaliserten Welt. Auch auf unserer "Insel der Seligen", Oesterreich. Der "Schmelztiegel" Braslien hat uns hier vielleicht etwas voraus, das wir importieren koennten? Einsicht in die eigenen Relativitaet, diese sympathische Form von Bescheidenheit, z.B?

Samstag, 12. November 2005

12.11. Samstag

Heute hats mit der Messe in der Frueh geklappt. Der Priester ist betagt, das Volk sind Frauen. Zum gemeinsamen Ritus auf der ganzen Welt kommt ein gemeinsames Lebensgefuehl: Ein bisschen von "Wir werden aelter" und "Programm fuer die Minderheit", ein bisschen "Auftanken in der Oase des Lebens", ein bisschen "Zuruecklehnen in das Gefuehl von Verbundenheit". Schwer es auszudruecken.

Man hat mich einigen Frauen, die zur Schule in die Messe kommen, vorgestellt. "Muito prazer". Jede freut sich und graebt noch ein Wort deutsch aus, das sie kann.

Am Weg zur Messe schaue ich immer wieder nach den Voegeln aus. Es klingt wie Papageien - aber schliesslich entdecke ich die schoenen gruenen Nymphensittiche. Und gleich daneben ein riesiger Gummibaum. Also jetzt weiss ich, was wir unseren Bueropflanzen mit der Kaefighaltung antun. :-) Der hier steht im Garten und der Stamm hat einen Durchmesser von ueber einem Meter, die Krone ist sicher mehr als zwanzig Meter hoch.
In den Rabbatten wachsen Christusdorn, Weihnachtsstern, Kalla; alle 1 - 2 Meter hoch. Ich muss an Mamas Blumenfenster denken, wo sie durch ihren gruenen Daumen auch gut gedeihen, verhaeltnismaessig eben.
Christusdorn

Nach dem Fruehstueck machen Clotilde und ich einen ausgedehnten Einkaufsbummel. Ich versuche einen Datenstick zu ergattern, um ein Foto auf das Weblog stellen zu koennen. War nicht zu finden in dieser Gegend. Ich bin noch immer fasziniert, von dem Nebeneinander von "Nachkriegslaeden", die bei uns fast ausgestorben sind, und trendy Shops. Auch den Massagesalon mit alternativer chinesischer Medizin gibts! Und ein deutschsprachiges Buchgeschaeft mit vielen Weihnachtslieder-Buechern, sowie deutsche Bars haben wir entdeckt.

Nach dem Mittagessen lege ich mich hin, denn um zwei Uhr soll?will ich eine kleine Praesentation von Fotos der letzten Urlaube machen. Ich habe CDs mitgenommen und mit Clotilde den tollen Laptop samt Beamer ausprobiert. Es funktioniert.
Um Viertel vor 2 klopfts an der Tuer: Ueberraschung! Terezinha, die ich aus der Slowakei kenne, kommt mit zwei Mitschwestern auf Besuch. Grosse Umarmung. Man will die Fotos sehen. Gut, machen wir dann: Familie im Montafon: Mama, Filha Heidi, Irmã (Schwester) Irmão (Bruder), Nichten und Neffen und "mein Freund Peter". Ich weiss nicht, ob "Amigo" das korrekte Wort ist, es wird noch einige Fantasien wecken. Die Berge werden bewundert, die Blumenbilder auch, aber besonders die Kinder.
Auch Bilder aus dem Osttirol gibts und von der Romreise mit Mama. Leider habe ich keine Bilder aus Wien dabei. So ists - wo man wohnt, das ist zu selbstverstaendlich.
Jetzt aber tut sich was, die Gaeste haben Ideen, wo ich portugiesisch lernen koennte. Vielleicht werde ich auch zu ihnen umziehen? "Kommenden Donnerstag sehen wir uns!", heisst es schliesslich.
Man will mich offenbar auch touristisch verwoehnen: Ich bin zu den Wasserfaellen von Iguaçu eingeladen, laut Fuehrer das "Muss" einer Brasilien-Reise. Eva Renate, die bereits ein paar Monate in Brasilien war, hat erzaehlt, dass diese Wasserfaelle noch herrlicher sind als die Niagara-Faelle.
Nach der Verabschiedung der Gaeste sitzen wir zusammen beim Kaffee. Jetzt erzaehlt jede ein bisschen, von wo sie kommt. Die Schwestern sind weit aelter, als ich geschaetzt habe. Jacinta und Leticia sind ca. 75. Sie wirken so frisch - ein Beweis fuer die Statistik Austria: Laut dieser haben Frauen mit einer ausgepraegt linken oder religioesen Spiritualitaet die hoechste Lebenserwartung in der Bevoelkerung.

11.11. erster Tag

...und Faschingsbeginn mancherorts.
Hier ein Tagesablauf, wie er fuer die naechste Zeit typisch sein wird. Du musst nur 3 Stunden dazu zaehlen, dann weisst du, was ich gerade mache.
5:50 ab zur Messe in der nahen Schule, ca 10 min zu Fuss (ist kein Muss).
Heute hab ich sie verpasst. Bin erst um 10 nach 6 statt um 10 vor erschienen.
6:50 sind wir zurueck
7:00 gibts Fruehstueck
danach tu ich lesen, Bett machen, ein wenig vor mich hinwerkeln
10:00 Cafezinho
danach faellt mir was ein, was ich tun mag. ZB SMS schreiben. Und mich freuen, wenn ich eins kriege!
11:30 Mittagessen. Ich muss unbedingt von Jacintas und Leticias Kochkunst lernen!
danach Siesta
Die war heute kurz, nur eine halbe Stunde, denn Katia nimmt mich mit zum Wocheneinkauf in den Supermarkt. "Besonders viel Verkehr heute", meint sie, "denn in Brasilien ist am Dienstag Feiertag (Tag der Ausrufung der Republik 1889) und viele Leute nehmen den Montag frei." Biker, meist kleine Transportunternehmer, quetschen sich zwischen stehenden und fahrenden Autos durch. Sie leben und sterben davon, dass sie schneller sind.
Verkehr-mit-Bikes

Im Laden gibts die obligate Weihnachtsdekoration, gottseidank (noch?) keine Musik. Fuer unsere Verhaeltnisse gibt es viele Verkaeufer. Alle wirken beschaeftigt und sind freundlich. An der Obstwaage sitzt ein junger Mann. Er ruft einen weiteren Kollegen, der fuers Betaetigen der Waage zustaendig ist. Mir graust, was hier passiert, wenn diese Jobs, so wie bei uns, eingespart werden.
Bild: Katia, sie mag nicht fotografiert werden.
Katia

Einen weiteren Kollegen lernen wir beim Ausgang kennen: Er nimmt die Rechnung und schaut, ob wir das wirklich am Wagerl haben! Zumindest scheint das sein Job zu sein. Er wirkt sehr wichtig und hat Katia maechtig belehrt. Ueber was, habe ich nicht verstanden. Vielleicht haette sie das gefrorene Fleisch nicht zusammen in ein Sackerl tun sollen?
Die Preise sind durchschnittlich wie bei uns. Manche Lebensmittel sind billiger: Milch, manche Gemuese, Obst. Haushaltswaren sind teurer, eine normale Plastikschuessel zB kostet ca 10 Euro!
15:00 Cafezinho, normalerweise, aber heute hat der Einkauf laenger gedauert
nachmittags lerne ich ein paar Stunden portugiesisch
18:00 Abendessen, da gibts Reste vom Mittag und immer noch etwas Frisches dazu
danach Musik hoeren, fernsehen, Nachrichten im PC lesen, SMS schreiben
um 21 Uhr bin ich muede, als ob ich was gearbeitet haette. Sagen wir, es kommt von der Umstellung. Vielleicht aber auch vom suessen Pausieren.
Ich bin gespannt, wie diese Tagesstruktur wirken wird....

Das wichtigste KURZ

Endlich Fotos! - ab 1.2.. Dieses Blog enthaelt Notizen und Fotos bis zum 23.2., der ersten Zeit in Piaui. Fortsetzung unter <2brasil.twoday.net>!!!!!!!! Seit 30.1. geniesse das Landleben im "Wilden Westen" von Brasilien - das ist der Nordosten, genauer gesagt Bundesstaat Piaui! Derzeit wohne ich in der Fundacao ASAS, einem privaten Bildungsprojekt fuer Kinder aus benachteiligten Familien. Roberto, der Gruender, ist Hoellaender und arbeitet hier als Seelsorger. Die Gemeinde Sao Miguel hat etwa 3000 EW, laendlicher Raum, schoene Natur, derzeit angenehm sommerliches Wetter. Ich arbeite im Buero, habe viel Kontakt mit Kindern und besuche Familien. Die ersten 2,5 Monate habe ich in Sao Paulo gelebt, in verschiedenen Haeusern der Schwestern der Congregatio Jesu: Zentrale, Schule, Peripherie. Besuchte Sozialprojekte, interviewte interessante Menschen, recherierte viel im Internet, lernte portugiesisch und half ehrenamtlich mit.

Info fuer AllesleserInnen

Das Tagebuch ist wieder aktuell. Falls dein PC manche Tage nicht anzeigt, gehe in der obersten Befehlszeile auf "brasil" und wenn die Auswahl sich zeigt auf "Tagebuch". Die Suchmaschine funktioniert auch, allerdings muss man halt wissen, was man finden will... Peter und Heidrun wissen normalerweise, wie es mir geht: peter.hirsch@atnet.at; HeidrunLange1984@aol.com

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