Tagebuch

Mittwoch, 23. November 2005

23.11. Speisekarte

Diesmal wird es noch alltaeglicher als gestern: Es geht ums Essen.

Dass 5x am Tag aufgetischt wird, habe ich ja schon geschrieben.
Jetzt wird bereits sichtbar und spuerbar, wie sich das auswirkt.
Also , wie waers mit weniger Essen?
Leicht gesagt!

In der Frueh bin ich noch tapfer und schaue gar nicht hin, was es an Kaese und Wurst gaebe. Ein Joghuertchen steht schon auf meinem Platz und wird mit einer frischen Banane und einem halben Brot genossen. Terezinha baeckt selber - muss man kosten!
Am Vormittag brauchts zum Cafezinho was Suesses, also nur eines von den verschiedenen Sorten Kekse.

Am Mittag ists unmoeglich zu reduzieren, es gibt einfach zuviel Auswahl, und ich muss doch alles kosten.
Heute ueberbietet sich die Koechin Sonja mit 7 ! Sorten Salat: Die Fisolen waren bereits angemacht. Fuer alles andere steht ein Salatdressing separat zur Verfuegung: Karotten, Rote Rueben, Suesskartoffeln und eine Art gruener Kuerbis sind gekocht und in appetittliche Stuecke geschnitten. Gurken und zweierlei Blattsalat liegen roh und mundgerecht vorbereitet dabei.
Von jedem ein Loeffel voll ergibt nun mal einen gehaeuften Teller.
Danach Reis, Bandnudeln mit einer leichten Tomatensosse, die brasilianischen Bohnen, eine Art Kochsalat und Churrasco nach Sao Paulo-Art: Kleine Fleischstueckchen am Spiess.
Tja, selbst bei eiserner Zurueckhaltung wieder ein Teller voll.
Am Nachmittag nur Cafézinho und ein Stueck Obst.

Und beim Abendessen ists besonders hart.
Wie immer gibts zuerst eine Auswahl an Salaten.
Zweiter Gang: Suppe. Oder wie gestern ein spezieller pikanter Strudel. Oder beides.
Dritter Gang: Die aufgewaermten Hauptspeisen vom Mittag.
Und ein Obst als Dessert. Darauf hab ich ja am Mittag verzichtet.
Seufz!

Tja, du siehst, allein mit Essen bin ich schon sehr beschaeftigt!

Gestern Abend hatte ich einen unangemeldeten Besucher im Zimmer: Eine kleine Eidechse - von der Sorte, die sich an der Decke mit ihren Zehen-Saugnaepfchen festhalten kann. Sie hat die Uebersiedlung auf den Balkon heil ueberstanden. Wundert mich, wie sie herein kommen konnte, denn ich habe den ganzen Tag das Fliegengitter vor dem Fenster.

Den ersten Telefonanruf habe ich heute gewagt. Nachdem es bereits eine Woche her ist, dass ich hierher uebersiedelt bin, wollte ich Clotilde mal Bescheid geben und mich bedanken. Erst in einer fremden Sprache faellt einem auf, wieviele spezielle Redewendungen so ein Telefongespraech hat. Dennoch, wir konnten einigermassen fliessend plaudern. Clotilde spricht ein fuer mich sehr gut verstaendliches Portugiesisch. Sie kommt aus dem Sueden, aus der europaeischsten Region Brasiliens, und ist wie viele dort u.a. deutschsprachiger Abstammung.

Was schon wieder Cafézinho-Zeit!
Na dann los!
Bild: Regina braut Cafe
regina1

Dienstag, 22. November 2005

22.11. Candidinha

Es tut sich nichts Besonders im Moment, so werde ich wieder ein wenig vom Alltag berichten.

Bei uns in der Gegend findet man alle 100 m einen Friseursalon, "Cabelereira" genannt, und heute frueh bin ich meinem wiener Friseur Hans untreu geworden.

Der auserwaehlte Salon, zu dem mich Candida fuehrt, ist ein Geheimtipp der Schwestern.
Er hat wie die meisten keine Eingangstuer, sondern die strassenseitige Wand ist offen. Rechts an der Laengswand sind etwa drei Frisierplaetze und ein Waschplatz. Links an der Wand stehen Holzstuehle fuer die Wartenden.
Der ganze Raum ist etwa 8 m tief. Ganz hinten sitzt die Kassierin hinter einer Art Rezeption, davor wird eine Dame pedikuert.
Eine nette junge Friseurin kann mich sofort bedienen. Drei aeltere Herren sitzen hinten an der Wand und schauen zu. Am Spiegel vor mir klebt ein Pickerl: Werter Herr, sie koennnen sich ein wenig ausruhen und entspannen, bis sie an der Reihe sind.

Ich bitte sie, mir die Haare zu waschen. Vorher oder nachher? Na, besser vorher. Der Schnitt ist gleich fertig und soweit ich beurteilen kann, sehe ich ansehnlich aus. "Schicke" sagt sie, ich weiss noch nicht wie mans richtig schreibt. Nun, der Preis laesst mich nachfragen. 5 Reails? Inklusive Waschen? Ja! Mit dem guten Kurs gerechnet, zu dem mir Gaetana gewechselt hat, sind das 2 Euro.
Allerdings - nach dem Schnitt wars auch schon fertig. Das Trocknen hat die Sonne besorgt.

Am Weg zurueck bemerke ich, dass ich inzwischen die Umgebung schon recht gut kenne. Auch die beiden Kirchen, die mich an Anfang verwirrt haben, sind bereits Orientierungspunkte geworden.

Nach dem obligaten Cafézinho um 10 brechen Candida und ich wieder ins Zentrum St. Martinho auf. Dort winkt uns die junge Italienerin vom Abwasch herueber und ich stuerze mich mit ihr auf den Berg Plastikteller. Sie hats nicht so gut getroffen wie ich und hat niemanden, der sie an neue Orte begleiten wuerde. Und allein traut sie sich nicht. Verstehe ich, ich muesste mich auch ueberwinden. Ohne Stadtplan und ohne Uebersicht ueber die Buslinien gehe ich sowieso nicht.

Diesmal ist normaler Betrieb im Zentrum: Ab 9 Uhr gibts ein warmes Essen, solange der Vorrat reicht.
Nach unserem Einsatz essen Candida und ich mit anderen MitarbeiterInnen zu Mittag. Wenn sie langsam sprechen, komme ich schon einigermassen mit. Gina, eine Helferin erzaehlt mir, dass es viele dieser Zentren gibt, wenn ich richtig verstanden habe, sagte sie 110. Der Staat finanziert ein paar Angestellte und das Lokal.
Fuer den Betrieb erhalten sie 300 Reais pro Monat. Bei den durchschnittlich 300 Menschen, die hierher kommen, um ein Essen pro Tag zu haben, entspricht das 1 Reai pro betreuter Person pro Monat! 2,6 Reais entsprechen einem Euro.

Fuer viele ist es normal, dass der Staat nur ein wenig zur sozialen Absicherung beitraegt bzw. beitragen kann. Dafuer ist hier Privatinitiative noetig. Dieses Netz aber ist unverlaesslich - so gibt es eben nur soviel zu Essen, wie die Freiwilligen Lebensmittel organisieren konnten.
Bild: Candidinha in St. Martin
candidinha-in-st-martin1

Als Kontrastprogramm schleppe ich die tapfere Candida anschliessend durch das groesste Shopping-Center in diesem Bezirk names Tatuapé. Er duerfte einwohnermaessig so gross sein wie die drei grossen Staedte Oesterreichs zusammen. Im "Shoping" gibt es jede Menge Kleidergeschaefte mit guenstiger und attraktiver Mode: Die Sommerpullis und Shirts etwa 10 Euro, Jeans zwischen 20 - 40 Euro.

Es ist lehrreich mit Candida unterwegs zu sein. Leute wechseln die Strassenseite und kommen auf sie zu, weil sie immer Zeit fuer ein paar Worte hat. Es gibt Haendeschuetteln, Umarmung, Bussi (einmal!). Jeder und jede, der mir vorstellt wird, ist "uma grande amiga". Vor dem Einkaufszentrum geht sie direkt auf eine Reinigungsfrau zu. Wo die grad steht, stinkts nach Pissoir, aber Candida laesst sich nicht aufhalten. Fuer ein paar Minuten sind die zwei ins in ein lebendiges Gespraech vertieft. Mir scheint, Candida bedankt sich, weil die Frau eine fur uns alle wichtige Arbeit macht.

Die unwiderstehliche Candidinha nennt mich meistens Rosinha!
Unter ihrem kritischen Blick stellt sich kein Kaufrausch ein. Fuer sie ist es unverstaendlich, soviel Geld fuer Klamotten auszugeben. Ich erstehe ein paar kleine Geschenke fuer die Schwestern und einen Puerierstab. Den gesuchten Datenstick bzw das Kabel bekommen wir leider nicht, drum: Heute noch keine neuen Fotos, sorry!

Montag, 21. November 2005

21.11. Don Quichote

"Traeume nicht dein Leben, lebe deinen Traum."
Kein neuer Spruch. Gestern habe ich ihn wieder entdeckt in der Auffuehrung von Don Quichote, zu der Gaetana ihre Mitschwestern und mich eingeladen hat.

An etwa vier Abenden in der Woche werden im Theater Auffuehrungen von Kuenstlergruppen gegeben: Theater, Tanz, Ballet... Gestern spielte eine neue Gruppe: 9 professionelle SchauspielerInnen, junge und aeltere Personen, Frauen und Maenner. Buehnenbild, Requisiten und Kostueme koennten hier nichts ueber-spielen, (ein interessantes Wort in dem Zusammenhang, merke ich gerade), die Kuenstler muessen selber arbeiten und wirken.
Und es ist ihnen gelungen, Heidrun, ich glaube das haette dir gefallen. Es war sozusagen noch echtes Theater, das von der Praesenz der Schauspieler bzw. der Kreativitaet und Perfektion des ganzen Teams lebt.

Und natuerlich vom Stueck. Was fuer ein Stueck! Ich muss es in der Schulzeit gelesen haben. Die Erinnerung war eine unangenehme Mischung von Befremden und Mitleid mit dem alten Verrueckten. Diesmal aber war es voellig anders!
Ich stelle mir den Kontext vor: Eine Zeit des Absolutismus, der Zensur, harte Lebensbedingenen, ungleiche Lebenschancen.
Wer hier der Mitmenschlichkeit und der Liebe "dienen" will , wer Unrecht bekaempfen will, muss wohl ein Spinner sein. Die erste Reaktion der wohlmeinenden Autoritaeten: Das Uebel muss an der Wurzel gepackt werden - Die Buecher werden vernichtet! Wie raffiniert Cervantes damit den "Segen" der Zensur kritisiert!
Was bewirkt der Verrueckte? Zunaechst einmal, dass andere in seine Traeume einsteigen, natuerlich mit unterschiedlichen Motiven: Manche aus Eigennutz, andere wollen ein wenig Anteil an seinen Versprechungen haben, wieder andere moechten Don Quichote "heilen"... Jedenfalls widerspricht ihm niemand direkt, jeder spielt irgendwie mit.
Wie lebt der Weltverbesserer? Staendig im Kampf mit dem Boesen, auf der Suche nach Herausforderungen und nach der wahren Liebe, und so findet er auch alles was er sucht. Das Becken des Barbiers wird zum Helm und er eine "traurige Gestalt", meint Sancho Panza. Ja, so sieht er sich erkannt: Der Ritter von der traurigen Gestalt!
Wie endet so ein Spinner?
Er hat jemanden gefunden, der sich von ihm hat beruehren lassen. Seine Idee lebt weiter. Und er findet seine Erfuellung im Traum.
Ich musste weinen, ob dieses Versprechens.
Damir, du kennst die Geschichte sicher aus Spanien. Hast du sie einmal gelesen? Auf spanisch? Was meinst du dazu?

Tja, ueber die Schauspieler kann ich nicht viel sagen, ich bin voellig verzaubert worden, von ihnen. Keine kritische Distanz, "nur" Seelennahrung.
Ein Paar, das gehoert hat wie Schwester Regine mich jemandem vorstellte, ist gleich hergekommen und hat mich auf deutsch begruesst. Sie haben acht Jahre in Norddeuschland gelebt: Sie eine europaeisch wirkende Frau, er asiatischer Abstammung. Sie kennen einen der Schauspieler gut, er sei Amerikaner und hat dort gutes Geld verdient, ist aber jetzt zum Theater "uebergelaufen". Ob ich mitkommen mag zum gemeinsamen Abend? In zwei Wochen werde ich wahrscheinlich Ja sagen, dann bin ich mir in der Sprache sicherer. Jetzt aber habe ich die schoene Geste dankend abgelehnt.

Statt dessen konnte ich noch ein wenig mit Gaetana und Terezinha ueber das Stueck philosophieren und diesen Tag voller Theater-Genuss mit der obligaten Portugiesisch-Stunde abschliessen.

Heute war wieder "Hydro" = Wassergymnastik um 7 Uhr. Diesmal waren die Uebungen deutlich abwechslungsreicher und unser Vorturner hat sich "normaler"aufgefuehrt. Die Bewegung tut einfach gut, baut nicht nur Muskeln, sondern auch eine gute Stimmung auf. Zu wenig Bewegung deprimiert mich.

Dann ist am Montag auch Putz- und Waschtag. Ich habe - so ein Kunststueck! - die Waschmaschine zum Laufen gebracht. Inazia hat gestaunt. Sie verwendet sie nicht - das Ding ist ihr zu grob fuer ihre Waesche und ausserdem gefaehrlich! Meint sie.
Der Uebergang vom Gast- zum Mitbewohnerstatus scheint hiermit vollzogen zu sein, denn ich darf mein Zimmer selber putzen.
Bild: In der Schule habe ich diese Plakat gesehen: Brasilien, das Land das wir lieben und auf das wir achten muessen
brasil-e-o-pais

Am Vormittag gabs wieder zwei Stunden mit Célia, meiner Lehrerin. Als Hausuebung soll ich ein Kochrezept auf portugiesisch schreiben. Da wird Mama aber lachen, wenn sie sich erinnert, wie ich das Kuchenrezept in der Hauptschule geschrieben habe. Ich hatte ja keine Ahnung und hab brav auf Rechtschreiben und Grammatik geachtet - sie aber hat nur den Kopf geschuettelt und musste mit den armen Lebensmitteln mitleiden, die ich da "literarisch wertvoll" verpantscht habe. :-)

Noch ein Sprachstolperer aus der letzten Stunde: Wir sprechen englisch und portugiesisch miteinander. "Etwas gewoehnt sein" ist auf englisch: I am used to it.
Ich will sagen: "Das bin ich schon gewoehnt." und versuche also: "Usado".
Tja, das Wort gibts schon, bedeutet aber "Ich bin gebraucht". Semi-novo, sozusagen. :-) (siehe 19.11.)

Sonntag, 20. November 2005

20.11. Lebenslust

Jetzt bin ich zehn Tage in Brasilien.
Das Reden geht recht holprig, aber man versteht mich. Immerhin kann man mir bereits erklaeren, womit ich die anderen zum Lachen bringe. Heute zB habe ich direkt aus dem Deutschen uebersetzt: Regina - macht - Milch - heiss.
Fuer ein brasilianisches Ohr heisst das aber: "Regina produziert warme Milch." Etwas, das fuer eine Ordensfrau im Pensionsalter, nicht einmal in Brasilien typisch ist. :-)

In der Frueh waren wir in der Kirche St. Marina. Ein zeitgenoessischer Kuenstler hat die Innenwaende bemalt. Der Raum ist durchgaengig von seinem Konzept gepraegt, zum ersten Mal kein buntes Sammelsurium vierschiedener historischer (europaeischer) Stile. Den alten Heiligenstatuen hat der Pfarrer in einer Seitenkapelle ein neues Zuhause gegeben. Schad, dass uns das in Lainz nicht mit dem goldenen "Ignatius" gelungen ist.

Schaut man zum Altar sind rechts Geschichten aus dem Alten und links aus dem Neuen Testament gemalt. Jedes Bild ist in mehrere Flaechen gegliedert, die groesste zeigt die Begebenheit, die kleineren ergaenzen mit passenden Ornamenten.
Die Figuren sind starkt stilisiert und edel gemalt, fast wie Ikonen. Die Farbtoene sind warm, gold - braun - gruen - weiss. Die Bilder wirken insgesamt leicht, atmend, ein wenig ueberirdisch.
s-mariana

Am Ende der Messe wurde ein Paar gesegnet, das die goldene Hochzeit gefeiert hat.
Ich habe nicht viel verstanden, was ich aber sehen konnte war: Ein zaertlicher Umgang miteinander voller Wertschaetzung. Was fuer eine schoene Form "alter", nein, zeitloser Liebe. Es hat mich sehr beruehrt.

Im Schultheater gabs heute Vormittag Schueler-Auffuehrungen.
Zunaechst haben die Kleinen eine Art Musical gezeigt. Die Rahmenhandlung ist, dass die Grossmutter einem Maedchen und einem Buben, ein Maerchen erzaehlen will. Sobald sie aber eine Geschichte beginnt, tritt die entsprechende Maerchenfigur wirklich auf und es gibt einen entsprechenden Tanz. Zwischen den Maerchenfiguren entspinnt sich eine neue Handlung. Einigen Hexen geht das Rotkaeppchen auf die Nerven. Die Oberhexe verwandelt sich in eine zeitgeistig gestylte Lady und entfuehrt Rotkaeppchen.
Die Kinder im Gegenzug fangen einen Kobold. "Lass uns tauschen, dann koennen wir alle Freunde sein", meinen sie. Nun gut, die Hexe tauscht, Rotkaeppchen ist happy, Hexe tanzt mit den Kindern und den anderen Maerchenfiguren - und der Kobold? Sobald er seine Kappe wieder hat, faengt er sein altes Spiel wieder an, und neckt alle anderen. Mit lauten Gebruell gehts darauf von vorne los.
"S'hat Blume i da Gaerten. Us dera Knacknuss wachst an Boum, und der Boum treit honigsuessi Fruecht - Da ischt scho wiedr der Wurm drin.", besingt eine schweizer Band dasselbe Motiv rockig.

Die DarstellerInnen waren zwischen vier und zehn Jahren alt. Wie sich diese Froeschlein kokett, selbstbewusst und natuerlich auf der Buehne bewegt haben! Vor Lust am Spiel hats direkt gefunkelt. Einfach hinreissend!
Einem Zwergerl-Maedchen, sicher noch im Kindergartenalter, ist beim Herumhuepfen die Kappe vom Kopf gefallen. Sie schaut gross, was sie jetzt machen soll. Die anderen tanzen weiter. Haende hinter der Kulisse winken. Sie hebt die Kappe auf und bringt sie zur Kulisse - aber nein, keine Zeit sie wieder aufzusetzen! Sie saust sofort zurueck und weiter gehts mit tanzen. Ist doch wichtiger! "Claro!" (So sagt man auch hier.)
Bild: Zwergerln
zwergerln

Schoen, dass diese Kinder die Aufregung und die Lust des Theaters erleben. Darueber hinaus fordert und foerdert das gemeinsame Singen, Tanzen und Spielen viele Faehigkeiten: Ëinerseits ist das Kind als Einzelperson wichtig. Es muss seinen Text und seine Figuren selbststaendig und richtig beherrschen, sonst behindert es alle. Andererseits muessen diese kleinen Indivualitaeten einander Raum lassen, die eigenen Bewegungen aufeinander abstimmen - hilfreiche soziale Faehigkeiten. Und hinter all dem die Freude an der Sache selbst.
Fuer die jesuitische Paedagogik ist das Theaterspielen, vielleicht deshalb, ein Koenigsweg.
Ich hab natuerlich viel an Heidruns Auftritte gedacht, sowohl in der Steinerschule, wie auch beim Musical-Tanzen. *schwelg-schwelg*

Um 11 ging es mit der Auffuehrung der 10 - 15-jaehrigen weiter. Eine Geschichte aus "Gatopolis"- Katzenstadt. Es ist eine Coverversion von Romeo und Julia, weil die Weisskatzen die Gelbkatzen nicht moegen, aber sich natuerlich grenzueberschreitende Beziehungen anbahnen.... Fuer dieses Alter ein absolut prickelndes Thema: Wer ist wo akzeptiert? Was passt und was nicht zwischen Girls und Guys?

Das Ende haben Gaetana und ich nicht mehr gesehen, denn wir gingen rechtzeitig zum Mittagessen hinueber in die Gemeinschaft. Tja, musst du leider selber weiter dichten!
Die Kostueme und das Buehnenbild waren wiederum sorgfaeltig und aufwaendig gemacht.

Natuerlich hat Gaetana, die Schulleiterin, die Auffuehrungen auch mit einer sozialen Aktion verknuepft. Es wurden Lebensmittel gesammelt fuer die in ganz Brasilien laufende Aktion "Weihnachten ohne Hunger". Die Eltern haben statt Eintrittsgeld Sackerln mit Reis, Bohnen etc. mitgebracht. Wie uebrigens auch in der Kirche bei der Collecte kein Koerberl herum geht, sondern die Anwesenden Geld oder Naturalien nach vorne tragen und dort in den Korb oder die Sammelbuechse geben.
Bild: Container fuellt sich
container-u-kids
Gaetanas Container war jedenfalls heute Mittag voll.
Das Theater laesst Platz fuer mehrere hundert Personen, hat eine gute Licht- und Soundanlage und bequeme gepolsterte Klappsessel. Mehr ueber die Schule: www.colegiomaryward.com.br

Aber noch nicht genug der Lebensfreude. Heute (am Sonntag interessanterweise) wurde der Gemuese- und Obsteinkauf am Markt gemacht. Herrlich! Ein Drittel des Angebotes ist wie bei uns: Zwiebeln, Kraut, Kartoffeln, Aepfel, Fenchel...
Ein Drittel kenne ich zwar, ist fuer uns aber Importware: Ananas, Bananen, Advocados die fast fussballgross sind, Melonen, Mango, verschiedenste Salatsorten.
Ein Drittel kenne ich nicht einmal und sieht zum Teil sogar ziemlich ausserirdisch aus.
Foto: Am Markt
markt-2

So genug fuer heute. Jetzt gehts wieder ans Lernen: Alle Formen der Vergangenheit in Rotkaeppchen und Rapunzel.
Ihr muesstet hoeren, wie "Rapunzel" klingt, wenn es brasilianisch ausgesprochen wird, "zum
Niederbrechen" wuerde Brigitte wohl sagen: "CHABUNSEU"!
Suess!!!

Samstag, 19. November 2005

19.11. Hannes Geburtstag

Vielleicht weil Bruederchen heute Geburtstag hat, muss ich mal ueber Autos schreiben. Da, wie man weiss, meine diesbezuegliche Expertise hauptsaechlich darin besteht, die Farben voneinander unterscheiden zu koennen, ist das schon ein Liebeszeichen!
Hier ein paar Geburtstagsblumen fuer den fleissigen Haeuselbauer:
Rabbatte

Zurueck zu den Autos: Es gibt viele, sehr viele. Gestern sind sie vierspurig in der einen und vierspurig in der anderen Richtung gestanden - weil Wochenende.
Die meisten sind Europaer: Fiat, VW, Renault, Peugout, Ford, ein paar Mercedes. Ein paar Chevis, meistens alte, habe ich gesehen. Einen Dodge - wo gehoert der hin? Und einen Landrover. Japaner sind mir noch keine aufgefallen. Es gibt so viele Werkstaetten hier, dass ich annehme, ein Auto zu haben, muss Kult sein.
In der Naehe ist ein grosser Fiat-Laden. Die Autos wohnen dort sehr nobel im Verhaeltnis zu dem wie die MitarbeiterInnen und wahrscheinlich auch KundInnen wohnen. Es gibt dort keine Gebrauchtwagen wie bei uns, sondern nur "semi-novos". Ist doch nett!
Bild: Der Verkehr! Ein haeufiger Ausruf in Sao Paulo: Transito!
transito

Und weil heute ausser einem kleinen Spaziergang mit Candida nicht viel los war, werde ich etwas von der spirituellen Seite der Sabbatzeit berichten.

Mein Ausgangspunkt dabei:
Der Glaube, so sagt ein englischer Philosoph, ist ein Radikalexperiment.
Als Vater des Pragmatismus beurteilt er Ideen nicht mit den Kategorien "richtig" oder "falsch", sondern danach, wie sie sich auswirken. Und die Auswirkung erkennt man einerseits durch Beobachten, andererseits aber - typisch fuer den angelsaechsischen Denker - durch Erfahrung. Das Experiment ist im Fall des Glaubens allerdings "ein radikaler Akt".
Aehnlich pragmatisch ist uebrigens ein Spruch, den ich als junge Frau in Salzburg an einer Haeuserwand gelesen und nie vergessen habe: "Glaube befreit oder er taugt nicht".

Viel habe ich auch in den Begegnungen mit Ordensleuten gelernt , so zB, dass der Glaube ein Geschenk ist und man ihn also nicht erzwingen kann. Ich bin heute sehr dankbar, dass ich in dieser Art glaeubig sein darf. War nicht immer so.
Ich kann mich gut an die Zeit erinnern, als ich mir den Boden unter den Fuessen wegrationalisiert habe. Eigentlich hat mich ein Text von Dorothee Soelle zur Umkehr gebracht. Sie zitiert dort Brecht und dieser Brecht-Satz hat gewirkt: "Die Wahrheit ist konkret".

Was du konkret lebst, ist deine Wahrheit. Das ist das, worauf du dich verlaesst, (an) was du glaubst. Wie weit dieser persoenliche Glaube konfessionell gepraegt ist, ist eine andere Sache. Noch einmal etwas anderes ist, ob und wie weit man sich dieser Praegung bewusst ist, was man von dieser Praegung versteht und nachvollziehen kann, was man akzeptiert oder ablehnt; was vom dem, was wirklich traegt, man mitteilen und was mit anderen teilen kann.

Ich jedenfalls will die Sabbatzeit nuetzen, um meine eigenen Glaubensgrundlagen ein wenig besser zu verstehen. Denn so wie beim Aikido und beim Kind erziehen, habe ich bisher kaum Buecher darueber gelesen, sondern versucht Erfahrungen zu sammeln, Vorbilder zu finden und zu ueben.

Es gibt also einen intellektuellen Nachholbedarf.
Buchtipp fuer Einsteiger (lese ich gerade): Andrea Schwarz: Die Bibel verstehen in 25 Schritten. Ein Durchblick-Buch fuer Neugierige.
Einfach und amuesant geschrieben, dabei nicht unkritisch, enthaelt viel grundlegende Information in sinnvollen Portionen. Fuer Einsteiger eben.

Am Abreisetag habe ich eine Reisebibel erstanden. (Hab ich von den Profis abgeschaut.)
Dieses praktische Ding ist etwas groesser als eine Postkarte, allerdings etwa 4 cm dick. Sie steckt in einem eleganten schwarzen Etui mit Reissverschluss.
Peter hat sie ins Etui gegeben und sie dabei zum ersten Mal aufgeschlagen.
"Wenn du schon hinein schaust, dann musst du auch vorlesen", meinte ich. Es war das Hohelied der Liebe von Salomo.

Nun, von dort aus lese ich jetzt jeden Tag ein Stueckchen weiter.
Salomo schreibt viel ueber Weisheit, und ueber den Unterschied von gelingendem und gescheitertem Leben. Interessant, das mit der Realitaet in Brasilien in Zusammenhang zu bringen, wo 10 Millionen Menschen ohne Dach ueber dem Kopf leben. Diese Art des Bibellesens ist Nachdenkstoff und Lebensorientierung.
Aehnlich lesen die Schwestern hier waehrend der Messe nicht nur aus dem Alten und Neuen Testament vor, sondern diskutieren die Bibelstellen. Was bedeutet das fuer uns heute? Manchmal soll es dabei heiss hergehen. Das allerdings weiss ich aus zweiter Hand.
Man feiert in dieser Gemeinschaft, wie ich mir eine lateinamerikanische Messe vorstelle: In einem staendigen Wechsel von dem Ritus, der mir vertraut ist, und freiem Gespraech. Der Priester kommt aus dem Norden Brasiliens, ist jung und studiert Jus in Sao Paulo. Er hat mich gleich bei der ersten Begegnung in der Messe:
- beim Namen genannt
- berueht
- in meiner eigenen Sprache zu Wort kommen lassen.
Ich fuehlte mich natuerlich willkommen, akzeptiert, persoenlich gemeint. Ein lebensfoerderlicher Zustand.

Die Reisebibel dient mir aber nicht nur als Stoff zum Nachdenken. In der Frueh beginne ich den Tag mit einen Psalm. Diese mehrere tausend Jahre alten Texte sind so direkt wie..., wie Rapper-Texte! OK, nicht ordinaer, aber leidenschaftlich: Brutal, schoen, richten auf, verwirren, manchmal alles in einem. Sie sind ja Lieder, eigentlich nicht zum Lesen geeignet. Man muss sie irgendwie anders in sich aufnehmen, auf der Zunge zergehen lassen, kosten. Sehr abwechslungsreiche, oft schwer verdauliche und eigentlich gar nicht suesse Seelennahrung.
Trotzdem habe ich eine Kostprobe voll Poesie ausgesucht:

Die Himmel ruehmen die Herrlichkeit Gottes,
vom Werk seiner Haende kuendigt das Firmament.
Ein Tag sagt es dem andern,
eine Nacht tut es der andern kund,
ohne Worte und ohne Reden,
unhoerbar bleibt ihre Stimme.
Doch ihre Botschaft geht in die ganze Welt hinaus,
ihre Kunde bis zu den Enden der Erde.
Dort hat er der Sonne ein Zelt gebaut.
Sie tritt aus ihrem Gemach hervor wie ein Braeutigam,
sie frohlockt wie ein Held
und laeuft ihre Bahn. (Aus Psalm 19, von David)

Freitag, 18. November 2005

18.11. Erster Sozialeinsatz

Als regelmaessige/r Besucher/in gibts heute Ueberraschung fuer dich: In den Kapiteln "Tagebuch" und "Auspacken" sind die Fotos, die bereits auf CD sind. Das neue Standbild zeigt den Ausblick von der Anhoehe des Jesuitenkollegs im Stadtzentrum. Wenn ich erst einen Datenstick habe, gibts mit etwas Glueck die Bilder taeglich direkt von der Kamera.

So langsam nimmt die Zeit des Ausruhens ein Ende. Gar nicht schlecht.
Mit Wassergymnastik zB, heute Frueh von 7 - 8!
In der Schule gibts ein grosses Schwimmbad. Taeglich haben Nachbarn, Eltern der Schulkinder, LehrerInnen die Moeglichkeit Gymnastik zu machen und manchmal auch noch laenger zu schwimmen. Der Mister Vorturner ist ein Ungustl: Einmal obermilitaerisch, dass einem das Grausen kommen koennte, dann zuckersuesser Macho - *klimperklimper mit den Augen*. Er setzt alle Methoden der schwarzen Paedagogik ein: Einzelne herauspicken, laecherlich machen, drohen, andere hervorheben. Er hat 40 gstandene Damen mit Durchschnittsalter 55 und schwarzen Badeanzuegen vor sich - bestenfalls war das sein Versuch einer Show. Allerdings, ohne dass er bemerkt, dass er damit nicht ankommt. Wie der mit Kindern umgeht, wuerde mich interessieren.
Ich finde seine Uebungen einfallslos. Nach dreissig Minuten mehr oder weniger das gleiche machen, wechsle ich eben mit eigenen Uebungen ab. Bin ja nicht im Lager hier. Natuerlich muss er dann zum Schluss mich aussuchen, um die Nackenmassage vorzuzeigen.
Zuerst einmal kneisst er rasch, dass ich mich nicht festhalten lasse. (Das kann jeder Selbstverteidigungsanfaenger nach der ersten Stunde.) Ich lenke dann aber ein und lasse ihn kurz demonstrieren. Nach 30 Sekunden drehe ich mich mit Aikido-Ausruf so blitzartig um, dass er zurueckgespickt. Lautes Lachen rundherum. Alle haben es ihm gegoennt. "Österreichische Frauen sind sehr gefaehrlich.", habe ich gesagt, und mich sauwohl dabei gefuehlt. Was waeren die grossen Erfolge ohne die kleinen? ;-)

Candida ist eine der Seniorinnen hier. Sie geht jeden Tag in das Zentrum St. Martin de Lima. Es ist so was aehnliches wie die Gruft in Wien: Obdachlose kommen, sie koennen sich waschen, es gibt zu Mittag was Warmes zu essen. Es ist mehr oder weniger ein grosser Garagenraum aus Beton zwischen einigen Hauptverkehrstrassen. Aber der Stil ist sehr angenehm: An der Wand ist ein Bild, wie ein junger schwarzer Priester einem alten Weissen mit zerrissener Kleidung die Hand reicht. Das Zentrum nennt sich: Raum des Respekts und des Dialogs.
Die Speisekarte ist mit farbiger Kreide geschrieben und sieht appetittlich aus: Reis, schwarze Bohnen, Wurst (trotz Freitag), spezielles geroestetes Mehl, das lecker schmeckt und an dessen Namen ich mich nicht mehr erinnern kann, Pudding als Dessert. Taeglich gibts ein Programm. Heute hatten sie aber was Spezielles: Eine afrikanische "Zelebration des Glaubens". Das ist ein unuebersetzbares Ineinander von Lebensfreude, Trommeln und Tanz, Lesung aus der Bibel, Bezug auf die alten afrikanischen Schutzgoetter. Als "Vorgruppe" haben Schueler einige Kampftaenze vorgefuehrt. Die Stimmung war gut.
Die afrikanischen Menschen sind wahrscheinlich die schoensten Menschen auf der Welt.

Ich helfe beim Essen austeilen. Danach draenge ich mich natuerlich zum Abwaschen auf. Wie immer. Kenner wissen, dass ich diesbezueglich Maschinenstuermerin bin.
Die anderen Helfer und Helferinnen kommen herzlich auf mich zu. Wer immer einen Vorfahren hat, der deutschsprachig war, wird zu mir geschickt oder kommt von selber. Eine Italienerin waescht mit mir ab. Sie will zwei Monate als Volontaerin hier mitarbeiten. Sie ist den ersten Tag in Brasilien, vorher hat sie eine technisch orientierte Fachausbildung gemacht und anschliessend in einer Pizzeria gearbeitet.
Sie weckt ein Gefuehl in mir: Die Unbeschwertheit, jung zu sein und zu spueren, dass da noch so viel unentdecktes Land vor einem liegt.

Sicher werde ich oefter mit Candida zum Zentrum fahren. Aber zweimal taeglich portugiesisch lernen, das muss noch drin sein!

Donnerstag, 17. November 2005

17.11. Babylonische Sprachverwirrung

Gestern Nachmittag habe ich also den grossen Koffer gepackt und bin nach einem herzlichen Abschied mit Sehi in den Osten der Stadt gefahren. 40 Minuten Rolling Stones im Auto - mmmm!
Der typische Platzregen am Nachmittag hat uns fast weggeschwemmt, als wir ankamen. Terezinha, die Konventoberin, hat mich herzlich empfangen. Caetana ist die Schwester, die die Schule leitet. Vom Temperament her sind die zwei Hauptverantwortlichen wie Salz und Pfeffer: Die eine machts bekoemmlich, die andere gibt Hitze!
Bild: Salz weiss, Pfeffer gelb :-)
ter-u-cae

Ausser den beiden leben noch drei aeltere Schwestern hier: Regina, Inacia und Candida. Wie ueblich geht keine im Ordenskleid, sondern sind im Stil sehr unterschiedlich, mit persoenlicher Note gekleidet.
Terezinha spricht recht gut englisch, Caetana einiges deutsch. Der Effekt: Hier geht in einem Satz manchmal alles durcheinander. Es gibt neuen Grund zum Lachen.

Wo schreibe ich jetzt gerade? Terezinha hat mir ihr Buero zur Verfuegung gestellt, Caetana, hat den Internet-Anschluss fuer mich machen lassen. Das kleine Zimmer hat einen Ausgang ebenerdig in den Schulhof. Ich hoere im Hintergrund die typischen Schulgeraeusche: Kinderstimmen, Schulglocke, Ballspiel und Schreien aus der Turnhalle, jemand spielt Gitarre. Die Kinder / Jugendlichen tragen eine sportliche Schuluniform: Ein weisses T-Shirt und eine blaue Trikothose, die aelteren eine coolere schwarze.
Die Schule hat ueber 1000 SchuelerInnen und verschiedene Schultypen. Die Mary Ward Schulen haben ein eigenes paedagogisches Konzept erarbeitet. Es gibt eine Schulzeitung, ein Theater, jede Menge soziale Aktivitaeten. Abends bieten sie kostenguenstig eine Art Abenduni fuer Erwachsene an. Gestern konnte ich einen Blick in die EDV-Stunde werfen und sah den PC-Saal mit 36 Arbeitsplaetzen. Da hat sich u.a. eine Gruppe junger Maenner auf eine Bewerbung vorbereitet: Sie waren perfekt gestylt mit Anzug und Krawatte. Also es gibt doch huebsche Maenner. :-)
Dieser Raum war frueher die Schulbibliothek, vollgestellt mit tausenden Buechern. Die Buecher haben den PCs Platz gemacht, aber sind noch da und zugaenglich. Caetana zeigte mir stolz das System: Was von vorne aussieht wie grosszuegige Garderoben, sind in Wirklichkeit ca. drei Meter tiefe, rollbare Buchregale, die die volle Raumhoehe einnehmen. Peter, juchu, keine Panik vor den naechsten viertausend in deiner Wohnung!

Nach der Schulbesichtigung heute Frueh hatte ich noch eine gute Stunde Zeit bis zur ersten Portugiesisch-Lektion mit der neuen Lehrerin. Was mache ich denn jetzt? Ah, ich habe ja einen Schluessel! Das viele Sitzen und Essen macht koerperlich rund und stimmungsmaessig unrund. Hoechste Zeit fuer eine richtige "Runde" um den Block. Also, ganz locker an der Pfortendame vorbei marschieren und dann orientieren. Ich will mich ja nicht verlaufen. Die Strasse heisst "Rua Coronel Marques" und sieht frequentiert aus, da kann nix passieren. Haeuser-in-SP

Ich lege den flotten Schritt ein und komme bald an einer auffaelligen, gelben Kirche vorbei: Pfarrkirche San João - ist auch ein guter Merkpunkt. Also weiter. Recht bald kommen weniger noble Haeuser, wieder die Werkstaettenzeilen. Den gleichen Weg zurueck? Nein, ich werde die Parallelstrasse gehen. (Tja, das war die heikle Entscheidung.) Ganz parallel gehts natuerlich nicht. Macht auch nix, ich suche einfach wieder die Kirche. Der Weg geht auf und ab, durch einen echten Vorstadt-Markt, mit Obst, Gemuese, Fisch, Gewand etc., an einigen Hinterhoefen vorbei, ueber zwei Pontinhios, Bruecklein. Ah, da vorne ist die Kirche. Nur leider - die sieht genau so aus, heisst aber anders. Na, Mahlzeit. Das ist jetzt genau das, was ich nicht will. Mist, um die Zeit wollte ich schon zurueck sein. Heiliger Antonius - Geni vom Kardinal Koenig Haus hat mir eine kleine Statue geschenkt, damit ich nicht verloren gehe - jetzt gibts einen Versicherungsfall! Wenn ich zu spaet komme, werden die sich Sorgen machen, weil ich unvernueftigerweise niemandem gesagt habe, dass ich weggehe.
Die erste Frau, die ich frage, sagt etwas Unverstaendliches und ich nehme an, dass ich was Unverstaendliches gefragt habe. Dann in eine Werkstatt, zwei Mechaniker. Das habe ich schon gelernt: Die Leute hier reden gern und ausfuehrlich. Also eine schnelle Antwort ist nicht drin. Immerhin, er versteht mich. Er kennt die Strasse, aber, "Carramba!", wo ist die bloss? Der Plan wird gesucht - es scheint erstens ganz einfach zu sein und zweitens "perto" - mein Lieblingswort in dem Moment - heisst naemlich "nahe".
Ich gehe, wie er mir sagte, ca. fuenf Minuten geradeaus, dann frage ich zwei aeltere Herren, die an der Strassenecke ins Gespraech vertieft sind. Freundliche Konversation zuerst, ob ich aus Italien bin. Nein Austrianca. Ich suche die Kirche San João. San João? Ja. De Battista? Ja. Die Katholische Kirche? Ich nehm mal an, dass die katholisch ist und sage wieder Ja. Die ist ganz nahe, nur da vorne um die Ecke. Der eine Herr begleitet mich. Er sei ueber 70, erzaehlt er, und wohne hier seit ueber 40 Jahren. Ein freundliches "Vielen Dank!" und 5 nach 10 komme ich gerade noch rechtzeitig zur Stunde. Puh!

Die Lehrerin ist hat sich rasch auf mich eingestellt. Sie scheint erfreut, dass ich schon so weit bin, und was ich besonders schaetze: Sie laesst mich dauernd portugiesisch reden, korrigiert und ermutigt.
Als Hausuebung habe ich eine CD mit Grimmschen Maerchen bekommen. Die soll ich ihr bei der naechsten Stunde erzaehlen. So werde ich also zur Maerchenerzaehlerin...
PS: Die Schwestern lassen mich die Stunden nicht bezahlen. Auch fuer Kost und Logis weigern sie sich, etwas anzunehmen. Jetzt werde ich eben Geschenke kaufen. Liebe Leute, ich bin wiederum fuer jeden Tipp dankbar!

Mittwoch, 16. November 2005

16.11. Umzugtag?

Soweit ich verstanden habe, werde ich heute fuer die naechsten Wochen in eine andere Gemeinschaft umziehen. Dort gibt es eine grosse Schule der Schwestern, die Gemeinschaft liegt naeher beim Zentrum. Ich kann dort mehr von der Stadt sehen, einkaufen und es gibt auch eine Lehrerin, die mir Stunden geben wird.
Sollte das richtig sein, werde ich heute mit wirklichem Bedauern von hier aufbrechen. Die vier Schwestern habe ich sehr ins Herz geschlossen - Das muss ein Effekt wie der Praegeeffekt bei den Graugaensen sein: Das erste Wesen das sie erblicken, dem haengen sie auf Dauer an.

Gottseidank funktioniert das Mail heute wieder.
Ich musste ueber eine Nachricht von Heidrun herzlich lachen.
Ein Teil bezieht sich aufs Weblog, und ich nehme gern dazu Stellung.
Sie schreibt:
=====
soooo, genug von mir: wie gehts dir? du beschreibst auf deiner homepage zwar
alles was dir passiert, aber: wie fühlst du dich?
ist es komisch, wenn alle ausländisch reden *fg*
wie tut dir die sonne? hast du einen sonnenbrand?
gibt es viele hübsche männer in brasilien?
vermisst du uns? bist du glücklich????????
=====

das laesst sich alles leicht beantworten:
1. ich fuehle mich hier, wie jemand der ausruht. ich habe zeit zum nachdenken, zum beten, zum "verkosten der dinge". ich erlebe diesen ort so, als sei er der erste ort, an dem "schneller" nicht "besser" ist, sondern im gegenteil, anlass, ein wenig belaechelt zu werden.
2. fuer die hier bin ich eine auslaenderin, die ziemlich komisch spricht. heute zum beispiel habe ich was gesagt, und sie haben sich gebogen vor lachen. ich kann leider nicht berichten, wie ich das geschafft habe...
die situation fuehrt dazu, dass ich halt wenig spreche. manchmal fuehle ich mich wie sich wohl alte, schwerhoerige menschen fuehlen: wenn es mir gut geht und ich interessiert bin, strenge ich mich an, zu verstehen. dann schnappe ein paar brocken auf und muss mir einen reim daraus machen. dazwischen erhole ich mich und schalte ab. und wenn ich sie necken will und etwas nicht tun mag, sage ich: "ich habe nicht verstanden...."
3. sonne: habe ja brav eingecremt gestern, aber ziehe wirklich schon ein bisschen farbe an. da ich die meiste zeit des tages im kuehlen haus bin, kann ich es noch gut ertragen. bin aber gespannt, wie das wird, wenn es wirklich heiss wird. fatima zb hat gestern gefroren - im Manaus, wo sie gerade hergekommen ist, hat es 40 grad, bei uns erst 25...
4. huebsche frauen habe ich schon etliche gesehen, huebsche maenner nicht wirklich. obwohl sich jeder hier tiptop kleidet. es mag wohl sein, dass ich auch ein wenig befangen bin, wo ich doch den schoensten aller maenner etwas naeher kenne.
(jetzt bin ich mal gespannt, welchen kommentar es dazu aus wien gibt! ;-) )
5. es tut sich hier so viel neues und angenehmes, dass ich mich sehr verwoehnt und gluecklich fuehle. wie wenn ich nach vielem harten arbeiten zum ersten mal richtig pause machte. sabbatzeit.
manchmal, wenn ich an euch denke, packt ein gefuehl mein herz und drueckt es zusammen, das ist ein schmerz, aber ein suesser. er zeigt wieviel liebe da ist.
ihr seid mir hier sehr nah!Fruehling-in-SP

15.11. Tag der Republik, Feiertag in Brasilien

Ich habe die Schwestern zu einem Ausflug eingeladen und Mariana, die Studentin, sowie unser Gast Fatima sind mit mir in den Tiergarten gefahren.
Die Anreise mit dem Bus ist ziemlich abenteuerlich, wenn man sich nicht gut auskennt, weil die Verbindungen nirgends angeschrieben sind. Entweder man weiss es, oder man fragt (wenn man kann). Auf dem Bild lacht Fatima.
Fatima-im-Bus
Etwa 50% der Tiere im Zoo sind in Brasilien beheimatet, die haben mich natuerlich am meisten interessiert. Die Elefanten und Giraffen haben meine Begleitung begeistert.
Den Schlangen sehe ich immer gerne zu, sie bewegen sich so elegant. Einfach unglaublich ist der Ueberschwang der Farben und Formen der Voegel hier. Von den Waldtieren hat mich besonders der Ameisenbaer beeindruckt, den ich zum ersten Mal gesehen habe und der mit ueber zwei Metern Laenge viel groesser ist, als ich angenommen hatte.
Krokos-und-Schildkroeten

Um halb drei waren wir wieder zurueck und haben noch was Warmes vom Mittagessen bekommen. Danach waren wir aber wirklich muede, denn es war heute heiss bis schwuel. Ich bin um halb fuenf von der Siesta aufgewacht, als ein kurzes Gewitter die Luft wieder erfrischt hat.

Maria Elena, die letzte Provinzoberin von Brasilien, die zur Zeit in Rom als Generalraetin eingesetzt ist, hat am Abend angerufen. Es ist so aufmerksam von ihr, dass sie sich immer wieder erkundigt, ob alles in Ordnung ist: Wann ich die ersten Sprachlektionen bekomme etc.
Sie hat ziemlich Sehnsucht nach der Heimat. "Saudade!"

Im Rueckblick auf den heutigen Tag geht mir am meisten die Fahrt mit dem Bus nach. Aus mehreren Gruenden: São Paolo liegt in einem huegeligen Gebiet, man kommt also immer wieder an Punkte, von denen man eine gute Aussicht hat. Weiters sind wir lange durch eine Gegend gefahren, die wie die Zone des Uebergangs wirkt: Vom Slum, wo niemand arbeiten kann, zur Stadt mit ihren Wohn- und Arbeitsorten.
Die Haeuser sind einstoeckig, Wand an Wand aneinandergepickt, 4 bis 6 meter breit, ca 6 meter hoch. In der Regel sind sie hell oder geschmackvoll farbig verputzt, mit flachem Dach.
Im Parterre befindet sich eine Werkstatt, ein Geschaeft, ein Friseursalon etc., oben die Wohnung. Die Rollaeden vor den Geschaeften nehmen die ganze Breite des Hauses ein. Vom Boden bis zum Dach ist jedes Haus mit Graffitis beschrieben - beschmiert - bemalt, unterschiedlich.
Es hat mich an die Hoehlen in Spanien erinnert: Ganz nahe beieinander haben die Menschen sich ein Dach ueber dem Kopf geschaffen und trotzen dort der Natur - hier der urbanen Zivilisation eine Existenzgrundlage ab.

14.11. lernen lernen

Heute habe ich mit einer anderen Methode portugiesisch gelernt:
Nur die Lern-CD hoeren und zu verstehen versuchen. Ich scheitere naemlich daran, dass ich vom Lautbild nicht auf das Wortbild schliessen kann. Das ganze Vokabellernen nuetzt daher nicht viel, weil ich die Worte beim Hoeren nicht wieder erkenne. Und die Schwestern sind noch nicht so modern, Untertext mitlaufen zu lassen, damit ich mitlesen koennte wie im Buch. ;-)

Am Weg von der Messe nach Hause ist uns wahrscheinlich ein Kolibri begegnet. Der "Bela flor" ist etwa 7cm gross und dunkel, aber sein Gefieder schillert in Gruen- und Blautoenen. Ein bluehender Strauch vor einem Haus hat ihn angelockt und er blieb in der Luft vor der Bluete stehen und trank. Ein nettes Bild!

Am Vormittag war der Himmel strahlend und ich habe ich mich hinters Haus in die Sonne gesetzt zum Lernen. Nach 45 Minuten war es dann doch zu warm und ich bin wieder ins kuehle Haus umgezogen. Irgendwie habe ich mich schon daran gewoehnt, dass es jetzt Sommer wird, nicht Winter. Sorry, wenn das jetzt gemein war... ;-)

Meinen ersten eigenstaendigen Einkauf habe ich geschafft: Ein neues Ladegeraet fuer die Akkus, die ich mithabe. Leider konnte ich das Zauberding von Peter, das die Akkus mit Sonnenlicht auflaedt, nicht zum Funktionieren bringen.

Clotilde hat sich weiter nach einer Jacke fuer mich umgeschaut und mir heute eine nette Boutique gezeigt. Fast haette ich ein Shirt fuer Heidrun gekauft, war mir aber zu unsicher, was sie gerade traegt. Ich glaube es waere ihr "mais doce" - zu suess gewesen.
Aber wenigstens habe ich jetzt eine nette beige Strickjacke, die ich bei allen Anlaessen tragen kann, bei denen ich in der regendichten Wanderjacke nicht wirklich gut adjustiert waere. Und zwar um etwa 20 Euro.

Nach der Siesta habe ich endlich wieder einmal mit Genuss ein Buch ruckzuck durchgelesen: "Monsieur Ibrahim". Es ist ein Geschenk aus dem Notfallkorb der Kollegen aus Lainz und lehrt mich faulenzen!
Die Batterien sind inzwischen wieder geladen und ich habe die Schwestern fotografieren koennen. Dass die Digi-Fotos sofort zu sehen sind, war eine Gaude fuer uns alle.

Katia ist heute fuer 10 Tage in Urlaub gefahren zu ihrer Familie.
In diesem Haus ist staendig Besuch. Schwestern, Freunde, Familienangehoerige, die in der Naehe sind, kommen zumindest kurz vorbei. Heute uebernachtet eine junge Schwester aus dem Amazonas-Tiefland hier. Fatima ist eine beeindruckende, junge Frau, voll Klarheit und Lebensfreude. Ich leide schon, dass ich so wenig verstehe, wenn sie erzaehlt. Es bleibt mir nur, die Person als ganze zu beobachten und die angenehme Sprachmelodie zu geniessen.

Noch ein Highlight des Tages: Letizia hat Striezl gebacken! Mit Rosinen! Was sagt man dazu!?
Bild: Letizia in ihrem Reich
Letizia-Kuechenfee

Das wichtigste KURZ

Endlich Fotos! - ab 1.2.. Dieses Blog enthaelt Notizen und Fotos bis zum 23.2., der ersten Zeit in Piaui. Fortsetzung unter <2brasil.twoday.net>!!!!!!!! Seit 30.1. geniesse das Landleben im "Wilden Westen" von Brasilien - das ist der Nordosten, genauer gesagt Bundesstaat Piaui! Derzeit wohne ich in der Fundacao ASAS, einem privaten Bildungsprojekt fuer Kinder aus benachteiligten Familien. Roberto, der Gruender, ist Hoellaender und arbeitet hier als Seelsorger. Die Gemeinde Sao Miguel hat etwa 3000 EW, laendlicher Raum, schoene Natur, derzeit angenehm sommerliches Wetter. Ich arbeite im Buero, habe viel Kontakt mit Kindern und besuche Familien. Die ersten 2,5 Monate habe ich in Sao Paulo gelebt, in verschiedenen Haeusern der Schwestern der Congregatio Jesu: Zentrale, Schule, Peripherie. Besuchte Sozialprojekte, interviewte interessante Menschen, recherierte viel im Internet, lernte portugiesisch und half ehrenamtlich mit.

Info fuer AllesleserInnen

Das Tagebuch ist wieder aktuell. Falls dein PC manche Tage nicht anzeigt, gehe in der obersten Befehlszeile auf "brasil" und wenn die Auswahl sich zeigt auf "Tagebuch". Die Suchmaschine funktioniert auch, allerdings muss man halt wissen, was man finden will... Peter und Heidrun wissen normalerweise, wie es mir geht: peter.hirsch@atnet.at; HeidrunLange1984@aol.com

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