Dulce ist 65, sehr huebsch, politisch interessiert und eine ungemein emsige und gut aufgelegte Arbeitsbiene. Schon beim Kennenlernen hat sie mir gestanden, dass sie dafuer bekannt ist, Chaos zu stiften, weil sie sich zu viel vornimmt.
"Ein Schuft, der mehr gibt als er hat.", habe ich darauf zitiert, weil es gute Gruende fuer mich gibt, diesen Spruch zu kennen. :-)
Sie hat sehr gelacht und den Spruch mindestens fuenfmal zitiert.
Folgerichtig war der erste Teil des Tages mit Dulce, 1,5 Stunden auf sie zu warten. Machte aber nichts, denn ich hatte genug zu tun.
Wir waren um die Mittagszeit in einem Frauenhaus der Stadt Sao Paulo, das gemeinsam mit verschiedenen Ordensgemeinschaften gefuehrt wird.
Auf dem Areal einer ehemaligen Busfirma wurden die Barracken zu einfachen Haeusern umgebaut. Hunderte obdachlose Menschen leben hier, auch Behinderte, und sind zumindest koerperlich versorgt. Wie weit sie unterstuetzt werden, ihren Alltag einigermassen menschlich zu bewaeltigen, kann ich nicht sagen. Gibt es hier ein Vis-a-vis, mit dem man sprechen kann? Gibt es Beschaeftigungsmoeglichkeiten?
Im Frauenhaus wohnen jetzt ueber 40 Frauen. Sie suchen hier Schutz, wenn es zuhause zu arg wird, oder weil sie rausgeworfen wurden. Gregoria zum Beispiel war Koechin bei einer Familie im Norden, wurde schwanger und konnte solange bleiben, bis ihre Tochter begann herumzukriechen. Die meisten sind wie sie mit ihren Kleinkindern da.
Hier Unterschlupf zu finden bedeutet nicht, ein gemachtes Nest zu haben, in dem man es sich gemuetlich machen koennte. Es gibt drei Schlafsaele, in jedem stehen ca. 12 Stockbetten und kleine Kinderbetten dazwischen. In einem Stockbett schlafen in der Regel zwei Frauen, wenn die Kinder juenger als 2 Jahre sind, liegen sie bei der Mama im Bett.
Bei den noetigen Haushaltsarbeiten und beim Kochen helfen die Frauen nach einem bestimmten Turnus mit. Etwa die Haelfte der Frauen ist untertags weg und sucht bzw. hat Arbeit. Die uebrigen warten. Auf ein Wunder.
Mit den Kindern beschaeftigte sich an dem Nachmittag, als wir da waren, niemand. Dulce erzaehlte, dass sie zweimal in der Woche fuer Kinder oder Muetter eine Runde anbietet.
Wir konnten ein wenig mit den Angestellten sprechen. Es gibt SozialarbeiterInnen, Psychotherapie und eine Lehrerin / Erwachsenenbildnerin. Ich habe mit den Kindern Kontakt aufgenommen, das ist leichter, und gleich haben wir Schiffe aus Zeitungspapier gemacht.
"Tia!", rufen sie, das heisst Tante, "Tia, noch eins fuer mich!" Sie sind natuerlich unersaettlich und absolut liebe Schnuddernasen.
Nach dem Cafezinho machten wir uns auf. Es war ein heisser Tag und Dulce wollte Weihnachtseinkaeufe fuer die Kinder in einem Favela machen. So habe ich die billig-billig Shops kennengelernt. In eng beieinanderstehenden Regalen findest du alles was du irgendwann brauchen koenntest um einen halben Euro und "made in China".
Eine Barbi, fixfertig angezogen: 0,4 Euro.
Ein Englaender (Werkzeug, auch Hollaender genannt) um 0,8 Euro.
und so weiter.
Jemand hat Dulce 100 Reails gegeben (ca. 35 Euro) und nach getaner Tat hatte sie fuer 200 Kinder Spielzeug. Aber gefeilscht hat sie!
Bepackt wie der Weihnachtsmann haben wir uns dann in den Bus gewagt. Diese Busfahrt war der Hoehepunkt des Tages fuer mich!
Der Bus ist voll, aber etwas geht immer noch. Der Kassierer vorne ermahnt, weiter nach hinten zu gehen und schiebt ab und zu mal an. Wer eine groessere Handtasche oder ein Plastiksackerl dabei hat, gibt es dem Fahrer bzw. der Person ganz vorne. Diesmal war ich das. Offenbar vertraut man darauf, dass man beim Aussteigen alles wieder heil zurueck bekommt. Vorne entsteht ein Packerlberg, der den gesamten Beifahrerraum bis hinueber aufs Amaturenbrett des Fahrers bedeckt. Grad fuer mich lasse ich noch Platz und hockerl mich am Boden hin.
Bei jeder Haltestelle entscheidet der Kassierer neu, ob der Fahrer die Tuer schliessen kann oder ob es sich grad nicht mehr ausgeht.
Das generelle Interesse an Auslaendern und meine Versuche, die Situation fotografisch festzuhalten, haben dazu gefuehrt, dass Fahrer, Kassierer und die vordersten Frauen mit ihren Kindern gleich mit mir zu schaekern beginnen. Das und die ganze Situation habe ich ungeheuer genossen: Das Gequetsche, der Busfahrer faehrt wie die Sau, Strasse und Verkehr machen die Fahrt zur Reise auf der Achterbahn und trotzdem sind die Menschen entspannt und ich habe oefter laut gelacht - und mich mit beiden Haenden gut fest gehalten!
Aber auch die heiterste Reise geht mal zu Ende und wir wurden raus gelassen. Dulce und Hilda wohnen sozusagen in der Vorstadt. Als sie vor 20 Jahren hergezogen sind, gabs da noch keine Haeuser, jetzt ist alles dicht besiedelt. Ein paar hundert Meter gehts von der Haltestelle zu ihrem netten Haus, am Gehsteig gibts Grilloefen - bei uns mit Maroni - hier mit Churrasco (Fleischspiesschen - 3 Stueck 70 Cent). Dulce hat mir zulieb gleich zugeschlagen und wir haben verschiedene Spiesse fuers Abendessen mitgenommen.
Gleich nach dem Essen hatte Dulce noch zu tun. Sie arbeitet in der Pfarre mit und musste zum Abendgottesdienst. Den Begriff "Pfarre" verwendet sie nicht, erklaerte sie mir. "Wir sagen Comunidade." (Gemeinschaft, Gemeinde). Ich begleitete sie und hab dann gemerkt, was sie meinte.
Die Kirche wirkt wie eine sauber ausgemalte Omnibus-Garage. Ueber dem Altar haengt ein grosses Transparent: Solidaritaet und Friede. Die Gegenstaende im Raum sind weder kunstvoll noch auserlesen und ziemlich "vorgeliebt" (gebraucht). Das ergibt eine Atmosphaere irgendwo zwischen Wohnzimmer und Fohmarkt.
Die Messe beginnt mit einem freundlichen "Guten Abend" und die Versammelten beantworten den Gruss laut und kraeftig. Die Kirche ist uebervoll, schaetze etwa 250 Personen. Viel Gesang, viel Improvisation, lange und leidenschaftliche Predigt.
Am Schluss ist nicht Schluss, sondern es gibt verschiedenste Infos und Absprachen: Wer braucht was? Wo ist was los? Wer kann den jungen Pfarrer begleiten? "Wenn ich das mache, kocht bei mir niemand." Gut, wer uebernimmt das Kochen fuer xyz?, und so fort.
Am Schluss freudiges Auseinandergehen. "Natuerlich" stellt mich Dulce im Plenum vor: "Das ist Rosa, ein Besuch aus Australien...". :-))
Nach der Messe kommen etwa zwanzig Personen auf mich zu und heissen mich herzlich willkommen.
Kultur findest du hier nicht in der Ausstattung der Kirche, sondern im Umgang der Menschen miteinander.
rosa_r - 14. Dez, 12:24