Tagebuch

Samstag, 17. Dezember 2005

15.12. Saudade - Herzschmerz

Die Emotion um mich herum steckt mich an. Zudem beginnt auch fuer mich wiederum ein Abschied: Von meiner lieben Lehrerin Célia, die mich so gut begleitet hat, und von den Schwestern hier.

Nicht schwer zu erraten, was es am Abend gab: Ein Abschluss- und Weihnachtsfest, diesmal von den Kindergartenkindern.
Bild: Entlein
Creche

Zum Einstieg, waehrend noch alle ihre Plaetze im Theater suchen, wird ein Film mit Szenen aus dem Kindergarten projeziert: Zwergerln, die zum Kindi kommen – huepfend oder mit gesenktem Kopf; Kinder, die ihre Taschen auspacken, die spielen und so weiter. Kindergesichter ohne Ende. Hinreissend. Und dazwischen immer wieder auch drei Kinder, die im Rollstuhl sitzen und trotz ihrer Laehmung in die Aktivitaeten der anderen einbezogen werden. Schliesslich konnte ich mich nicht mehr halten. Das Bild war zu schoen, und es erinnerte mich zu sehr an Elena und an alle Menschen, die ihre Kreativitaet fuer sie einsetzen.
Hier geht man sehr normal mit Gefuehlen um, und es ist daher nicht schwer zu weinen und sich trotzdem mit den anderen zu freuen.

14.12. Japan in Liberdade

Heute Vormittag gabs Feuerwerk in der Schule. Ich dachte an eine Schulschlussparty: “School’s out for summer, school’s our for winter....”
Aber nein, wenn es hier kracht, dann hat Sao Paulo irgendwo auf der Welt ein Fussballmatch gewonnen. Diesmal wars unueberhoerbar in Tokyo.

Das passt, denn am Nachmittag wollte ich ein japanisches Strassenfest besuchen, das mein Reisefuehrer als Geheimtipp bewirbt. Im Stadtteil Liberdade leben zum groessten Teil Japaner. Die Strassenbeleuchtung ist japanisch, die Geschaefte sind japanisch angeschrieben und es gibt mehrere japanische Ausgaben von Tageszeitungen in Sao Paulo.
In den Strassen reiehn sich herrliche Geschaefte einander: Kitsch und schoene Dinge aus Holz und Halbedelstein, Porzellan und elektrische Reiskocher. Ein wunderbares Holzschwert aus edlem dunkelrotem Holz kostet – Atem anhalten – 10 Euro. Gesehen im Japan-Shop.
Candinha hat mich begleitet und ist mit mir durch einen japanischen Garten spaziert. Ich habe ihr ein wenig von der japanischen Spiritualitaet des Augenblicks erzaehlt: “Meister, was tust du, um zur Erleuchtung zu gelangen?” “Wenn ich gehe, dann gehe ich. Wenn ich stehe, dann stehe ich. Wenn ich sitze, dann sitze ich.” “Ja, Meister, aber das tun wir auch.” “Nein, wenn ihr geht, dann steht ihr schon. Wenn ihr steht, dann sitzt ihr schon. Wenn ihr sitzt, dann geht ihr schon.”

Zu meiner Schande muss ich sagen, dass ich das Fest nicht finden konnte. Ein Nachmittag mit Candinha beschert aber andere Attraktionen: Wir finden eine winzige Kirche, die fast 300 Jahre alt ist: Zur Madonna von den Noeten. Der Mesner holt sogar die Statuen der Heiligen aus der Vitrine, als er bemerkt, dass ich fotografiere. Candinha plaudert mit jedem und nuetzt die Zeit, auf ihre Weise zu fuer Ordensnachwuchs zu werben: “Nein, ich bin nicht aus Sao Paulo. Ich bin eine Gaucha und ich liebe die Armen. Und ich danke jeden Tag Gott, dass ich eine Ordensfrau bin.”

Dann stolpern wir noch ueber grosse und ueberreichlich ausgemalte Kirche voller Heiligenstatuen, von der Candinha behauptet, dass sie jeder kennt. Weiters finde ich endlich ein Geschaeft, das mir die Fotos von der CD ausdruckt. Das ist fein, denn jetzt habe ich ein Weihnachtsgeschenk fuer jede Schwester!

Wir muessen puenktlich zuhause sein, denn um 7 Uhr gibts die Schulschlussfeier des “Alphabetisierungs-Kurses”. Das sind Jahreskurse mit den Inhalten der Grundschule, verbunden mit erwachsenengerechten Methoden. Caetana hat ein Team von LehrerInnen, die zum groessten Teil ehrenamtlich unterrichten. Seit vier Jahren werden diese Kurse durchgefuehrt und in jedem Jahrgang sind ca. 30 Personen jeden Alters. Fuer diese bedeutet die Abendschule dreimal in der Woche von 18:30 – 21:00 Uhr Unterricht. Beeindruckend, dass sie das durchhalten!
Und es spricht sehr fuer den Stil des Kurses, dass etliche der StudentInnen seit vier Jahren dabei geblieben sind und sogar noch ein Jahr anhaengen wollen.
Die Verabschiedung des vierten Jahrgangs bringt reichlich Emotion. Besonders beruehrend ist die Erzaehlung einer Lehrerin, die berichtet, wie sehr sie sich mit jeder einzelnen freut, wenn es gelingt, sich ein Stueck der Welt des Wissens zu erobern. Sie vollendet ihre kurze Rede mit Traenen.

Im Gespraech mit den anderen LehrerInnen spuere ich die Freude an meinem Beruf, Erwachsenenbildung, deutlich. Hier bin ich richtig.

Terezinha muss frueher weg und zur Parallelveranstaltung: In der Mittelstufe wird ebenfalls ein Jahrgang Jugendlich von ca. 15 Jahren verabschiedet.
Die Schueler der Mittelstufe sind sichtlich nicht aus der Oberschicht. Manche Eltern und Geschwister sind mit dem Ritus der Messe nicht vertraut und wirken etwas verloren.
Der Gottesdienst haette genausogut bei uns statt finden koennen: Der Priester ist jung und bemueht sich redlich, zischt aber haarscharf an den Jugendlichen vorbei, die miteinander konkurrieren, wer unter ihnen der coolste ist. Was bei uns nicht selbstverstaendlich ist: Das Fest wird von einem professionellen Kamerateam dokumentiert. Wieder ein Zeichen fuer den hohen Standard dieser Schule.
Am Schluss rettet Caetana die Messe, indem sie eine kurze, herzliche Ansprache haelt und alle auffordert sich ein Zeichen der Freude und Dankbarkeit zu schenken. Zu Beginn ein wenig vorsichtig, aber bald ohne Hemmung suchen sich jetzt Eltern und AbsolventInnen und fallen einander in die Arme. Auch fuer die Schueler ist das passender Rahmen, sich lachend und weinend voneinander zu verabschieden.
Welche Seligkeit zum Ausklang dieses Tages!
emocao

Donnerstag, 15. Dezember 2005

13. und 14.12. Santa Luzia

Gestern, Montag war hauptsaechlich ein Lerntag. Und die Weihnachtspost habe ich verschickt.
Heute, 14.12. ist "St. Luzia"
Dreimal in der Woche feiern wir in unserer Kapelle Messe mit dem jungen Priester aus dem Norden. Heute hat er uns versetzt, was ueberraschenderweise niemanden aufgeregt hat. Statt dessen wurde so selbstverstaendlich improvisiert, dass ein Aussenstehender die Programmaenderung wohl kaum bemerkt haette. Die Schwestern sind sehr souveraen.

Um halb sieben gibts Fruehstueck. Um acht hatte ich bereits Geschirr und Waesche gewaschen und konnte mit dem Informatik-Lehrer Roberto die Fotos aus der Kamera auf eine CD zaubern. Endlich!
Das Resultat ist schon zu bewundern: Vom 2.12. bis heute gibts wieder "frische" Bilder.
Bild: Caetana und Bruderherz im Pool beim Geburtstagsfest
poolig

Am Rueckweg vom Computer-Raum gabs eine Ueberraschung:| Alle Ausgaenge waren versperrt, Roberto war nicht mehr da und ich war im Gebaeude 2 eingeschlossen. Am Freitag beginnen hier die grossen Ferien. In den letzten Schultagen gibts jede Menge Projekte und Ausfluege und Praesentationen und viele Klassen sind gar nicht da – Schulschluss eben, wie bei uns. So kann ich mir am ehesten erklaeren, dass ein ganzer Gebaeudeteil versperrt wird. Ich habe also ein Schlupfloch gesucht, allerdings erfolglos. Nach etwa 15 Minuten kommt aber eine Dame mit Schluessel und holt mich ab. Die Schule wird mit Wachpersonal und Kameras rund um die Uhr ueberwacht, wahrscheinlich hat man mich gesehen.

Zur Erholung einen schnellen Cafezinho und auf mit Candida nach St. Martin. Heute waren wir rasch fertig, denn sie hatten nur 280 Leute zum Essen, normal sinds 100 mehr.

Ob ich sie nach St. Luzia begleiten wuerde, fragt mich Candidinha. Aber sicher! Candida ist italienischer Abstammung. Ich nehme an, da muss sie einfach die Heilige an ihrem Festag besuchen gehen. Ausserdem ist dort heute was los! Unterwegs haben wir Saaantaaa Luuziiiiiaaaaaa! gesungen.

Schon vor der Kirche gibts ein Gedraenge und viele Bumenverkaeuferinnen. Die Kirche ist winzig, und uebervoll mit Blumen. Menschen sitzen, knien, beten, bringen weitere Blumen. An der Kommunionbank steht der Mesner mit der Reliquie im goldenen Gefaess. Er beruehrt damit die Stirn der geduldig in der Schlange Wartenden.
Es gibt zwei als wundertaetig verehrte Statuen in der Kapelle: ein “Jesuskind” und “Die Madonna mit dem Kopf”, das ist eine Marienstatue, die einen abgeschlagenen Kopf in der Hand haelt. Wer von meinen ikonographisch gebildeten Lesern weiss was dazu?

Candida will noch am Gottesdienst teilnehmen und ich schlendere derweil durchs Zentrum.
Nachdem ich das Kapitel ueber die Imbissstuben in meinem Portugiesisch-Buch fast auswendig kann, muss ich das auch mal probieren. In der Vitrine liegen kleine Pastetchen und ich entscheide mich fuer “Palmito” Palmherzen, weil ich mich schon beim Lesen immer gefragt habe, was das sein kann.
Wissen tue ich es noch nicht, aber es schmeckt sehr gut.
Die Auswahl des Getraenks war etwas stressig, denn es gibt mindestens 20 Fruchtsaefte mit unaussprechlichen Namen und ich kenne ausser Mango keinen. Ganz oben auf der Liste steht “Abacaxi”. Wenn ich mich recht erinnere, ist das Ananas. Richtig nimmt der Verkaeufer eine Ananas aus dem Kuehlschrank, schneidet sie in Stuecke und produziert mit dem Entsafter vor mir ein koestliches Getraenk.

Zurueck bei der Kirche sehe ich die Menschen bis heraus auf die Strasse stehen. Noch immer versuchen einzelne sich in die Kirche zu draengen. Arme Candida! Das wird wohl noch dauern, bis sie heraus kann, denke ich und mache es mir im Caféhaus vis-a-vis gemuetlich. Der Expresso kostet 30 Cent (!), naja war Selbstbedienung ;-)

Hast du es nicht gesehen, da taucht Candidinha puenktlich auf. Sie hat die Bewegung der Menschen, die zur Kommunion wollen, genutzt und sich aus der Kirche gewutzelt. Jetzt erstmal ausatmen und Café trinken. Und dann begleitet mich Candida noch in ein Shopping-Center mit Namen Anália Franco.
Man muss wissen, dass hier alles weich ausgesprochen wird. Franco klingt fuer mich also wie Frango, das Wort davor habe ich vergessen, ich wusste also nur noch “Shopping Frango” und du weisst vielleicht noch, dass Frango “Hendl” bedeutet.
Candida wiehert heute noch, wenn sie vom Shopping “Frango” erzaehlt.

Dieses Chopping-Center war irgendwie netter als das letzte in Tatuapé. Die gesuchte Digi-Cam kostet aber locker das doppelte wie bei uns und wird also nicht gekauft. Bei einigen absolut verlockenden Kleidergeschaeften habe ich mich brav zurueckgehalten, in einem Kinderkleider-Laden aber konnte ich nicht mehr widerstehen. Dem Geschick der jungen Verkaeuferin ist zu verdanken, dass alle Maedchen der Verwandtschaft Sommerkleider aus Brasilien bekommen werden. “Lindo, lindo!” – heisst gaaaaanz huebsche und spricht man mit entsprechender Suesse aus!

11.12. Markt und Messe

Heute feiern die Padres der Comunidade ein Fest: Vier junge Augustiner werden ihre sogenannten "Ewigen Geluebde" ablegen.
Hilda meint: "Vor der Messe muessen wir noch einkaufen am Markt." Na, da biete ich doch gleich meine Hilfe an und nehme die Kamera mit.
Fuer die Leute hier ist es kurios, dass ich zahlreiche ihnen so vertraute Gemuese noch nie gesehen habe und noch seltsamer erscheint ihnen, dass ich Gemuese fotografiere.
gemieseneu

Am Markt wird Kraut frisch geschnitten, es gibt einen Stand mit etwa 20 Kartoffelsorten (Brasilien ist ja das Heimatland der Kartoffel), es gibt unzaehliche Salatsorten, dazwischen einen Stand mit Fruchsaeften und Imbissen - eine Wonne fuer alle Sinne, finde ich.

Die Festmesse um 10 war erwartungsgemaess aussergewoehnlich lebendig.
Ort diesmal: Die Eingangshalle einer Schule.

Wie ueblich eroeffnen "Animadores", die eine Moderationsfunktion waehrend der ganzen Messe wahrnehmen. Zu Beginn werden alle anwesenden Gruppen und Gemeinschaften aufgerufen und mit Gesang begruesst (wie im Stadion, vielleicht etwas lustiger).
Festmesse
Die anwesenden Jugendlichen heizen die Stimmung mit ihren Sprechchoeren, Singen und Tanzen ungemein auf. "Legal!" heisst sowas wie "wie toll! geil!". Es gibt auch "superlegal!" und das passt hier.
Der Gottesdienst zelebriert einen wichtigen Uebergang fuer die vier jungen Maenner. Sie sind zunaechst Mitglieder ihrer Familien und sitzen nicht bei den Padres hinter dem Altar, sondern unten "beim Volk". Im Verlauf der Messe loesen sie sich sichtbar heraus, und werden mit der Aufnahme in den Orden auch hinauf zum Altar geholt. Der Dank an die Familien und eine symbolische, herzliche Verabschiedung gehen zu Herzen. An diesem Moment haelt jede und jeder die Luft an.
Danach wird erleichtert weiter gefeiert. Die Initiation ist vollzogen. Die Jungen haben den Segen erhalten zu gehen.
Die Messe dauerte insgesamt drei Stunden, wirkte aber weniger auseinandergezogen als der Thanksgiving-Gottesdienst in der Schule. Es ist eben eine sinnvolle, in sich geschlossene Einheit: Vorbereitung - Uebergang - Nachbereitung.

Zum Mittagessen waren alle eingeladen und entsprechend bunt war die "Tischgemeinschaft". Die anwesenden Leitungspersonen haben mit uns allen aus Plastiktellern am Schoss gegessen.

Am Nachmittag fahre ich mit Terezinha zurueck in die Schule, denn morgen habe ich wieder Portugiesisch-Unterricht. Es geht sich noch ein Besuch in der Stadt aus: Ich schlendere 45 Minuten entlang der Avenida Paulista und erstehe ein paar Ansichtskarten. Den gesuchten Stock mit dem silbernen Jaguar-Kopf (Wow!), den ich beim letzten Beusch hier entdeckt hatte, habe ich leider nicht mehr bekommen.

10.12. Die Peripherie der Peripherie

Dulce und Hilda wohnen zwar schon an "der Peripherie", aber bis zum wirklichen Stadtrand waren wir noch fast eine halbe Stunde mit dem Auto unterwegs.
Das neue Header-Bild habe ich dort aufgenommen.
Der Stadtrand ist Neubaugebiet fuer Zuwanderer, vorwiegend aus dem dem Norden Brasiliens. Die Gegend ist sehr huegelig, die Strassen entsprechend steil.
Wer ein Grundstueck kaufen will erhaelt 5 x 25 Meter. Gebaut wird solange Geld da ist. "Hier ist alles unfertig" sagt Pater Joao, ein Ire, der seit 40 Jahren am Stadtrand lebt. "Der Vater baut unten, der Sohn den Stock darueber und die naechste Generation noch einmal darueber."
Als Joao nach Brasilien gekommen ist, lebten nur 25% der Menschen in der Stadt. Heute sind es 80%. Der Prozess der Umstrukturierung vom Feudalsystem auf die moderne Informationsgesellschaft hat in Europa einige hundert Jahre gedauert. Hier geschieht alles gleichzeitig und in wenigen Generationen. Das fuehrt zu den entsprechenden Entwurzelungen der Menschen samt allen negativen Begleiterscheinungen, so erklaerte er. Die grosse Migration von Norden nach Sao Paulo aber habe bereits vor etwa 5 Jahren aufgehoert.
Joao ist leidenschaftlicher Fotograf und hat zwei schoene Spiegelreflex-Digicams. Er fotografiert und schreibt fuer verschiedene kirchliche Zeitungen.
"Er liest taeglich 2 - 3 Stunden!" erzaehlt mir Hilda voller Bewunderung. Padre Joao wirkt pragmatisch nuechtern auf mich, sehr angenehm! Freue mich, ihn besser kennen zu lernen.
Bild: Joao
padre

Hilda arbeitet mit ihm in einem Pfarrzentrum, wo die Padres fuer eine ganze Reihe an Angeboten gesorgt haben: Es gibt Kinderguppen, Kurse ueber Hausmedizin, gesunde Ernaehrung etc., eine Sozialarbeiterin ist angestellt, und besonders stolz sind sie auf den Computerraum mit ca. 30 Geraeten. Die Haelfte funktioniert zwar nicht mehr, aber die andere Haelfte wird taeglich von mehr als 200 Leuten benutzt. Ein Ehrenamtlicher bietet Kurse an: 6 Frauen jeden Alters waren gerade anwesend. Kinder kommen zum Spielen am PC her und Reingard steigt ins Internet ein und freut sich ueber die Kommentare von Brigitte und Petra.
Bild: Wir stoeren eine Kindergruppe, die ein Weihnachtsspiel vorbereitet
Hilda

Die Runde durch die Neubaugebiete mit Joao am Vormittag war aeusserst interessant. Am Nachmittag hatte Hilda einen Termin: Weiterbildung. Es gibt jetzt neuerdings eine Fortbildung fuer Ehrenamtliche, die Gespraechsrunden zu religioesen und Lebensthemen gestalten. Manche dieser "Catequistas" sind grad erst 18, andere sind bereits in Pension. Ich habe hier einige sehr interessante Frauen kennen gelernt, leider konnte ich mir die Namen nicht merken.
A ist Reinigungsfrau und hat seit Jahren eine Gruppe fuer Jugendliche. Sie wirkt selber sehr jung, ist auch fetziger gekleidet als die anderen. Sie zeigt mir Fotos und erzaehlt: "Den habe ich dreimal gefragt, ob er nicht doch zur Firmung will, aber er hat mir keine richtige Antwort gegeben. Nach langen bin ich drauf gekommen, dass seine Eltern es verboten haben. Sie hatten kein Geld fuer ein Firmgeschenk!" Die Geschichte ging natuerlich gut aus.
B ist Mutter von drei Kindern, das juengste 13. Eine gepflegte, intelligente Dame, die zugibt, dass es nicht leicht ist, den Haushalt und die Arbeit in der Pfarre unter einen Hut zu bringen. "Aber ich brauche diese Arbeit, sonst werde ich verrueckt zuhause! Es geht allen besser so!"
Die Unterrichtseinheit ist enttaeuschend, trotz der "guten Zutaten". Der Referent wirkt erfahren und menschlich interessant, aber 2 Stunden Vortrag ohne Pause in einem ueberhitzten Raum, und im Hintergrund laermen die Kinder - das ist keine Bildung, sonder lediglich eine Gedulds- und Kraftprobe. Interessant ist, die Reaktion der Menschen darauf zu beobachten:
Der Widerstand bleibt verdeckt, die Oberflaeche ist angepasst. Drunter gibts Unzufriedenheit mit sich selbst, weil man zu dumm ist, das zu verstehen oder verdeckten Protest mit Seitengespraechen und Wasserholen.
"Ist das jedes mal so?", frage ich. Nein, normal werden die Stunden von Frauen gestaltet, da gibts dann Gruppen und Diskussion und Theater und so fort. Das ist auch mehr fuer die Praxis, werde ich beruhigt.
Interessant, diese geschlechtsspezifische Erklaerung!
Der Bus holt einen grossen Teil der Frauen ab und auf der Fahrt entlaedt sich dann einiges. Ich freue mich darueber und ermutige die Frauen, ihrem Gefuehl zu vertrauen. Ja, es liegt nicht nur daran, dass wir nach dem Mittagessen muede sind. Auch meiner Meinung nach passen hier Inhalt und Form nicht zueinander. Im Land des Paolo Freire, dem grossen Volkspaedagogen, sollte frau sich diese "herablassende" Form der Belehrung nicht mehr bieten lassen.

Mittwoch, 14. Dezember 2005

9.12. Zweiter Teil: Ein Tag mit Dulce

Dulce ist 65, sehr huebsch, politisch interessiert und eine ungemein emsige und gut aufgelegte Arbeitsbiene. Schon beim Kennenlernen hat sie mir gestanden, dass sie dafuer bekannt ist, Chaos zu stiften, weil sie sich zu viel vornimmt.
"Ein Schuft, der mehr gibt als er hat.", habe ich darauf zitiert, weil es gute Gruende fuer mich gibt, diesen Spruch zu kennen. :-)
Sie hat sehr gelacht und den Spruch mindestens fuenfmal zitiert.

Folgerichtig war der erste Teil des Tages mit Dulce, 1,5 Stunden auf sie zu warten. Machte aber nichts, denn ich hatte genug zu tun.
Wir waren um die Mittagszeit in einem Frauenhaus der Stadt Sao Paulo, das gemeinsam mit verschiedenen Ordensgemeinschaften gefuehrt wird.
Auf dem Areal einer ehemaligen Busfirma wurden die Barracken zu einfachen Haeusern umgebaut. Hunderte obdachlose Menschen leben hier, auch Behinderte, und sind zumindest koerperlich versorgt. Wie weit sie unterstuetzt werden, ihren Alltag einigermassen menschlich zu bewaeltigen, kann ich nicht sagen. Gibt es hier ein Vis-a-vis, mit dem man sprechen kann? Gibt es Beschaeftigungsmoeglichkeiten?
Im Frauenhaus wohnen jetzt ueber 40 Frauen. Sie suchen hier Schutz, wenn es zuhause zu arg wird, oder weil sie rausgeworfen wurden. Gregoria zum Beispiel war Koechin bei einer Familie im Norden, wurde schwanger und konnte solange bleiben, bis ihre Tochter begann herumzukriechen. Die meisten sind wie sie mit ihren Kleinkindern da.

Hier Unterschlupf zu finden bedeutet nicht, ein gemachtes Nest zu haben, in dem man es sich gemuetlich machen koennte. Es gibt drei Schlafsaele, in jedem stehen ca. 12 Stockbetten und kleine Kinderbetten dazwischen. In einem Stockbett schlafen in der Regel zwei Frauen, wenn die Kinder juenger als 2 Jahre sind, liegen sie bei der Mama im Bett.

Bei den noetigen Haushaltsarbeiten und beim Kochen helfen die Frauen nach einem bestimmten Turnus mit. Etwa die Haelfte der Frauen ist untertags weg und sucht bzw. hat Arbeit. Die uebrigen warten. Auf ein Wunder.
Mit den Kindern beschaeftigte sich an dem Nachmittag, als wir da waren, niemand. Dulce erzaehlte, dass sie zweimal in der Woche fuer Kinder oder Muetter eine Runde anbietet.
Wir konnten ein wenig mit den Angestellten sprechen. Es gibt SozialarbeiterInnen, Psychotherapie und eine Lehrerin / Erwachsenenbildnerin. Ich habe mit den Kindern Kontakt aufgenommen, das ist leichter, und gleich haben wir Schiffe aus Zeitungspapier gemacht.
"Tia!", rufen sie, das heisst Tante, "Tia, noch eins fuer mich!" Sie sind natuerlich unersaettlich und absolut liebe Schnuddernasen.
casa-das-mulheres

Nach dem Cafezinho machten wir uns auf. Es war ein heisser Tag und Dulce wollte Weihnachtseinkaeufe fuer die Kinder in einem Favela machen. So habe ich die billig-billig Shops kennengelernt. In eng beieinanderstehenden Regalen findest du alles was du irgendwann brauchen koenntest um einen halben Euro und "made in China".
Eine Barbi, fixfertig angezogen: 0,4 Euro.
Ein Englaender (Werkzeug, auch Hollaender genannt) um 0,8 Euro.
und so weiter.
Jemand hat Dulce 100 Reails gegeben (ca. 35 Euro) und nach getaner Tat hatte sie fuer 200 Kinder Spielzeug. Aber gefeilscht hat sie!
Dulce

Bepackt wie der Weihnachtsmann haben wir uns dann in den Bus gewagt. Diese Busfahrt war der Hoehepunkt des Tages fuer mich!
Der Bus ist voll, aber etwas geht immer noch. Der Kassierer vorne ermahnt, weiter nach hinten zu gehen und schiebt ab und zu mal an. Wer eine groessere Handtasche oder ein Plastiksackerl dabei hat, gibt es dem Fahrer bzw. der Person ganz vorne. Diesmal war ich das. Offenbar vertraut man darauf, dass man beim Aussteigen alles wieder heil zurueck bekommt. Vorne entsteht ein Packerlberg, der den gesamten Beifahrerraum bis hinueber aufs Amaturenbrett des Fahrers bedeckt. Grad fuer mich lasse ich noch Platz und hockerl mich am Boden hin.
Bei jeder Haltestelle entscheidet der Kassierer neu, ob der Fahrer die Tuer schliessen kann oder ob es sich grad nicht mehr ausgeht.

Das generelle Interesse an Auslaendern und meine Versuche, die Situation fotografisch festzuhalten, haben dazu gefuehrt, dass Fahrer, Kassierer und die vordersten Frauen mit ihren Kindern gleich mit mir zu schaekern beginnen. Das und die ganze Situation habe ich ungeheuer genossen: Das Gequetsche, der Busfahrer faehrt wie die Sau, Strasse und Verkehr machen die Fahrt zur Reise auf der Achterbahn und trotzdem sind die Menschen entspannt und ich habe oefter laut gelacht - und mich mit beiden Haenden gut fest gehalten!

Aber auch die heiterste Reise geht mal zu Ende und wir wurden raus gelassen. Dulce und Hilda wohnen sozusagen in der Vorstadt. Als sie vor 20 Jahren hergezogen sind, gabs da noch keine Haeuser, jetzt ist alles dicht besiedelt. Ein paar hundert Meter gehts von der Haltestelle zu ihrem netten Haus, am Gehsteig gibts Grilloefen - bei uns mit Maroni - hier mit Churrasco (Fleischspiesschen - 3 Stueck 70 Cent). Dulce hat mir zulieb gleich zugeschlagen und wir haben verschiedene Spiesse fuers Abendessen mitgenommen.

Gleich nach dem Essen hatte Dulce noch zu tun. Sie arbeitet in der Pfarre mit und musste zum Abendgottesdienst. Den Begriff "Pfarre" verwendet sie nicht, erklaerte sie mir. "Wir sagen Comunidade." (Gemeinschaft, Gemeinde). Ich begleitete sie und hab dann gemerkt, was sie meinte.

Die Kirche wirkt wie eine sauber ausgemalte Omnibus-Garage. Ueber dem Altar haengt ein grosses Transparent: Solidaritaet und Friede. Die Gegenstaende im Raum sind weder kunstvoll noch auserlesen und ziemlich "vorgeliebt" (gebraucht). Das ergibt eine Atmosphaere irgendwo zwischen Wohnzimmer und Fohmarkt.

Die Messe beginnt mit einem freundlichen "Guten Abend" und die Versammelten beantworten den Gruss laut und kraeftig. Die Kirche ist uebervoll, schaetze etwa 250 Personen. Viel Gesang, viel Improvisation, lange und leidenschaftliche Predigt.

Am Schluss ist nicht Schluss, sondern es gibt verschiedenste Infos und Absprachen: Wer braucht was? Wo ist was los? Wer kann den jungen Pfarrer begleiten? "Wenn ich das mache, kocht bei mir niemand." Gut, wer uebernimmt das Kochen fuer xyz?, und so fort.
Am Schluss freudiges Auseinandergehen. "Natuerlich" stellt mich Dulce im Plenum vor: "Das ist Rosa, ein Besuch aus Australien...". :-))

Nach der Messe kommen etwa zwanzig Personen auf mich zu und heissen mich herzlich willkommen.
Kultur findest du hier nicht in der Ausstattung der Kirche, sondern im Umgang der Menschen miteinander.

Donnerstag, 8. Dezember 2005

9.12. Plaene fuer die Weihnachtszeit

At first: Many thanks to the nice girls in Sacramento, who already did support a poor family here in sao paulo!
The picture shows kids waiting for the beginning of thanksgiving-mass. Since they are waiting, as many childeren are in these days before christmas, and one of them brought a funny teddy, I want to dedicate the picture to Sonja and Helen. Are you waiting too?
teddy2

And the teddy - do you like it?
Beg you pardon for my bad english, and I wish you good times until christmas!

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Der erwartete Besuch von Clotilde war da und wir haben die naechsten Stationen meiner Reise geplant.
Von Freitag bis Montag werde ich ins Haus "Jardim Roseli" umziehen, wo Schwestern Sozialarbeit am Stadtrand machen. Schwester Duce und Schwester Hilda betreuen dort hauptsaechlich Frauen und Kinder.
Dann habe ich noch eine geruhsame Woche hier, mit meinen letzten Portugiesisch-Stunden und Hydro-Gymnastik ;-) , und anschliessend wieder ein Wochenende in Jardim Roseli.
An diesen Wochenenden kann ich voraussichtlich nicht ins Internet, erst wieder am Montag. Daher schreibe ich heute im voraus.

Ab 19. Dezember wohne ich fuer ein paar Tage im Provinzialat, wo ich in der ersten Woche wohnte und ich freue mich schon auf die Schwestern dort.

Da die meisten Schwestern Weihnachten bei ihren Stammfamilien verbringen, sind fast alle Haeuser von Weihnachten bis Jahresende geschlossen.
Es gibt fuer mich aber zwei Moeglichkeiten im Umkreis von Sao Paulo:
Entweder ich bleibe von 24.12. bis Silvester in Jardim Roseli, oder fahre nach Weihnachten mit Duce ans Meer. Sie haben ein "Casa da Praia", das muesste eigentlich ein Haus am Strand sein. Es liegt in Suarão. Das sagt euch nichts und mir ebenfalls, aber es klingt so schoen. Dort koennte ich den Jahreswechsel einmal am Meer verbringen. Vielleicht habe ich da auch einen besseren Empfang und kann den Donauwalzer hoeren???
Ihr muesst halt laut senden!

Sicher packt mich dann grausliches Saudade = Heimweh, Sehnsucht.
Na wer weiss, ich brauch mich jetzt ja noch nicht zu fuerchten. Vamos ver = direkt uebersetzt: Gemma schaun. Heisst aber: Wir werden es sehen.

Vorerst also bleibe ich in Sao Paulo und Umgebung - zumindest bis Neujahr. Mit etwas Glueck kann ich dann ins Landesinnere wechseln - wenn mich die Projekte hier nicht gefangen nehmen.

Jetzt muss ich aber meinen Rucksack packen fuer morgen, denn um halb 9 holt mich Schwester Duce ab.
Bom fim de semana! Ein gutes Wochenende euch allen!
Und schreib mir einen Kommentar fuer Montag! Merci!

8.12. "Der rechte Genuss"

Heute frueh komme ich in meiner Lektuere von Jesus Sirach, Altes Testament, wieder an eine denkwuerdige Stelle, die ich euch nicht vorenthalten will:

14,5-14
Wer sich selbst nichts goennt, wem kann der Gutes tun?
Er wird seinem eigenen Glueck nicht begegnen.

Keiner ist schlimmer daran als einer, der sich selbst nichts goennt,
ihn selbst trifft die Strafe fuer seine Missgunst.

Tut er etwas Gutes, dann tut er es aus Versehen,
und am Ende zeigt er seine Schlechtigkeit.

Schlimm ist ein Geizhals,
der sein Gesicht abwendet und die Hungernden verachtet.

Dem Auge des Toren ist sein Besitz zu klein,
ein geiziges Auge trocknet die Seele aus.

Das Auge des Geizigen hastet nach Speise,
Unruhe herrscht an seine Tisch...

Mein Sohn, wenn du imstande bist, pflege dich selbst,
soweit du kannst, lass es dir gutgehen!

Denk daran, dass der Tod nicht saeumt
und die Frist bis zur Unterwelt dir unbekannt ist.

Bevor du stirbst, tu Gutes dem Freund;
beschenk ihn, soviel du vermagst.

Versag dir nicht das Glueck des heutigen Tages;
an der Lust, die dir zusteht, geh nicht vorbei!

******************
Dies als kleine Aufmunterung fuer stressige Vorweihnachtszeiten:
Augen auf, Herz auf! Fuer das Glueck des heutigen Tages!

Bild: Geburtstagsfest von Caetana
Rg-tanzt

Mittwoch, 7. Dezember 2005

7.12. "Von wo bist du?"

Mit dieser Frage beginnt fast jeder Kontakt fuer mich. Wenn ich vorgestellt werde, heisst es nicht: Sie ist Lehrerin, Mutter, Sozialarbeiterin, Leiterin, sondern zuerst: Sie ist aus Oesterreich.
Wenn in St. Martin Obdachlose auf mich zukommen, fragen auch sie: Von wo bist du? Bist du eine Gaucha? (Eine aus dem brasilianischen "Europa" im Sueden.)
Ich: Ich bin Auslaenderin, ich verstehe nicht gut. (Auslaender haben hier ein gutes Image, es ist "cool" vom Ausland zu sein.)
Antwort: Auslaenderin, na gut, aber von wo?

Die Frage ist eine Einladung zu erzaehlen - nicht direkt von sich selbst, aber von dem, zu dem man sich zugehoerig fuehlt. Die Abstammung, die Familiengeschichte und Volksgeschichte ist hier ein maechtiger Teil des eigenen Ich-Gefuehls, der eigenen Ich-Identitaet.
Jede/r weiss: Deine persoenliche Geschichte ist nur die Konsequenz deiner kollektiven Geschichte. Du bist das Kind der Lebensumstaende in die du geboren wurdest: Wann, von wem, wo.

Als ich das begriffen hatte, begann ich die Schwestern zu fragen, von wo sie kommen. Ich legte die Landkarte von Brasilien auf den Tisch. Bisher hat sich noch niemand diesem Zauber entziehen koennen: Die Augen beginnen zu leuchten, der Gesichtsausdruck wird lebendiger, sie suchen auf der Karte, bis sie die ihrem Herkunftsort naechstgelegene Stadt finden und beginnen zu erzaehlen: Von der Familie, die aus Italien, Portugal, vom Norden oder von wo immer hierher gekommen ist. Jede und jeder wirkte dabei stolz - egal ob er/sie von Bahia, einem sogenannt "armen" Staat Brasiliens oder von euopaeischen Einwanderern abstammt.

In unserem mittelstaendischen Vorarlberg fragt man viel eher: Was machst du? Man spricht mehr ueber den Beruf bzw. die Leistung und ordnet die Person mittels diesem Kennzeichen einer entsprechenden "Schulblade" im Schrank der Gesellschaft zu.

Vielleicht ist der Unterschied der, dass das Leben des Einzelnen bei uns eine groessere Bedeutung hat, als der “Clan”. Eine Person kann (heutzutage) mit oder ohne Familie eine Existenzgrundlage haben und ueberleben. Das ist hier sehr viel schwerer.

Vielleicht aber halten wir uns mehr an die auffaelligen Kennzeichen wie Wohnort und Abstammung, wenn das Umfeld unuebersichtlich wird. Und Brasilien, speziell Sao Paulo ist ein stressiger und multikultureller Ort. Viele Migrant/innen aus aller Welt leben hier.
Caetano sagte beim Geburtstagsfest: "Du findest in Brasilien die ganze Welt. Und in Sao Paulo ganz Brasilien."
Célia, meine Lehrerin, bestaetigt auch: Der Wohnort und Abstammung bestimmen deinen Standort in der Gesellschaft. Und allein eine Adresse in Sao Paulo zu haben ist fuer viele das Zeichen fuer Wohlstand und Zukunftschancen.
Von wo kommst du? Kann heissen: Wie soll ich dich einordnen?

War das in Oesterreich auch so, als der Vielvoelkerstaat "zu Kaisers Zeiten" wirklich multikulturell gepraegt war? Wird es in Europa so sein, wenn die heute aufwachsenden Kinder sich mehr als Europaer fuehlen und die Grenzen der Staaten in ihren Lebensplaenen viel weniger bedeutsam sind, als sie es fuer mich und meine Generation noch waren?

In Bezug auf das spannungsreiche Miteinander und Gegeneinander der Kulturen kann man ja in der Geschichte Brasiliens einiges finden.
So wurde vor etwa 10 Jahren "500 Jahre Brasilien" gefeiert, mit gemischten Gefuehlen, denn waehrend die einen das "neue, multikulturelle" Brasilien feiern, gedenken Indios und Schwarzafrikaner, dass ihre Geschichte vor 500 Jahren unterbrochen wurde, dass man sie zu "Menschenmaterial" fuer die Interessen der Kolonialmacht gemacht hat.

Das offizielle Brasilien geht von der Vision aus: Indios + Schwarzafrikaner (ehemalige Sklaven) + Europaer = Brasilianer, meint Paulo Suess, Theologieprofessor und Kaempfer fuer die Rechte der Indios, aber: "Das bedeutet, dass jeder das Seine verliert."
Er sieht die Entwicklung so: "Brasilien hat seine Identitaet bis zum Anfang dieses Jahrhunderts immer in Europa gesucht. Dann kam 1922 die "Semana de Arte Moderna". Da haben die Intellektuellen in Abgrenzung von Europa das Brasilianische proklamiert. Sie entdeckten das Eigene...
Dieser Prozess wiederholte sich spaeter in der Kirche. Zunaechst war sie ganz auf Europa hin orientiert... Nach dem Konzil gab es viele Versuche, brasilianische und lateinamerikanische Kirche "auf dem Grund und Boden" der Armen aufzubauen. ... Aber es waren "generalisierte" Arme."
Seine Perspektive ist heute anders: “Erst ab den siebziger, achtziger Jahrten haben wir in der lateinamerianischen Kirche begonnen, das Spezifische zu betonen... . Nun wurde begonnen das Andere, das Eigene der Kulturen der Indios anzuerkennen und zu verteidigen.”

Fuer Suess und seine Vision vom Zusammenleben der Voelker sind die Indios nicht primaer Arme, sondern vielmehr "Andere": "Die Indios haben die Jahrhunderte nicht in einer ihnen feindlichen Umgebung ueberlebt, weil sie arm waren, sondern weil sie anders waren. Man ueberlebt nicht nur, weil man arm ist, man muss auch ein Projekt haben, ein Lebensprojekt, das ist immer kulturell konfiguriert."

Hier leben viele "andere" nahe beisammen, arbeiten miteinander, treffen sich in der Metro und beim Einkaufen.
"Von wo bist du?" verstanden als "Wie lebst du anders? Was ist dein Lebensprojekt?" ist eine spannende, eine verdammt gute Frage!

Foto: Im Park an der Avenida Paulista. Text auf der Bank: Was der Erde angetan wird, das wird auch den Kindern der Erde angetan werden.
Rg-auf-der-BAnk


Quelle der Zitate: Der Text von Paulo Suess stammt aus einem Interview, das mir mein "steiler" Freund
Franz Helm SVD, Steyler Missionar, geschickt hat. Du findest es bei der
ila - Informationsstelle Lateinamerika eV - 500 Jahre Brasilien
unter:
www.ila-bonn.de/artikel/234intersuess.htm (7.12.2005)

Dienstag, 6. Dezember 2005

6.12. Nikolaus und Eindruecke

Der grosse Patron Russlands, der orthodoxen Kirche, der Schueler und Lehrer, der Seefahrer (Reisenden) und der Haendler ist ein Mann des Volkes und einer meiner Lieblingsheiligen. Nicht nur weil die Wolfurter Kirche ihm geweiht ist.
Viele Legenden berichten, wie er Armen und "Outlaws" hilft. Eine, die ich besonders mag, und die auch ganz kurz ist, hat heute Platz:

Gemeinsam mit zwei anderen Heiligen hat sich Nikolaus Urlaub vom Himmel erbeten. Sie wollen die Erde besuchen, und das ist auch genehmigt worden. Wie die drei nun ankommen, gehen sie unterschiedlicher Wege, um ein wenig zu erkunden, wie es auf der Welt so zugeht.
Der erste stoesst bald auf auf einen Bauern, der mit seinem Fuhrwerk in den Graben gerutscht ist und im Schneematsch verzweifelt versucht, es wieder auf die Strasse zu bringen.
Der grosse Heilige entschuldigt sich, dass er jetzt nicht helfen kann, schliesslich hat er die himmlischen Gewaender an und ist damit nicht gut geruestet fuer so eine Arbeit ...und geht rasch weiter.
Der zweite trifft bald ebenfalls auf den Bauern, und unter Hinweis auf seine wichtige Mission erbittet auch er Verstaendnis, dass er jetzt nicht zupacken kann.

Schliesslich kommt Nikolaus, sieht den Bauern, stopft den langen Rock in den Guertel hinein und fasst hinten am Wagen an. Der Bauer und die Ochsen ziehen vorne; es geht vor und zurueck, eine Riesenrutscherei eben und dreckig wird der Nikolaus! Aber dann gelingts zum guten Glueck und der Wagen ist wieder auf der Strasse.
Der Bauer bedankt sich, Nikolaus winkt ab und beide marschieren ihres Wegs.
Als am Abend die drei Heiligen wieder im Himmel beisammen sitzen und dem Herrgott von der Erde berichten, hoert der sich alles interessiert an. Er meint am Schluss: Meine lieben Herren, die ihr an der Erde soviel Anteil nehmt, dass ihr sie sogar besuchen wollt, ihr bekommt jeder einen Tag im Lauf des Jahres, der euch gewidmet ist.
Dir aber, Nikolaus, gebe ich 6 Tage, denn du hast noch viel zu tun auf der Welt...

Grad komme ich zurueck von St. Martin und berichte drum noch ein wenig vom oeffentlichen Verkehr. Dieser kommt im Baedecker nicht gut weg, scheint mir aber besser zu sein als sein Ruf, zumindest in Sao Paulo.
Auf den Haupteinzugsstrassen haben die Busse eine Fahrbahn, die zur Zeit der Fruehverkehrsspitze zwischen 6 und 10 Uhr fuer sie reserviert ist. Sie preschen dann ganz ordentlich an den Kolonnen der Autos vorbei. Die uebrige Zeit stecken sie genauso fest, verhalten sich sehr selbstbewusst und sind ziemlich respekteinfloessend, wenn man selber kein Omnibus ist.
Man steigt im Bus vorne ein. Die meisten benuetzen eine Karte, die sie an einen Sensor halten, und koennen dann durch das Drehkreuz in den hinteren Teil des Busses. Ich bezahle immer 2 Reails (etwa 80 Cent) an die Person, die beim Drehkreuz sitzt und kontrolliert. Dieses Kreuz ist ein echtes Nadeloehr und wer etwas fuelliger ist als ich, kann darin schon stecken bleiben. Drum gibts auch ein paar Sitzplaetze vor dem Kreuz. Normalerweise aber quetschen sich die Menschen durch, denn der Ausstieg ist hinten.
Die Stationen werden nicht angesagt. Der bzw die KontrollorIn informiert auf Anfrage und ist im Normalfall freundlich. Die meisten Fahrgaeste druecken selber auf den Halteknopf.
Wenn niemand drueckt und an der Haltestelle niemand winkt, faehrt der Bus durch.
Die Busse haben in der Frontscheibe ein Schild stecken, das die Fahrtrichtung und die wichtigsten Stationen angibt. In den kleineren Bussen, die uebrigens recht komfortabel sind, steht der Kontrolleur in der Tuer und schreit bei jeder Haltestelle hinaus, wo sie jetzt hinfahren. Klingt fuer mich recht abenteuerlich und ich verstehe natuerlich nuent = nada = nix.

Die Metro hat in etwa unseren Standard. Es gibt einen uebersichtlichen Plan, die Stationen sind gut angeschrieben und werden auch angesagt. Bei manchen Stationen sind Sperren eingerichtet, die die Menschen auffaedeln, wie bei manchen Ticketschaltern. So wird ein Gedraenge am Bahnsteig verhindert. Soweit ich es bis jetzt gesehen habe, ist die U-Bahn so sauber, wie eine Metro normal ist. Unterwegs mit der grauhaarigen Terezinha, hat ihr immer jemand juengerer Platz angeboten. Das wuerde ihr in Wien selten passieren.
Die Fahrt mit der Metro, egal wie lange, kostet auch 2 Reails (im Vorverkauf).
Die Metro ist fuer Personen ab 65 gratis, die Busse sinds bereits ab 60.

Die U-Bahn sei ein Segen fuer diesen Bezirk, meinen die Schwestern. Zur Stosszeit soll sie dem Namen entsprechend voll sein, das aber kenne ich ja auch aus unserem vergleichsweise ueberschaubaren Wien.

Und zum Schluss heute noch ein paar sprachliche Entdeckungen. Durch das Lernen der neuen Sprache wird mir meine eigene viel bewusster.
Und da gibts doch huebsche Dinge, zB:

Wie kommt es zu einer Entscheidung? Hier wird sie, wie im englischen, "genommen":
"Nach der Debatte packte er die Entscheidung.", wuerde man sagen, wenn man wortwoertlich uebersetzt.
Bei uns "faellt" die Entscheidung, wie ein Baum, an dem man eine Zeit gearbeitet hat. Oder sie wird getroffen - wie ein Pfeil das Ziel (hoffentlich) trifft.
Schoene Sprach-Bilder finde ich, und meine Lehrerin Célia ist ganz fasziniert davon.

Kuerzlich ist mir das Wort "cair" aufgefallen, weil Inazia im Bad "gecait" ist. Im vorarlberger Dialekt kennen wird dieses Wort genau mit derselben Bedeutung: Es heisst naemlich fallen.
Vielleicht ein Ueberbleibsel des deutschen Dialekts der Einwanderer. Oder es gibt eine lateinische Sprachwurzel und wir Vorarlberger haben es von den Roemern uebernommen.
Ein anderes Fundstueck dieser Art ist "lehnzeich" - steht fuer Bettwaesche und ist mit etwas Fantasie durchaus wieder zu erkennen.

Einen schoenen Nikolaustag allen!

Das wichtigste KURZ

Endlich Fotos! - ab 1.2.. Dieses Blog enthaelt Notizen und Fotos bis zum 23.2., der ersten Zeit in Piaui. Fortsetzung unter <2brasil.twoday.net>!!!!!!!! Seit 30.1. geniesse das Landleben im "Wilden Westen" von Brasilien - das ist der Nordosten, genauer gesagt Bundesstaat Piaui! Derzeit wohne ich in der Fundacao ASAS, einem privaten Bildungsprojekt fuer Kinder aus benachteiligten Familien. Roberto, der Gruender, ist Hoellaender und arbeitet hier als Seelsorger. Die Gemeinde Sao Miguel hat etwa 3000 EW, laendlicher Raum, schoene Natur, derzeit angenehm sommerliches Wetter. Ich arbeite im Buero, habe viel Kontakt mit Kindern und besuche Familien. Die ersten 2,5 Monate habe ich in Sao Paulo gelebt, in verschiedenen Haeusern der Schwestern der Congregatio Jesu: Zentrale, Schule, Peripherie. Besuchte Sozialprojekte, interviewte interessante Menschen, recherierte viel im Internet, lernte portugiesisch und half ehrenamtlich mit.

Info fuer AllesleserInnen

Das Tagebuch ist wieder aktuell. Falls dein PC manche Tage nicht anzeigt, gehe in der obersten Befehlszeile auf "brasil" und wenn die Auswahl sich zeigt auf "Tagebuch". Die Suchmaschine funktioniert auch, allerdings muss man halt wissen, was man finden will... Peter und Heidrun wissen normalerweise, wie es mir geht: peter.hirsch@atnet.at; HeidrunLange1984@aol.com

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